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descliiciite der evaiieliscbei Kircliß|
europaisebeu Festlande
im noim/nhnt.i>n Jnhrlmiirlort
Adolf Zahn,
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einer
GescliiGlte k emelisclien Me
auf dem
europäischen Festlande
im neunzehnten Jahrhundert
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Adolf Zahn,
Doctor der Theologie.
Zweite, wesentlich verbesserte^Auflage.
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Stuttgart
Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung.
1888.
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Vorrede zur ersten Auflage.
Calvin hat in seinem vorzQglichen Traktat über die Aerger-
nisse einen Consensus evangelischer Lehre aufgestellt, der in allem
Entscheidenden die Einheit des reformatorischen Bekenntnisses
hervorhebt. Die Reformationszeit hat also eine gemeinsame Wahr-
heit. Wir halten dieselbe für unwandelbar und haben uns in
diesem Abriss das Recht genonmien, nach ihr dieses Jahrhundert
der Kirchengeschichte zu betrachten. Die Schwierigkeit der Auf-
gabe lag formell darin, den ungeheuren Stoff kurz und doch nicht
trocken zusammenzufassen. Wir haben uns hierin wenigstens
redlich bemüht.
Der Abschnitt über Oesterreich ist eine selbstständige Arbeit
des Herrn Oberkirchenraths Dr. th. von Tardy in Wien. Für
freundliche Unterstützung habe ich zu danken den Herren Pastoren
Ludwig in Priedericia, Appia in Paris, Lic. th. Dilloo in
Soldin, Erdös in üjsöve in Ungarn, Seeberg in Stuttgart. Bei
der Korrektur hat mir unermüdlich und einsichtig Herr Stadt-
vikar Dr. Mosapp in Stuttgart geholfen.
In der (Gegenwart hat sich Rom so in den Vordergrund des
deutschen Lebens gestellt, dass man fragen kann, wo ist denn
noch die evangelische Kirche ? „Warum werden Zehntausend von
Zweien flüchtig gemacht? Ist es nicht also, dass sie ihr Fels
yerkauft hat und der Herr hat sie übergeben?*
Eine Kirche, die ihr Heiligthum: die Schrift, so entweiht
hat, wie es in diesem Jahrhundert geschehen ist, hat sich selbst
das Mittel der Erneuerung zerstört und mit eigener Hand die
tödtliche Wunde geschlagen. Kann ein Baum grünen, dem man
die Wurzel abgestochen hat? Und doch stehen wir erst am An-
fsmg der Demütbigung.
«1X1414
IV Vorrede.
Die schmerzliche Theihiahme, welche die Geschichte dieses
Jahrhunderts hervorruft, ruht auf der von Gott gebrachten Er-
weckung in der evangelischen Kirche mit ihren durch die mensch-
liche Sünde zerstörten Wirkungen, und auf dem vergeblichen
Kampfe Preussens gegen die Macht, die es doch 1866 und 1870
so glänzend geschlagen hatte: freilich ohne Anfangs davon eine
Ahnung zu haben, in einer freien That der Gnade Gottes, der
an die Väter gedachte, imd die es mm nachher mit Gesetzen
bekämpfen wollte, die von keinem f&r die Ehre Gottes begeisterten
Volksgefiüil getragen wurden und so schliesslich dem lorbeer-
geschmückten Sieger eine tiefe Demüthigung bringen mussten.
Nicht in der Form der Gesetze lag der Fehler — die Fürsten
der Eeformation haben in ganz anderer Weise Eom angegriffen
— sondern in dem Geist der Zeit, der weder auf liberaler noch
auf konservativer Seite einen göttlichen Beruf zum Kampfe gegen
Bom hat. Möge uns der Papst in Friedensbemühungen nicht
gefährlicher sein als offen bestritten. Wir stehen an einem grossen
Wendepimkt der Geschichte.
Stuttgart, Ostern 1886.
Zahn.
Vorrede zur zweiten Auflage.
Nach den Einen ist dies Büchlein so schlecht, dass es nicht
einmal verdient, ein Abriss genannt zu werden, nach den Andern
eine lehr- und genussreiche Lektüre, die sie von ganzem Herzen
empfehlen. Ich kann wohl das ACttel ziehen und sagen: es ist
nicht ganz unbrauchbar. Wem es nicht gefällt, der kann sich
mit einem jimgen, auffallend klugen Holländer trösten, der in
den ;» Studien*' seinen komischen Zorn über mich ausgeschüttet
bat und der sich zuletzt mit dem svnnigftTi kastwt x\i helfen
Vorrede. V
weiss: het is je me een boek! Antistes Finsler hat es vor
der schweizerischen Predigergesellschaft ein Pamphlet gescholten.
Als Dank dafür habe ich manches ihm Anstössige geändert mid
ihn selbst nur mit seinen eigenen Worten charakterisirt. Aber
wie kann man Herr Antistes den erschütternden Niedergang der
Kirche Zürichs mit , leisem Humor*' darstellen? Weil wir keine
ernste Klage, kein tiefes Buss- imd Schamgefühl mehr haben, wird
uns auch keine Hilfe zu Theil, sondern wir warten auf den Morgen
und die Nacht wird immer dunkler. «Wir schauen aus nach
einem Volke, das uns helfen soll, bis wir müde geworden sind.*
Die Stunde der Abrechnung mit der evangelischen Kirche ist ge-
kommen. Benrath hat manches ürtheil von mir auf eine Kränk-
ung zurückfahren wollen, die ich in Halle erfahren. Ist das nun
eine edle Polemik? Immer mehr fuhren in unserer Kirche junge
Männer ohne Beife und Erfahrung das Wort, namentlich in Giessen
und Marburg — uns Allen zur Beschämimg. Die Eecension in der
Literaturzeitung habe ich nicht gelesen, denn ich fürchtete, wieder
mit Hohn und Spott überschüttet zu werden. Alles, was aus der
Schule Kohlbrügge's hervorgeht, wird in dieser Zeitung mit
massloser Verachtung behandelt. Bitschi, Möller, Stade
und Eade glänzen in diesem Handwerk. Dies wohl als Beweis
der Moralität des neuauflakirten Bationalismus , der nur die
furchtbare Aufgabe hat, die letzten Steine der Kirche der Befor-
mation zu zerstreuen. Einige Becensenten haben sich durch meine
Betrachtung , verletzt* gefühlt. Wenn man Irrlehrer, die Himmel
und Erde vermengen, als das bezeichnet, was sie sind, so fohlt
man sich „verletzt". So ist alles nur noch Menschendienst. Es
ist viel Sorgfalt auf die neue Auflage verwandt worden. Der
»Telegramm-Stil*, den mir der Zwang auferlegte, auf wenig
Seiten viel zu sagen, ist etwas verbessert worden. Wer noch
mehr in einem so kleinen Buche sagen kann, von dem lerne ich
gem. Für die Niederlande benutzte ich diesmal vortreffliche
Mittheilungen von Dr. th. Geesink in Botterdam, auch mein
Keber Gastwirth, Professor Butgers, hat mir gütigen Bath er-
iheüt.
Es ist nicht „Anmassung**, mit der hier eine einsame Stinmie
redet, sondern die gegründete üeberzeugung , A^ä% wxä^x^ ^^ssoä
VI Vorrede.
Lehrentwicklung weit abliegt von den Wegen der Reformati(
1860 fing ich meine literarischen Bemühungen für die ref. Kirc
mit dem Charakterbilde einer ref. Frau an und schliesse sie je
nach mancher Wanderung durch Schrift und Geschichte mit eii
kirchengeschichtlichen Bundschau ab, indem mich dabei c
Schmerz imd die Erfahrung meines Lebens begleitet, dass (
gewaltige Grundwahrheit der h. Schrift: Die Freiwahl der Gnade
(Joh. 17, V. 2), von den mächtigsten Stimmen der Kirche 1
kräftigt (Augustin, Wiclif, Huss, Luther, Calvin, Zwingli, Ma
Artikel, Augsb. Conf. 5., Luthers Katechismus, 2. Arttt
Concordienformel , alle ref. Bekenntnissschriften), jetzt von d(
deutschen Boden fast ganz verschwunden ist.
Stuttgart, Dezember 1887.
Zahn.
*) Neuerdings wieder vertreten in der vortrefflichen Handreichu
zum Heidelberger Eat. von Otto Thelemann, 1888.
I n h. a 1 t.
Erster Absohnitt.
Die eTangelisehe Kirche in Deutschland.
Seite
üinleitung und Eintheilung 5
Erstes Kapitel. Die Erweckung 7
Zweites Kapitel. Hegel 10
Drittes Kapitel. Sohleiermaclier 12
Viertes Kapitel. Die Union 19
Fünftes Kapitel Die Theologen der Union 29
Sechstes Kapitel. Das Luther thum 36
Siebentes Kapitel. Die Theologen des Lntherthnms . . 42
Achtes Kapitel. Strauss und die kritische Schule . . 47
Neuntes KapiteL Der ProtestaDtenyerein 55
Zehntes KapiteL Die Erneuerung des Rationalismus . 59
Elftes KapiteL Die schwäbische Kirche 62
Zwölftes KapiteL Die reformirte Kirche 64
Dreizehntes KapiteL Der Kampf mit Rom 73
Vierzehntes KapiteL Die Zustände in den Gemeinen . 82
Zweiter Abschnitt.
Die eTangelisehe Kirche in Frankreich, Belgien, Skan-
dinavien, Bassland nnd Oesterreich-Ungarn.
!• Frankreich.
Erstes KapiteL Die Erweckung 123
Zweites KapiteL Die kritische Schule 129
Drittes Kapitel. Der Kampf um die Verfassung . . . 131
2. Belgien.
1) Die belgische Missionskirche 137
2) Die evangelische Nationalkirche 138
3.D&iiemark 138
^ Schweden 144
5. Norwegen VW
TQI Inhalt.
6. BusBland.
Erstea EapiteL Die kirchliche Entwicklung 1!
Zweites KapiteL Ein Bild der gegenwärtigen Lage . . li
7. Oesterreich-Üngarn.
A. Oesterreich.
Erstes Kapitel. Die Toleranzzeit .^ . . . 1
Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigung . . 1
Drittes Kapitel. Die Zustände in den Gemeinen . . . 1
B. Ungarn.
Erstes Kapitel. Gang der Entwicklung beider Konfes-
sionen und wissenschaftliche Thätigkeit . . . . 1
Zweites Kapitel. Die evangelisch-reformirte Kirche 1
Drittes Kapitel. Die evangelische Kirche Augsburger
Konfession 1
Dritter Absohnitt.
Die e?angelisehe Kirche in der Schweiz und in den
Niederlanden.
1. Die Schweiz.
Erstes Kapitel. Allgemeine Lage 2
Zweites Kapitel. Die theologisch-kirchliche Entwick-
lung in der deutsch-reformirten Schweiz .... 2
Drittes KapiteL Die theologisch-kirchliche Entwick-
lung in der französisch-reformirten Schweiz ... 2
2. Die Niederlande.
Erstes Kapitel. Die neue Verfassung ^
Zweites Kapitel. Die Erweckung ^
Drittes Kapitel. Die Separation S
Viertes Kapitel. Die Groninger Schule. Verein der
christlichen Freunde. J. H. Schölten. D. Ghantepie
de la Saussaye. Moderne Theologie. Bestuur und
Beheer ^
Fünftes Kapitel. Abraham Kujper ^
Sechstes Kapitel. Die klagende Kirche ^
Siebentes KapiteL Die kirchlichen Gemeinschaften
ausserhalb der reformirten Kirche ....... ^
Erster Abschnitt.
Die evangelische Kirche in Deutschland.
Zahn, Kircbe^eMhiohte. 2. Anfl.
Literatur.
Bheinwald, Acta bist, ecclesiasüca saec. XIX. f&r die Jahre 1835 bis
1837. Hamburg 1838--40.
Jörg, Gesch. des Protest, in seiner neuesten Entwicklung. 1858.
Baur, Eirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. 2. Aufl. 1877.
Mücke, Die Dogmatik des 19. Jahrhunderts. 1867.
Nippold, Handbuch der neuesten Eirchengeschichte. 2. Aufl. 1868;
3. Aufl. 1880.
Handeshagen, Der deutache Protestantismus. 3. Aufl. 1849.
(lass, Gesdiichte der prot. Dogmatik im Zusammenhang mit der Theo-
. logie. 1867.
Dorner, Geschichte der protieat. Theologie. 1867.
Kahn i 8, Der innere Gang des deutschen Protestantismus seit Mitte des
vorigen Jahrhunderts. 3. Aufl. 1874.
Schwarz, Zur Geschichte der neuesten Theologie. 4. Aufl. 1869.
Henke, Neuere Eirchengeschichte. 1880.
Landerer, Neueste Dogmengeschichte, herausgeg. y. P. Zeller. 1S81.
Holtzmann und Zopf fei, Lexikon für Theologie und Eirchenwesen.
1882.
C. Mensel, EirchL Handlexikon. 1886 ff.
Zu den Handbüchern von Hase und Eurtz ist noch der Ergänzungsband
von Herzog getreten von Eoffmane besorgt. 1887.
Wichtig sind die Eirchenzeitungen :
Kirchenblatt für das evang. Deutschland, herausgegeben von Moser,
jetzt von Schott. 1852 ff.
Allgemeine Eirchenzeitung von Zimmermann. 1822 ff.
Evangelische Eirchenzeitung von Hengstenberg. 1827 ff. Neuerdings
von Zock 1er fortgesetzt.
Zeitschrift für Protestantismus und Eirche von Thomasius und Hof«
mann. 1838 ff.
Zeitschrift für die gesammte lutherische Theologie und Eirche von
Rudelbach und Guerike. 1840 ff.
Deutsche Zeitschrift für christL Wissenschaft und christl. Leben von
Müller und Nitzsch. 1850 ff.
Protestantische Eirchenzeitung von Erause, jetzt von Webskj. 1854 ff.
Schliche Zeitschrift von Eliefoth und Meyer. 1854 ff.
/
4 Literatur.
Neue Ey. Kirchenzeitung von Messner. 1859 ff.
Allgemeine kirchliche Zeitschrift von Schenkel. 1859 ff.
Allgemeine lutherische Eirchenzeitung von Luthardt. 1868 ff.
Allgemeine kirchliche Chronik von Matthes. 1854 ff* Neuerdings
Gerlach.
Die angesehensten Literaturzeitungen sind die von Luthardt,
Schür er und Harnack und der theologische Jahresbericht
Fünjer» jetzt von Lipsius redigirt. Eine Quelle von W
ist auch die Neue Preussische Zeitung (Ereuzzeitung) 1848 ff.
mit ihr der Reichsbote von Engel.
Aktenstücke des Oberkirchenraths. 1852 ff.
Verhandlungen der Kirchentage, 1848 ff. und der evangelischen All:
1851 ff.
Treitschke, Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. 18^
Schaff and Jackson, Encyclopedia of living divin es and chrif
workers in Europe and America. New-York 1887.
Die jetzt viel gepflegte Kulturgeschichte ist von Honegger (1^
Kolb (1872), V. Hellwald (1875), Scherr in der Germania
in vielen Au&ätzen, Faulmann (1885), Lippert (1886), He
am Bhyn (1886) behandelt worden.
Da viele der in Frage kommenden Männer in der Beal-Encyklop
von Herzog und in der deutschen Biographie behandelt i
weise ich gleich hier ein- für allemal auf diese Quelle hin.
Einleitung und Eintheilung.
Das nennzehnte Jahrhimdert ist in seiner kirchengeschichtlichen
Eigenthümlichkeit nur dann zu verstehen, wenn man von den mäch-
tigen göttlichen Impulsen ausgeht, welche seine Anfangszeit in der
merkwürdigen Erscheinung der Erweckung befinichtend und an-
regend berührt haben. Auf ihr ruhen die grossen Veränderungen
in der Ideenwelt, in der Lehre und in dem Leben der Kirche. In-
dem sie mit hineingreifb in einen grossen Grährungsprozess , in dem
sich die verschiedensten Elemente verbinden und wieder scheiden,
tauchen Gestalten und Geister von räthselhaffcem Gepräge auf: imter
ihnen hervorragend zunächst der schwäbische Philosoph Hegel,
dann der das theologische Denken für das ganze Jahrhimdert wesent-
lich bestimmende Schleiermacher. Auf die Anregungen der
Zeit ist es auch zurückzuführen, wenn Friedrich Wilhelm HE. die
Union in die Hand nimmt; ihr Ursprung und ihre Geschichte mit
ihren angesehensten Theologen ist zu schildern.
Zu einem positiven imd für die Kirche wichtigen Thim werden
weiter diejenigen durch die Erweckung angeleitet, die eine Erneue-
rung der alten biblischen und kirchlichen Wahrheit gegenüber den
Zerstörungen des Rationalismus anstreben und hier hat der einfluss-
reiche Hengstenberg seine wichtige Stelle mit seinen lutherischen
Zeitgenossen. Sowohl die Union wie das Lutherthum erfassen
nicht die Tiefe des Abfalls von dem väterlichen Glauben: derselbe
* zeigt sich in seiner furchtbarsten Gestalt in der Wirksamkeit von
Baur und Strauss, die eine neue kritische Schule schaffen.
Die hauptsächlichsten Vertreter derselben werden uns bekannt.
Zu ihr gehörig ist dann auch der Protestanten verein zu be-
trachten. Die letzte auffallende Erscheinung ist die Rückkehr zum
Bationalismus in der Schule von Ritschi: nach langem, mühevollem
Gang knüpft man wieder an den Philosophen Kant an. Besondere,
durch ihre Eigenthümlichkeit beachtenswerthe Kirchen sind noch
ins Auge zu fassen: die schwäbische und 4iö x ^iciXTÄ.\x\i^
6 Einleitung und Eintheünng.
Kirche. Wie wenig die evangelische Theologie die Kra
Wahrheit der Eeformation wieder gefunden hat, beweist
noch das ohnmächtige Bingen mit dem gewaltig auflebenden
Von den kirchlichen und theologischen Bewegungen t
wir uns zu den Zuständen in den Gremeinen, die wi
den verschiedenen Beziehungen zu würdigen haben: der allg
Charakter derselben ist ein noch tiefer stehender als im ^
Jahrhundert, aber es walten überall noch Wohlthaten uhd G
ihnen von segensvoller Bedeutung.
Erstes Kapitel.
Die Erweckung.
Literatnr: Buch sei, Die kirchlichen Zust&nde Berlins nach Beendkping
der Freiheitskriege, 1870. A. Zahn, Meine Jugendzeit, 1882.
Jacobi, Erinnerungen an den Baron Ernst von Eottwitz, 1882.
Baur, Geschichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung des reli-
giösen Lebens in den deutschen Befreiungskriegen, 4. Aufl. 1884.
Ernst Miescher, Anna Schlatter, 1885. Ihr Briefwechsel von
ihren Enkeln Adolf und Michael Zahn, 1862 ff. Ranke, Jugend-
erinnerungen, 1877. Walther, Erinnerungen aus W. Appuhns
Leben, 1885. G. Frank, Mysticismus und Pietismus im 19. Jahr-
hundert. Historisches Taschenbuch von Maurenbrecher, 1887
Hier auch die ganze polem. Literatur über den Pietismus.
Eine der beachtenswerthesten und wichtigsten Erscheinmigen
des neunzehnten Jahrhunderts ist die am An&ng desselben nicht nur
durch Deutschland, sondern durch die ganze Welt bis in die Stati-
onen der Heidenmission sich erstreckende Erweckung: ein geheimes
Berührtwerden von der Macht des heiligen Geistes, der in die Ge-
mülher das Verlangen nach dem vergessenen Evangelium der Väter
legte. Die Jahrhunderte der evangelischen Kirche sind immer mächtig,
namentlich bei ihrem Beginn, von solchen nicht durch Menschen
herbeigeführten Bewegungen ergriffen worden. Die Wohlthat der
Reformation, die Erhebung der Holländer und Puritaner, das Auf-
blühen der französisch-reformirten Kirche, das Erwachen des Pietis^
mos ist auf starke göttliche Antriebe zurückzuführen, die ein Neues
hervorriefen. Es scheint, als ob dieselben im Laufe der Zeit matter
würden — auch durch die Schwäche der Menschen, denn das was
am Anfang dieses Jahrhunderts geschah, ist nicht von der Gewalt
gewesen wie in der Vergangenheit. Es ist aber das überall
bestimmende Prinzip. Es ist ein Beweis für die aufGEiUende
Erscheinung, dass Moses Gesetz so bald in Israel vergessen wurde,
dass in wirklich unglaublicher Weise der Rationalismus und die
^Wht der klassischen, durchaus christusfeindlichen Literatur das
Evangelium der Eeformation in Vergessenheit gebracht hatten. Einige
Jahrzehnte hatten genügt, es dem Volke zu rauben und so weit
8 Erstes Kapitel.
!
i
1.
*) Schubert, Züge aus dem Leben des Job. Eiessling, 1859.
lieber ihn auch Bodemann, 1860. Ledderhose, Aus dem Leben des
Job. Tob. Kiessling, 1882. Thomasius, Das Wiedererwachen des
eyang. Lebens in der lutherischen Kirche Bayerns, 1867.
**) Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. 11. Auf-
lage 1883. Von ßühle ein Lebensbild, 1878.
***) Ueber ihn Hamb erger 1857 und Gedenkblatter 1860 u. 1867.
t) Von ihm eine Selbstbiographie, die sein Enkel Schwarz voll-
endete, 1817.
den stolzen Hohn zu treiben, dass Christi Name nun bald nicht
mehr genannt sein würde. Vereinzelte und verborgene Kreise sind
es, wenige Lehrer, die damals den goldenen Faden mit dem väter- ^
liehen Glauben festhielten. Wenn ein vereinsamter Gläubiger durch '
Deutschland reiste, vielleicht mit einem Empfehlungsbrief an diesen
und jenen, dann konnte er bei Joh. Tobias Kiessling*), dem v
Kaufinaim, und Schönher, dem Prediger in Nürnberg, einkehren, ;
bei dem lutherischen Pastor Stephan in Dresden, der nachher \
seine Freunde nach Amerika führte und in Schmach unterging }
(t 1842), eine kräftige Predigt hören, den originellen und kernigen i
Pastor E oll er**) in dem sächsischen Lausa besuchen, vor allem
aber bei den Brüdergemeinen weilen, die die Lehre ihres Stifters
von dem Sühntode Christi bewahrten und die zerstreuten Kinder
Gottes sammelten. Er konnte dann in Berlin das edle und hingebende
Wirken des Baron von Kottwitz, Alexanderstrasse 6, beobachten
und von dessen zärtlicher Gustfireundschaft umfangen werden. Noch
dieser und jener Name wurde ihm im brüderlichen Kreise genannt,
der etwas anderes und besseres bekenne, als die noch alle Kanzeln
und Katheder beherrschenden Eationalisten: man sprach von Anna
er in St. Grallen und ihrem Briefwechsel auch mit den Kar
tholiken Boos, Gossner, Lindl und Sailer, von Prof. Kanne
in Erlangen, der erweckliche Geschichten aus dem Eeiche Christi
mittheilte, von Professor Köthe in Jena, von Herrn von Meyer in
Frankfurt und seinem Freunde, dem Arzt Passavant***), von Jung
Stillingt) in Karlsruhe, von einfachen Webern im Wupperthal,
von dem Schlossermeister Meier in Bremen, von einem Thurm-
wächter in Erfurt.
Die Noth und der Sieg der Franzosenzeit griff gewaltig mit
hinein in diese stillen Eegungen, die die Lande durchzogen, und
bald erwachte überall ein herzliches Verlangen nach dem Wort der
Gnade gegenüber den moralischen Leerheiten der gesunkenen Weis-
heit der Menschen. Was in kleinen Kreisen gepflegt wurde, es trat
Die Erweckung. 9
mit lauten Zeugnissen in die öffentliche Welt. Es mehrten sich
die Prediger der vergessenen Wahrheit. Im Norden Deutschlands
wirkten in Hamburg an der französisch-reformirten Gemeine Merle
d'Aubign^, in Lübeck Geibel, im Wupperthal G. Daniel Krum-
macher, in Bayern der Professor imd Prediger Kr äfft; vom
Wupperthal trug der Oberho^rediger Strauss*) das grosse Gut
nach Berlin, wo der treue Pastor Jänicke an der Bethlehemskirche
&st allein gewesen war**). Gunze Landstriche wurden allmählich
ergriffen: Württemberg erwachte; in Eheinland, Westphalen und
Lippe regte es sich, hier mehr das niedere Volk, in Schlesien ging
der Adel voran, in Pommern hatte er viele Gesinnungsgenossen.
Es war allerdings ein Frühling und der treue Patriarch von Kott-
witz sah mit inniger Freude auf die beginnende Umgestaltung.
Der Rationalismus erschrak vor dem Geiste des Mjsticismus, der
äun nahte. In den »Halle'schen Jahrbüchern« wurde er als eine
Krätze oder Schafräude der Menschheit bezeichnet. Eine grosse
Literatur hat gefragt, was doch der neue Pietismus sei. Eine herz-
liche Bruderliebe umfasste nur umsomehr die neugeborenen Gläu-
bigen: sie hatte etwas wahres und warmes. Mancher Standesunter-
schied hörte auf. Zärtliche und bleibende Freimdschaften wurden
geschlossen. »Die Mystiker, welche sich früher nie von Angesicht
kannten, sind gleich in den ersten Stunden so mit einander vertraut,
wie sonst nach jahrelanger Freundschaft.« Aber wie wir sagten:
diese starke Anpassung imseres Volkes ist der in der alten Zeit
nicht gleich. Es fehlte das Feuer der Leiden, das die Kirche der
Beformation einst durchglüht hatte. Das Martyrium des Pietismus
unserer Frühlingszeit ist ein geringes gewesen. Einschneidend haben
doch nur die Lutheraner in Schlesien gelitten. Wohl wurde mancher
We Mann aus seiner Heimath vertrieben, da Serenissimus ihm
dort keine Stelle in der Kirche geben wollte, auch reformirte Lipper
sind nach Amerika ausgewandert ***), in Suiza in Thüringen wurde
das Conventikelwesen mit zehntägigem Gassenkehren bestraft, aber
wie bald heilte die Gunst der Zeit allen Schaden! Ohne Martyrium
wird aber das Leben und die Lehre der Eeformation nie lauter erkannt
*) Abendglockentöne von Fr. Strauss, Berlin 1868. Ziethe, Ber-
liner Bilder aus alter und neuer Zeit, 1886. Gnadenführungen Gottes
in dem Leben des F. 6. Dreger, 1860.
**) Sein Leben von Ledderhose, 1863.
***) Ueber diesen Auszug ein Schriftchen im Verlag des ref. K. in
Clevelaiid: Gesch. des Missionshauses für die Feier seines 25jährigen
Bestehens, 1885.
10 Zweites Kapitel.
und nie lauter bewahrt. Die Prediger der Erweckung haben
viel Ehre empfangen. Es ist kein gutes Zeugniss, wenn man
einem gesagt, er wäre gestorben satt vom Euhme der Welt.
Für die Beeinflussung der grösseren Menge hat nachher
Pantheismus Hegels, die Täuschung Schleiermachers und
Frevelthat von Strauss die Kraft des Pietismus gebrochen
seine Segnungen nur in vereinzelten kleinen Bächen dem Volke
Theil werden lassen. Er hat mit dem Mangel kirchlicher L(
gerungen, aber auch seine Freunde kehrten nicht zu deren Klar
und Granzheit zurück : man glaubte unter den Einflüssen einer h
müthigen und verwirrenden Philosophie das alte Dogma verjüD
zu müssen, aber man zerbrach seine Formen ohne neue zu ha
und verfiel in schrankenlosen Individualismus, der zuletzt nicht
mal mehr die Pietät der Alten vor dem Heiligen besass.
Aus den Erregungen dieser merkwürdigen Zeit tauchen gl
anfangs grosse trügerische Gestalten hervor, die wir zuerst betracl
müssen.
Zweites Kapitel.
Hegel.
Literatnr: Haym, Hegel u. s. Zeit, 1857. Leo, die Hegelinge, 1
Eritis sicut Deos, Roman von Wilhelmine Canz in Gr
heppach, 1854.
Seine grosse Bedeutung hat für eine Zeit lang darin bestani
dass er den Theologen die sie erfreuende und täuschende Mög]
keit gewährte, das kirchliche Dogma spekulativ zu erneuern,
gab den Anstoss, die kirchliche Lehrform mit einem spekulatj
Stempel zu versehen.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, zu Stuttgart 1770
boren, ist von 1818 — 31 Professor der Philosophie in Berlin.
Mitte des vorigen Jahrhunderts war an die Stelle Gottes und se
Wortes der menschliche Geist getreten. Nachdem Kant das
der Vernunft aufgerichtete Gebäude einer göttlichen Erkennt
unterwühlt, indem er den Beweisen vom Dasein Gottes ihre K
imd Gültigkeit nahm und überhaupt alle theoretische Erkennt
übersinnlicher Dinge zweifelhaft machte; nachdem er die Entsc
äimg aller religiösen Fragen in das Gebiet der praktischen Verrn
Hegel. 11
verlegt und an die Stelle des göttlichen Gesetzes einen kategorischen
Imperativ, ein Gresetz, das sich der Mensch selbst diktirt, gesetzt
hatte — richtete Fichte eine sogenannte moralische Weltordnung
als Gott auf und setzte an die Stelle des Glaubens ein stolzes Be-
wnsstsein, eiu Sicheinswissen mit dem absoluten Ich, das er zur
Weltaxe büdete.
Schelling, der Begründer der Naturphilosophie, glaubte des
Widerspruches von G^ist und Materie sich am besten und kühnsten
zu entledigen, wenn er die Identität von beiden behauptete und
einem dunklen Urgrund die Freiheit zur göttlichen Tochter gab.
Er verkündete die spekulative Konstruktion des Christenthums, ver-
stand dasselbe aber anders als die Theologen und weissagte ein
ewiges Evangelium, neue dauerndere Formen, iu die der Geist der
neuen Zeit das Christenthum kleiden werde. Professor Daub in
Heidelberg suchte in seinem Sinne zu theologisiren. Hegel, sich
anschliessend an den ganzen Taumel der Zeit, Hess in seinem Geiste
den Weltgeist seine Begriffe vollziehen und nach vielen dialektischen
Metamorphosen zum Bewusstsein seiner selbst gelangen. Das Natür-
liche imd Bestehende ist das Vernünftige und in allen Ordnungen
des Staates und der Religion ist eine lebendig gegenwärtige, orga-
nisirte Vernunft zu erkennen. Auch das Christenthum ist eine
konkrete Ausprägung göttlicher Vernunft imd Wahrheit.
Es ist die absolute Religion. Wie sich die Idee der allgemeinen
Offenbarung Gottes in der Menschheit, in der Gattung, mit der
besonderen in dem Individuum Jesu vereinige, Hess der Meister
unbestimmt. Seine Schüler füllten die Kluft aus und benützten das
ganze System, um -die Einheit von Religion und Philosophie, von
Glauben und Wissen zu proklamiren. Den von Hegel aufgestellten
Satz, dass zwischen Religion und Philosophie nur der Unterschied
der Vorstellung und des Begriffes sei, benützten die HegeHnge
80, dass sie die christHche Wahrheit als absolute Wahrheit in der
Form der Vorstellung verkündeten. Der ganze Inhalt der Vor-
stellung wurde in den Begriff gelegt. Damit glaubte man den
Schlüssel geftmden zu haben, alle IdrchHchen Lehren zu erneuern.
Es war eine grosse. Selbsttäuschung, die namentHch durch Karl
Friedrich Göschel, seit 1846 Präsident des Konsistoriums der
Provinz Sachsen, gepflegt wurde (f 1861). Hegel begrüsste seine
Bemühungen mit dankbarem Händedruck. Göschel sah nachher
seinen Irrthum ein und endete seine reiche Hterarische Thätigkeit,
die ihn zii Goethe und Dante und in die verschiedensten Gebiete
geführt, mit einer Schnft über die KonkorfenoioTmftV 0Ä^^^» ^'^
12 Drittes Kapitel.
die HegeTsche Philosophie unter der besonderen Ghinst des preussi-
schen Ministers Altenstein stand, der übrigens kühl an seinem
gastlichen Tische die Frage erörtern Hess, ob das Christenthum noch
zwanzig oder dreissig Jahre bestehen werde, wurde sie die preussische
Staatsphilosophie und ihre Schüler beherrschten die Lehrstühle. Jhr
ganzer Wahn soUte nachher grausam und rücksichtslos durch Strauss
zerstört werden. Der Freimd desselben, Christian Märklin
(t 1849), war ehrlich genug zu bekennen, dass er, was nach dem
HegeTschen System bloss die Form der Vorstellung sei, manchmal
als Pfarrer ganz explicite als das Wesen der Sache geben müsse;
so wenig wollten eigene üeberzeugung und Bewusstsein der Ge-
meine ineinander aufgehen, dass immer ein heimtückischer, hinter-
listiger Rest zurückbleibe. Er zog es darum nachher auch vor, aus
voller Seele ein Heide zu sein*).
Neben und mit Hegel erscheint eine andere Persönlichkeit mit
geheimnissvoUer ümhüUung.
Drittes Kapitel.
Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher.
Literatur: Schleiermacher 's Briefwechsel mit Gass, 1852. Aus
Schleiermacher' 8 Leben, in Briefen, herausgeg. von Dilthey,
1860—63. Briefe an die Grafen zu Dohna, herausgeg. von Ja-
cobi, 1887. Biographieen von Dilthey, Auberlen, Schenkel,
Baxmann, Kannis u. A. Seine Theologie mit ihren philo-
sophischen Grundlagen von Bender, 1876—78. Seine Reden über
die Religion von Ritschi, 1874. Die romantische Schale von
Haym, 1870.
Er stammt von ausgewanderten Salzburger Protestanten ab.
Sein Grossvater war in das schwärmerisch-sektirerische Treiben des
Wupperthals verflochten. Der Vater war ein nüchterner Mann und
ging in den Wegen alter Rechtgläubigkeit. Als er reformirter Feld-
prediger in Breslau war, wurde ihm am 21. November 1768 Fried-
rich Ernst Daniel geboren. Die fromme Mutter leitete nament-
lich die Erziehung des frühverständigen Knaben. Die Eltern ziehen
nach Pless und dann nach Anhalt. Nach einem guten philologi-
schen Unterricht kommt er in die Erziehungsanstalt der Brüder-
*J Sem Leben von Strauss, 1851.
Schleiermacher. 13
gemeine in Niesky. Von den Bildern dieser Gemeinschaft wird er
ergriffen und in Urnnhe gesetzt. Zweifel über die Wahrheit der
alten Greschichte hatten ihn schon früher gequält, jetzt hat er reli-
giöse Skrupel. Mit seinem Herzensfreunde Albertini vertieft er
sich in »abenteuerliche« Studien. 1785 ist Schleiermacher auf
dem Seminar in Barby. Die Beschränktheit des hier herrschenden
Geistes spannt ihn los »von dem Joche, um durch eigenen Muth,
freimüthig und von jedem Ansehen unbestochen, die Wahrheit zu
suchen«. Widerwillig gewährt der über den Unglauben des Sohnes
tiefbekümmerte Vater die Erlaubniss, die Universität Halle zu be-
suchen. Ostern 1787 ist er hier angekommen »um in einem Chaos
zu leben, wie das, ehe die Welt geschaffen wurde«. Er schliesst
sich an den Philosophen Eberhard an, der gegen die Eantischen
Neuerungen lehrte, und kommt zur Lektüre des Piaton und Ari-
stoteles. 1789 setzt er seine philosophischen Studien in kleinstädti-
scher Einsamkeit bei seinem Onkel Stubenrauch zu Drossen in
der Neumark fort. Das Eindringen in Kant gibt ihm die Ueber-
zengung, dass unser Wissen sich auf die Welt der Erscheinungen
beschränken müsse und dass allein die sittHchen Verpflichtungen
nnmnstösslich seien. Er fürchtet nur seine Phantasie: sie könnte
ihm seine Rechnung verderben. Alle Religion ist ihm Moral und
alle Moral nur innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft. Diese
bedarf keine Verbindung mit der Idee der Glückseligkeit, da die-
selbe nur ein BedürMss des Begehrungsvermögens ist. Auch die
vergeltende Gerechtigkeit Gottes ist in die rein moralische Erziehung
des Menschengeschlechtes xunzusetzen. Der Jüngling hat scheinbar
kalt an einer Lebensfreude resigniert, nach der er doch Verlangen
trog. Dabei belebt ihn die Frivolität des Lucian; der frunzösische
Skeptiker Montaigne wird seine Handbibel. Kränklich in dieser
Zeit will er sterben : »da man nichts verliere, was der Mühe werth
ist«. Er hat völlig mit dem Christenthum gebrochen. Das Wahre
desselben: eine Sammlung von Sittenlehren, vermischt mit Lehr-
sätzen, die nur auf die Juden Beziehung haben. Sein theologisches
Üxamen 1790 macht er so, dass er »von theologischen Subtilitäten
Bed' und Antwort gibt, die er im Herzen verlachte«. Die grosse
T&nschung begann schon damals. Die Gönnerschaft des Oberkonsi-
stoiialrath Sack verschafiFfc ihnn die Hauslehrerstelle bei dem Grafen
Dohna. Eine edle Geselligkeit tritt ihm entgegen. Er lernt hier
zuerst »die Frauen kennen, die er nur vom Hörensagen kannte«.
Er wird freier und selbstgewisser und gewinnt die Zuversicht,
sein eigenes Christenthum in den Hauspredigten an di^ «J^^txi^yc^^tl
I
14 Drittes Kapitel
Eonnen und Bilder der christlichen Lehre anzulehnen. Sein Hen f.
verlangt nach Glückseligkeit, aber er muss seine Ideale verschliesseD. ]
1793 ist er in dem Gedicke'schen Seminar in Berlin, von 1794 k
bis 1796 Hilfsprediger in Landsberg. Hier lernt er Spinoz» 1
kennen: er verbindet ihn mit Kant. 1796 kommt er in die Her- :
liner Kreise und in die Gemeinschaft der romantischen Schule als k
Prediger an der Charit^. Das schöngeistige Treiben mit aller Locker« '
heit sittlicher Verhältnisse unter dem Vortritt geistreicher jüdischer ;
Frauen und Mädchen stand dort in Blüthe. Mit ihnen lebte Schleier- ■
macher zwischen 1796 — 1802. Die schöne Jüdin Henriette Her»
zog ihn an: sie hatte einen Kopf, wie ihn Tizian malte. Das
WeibKche beherrscht den Mann. Es ist vielfach der Mutterboden
dessen gewesen, was man sein religiöses Gefühl genannt hat. Die
Prauen verständen ihn, meinte er, am besten. Jm Kreise der Herz
sind die Beden über die Religion entstanden : ein Triumph des auf-
geklärten Judenthums über das Christenthum. Henriette war
Schleiermacher eine Ceres für seine innere Natur, eine Priesterin
der Venus Urania: mit Behagen behandeln beide brieflieb, dass
ihr Verhältniss nur das der innigsten Freundschaft sein könne.
Friedrich Schlegel wird dann weiter der Freund und Leiter j
Schleiermachers. Nach dessen Urtheil ist er ganz und gar }
moralisch. Ohne alle Lust zu schreiben, »rupfb« doch Schlegel {
imablässig an ihm und 1799 schreibt er das berühmte Buch: »Beden |
über die Religion an die Gebildeten unter ihren Veräch-
tern«. »Dass ich rede«, sagt er, »es ist ein göttlicher Beruf, es
ist das, was meine Seele im Universum bestimmt und mich zu dem
Wesen macht, welches ich bin«. Was hat dieser neue Priester der
Welt geoffenbart?
»Euer Gefühl«, sagt er, »insofern es Euer und des All gemein-
schaftliches Sein und Leben ausdrückt, insofern Ihr die einzelnen
Momente desselben glaubt als ein Wirken Gottes auf Euch, das ist
Eure Frömmigkeit«. — »Das Universum ist in einer ununterbrochenen
Thätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick; und in diesen
Einwirkungen alles Einzelne als eine Darstellung des Unendlichen
in unser Leben au&unehmen und davon sich bewegen zu lassen,
das ist Religion«. — »Hat der Mensch die Menschheit gefunden, so
kehrt das fromme Gefühl von den Wanderungen durch das ganze
Gebiet der Menschheit geschärfter und gebildeter in das eigene Ich
zurück und findet zuletzt Alles, was sonst aus den entlegensten
Gegenden zusammenströmte und es erregte, bei sich selbst«. —
Beligion ist also Schleiermacher das Aufgehen und Zusanunen-
Schleiermaclier. 1 5
sdimelzen mit dem Universum in allen seinen Formen imd Gestal-
tongen. Danach ist es begreiflich, dass er von der Furcht in der
Beligion nichts wissen will, sondern nur von glühender, schwärme-
zischer Hingebung und Liebe; dass er von wahrer oder falscher
fieligion nicht gesprochen haben will, da jedes religiöse Gefühl in
^sieh selbst Wahrheit imd Leben sei; dass er Beligion und Kunst
neben einander stellt; dass er so entzückt redet von den Göttern
der Griechen, von dem frommen Bom, das aUen Göttern einen Altar
eiriehtete, von dem göttlichen Plato, und dass ihm eine Zeit, wo
die Philosophen religiös sein würden wie Spinoza und die Künstler
fromm sein und Christum lieben wie Novalis, als die Feier der
grossen Auferstehung für Philosophie imd Kunst erscheint. »Spinoza
war voller Beligion und voll hohen Geistes«. Neuere Bildungen der
Beligion werden sich neben dem Christenthum gestalten. Nichts ist
irreligiöser als von einer einzigen wahren Beligion zu reden. Wer
war Christus? Nie hat er behauptet, der einzige Mittler zu sein,
der Einzige, in welchem sich seine Idee verwirklicht. Er hat aller-
dings bis jetzt das Herrlichste in der BeHgion geschaffen. Es ist
abiigens ein Frevel und eine Entstellung des GöttHchen, dass man
sage, Christus sei ausgegangen von der Messiasidee seines Volkes.
So weissagt der neue »Virtuos« im Christenthum.
Es bedarf keines Beweises, dass diese von pantheisüscher
Schwärmerei und weltschmerzlicher Wehmuth gef^bte »Beligion«,
die eine starke Subjektivität und feine Sinnlichkeit als Ersatz für
die Zerstörungen der Dialektik forderte, nichts gemein hat mit dem
»Glauben«* der Schrift und der Beformation, denn dieser ist eine
nackte G^ehorsamsthat des Willens, der sich gegen Gefühl, Empfin-
dung und Herz dem geoffenbarten Worte der Gnade unterwirft. Ein
Verehrer für die Beden fühlte damals »den gewaltigen Flügelschlag
eines vorüberziehenden englischen Herolds«: jedenfalls war ihre
Wirkung nach allen Seiten gross. Die geistlichen Lieder von No-
valis'*') entstanden in der Zeit. Gleichzeitig mit den Beden Hess
der vertraute Freund Schleiermacher's, Fr. Schlegel, den
Boman Locinde ausgehen: ein ästhetischer und moralischer Frevel.
In den vertrauten Briefen über die Lucinde trat Schleiermacher
als Verteidiger derselben auf. Nicht nur poetisch, sondern auch
religiös und moralisch sei die Lucinde. Der pantheistische Geist
offenbart hier seinen inneren Kern. Schleiermacher dachte an
sich selbst, denn unter dem Namen Leonore stellte er sein eigenes
*) üeber ihn zuletzt Schubart, 1887.
*f
■a.
, Y
16 Drittes Kapitel.
Verhältniss mit Eleonore, der Frau des Predigers Grnnow iiifi '''
Berlin, dar; bis nach Stolp und Halle haben ihn diese tinreiiiea^
Fesseln begleitet. Er ist an dem Abgrund nicht vorbeigekonmueö^ '-
der sich zu allen Zeiten der Mystik geöffiiet hat. 1799 waren nocJi
die Monologe von Schleiermacher geschrieben worden: »enal
lyrischer Extract aus einem permanenten Tagebuche c. Sie sind emA
Selbstcharakteristik seiner Persönlichkeit. 1802 wurde Schleier*
mach er Hoi^rediger in Stolp, 1804 ist er Professor und ünivem-
tätsprediger in Halle, in innigem Verkehr mit dem Philosophen'
Steffens*). Als 1806 die Universität dort geschlossen wurde, zidil
er sich nach Berlin zurück, wo er, durch Stein und »Hardenberg
bewogen, bei der Gründung der Friedrich- Wilhelms-UniversitÄt mit-
wirkt. Er wird dann 1809 Prediger an der Trinitatiskirche.
Erhebend ist seine Thätigkeit als beredter und hinreissender
Patriot. Die Noth der Zeit, das Gericht über die Franzosen haben
auch ihn geläutert und gereift; er wurde ein gewaltiger Mann, der,
• als er 1810 zum ordentlichen Professor der Theologie ernannt war, be-
geisterte Schüler um sich sammelte. Mit edlem Wort hat er nach den
entsittlichenden Einflüssen der Fremdherrschaft die preussische' Volks-
erhebung als eine Bückkehr zur Wahrheit bezeichnet. Aber er blieb
in seinen geistigen Grundgedanken derselbe, den die Beden über
die Beligion schon zeigen. Wie er keinen persönlichen Gott hatte,
so auch keinen wahren Gottessohn. »Christus ist nur eine Wirkung
der unserer Natur einwohnenden Entwicklungskraft.« Er ist am
Kreuze nicht gestorben, es ist ein verborgener Lebenskeim in ihm
geblieben. Wir wissen nicht, was er später für ein Ende genommen
hat. Statt seiner persönlichen Wirksamkeit haben wir nur die Wirk-
samkeit seiner Gemeinschaft, sofern auch das von ihm noch vorhan-
dene Bild ebenfalls nur durch diese entstanden ist und noch fort-
besteht. Wie in dem Centrum der christlichen Wahrheit, so wird
auch in allen anderen Artikeln alles ins Menschliche und Diesseitige
herabgezogen. Jeder tiefer Blickende fohlte bei seinen Predigten
einen christlichen Vordergrund und einen von demselben ganz ver-
schiedenen Hintergrund. Man hielt es damals sogar für Pflicht, sich
der Vorstellungsweise der Gemeine anzubequemen. Schleiermacher
verwarf die Vorstellung vom Teufel: im Berliner Gesangbuch, das
so sehr das kirchliche Leben schädigte und wozu er den Antrieb
gab, wollte er denselben durchaus festhalten. Man trug sich von
ihm mit den widersprechendsten Aeusserungen. Er hat überallhin
*J Sein Lehen von Petersen, 1884.
Schieiennacher. 17
i tiefjsten Anregungen gegeben, ein Meister der genialen Methodik
.d Architektonik, aber nach seiner innigsten und wahrsten üeber-
agnng ist er im Diesseits hängen geblieben und fand, als er am
rabe seines einzigen Sohnes stand, keinen Trost und keine Hoffiiung.
W)4 — 1810 gab er die epochemachende Uebersetzung des Piaton
oraus. 1806 erschien »die Weihnachtsfeier«, ein Gespräch, und
1 Jahre darauf ein kritischer Versuch über den sogenannten
rsten Brief des Paulus an Timotheus. In seinen Vorlesungen
ber Dialektik sprach er seine eigenthümliche Stellung dahin aus,
ass alle Philosophie nur Postulate und Grenzbegriffe aufstelle, dazu
ienend, dem Denken einen'^gewissen letzten Einheitspunkt zu geben,
her positiven Inhalt hat nur die Frömmigkeit, in welcher das Ab-
iohite als der Einheitspunkt des menschlichen Ich gefühlt und er-
ahren wird, das aber niemals objektiv fixirt werden kann, sondern
rein individuell ist.
Der reifete Ausdruck seiner Gedanken ist die hochberühmte,
durch neue Sprache glänzende, durch scharfsinnige Struktur auf-
Ballende Schrift: der christliche Glaube, nach den Grundsätzen
der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt
(1821—1822). Die Eeligion als Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit
ergibt ein Gottesbewusstsein, mit dessen Analysirung es die Glaubens-
lehre zu thun hat. In Christo war dieses Gottesbewusstsein am
stärksten: er hat die Christenheit angeregt: darnach werden die ein-
zelnen Dogmen kritisch beleuchtet.
Es ist häufig nachgewiesen worden, dass wir hier etwas völlig
anderes haben als die Grundsätze der evangelischen Kirche, auch
selbstverständlich etwas anderes — da Schleiermacher das Alte Testa-
ment ganz verwarf — als die Gedanken der hl. Schrift. Baur hat
gemeint: man kann bei Schleiermacher den Gedanken an eine ab-
sichtliche Täuschung nicht unterdrücken bei der gar zu grossen Vor-
sicht, mit welcher seine Glaubenslehre den Widerspruch mit der
Kirchenlehre so viel als möglich zu umgehen und zu müdem sucht
und bei der gesuchten Künstlichkeit, mit welcher er die kirchlichen
Lehrsätze und Formeln in einen Sinn deutet, den er unmöglich für
den wahren und einzigen halten konnte. Die »christliche Sitte«
(1834 von Jonas herausgegeben) ist ein Seitenstück der Dogmatik.
Als Mitglied der Akademie der Wissenschaften hat er Beden
und Abhandlungen geliefert; er hat sich für die Union und gegen
die Agende ausgesprochen; er ist zuletzt noch in Gefahr gewesen,
als Demagog angeklagt zu werden und die Ungunst der Regierung
nahm gegen ihn zu. Der immer mehr mächtig werÖLetAftXL ^Sfifes^k-
Zmbn, KirebengoBclUobte. 2. Anß. ^
18 Drittes Kapitel.
sehen Bewegung stand er hinderlich und abgeneigt gegenüber. Vor
seinem Tode hat er ein Abendmahl gefeiert, das peinlich unangenehm
berührt, und das — da dem E^ranken der Wein verboten war —
mit der diplomatischen Bemerkung eingeleitet wird: »Ich habe immer
geglaubt und glaube es auch jetzt noch, dass der Herr Jesus das
Abendmahl in Wasser und Wein gegeben hat«, worauf dann nur
Wasser genommen wird. Der Herr sprach von dem Gewächs des
Weinstocks. Er stirbt am 12. Februar 1834. Man kann Schleier-
macher aus seiner Zeit verstehen: die christliche Wahrheit war
das Versuchsfeld für eigene Systeme, aber man kann ihn nicht mit
seiner Zeit entschuldigen. Er musste es wissen, dass sein System,
in dem der Glaube kein Interesse an der Persönlichkeit Gottes hat,
nicht der Wein der biblischen Wahrheit war. Und so steht am Be-
ginn des Jahrhimderts eine geheimnissvoU verschleierte Truggestalt,
die unzählig Viele getäuscht hat imd so einen imheimlichen, ver-
wirrenden Schein über die ganze kirchliche Entwicklimg geworfen.
Angeregt von ihm sind sowohl seine Linke, die vollen Schleiermache-
rianer, als seine Bechte, die mehr positiven Theologen. Nach seinem
Tode erschienen seine Werke: 1. Abtheilung: Zur Theologie. 2. Ab-
theüung: Predigten. 8. Abtheüung: Zur Philosophie. Als man 1868
das hunderigährige Gedächtniss seiner Geburt beging, wusste die
Theologie noch immer nicht, was sie an dem Manne habe. Es kam zu
ärgerlichen Streitigkeiten. Eine Berliner Zeitung erzählte ausführlich
sein Verhältniss zur Grunow. Eine wahre Ironie führte ihn auf der
anderen Seite als Bekenner des Wunderglaubens und Zeugen der
Auferstehung vor. Von Luther weiss jedes Kind, was er gelehrt
und dass er der Prophet Deutschlands war. Wer war 'Schleier-
macher? Man kann hier nicht die Bemerkung unterdrücken: was
hätte Janssen aus dem Leben Luthers gemacht, hätte er dazu den
Stoff aus Schleiermachers Leben nehmen können! Hier zeigt
sich aber der Unterschied der Jahrhimderte: in dem einen wirkt
Gottes Wort imd Geist im geängstigten Gewissen eine Macht der
Weltumgestaltung, in dem unsrigen wirkt nur ein religiöses Gefühl,
welches bei aUer systematischen Virtuosität in ethischen Fragen
doch für das praktische Leben die Sittengebote nicht genau nimmt
und keine wahre Erafb für die Gemeine wird: die Signatur der
ganzen folgenden Entwicklung*).
*)^ Welch ein Unterschied zwischen dem brieflichen Verkehr Luthers
mit seinen Freunden und dem von Schleiermacher mit den seinen I In dem
neuerdings herausgegebenen Briefwechsel Schleiermachers mit dem Grafen
zu Dohna findet man auch nicht einen christlichen Gedanken.
Die Union. 19
Viertes Kapitel.
Die Union.
Literatur: Hering, Geschichte der kirchlichen ünionsyersuche, 1836-88.
Nitzsch, Urkundenbuch der evangelischen Union, 1854. Jnlius
Müller, die evangelische Union, 1854. Schenkel, der Unions-
berof des evangelischen Protestantismus, 1855. Wange mann.
Sieben Bücher preussischer Eirchengeschichte, 1859. Nagel, der
Kampf der evangelisch -lutherischen Kirche in Preussen seit Ein-
führung der Union, 1809. Brandes, Geschichte der kirchlichen
Politik des Hauses Brandenburg, 1872—78. Pinscher, Union und
Eonfession, 1878. Mücke, Preussens landeskirchliche Unionsent-
Wicklung, 1879. Fabri, kirchenpolitische Fragen der Gegenwart,
1866. Die Unions- und Verfassungsfrage, 1877. Wangemann,
die lutherische Kirche der Gegenwart in ihrem Verhältniss zur
Una Sancta, 1888—84.
Es waren wesentlich die Einflüsse der die ganze Zeit wunderbar
durchziehenden Anregungen zu heilsam Neuem, die den edlen, schlich-
ten, in den Leiden der Franzosenzeit geprüften und durch die Errettung
von der Hand der Dränger gehobenen Friedrich Wilhelm IIL,
der Freude an dem Studium Luthers gewann, und durch einen Be-
such in England, wo er die einige Nationalkirche sah, angeregt war,
aas Veranlassung des Eeformationsjubüäums am 27. September 1817*)
zu einer Kabinetsordre bewogen, in welcher er die Aujfforderung
aussprach, die bevorstehende Säkularfeier durch einen Anfang zur
Wiedervereinigung der Lutheraner und B.eformirten würdig zu be-
gehen. Dies läge in dem Sinne seiner Vorfahren, wäre nur durch
den unglücklichen Sektengeist verhindert worden; das sei möglich
unter dem Einfluss jenes besseren Geistes, welcher das Ausserwesent-
lißhe beseitige und die Hauptsache im Christenthum, worin beide
Eonfessionen einig seien, festhalte ; das sei den grossen Zwecken des
Chiistenthums gemäss, entspreche den ersten Absichten der Refor-
matoren und liege im Greist des Protestantismus; viele Beformen in
Kirchen und Schulen, welche bisher durch den Unterschied der Kon-
fessionen gehemmt worden seien, würden dann möglich werden; wenn
beide Theüe ernstlich wollten, eine neue, belebte evangelische Kirche
im Geiste ihres Stifters wollten, stehe kein Hindemiss entgegen;
aber er sei weit entfernt, diese Union aufdrängen zu wollen, die nur
Werth habe, wenn weder Ueberredung noch Lidifferentismus Theü
daran hätten; er selbst werde das Fest durch Abendmahlsfeier in
der vereinigten lutherischen und reformirten Gemeinde in Potsdam
*) Delbrück, Die Jubelfeier der Reformation, 1^17.
20 Viertes Kapitel.
begehen. Eine Synode zu Berlin, welche 1817 unter Schleier-
machers Vorsitz tagte, entschied sich daför und schlug nach dem
Vorbild der Brüdergemeine einen gemeinsamen mittleren Ritus vor:
den Gebrauch des Brotbrechens und die Distributionsformel: Christus,
unser Herr, sprach: Nehmet hin und esset u. s. w. In den Lehren
der Konfessionen sollte nichts geändert werden; von einem üeber-
tritt zu einer anderen Kirche sei nicht die Eede. Der Anfang der
Union ist also dieser: eine neubelebte evangelische Kirche mit zu
Eecht bestehenden Konfessionen. Die Union kein Konfessionswechsel.
Hierin lagen die Samenkörner der unheilvollsten Händel, die die
Kirche bis auf die Gegenwart nicht haben zur Ruhe kommen lassen.
Ein Bild wüster Verwirrung entrollte sich mehr imd mehr. Gewiss
der König hat nicht in Gleichgültigkeit den Akt vollzogen: er stand
unter dem Drang einer warmen Belebung, die die Zeit durchzog,
aber doch ohne wirklichen Beruf; kein Mann zu einer solchen That,
zu der er auch in dem Bischof Eylert*) und dem Minister Alten,-
stein keine befähigten Gehilfen hatte. Mit Wohlwollen griff er ein
Werk an, dessen Schwierigkeit er nicht verstand und das in seinem
ganzen Verlauf nur die grossen geschichtlich gewachsenen Aeste des
Reformationsbaumes brechen und knicken sollte.
Recht hat Landerer: »Dass dem König damals die Union als
eine reife Frucht des Zeitalters zugefallen, ist in keiner Beziehung
wahr. Zu früh war diese Union, weil sie in eine Zeit fiel, wo man
erst wieder anfing, auf das ursprüngliche Wesen des Protestantismus
sich zu besinnen; zu früh war die Union, weil die Strömung des
dogmatischen Indifferentismus noch zu stark war, während sie der
beginnenden restaurationistischen Tendenz nicht in ihrer Schwachheit
geMlen konnte. Die Union war nicht dem Willen ihres Stifters
nach, aber ihrem Wesen nach indifferentistisch und absorptiv und
warf durch das ganze Jahrhundert den bitteren Zankapfel.« Die
Gleichgültigkeit hat sie anfangs begrüsst. Einsam war die Stellung
von Harms**) in Kiel, der seine 95 Thesen gögen sie aufstellte:
eine Weissagung aller Händel der Zukunft. »Herrlicher als die
reformirte und katholische Kirche ist die evangelisch- lutherische
Kirche. Sie hält und bildet sich am Sakrament wie am Worte
*) Von ihm: Gharakterzüge mid historische Fragmente aus dem Leben
des Königs von Preussen, Friedrich Wilhelm HL 1842—1846.
**) üeber ihn haben Baumgarten 1885, Kaftan 1875, und Lüde-
manD 1878 geschrieben. Von ihm selbst ist auch eine Lebensbeschrei-
bung vorhanden, 2. Auflage 1851.
Die Union. 21
Gottes.« Das Wahre lag in ihnen, dass geschichtliche Kirchen nicht
durch eine Eabinetsordre ihre Scheidewand verHeren.
Die Union ging ihren verhängnissvollen Weg weiter, als 1821
die prenssische Hofagende als ein eigenes Werk des Königs er-
schien, zu dem er seine besten Stunden benützt hatte, umgeben von
allen möglichen Agenden aus Deutschland, und nun ihre Annahme
überall empfohlen imd befohlen, gewünscht und aufgezwungen wurde.
Sie fend nicht viele Freimde, obwohl sie der König selbst schlicht
und liebevoll in der Schrift: Luther in Beziehung auf die preussische
Kirchenagende vertheidigte. Auch Schleiermacher schrieb 1824
ein »Theologisches Bedenken« gegen sie, mit Theilnahme für die
Bedürfnisse der reformirten Gemeinen. Als Pacificus Sincerus wollte
er nichts von dem liturgischen Eecht deutscher Landesförsten wissen.
In dem »Gespräch zweier Christen« folgte noch eine schärfere Kritik,
obwohl er den König als Verfasser der genannten Schrift kannte.
Die Agende war im Gegensatz gegen viele rationalistische Formulare
etwas viel besseres, aber die Weise, wie sie eingeführt wurde, ist
ein wahres Jammerstück byzantinischer Ho^oHtik. Man erzwang
überall den Schein des Gehorsams und verführte die Schwachen.
Der Direktor des Brandenburgischen Konsistoriums Hess sich ins
Finanzministerium versetzen, weil er den Jammer des Unionsschachers
nicht mehr ansehen wollte. Der König, eigensinnig und gereizt, stritt
mit persönlicher Liebhaberei für sein Werk. Als sie im Jahre 1830
bei dem dreihundertjährigen Jubüäum der Augsburgischen Konfession
Gesetz und ziemlich allgemein angenommen wurde, rief sie auf einer
Seite die erbittertste Opposition hervor. In Breslau war ihr Führer
der Professor Scheibel, Prediger an der Elisabethkirche, ein hart-
näckiger, aber in der Hauptlehre der lutherischen Konfession wohl
er&hrener Mann. Der König war ihm bitterböse und bewirkte 1832
seine Entlassung. Der Philosoph Steffens, der Romantiker unter
den Lutheranern,*) der Jurist Huschke organisirten den Widerstand.
Letzterer lehrte mit entschiedener BQarheit: das Kirchenregiment ist
juris divini.
1884 erschien die königliche Versicherung, dass mit der Union
keine Konfessionsunion beabsichtigt sei. Diese drücke nur den Geist
der Milde und der Mässigung aus, welcher die Verschiedenheit ein-
zebier Lehrpunkte der anderen Konfession nicht mehr als den Grund
gelten lässt, ihr die äussere kirchliche Gemeinschaft zu versagen.
Granz unchristlich wäre es, zu gestatten, dass die Feinde der Union
*) Wie ich wieder Luthersmer wurde. 18S\.
22 Viertes Kapitel.
im Gegensatz zu den Freunden derselben sich als eine besondere [
Beligionsgesellschaft konstituiren könnten. Dies betrieb man aber \
ganz entschieden in Schlesien. Es galt dem König als politische '
BebeUion. Es kam gegen die Lutheraner zu Gewaltthaten, nament-
lich bei dem Pfarrer Kellner in Hönigem; das ihnen bereitete
Martyrium, eines der wenigen, die das Jahrhundert kennt, war ein
grosser Fehler. Man gab den Leidenden den Schein, dass sie für
das Biblische und Evangelische litten. Neuerdings hat Wangemann
in seiner CJna sancta diese Vorgänge anders beleuchtet als in seiner
preussischen Kirchengeschichte, aber nicht ohne heftigen Widerspruch.
Als die ausgepföndeten und eingekerkerten Lutheraner müde den
Stab der Auswanderer ergriffen, betrübte dies den König; er soll
sie sogar heimlich unterstützt haben. Aehnlich traurig waren die
Vorgänge im Wupperthal. Der Bischof Boss, der Bevollmächtigte
des Königs, drohte mit Absetzungsschematen, die er schon in der
Tasche habe. Ein BedürMss der Union lag nirgends vor. Der
Frieden der Gemeinen wurde schwer geschädigt. G. D. Krum-
macher warnte; auf den Synoden hatte man tausend Bedenken;
Petitionen gingen an den König. Dennoch wurde 1835 zugleich mit
der rheinisch-westphälischen Kirchenordnung die Agende aufgezwungen,
wenn auch bald darauf für die reformirte Gemeinde die kleinere
Agende bewilligt wurde. Auch hier trat eine kräftige Losscheidung
ein, die nachher zu der Bildung der blühenden niederländisch-refor-
mirten Gemeine führte. Mit Becht sagten erfahrene Männer: der
Niedergang des Wupperthals schreibt sich von 1835 her: da sank
die Autorität der altväterlichen Kirche.
In Schlesien bildete sich 1835 die Synode der streng lutherischen
Freikirche, gegen die die Eegierung später nachgiebiger wurde. Sie j
erhielt am 23. Juli 1845 von Friedrich Wilhelm IV. die G^neral-
konzession und hat in der neuesten Zeit, nachdem der Jurist Hu schke
(t 1886) sie lange Zeit glücklich regiert, auch wieder nach Streitig-
keiten über das Kirchenregiment in sich Separationen (Immanuels-
synode) erlebt: noch immer in kleinen Gemeinen auch ausserhalb
Schlesiens zerstreut und einmal noch in Elberfeld durch die Trennung ;
des Pastors Feldner sich vermehrend. Die Breslauer Synode zählt ■
gegenwärtig 57 Geistliche. 1856 hat auch Baden eine lutherische ]
Separation gesetzlich anerkannt. Pfarrer Eichhorn in Korbach hatte
für dieselbe Bande und Trübsale aller Art erleiden müssen. Auch
in Sachsen entstand eine evangelisch-lutherische Freikirche.
Von Preussen aus durchzog die Union Deutschland, überall ge-
tragen von dem Geist der Gleichgültigkeit. Man zerstörte nach der
Die Union. 23
lierrschenden Mode grosse historische Kirchen, als man sie vereinigen
wollte. In Nassau 1817, in Bheinbayem 1818, zu gleicher Zeit in
Hanau, in Anhalt-Bemburg 1819, in Waldeck-Pyrmont 1821, damals
axLck in Baden, in Darmstadt 1823, in Hüdburghausen 1824, in
Liditenberg 1825, in Anhalt-Dessau 1827. Am naivsten wurden in
Württemberg die reformirten Waldensergemeinen untergesteckt; König
Wilhelm dekretirte 1820: »Ich will, dass die Vereinigung bewirkt
werde«.
Als 1840 Friedrich Wilhelm IV.,*) dieser hochbegabte, feinsinnige,
wohlredende Monarch von schwärmerischem Idealismus und doch
dabei von kritischem Scharfblick, der ihn bald die Menschen über-
sehen Hess, von wahrer Herzensgüte, einer der liebenswürdigsten
und unglücklichsten Fürsten, »er der Alles hatte, nur keine glück-
liche Hand,« den Thron bestieg, war er kein besonderer Freund der
Friedensstiftung seines Vaters. Er hat die rheinisch -westphälische
Kirchenordnung von 1835 ein unglückseliges Werk genannt. Um die
Union kirchlich mehr zu befestigen, wurde 1846 eine General-
synode nach Berlin berufen. Sie bestand aus 37 geistlichen und
38 weltlichen Mitgliedern. Den Vorsitz fährte der Kultusminister
Eichhorn. Ueber die Lehr&age referirte Nitzsch, dass die Union
auch eine der Lehre sein müsse, natürlich nur fär die Fimdamental-
«rtikel. Aehnlich äusserte sich Julius Müller. Der für die Ver-
&ssungsfrage gestellte Beferent Stahl beantragte eine Kirchenver-
&ssung, in welcher die Konsistorialverfassung mit der Presbyterial-
verfessung verschmolzen sei. Das abgefasste Ordinationsformular,
wonach nur auf die Grundwahrheiten verpflichtet werden sollte,
wurde von den positiven Mitgliedern bekämpft; ihre Gegner wollten
nur den Glauben gepredigt haben ohne bestimmten Lehrinhalt.
Kahnis hat das Formular eine Jammergeburt der Doktrin genannt;
Hengstenberg wurde durch dasselbe noch mehr ins lutherische
Lager getrieben. Praktische Erfolge hatte die Synode nicht. **) Der
edle König hat damals den Gedanken ausgesprochen, der ihn sein
Lebenlang beschäftigte: die evangelische Kirche kann ihrer Mission
*) Bänke in der deutschen Biographie und v. Beumont: Aus König
Friedrich Wilhelm IV. gesunden und kranken Tagen, 1885. Seine
Gebete sind auch neuerdings veröffentlicht worden. Von seiner vortreff-
lichen Gattin Elisabeth von Bayern erzählt Otto Strauss, 1875. Auch
Lndovica Hesekiel, 1881.
**) Julius Müller, die erste Generalsynode der evangeL Landes-
kirche Preussens. Breslau, 1847. Wiese, Lebenserinnerungen, 1886.
Seite 113.
24 Viertes Kapitel.
Bur gerecht werden, wenn sie immer wieder an die apostolischen
Zeiten anknüpft. Die Zuflucht zu dem lutherischen Bekenntnisse zu
nehmen, dazu veranlassten auch die »lichtfreundlichen Gemeinen
der protestantischen Freunde,« die sich in der Provinz Sachsen
unter der Leitung der Pastoren Uhlich in Magdeburg und Wisli-
cenus in Halle bildeten und sich mit den Ueberresten der Deutsch-
katholiken als freie religiöse Gemeinen später vereinigten.
Uhlich*) lebte in stetem Kampf mit den Behörden und stand oft
als Angeklagter vor Gericht. Die Magdeburger nahmen ihn in ihrer
Religionslosigkeit in Schutz. Göschel wurde eines Abends sogar
von einer Deputation von 100 Frauen mit Bitten bestürmt, sie vor
dem kirchlichen Formelzwang zu bewahren. Wislicenus entschied
sich in seiner Schrift: Ob Schrift, ob Geist? (1845) gegen die Schrift
als Norm für den in der Menschheit fortlebenden Geist der Wahr-
heit. Der Berliner Magistrat trat für den seines Amtes entsetzten
Mann ein und empfing vom König eine Büge. Die Beligion und
Politik vermengenden Volksversammlimgen wurden verboten. Die
freien Gemeinen, die zusammentraten, erhielten 1847 freie Religions-
übung.**) Uhlich, seines Amtes suspendirt, weil er die Angriffe
gegen die Landeskirche nicht unbedingt aufgeben wollte, hat eine
anfänglich grosse Gemeine gegründet, die nachher — wie er selbst
— verkümmerte. Bald ging das ganze unreine Treiben in den
Taumel von 1848 über. 1879 zählte der »Freireligiöse Kalender«
noch 144 Vereinigungen in Deutschland. 1885 wurden von 109
Städten mit Gemeinen 17 gestrichen. Als sich Friedrich Wilhelm IV.
aus den traurigen Niederlagen der Revolutionszeit wieder aufgerafft
hatte, hat er sich auch über die Union in widerspruchsvollen Ka- i
binetsordren geäussert. Nach der vom 6. März 1852 hatte der
Oberkirchenrath die Aufgabe, die evangelische Landeskirche sowohl
in ihrer Gesammtheit zu vertreten, als auch das Recht, die verschie-
denen Konfessionen zu schützen. Wo die Entscheidimg nur aus
einem der beiden Bekenntnisse geschöpft werden kann, tritt eine itio
in partes ein. Am 12. Juli 1853 erging gegen Missverständnisse
die Erklärung, dass es nicht die Absicht des Königs sei, durch kon-
fessionelle Sonderbestrebungen die Ordnung der Kirche zu unter-
graben und den Unionsritus aufzuheben. Am 11. Oktober 185S
*) Er hat sein Leben selbet beschrieben. 1872.
**) Baltzer, Delitzsch- Halle -Nordhausen, oder mein Weg aus der
Landeskirche in die freie protestantische Gemeine, 1847. Guericke,
LichtAreundethum und Kirchenthum, 1847. Pröhle, Feldgarben, 1841.
Die Union. 25
wurden dann wieder die strengen Lutheraner beruhigt. Die Ver-
wirrung stieg. Die Novemberkonferenz in Monbijou verlief resul-
tatlos. 1857 brachte die Parallelformulare mit ihrer grösseren Frei-
heit in der Liturgie.
Die Unionsstimmung wurde neu belebt durch die dritte Ver-
sammlung der »Evangelischen Allianz« in Berlin, wo der König
seinen alten Freund Bunsen, der inzwischen weit nach links abge-
schwenkt hatte, herzlich begrüsste, was den Vertreter des Luther-
thums im Oberkirchenrath, den Juristen Stahl, bewog, seinen Ab-
schied von dieser Stellung zu nehmen. Die genannte Evangelische
Ania,Tiz ist ein von London ausgegangener Bund, der in den Gross-
städten berühmte und besuchte Versammlungen abhält und zum
Beginn ides Jahres eine internationale Gebetswoche eingeführt hat.
Man kam 1851 in London, 1855 in Paris, 1857 in Berlin, 1861 in
Genf, 1867 in Amsterdam, 1878 in Newyork, 1879 in Basel, 1884
in Kopenhagen, 1885 in Glasgow zusammen. Wir müssen hier einen
Blick auf zwei Männer werfen. Friedrich Julius Stahl (geboren
16. Januar 1802 zu München, f 1861) trat vom Judenthum zum
Christenthum über und wurde durch seine wunderbare Begabung
der wohlredendste Mund dieses Jahrhunderts, der Führer des ihm
lauschenden Herrenhauses, der Vicepräsident der Kirchentage und
Pastoralkonferenzen. Ein scharfsinniger Jurist und berühmter ßechts-
lehrer, ein feinsinniger Dialektiker, war er mächtiger als seine Gegner.
Die .Wissenschaffe muss umkehren; Autorität, nicht Majorität: das
waren seine Losungsworte. Nur das konfessionell lutherische Christen-
thum bildet einen Damm gegen die Revolution. In seinem Buche
über die lutherische Kirche und Union zeigte er grosse Unkenntniss
der reformirten Lehre und trug romanisirende Ideen vor: immer in
lichtvoller, bestechender Darstellung. Ein bedeutender Geist, aber
kein echter Protestant. Es war doch ein Irrthum, als er einmal
begeistert im Herrenhause ausrief : Ich kenne kein griechisches, kein
katholisches, kein protestantisches Kreuz, sondern nur ein Kreuz,
das auf Golgatha steht. Ohne das Licht der Reformation fehlt ihm
die Deutung. Gunz anders war Christian Karl Josias Ritter
von Bunsen.*) 1884 Gesandter der preussischen Regierung am
päpstlichen Hofe, dann in London und Bern, lebte er von 1854 bis
zum Jahre 1860 in freier schriftstellerischer Muse in Heidelberg imd
*) Sein Leben, von seiner Wittwe (deutsch von Nippold) 1868-1871,
Freifrau von Bansen. Ein Lebensbild von Hare (deutsch von Hans
Tharau) 1883.
26 Viertes Kapitel
Bonn. Auf allen Grebieten sich leicht zurechtfindend, ebenso ein
Diplomat wie ein Historiker und Theologe, der im egyptischen und
kirchlichen Alterthum, in den Fragen des Gesangbuches und der
Liturgie gelehrte Kunde zeigte, mit dem edlen König in Briefwechsel,
doch nicht von der Nüchternheit desselben,*) trat er mehr und mehr
der Kritik und dem Liberalismus nahe und wollte in den »Zeichen
der Zeit« (1855) die Reaktion bekämpfen. Seine biblischen Arbeiten
zeigen doch viel Dilettantismus. »Seine ganze politisch - kirchliche
und literarische Thätigkeit seit 1848 zeigt nicht sowohl eine Ent-
wicklung, als die unablässige Wandlung seiner Ideen und erklärt
die immer zunehmende Divergenz zwischen denselben und denen des
Königs. .Friedrich Wilhelm IV. hat dasjenige Werk, welches Bunsen
als Schlussstein seiner ganzen Laufbahn ansah, das Bibelwerk für
die Gemeine, nicht erlebt, an welches er nach dem Aufhören seiner
diplomatischen Thätigkeit alle seine Kraft setzte. Wer weiss, ob er,
dem Ende seiner Tage nahe, Sammlung genug gewonnen hat, um
den Unterschied zwischen seinen Anschauungen, ich möchte sagen
zwischen seinem Ich vergangener Tage und dem Standpunkt zu er-
kennen, auf welchem er in trauriger und unabweislicher Konsequenz
angelangt war. Derjenige Theil dieser umfassenden Arbeit, welcher
deren Abschluss bilden sollte : das Leben Jesu, war entworfen, aber
nicht überarbeitet, als er abberufen wurde. Selten hat die Lektüre
eines Buches mich so traurig gestimmt wie die letzte Grsbe eines
Mannes, dessen Geist und Herz mir ungeachtet aUer Gründe unserer
Disharmonie Anerkennung auflegten und Zuneigung einflössten. An
den Schluss gelangt, habe ich ihm schmerzlich fragend nachgeblickt
auf dem Nebelpfjade, auf dem er seinen gekreuzigten und nicht ge-
storbenen und somit nicht auferstandenen Weltheiland verschwinden
lässt.« So der feinsinnige v. Reumont über Bunsen. Tholuck
hat gemeint, er wäre einer der liebenswürdigsten Menschen, Bis-
marck in seiner derben Offenheit, er sei einer der verlogensten ge-
wesen, die er kennen gelernt. Neben Stahl und Bunsen ist auch
V. Bethmann-Hollweg zu nennen, umsomehr, als evangelisch
empfindende Laien so selten in der Gegenwart sind. Ein vortreff-
licher Rechtslehrer, zwei Jahre auch Kultusminister in Berlin, hat er,
eine edle und feine Natur, Kirchentagen präsidirt und die Sache der
Union vertreten. In seinem schönen Sitz Rheineck bei Andernach
konnte er seiner Kunstsinnigkeit sich freuen und bis zuletzt gelehr-
*) Aas dem Briefwechsel Friedrich Wilhelm IV. mit Bansen. Von
Leopold von Eanke, 1878.
Die Union. 27
ten Forschungen leben, stets aber auch ein warmer Freund der
evangelischen Kirche. .
Wie Hegel und Schleiermacher täuschten, so blieb auch
nach dem Charakter des Jahrhunderts die Union die Sphinx, deren
Bäthselspruch Niemand deuten konnte. Leo hat sie mit Becht das
Zugpflaster der Eonfessionen genannt. Der uniformirende Einfall
des Königs hatte drei Kirchen gebildet und die unirte bot am Ende
der fünfziger Jahre eine »Weinkarte« von Konfessionen aus.
Die Gegensätze von Union und Konfession trieben zur Bildung
von Vereinen, die die Gesinnimgsgenossen zu festen Körpern sam-
meln v^ollten. Die Lutheraner schufen einen Centralverein (1851),
dem der mit Mühe dem Hegelthum entronnene Göschel präsidirte,
jetzt ein Anhänger der Concordienformel. In allen Provinzen hatte
er Zweigvereine. Die Union rief dagegen ihre Zusammenkünfte ins
Leben. Während in Preussen die Wagschale schwankte, kamen in
Sachsen, in Bayern, in Mecklenburg und in Hannover die Lutheraner
zum Begiment.
Die Kirche lag in schmerzlichen Wirren, als einer der frömmsten
Fürsten, die den Thron der Hohenzollem innegehabt, am 2. Januar
1861 nach dunklem Leid zu seinen Vätern versammelt wurde'*').
Für seinen Nachfolger Wilhelm I. ist ein Wort bezeichnend,
das er einst als Prinz-Regent zu Daniel von der Hey dt, dem
Aeltesten der niederländisch-reformirten Gemeine, gesagt hatte: »Mit
Au£aierksamkeit habe ich die niederländisch-reformirte Gemeine imd
die Altlutheraner beobachtet und ich nehme keinen Anstand Ihnen
zu sagen — Sie wissen es, dass solche sich absondernden Gemeinen
meinen innersten Grundsätzen, meinen eigensten Prinzipien diametral
entgegen sind. Wir streben die Union an. Aber verschieden ist
meine persönliche Ueberzeugung von dem, was ich als Landesherr
als meine Pflicht erkenne. Ich werde schützen, was besteht und
wenn man ihnen etwas nehmen wollte, rechnen Sie auf meine Pro-
tektion«. Bekannt sind seine Worte bei dem Antritt seiner Re-
gierung : »Die Orthodoxie ist dem segensreichen Wirken der evange-
üschen Union hinderlich gewesen; die Aufrechthaltung derselben ist
mein fester Wille ; alle Heuchelei, alle Scheinheiligkeit, kurzum alles
Kirchenwesen als Mittel zu egoistischen Zwecken ist zu entlarven,
was es nur möglich ist«. Als man von Seiten der Liberalen diese
Aeusserungen benützte, hat er doch wieder den grossen Werth der
*) Wagner, die Politik Friedrich Wilhehna IV., 1883. Von dem-
selben: Erlebtes und die kleine aber mächtige Partei, 1884.
28 Viertes Kapitel.
Religion bezeugt. Er ist auch hierin conservativ geblieben. Wie
sein Bruder ein Freund des Oberho^redigers Hoff mann und posi-
tiver Kollege desselben, betonte er überall die Union, und wurde er
unangenehm berührt, wenn ihn ein reformirter Pastor in Bentheim
als reformirten Fürsten begrüsste, so dachte er keineswegs im Sinne
des Protestantenvereins, der ihm mit seiner Leugnung der Gottheit
Christi den christlichen Glauben zerstörte. »Denn wenn wir daran
nicht festhalten, so sind wir keine Christen mehr.« Er hat bestimmt,
dass §. 79 des Reichs-Civilehe-Gesetzes lautet: Die kirchlichen Ver-
pflichtungen in Beziehung auf Taufe und Trauung werden durch
dieses Gesetz nicht berührt. In seinem Vorbüd der Gottesfurcht,
in seinen erhebenden Bekenntnissen in den glorreichen Jahren 1870
und 1871, in seinem herrlichen Schreiben an den Papst, in vielen
wohlwollenden und nüchternen Worten ist er, der Nachkonmie
Coligny's, ein evangelischer Fürst: der, auf dem sich alle die
Segnungen der Armen und Elenden sammelten, die einst Branden-
burg in der Noth ihres Glaubens als Zufluchtsstätte gefdnden hatten:
ein wunderbar glücklicher Mann, der Ruhm der Zeit, der Gegenstand
allgemeiner Verehrung. Selbst Gegner haben gerührt in das milde
Angesicht des hohen, jetzt neunzigjährigen Greises geblickt. Noch
1887 am 1. Januar sprach er es aus: Mein tiefbewegtes Herz
strömt über von Dank für die Gnade des allmächtigen Gottes. Am
denkwürdigen 22. März 1887 dies Wort: es ist Gottes Wille, dass
ich so alt geworden bin.
Die Versuche des Königs mit dem Ministerium von v. Beth-
mann-HoUweg scheiterten; der Minister war so weit gegangen,
den Dissidentengemeinen selbst dann den Religionsimterricht zu
überlassen, wenn den Kindern auch die Zehn Gebote nicht vorge-
halten würden; ein Mann strengerer Richtung, v. Müh 1er, kam an
seine Stelle*). Die konfessionelle Partei, niemals ermattet, trat bei
den Streitigkeiten der Krone mit dem Landtag mit einer Adresse
vor den Landesherm, die dieser tadeln musste: weü die für die
Opposition verweigerte Fürbitte ja gerade hier am rechten Platze
wäre. Die ausbrechenden Kriege erleichtem das Schicksal der schles-
wigschen Protestanten, aber in den neuen Provinzen erwachte mit
ihrem Gegensatz gegen die Herrschaft der Hohenzollem auch der
Gegensatz gegen die Union. Der literarische langweilige Hader be-
gann aufs Neue. Der Minister von Mühler erklärte sogar, dass
*) Ueber die Kultusminister v. Raumer, v. Bethmann-Hollweg,
F. Mühler imd Falk vieles bei Wiese, Lebenserinnermigen, 1886.
Die Union. 29
es in Preussen noch eine reformirte Kirche, die französisch-reformirte,
gebe, und dass auch noch die Hohenzollem reformirt wären, da ja
die Union kein Konfessionswechsel, was nachher auch ein Beschluss
des Beichsgerichts bestätigte. Es ist doch nur viel geschrieben
worden, am besten von Missionsinspektor Fabri in Barmen; es
blieb beim rechtlichen Bestand in Hannover, Schleswig-Holstein und
Hessen; Nassau brachte ja schon eine Union mit einem seichten
Katechismus entgegen. Man hatte über die aussaugende Polypen-
omarmung der Union geklagt. Vilma.ria.uer haben sich in Hessen
als Renitenten von der durch die Union befleckten Kirchenbehörde
getrennt. Doch spalteten sie sich selbst wieder und die Zahl der
renitenten Pfarrer sank auf 14. Die neuen Provinzen wurden dann
1867 direkt dem Kultusministerium unterstellt, und wehren sich,
wenn es einmal gut, ihres Konfessionsstandes. Der Kampf um die
Union wird schwächer: es ist der vergeblichen Mühe auch genug
gewesen. Die Konfessionellen im alten Preussen haben sich mit
ihr versöhnt, wenn auch die lutherischen Conferenzen noch zuweilen
poltern. Bei dem Kampf um die Existenz mit Bom, der uns bevor-
steht, sollte eigentlich jeder innere Kampf schweigen.
Der greise Kaiser hat bei dem Schluss der 2. ordentlichen Ge*
neralsynode die Worte ausgesprochen: »Der Himmel hat mich die
Zeit meines Lebens mit Wohlthaten und Gnade überhäuft, nament-
lich in meinem hohen Alter. — Das grosse Werk, das vor unseren
Augen vollbracht ist, wird fernerhin nur bestehen, wenn sein Fun-
dament bleibt: Reinheit der Religion — Fortschritt in jedem guten
Werk!«
Fünftes Kapitel.
Die Theologen der Union,
Es ist eine Anzahl angesehener Männer, die die Union zu ihren
Pflegern gehabt hat, aber die drei Grundwahrheiten der Reformation:
die Freiwahl der Gnade, die Knechtschaft des menschlichen Willens
und die Gerechtsprechung des Gottlosen haben sie nicht erneuert.
In halben Vermittlungen ist man stehen geblieben oft mit stolzen
Worten, denn man gedachte alles zu erneuern. In Bonn und Berlin
lehrte Karl Immanuel Nitzsch, Professor und M\t^l\ftd dft% 0\i«t-
30 Fünftes Kapitel.
kirchenrathes (f 21. Angast 1868) mit heraklitischein Dunkel und
schwerfälliger Sprachform in vornehmer Feierlichkeit. Sein System
der christlichen Lehre (6. Aufl. 1851) war ein vielgelesenes Bnch;
für die Union hat er ein Urknndenbuch herausgegeben. Schleier-
macher hat Nitzsch als den bezeichnet, von dem er am Uebstea
sich wollte loben und tadeln lassen. Hat man ihn einen Sp^iar
des 19. Jahrhunderts genannt, so doch mehr im Dienst der Rhetorik,
als der Wahrheit. Durch Freilassung und Freiheit wollte er zum
rechten kirchlichen Leben gelangen und geht er darum in seinen
YerfiEtösungsgedanken von der Einzelgemeine aus als der Kirche im
Kleinen. Bief man ihm zu: Union, dein Name ist Zweideutigkeit,
so antwortete er: Bekenntniss, dein Name ist Zauber. Er war eine
hohe, ehrfdrchtgebietende Erscheinung und ein Hauch von Andacht
flog durch den gefüllten Lehrsaal, wenn er das E[atheder betrat
Diese wuchs bei Manchen, wenn sie nicht verstanden, was er sagte,
hatte er doch selbst zuweilen dies Gefiihl bei seinen Predigten, dass
von allen Zuhörern nun kein einziger mehr ihn verstehe. Im Früh-
jahr 1867 erschien der letzte Theil seines grossen Werkes: Praktische
Theologie. Gegen Ende seines Lebens verfiel er in ein Traumleben,
in dem er sich plötzlich in eschatologischen Beden äussern konnte.
Sein Panegyriker Beyschlag hat eine Lichtgestalt aus dem Mamie
zeichnen müssen (1872), der jetzt schon weit hinter uns liegt und
den auch das leere Schrifbchen von Her mens (1886) nicht popu-
larisiren kann, da er niemals populär war.
Isaak August Dorner, ein Württemberger, 1861 Ober-
consistorialrath und Professor in Berlin (f 1884), hat eingehende
Forschungen über die Entwicklungsgeschichte der Lehre von der
Person Christi, eine Geschichte der protestantischen Theologie (in
dieser dem katholischen Mitarbeiter auf seinem Gebiet weit über-
legen) und zuletzt auch eine christliche Glaubenslehre geschrieben
und war mit seinem schwäbischen Landsmann, dem Oberhoi|)rediger
Wilhelm Hoffmann*), der das voEe Vertrauen Friedrich Wil-
helm IV. und ebenso ' seines Nachfolgers besass, von grossem Ein-
flüsse für die unionistischen Ideen. Einer der Hauptvertreter der
sogenannten »Vermittlungstheologie«, mit seinem vertrauten Freunde,
dem Bechtslehrer Emil Herrmann, auf Kirchentagen eifrig thätig**).
Auch Dorner hat einen Jesus »voU von Frieden und von unge-
*) Sein Leben, von seinem Sohne, 1877 — 80.
**) Ueber beide Männer eine Qedächtnissrede von v. d. Goltz,
188S.
Die Theologen der Union. 31
störier Heiterkeit« gezeichnet, der nichts gemein hat mit dem, der
für uns zur Sünde gemacht wurde. Julius Müller*) in Halle
begründete seinen Buf als Dogmatiker durch das Buch: die christ-
liche Lehre von der Sünde (6. Aufl. 1878), in dem er wie in seinen
dogmatischen Vorlesungen und Arbeiten für die »evangelische Union«
ein synergistisches System aufstellte, mit dem er die Prädestinations-
lehre bekämpfen wollte und das für die Bäthsel der persönlichen
Schuld zuletzt in einem vorirdischen Fall der Geister Hilfe suchte.
Die Wirkung desselben war doch nur die, dass sich wider Schrifb
und Beformation der Irrthum von der sittlichen Selbstbestimmung
des Menschen verbreitete: dieser grundstürzende Wahn der ganzen
modernen Theologie, als ob der Mensch, der aus böser Naturart
nicht wiU, auch anders wollen könnte. Er starb am 27. Sept. 1878.
Eine vornehme, feine Natur, die nicht gern die Schranken abgebrochen
sah, die sie um sich baute. Yiele Jahre war er krank und man
sah auf den Leidenden mit Theilnahme, wenn er durch die Strassen
Halles mit einem Buche ging, um im Freien zu lesen. Im Sinne
der Union wirkte auch, wenn auch mehr »Pectoralist« und fähig
den verschiedensten Bichtungen sich hinzugeben, der Vater der
neueren evangelischen Eirchengeschichtsschreibung, August Ne an-
der, jüdischer Herkunft, seit 1818 Professor in Berlin, wo er vielen
durch seine warme, liebevoll eingehende Weise das Verständnis der
kirchlichen Vergangenheit erschloss, die nach der trockenen und
aburtheilenden Weise des Bationalismus jetzt wieder verschieden-
artige Persönlichkeiten, individuelles, reiches Leben zeigte. Hase
hat seine Eirchengeschichte ein unsterbliches Werk genannt. Seine
allgemeine Greschichte der christlichen Beligion und Kirche, seine
Geschichte der Pflanzung und Leitung der christlichen Kirche durch
die Apostel und sein Leben Jesu waren einst weit verbreitete
Schriften, jetzt wenig gelesen, obwohl seine sämmtlichen Werke
nach seinem Tode noch einmal erschienen. Alles mit einer erbau-
lichen Tendenz nicht ohne Ermüdung und Einförmigkeit. Neuerdings
hat Jacobi in Halle die dankbare Erinnerung eines Schülers auf
sein Leben in verklärendem Glänze ergossen. Eine anima Candida^
die dem Gott der Hegelianer ein herzhaftes Pereat bringen konnte,
aber auch nichts von den Denundationen der Bationalisten durch
Hengstenberg wissen wollte; das Jahr 1848 erschien ihm anfangs
als eine grossartige Volksbewegung, denn wie vieles sah er aus
*) Ueber ihn Schulze, 1879, und Kahler, IS^Ä.
32 Fünftes Kapitel.
seiner Studirstube an! Er starb am 14. Juli 1850*) mit den Worten:
Ich bin müde, lasst uns nach Hause gehen. Von noch grösserer
Bedeutung als er war sein Schüler und Freund August Tholuck
in Halle. Er ist am 30. März 1799 in Breslau als Sohn eines
Gt)ldschmiedes geboren, wahrscheinlich polnischer Abstammung, was
etwas seinen verschlungenen und eigenartigen Charakter erklärt
Eine harte, liebeleere Jugend liess den im Hause einsamen Knaben
nach seinem brennenden Wissensdurst Tag und Nacht unzählige
Bände einer Leihbibliothek verschlingen; zu dumm um ein Gold-
schmied zu werden, überliess man ihn dann ganz seinen Büchern.
Ebenso hefÜg im Ehrgeiz wie in prickelnder Lust zum Seltsamen
und Unerhörten, von merkwürdiger Begabung für Sprachen begann
er ein wild wechselndes Studium derselben. Der nach Freundschaft
und Verkehr heiss sich Sehnende gab sich immerwiederkehrenden
Selbstmordgedanken hin, wenn er zurückgestossen , frohlockte aber
Timsomehr, wenn er von Mitschülern in liebevolle Gremeinschaft auf-
genommen wurde. Er häufb in grosser Menge ein ungeordnetes
Wissen auf, voll Feindseligkeit gegen das Christenthum , aber mit
Grott in stetem Verkehr, doch wie der, der ihm das Glück seines
Lebens abtrumpfen will und in dämonischem Trotze mit ihTn eifert.
Fast wie ein Faust erscheint er. Eine providentielle Leitung, die
vielfach sein Leben bestimmt hat, bringt ihn zu dem Orientalisten
von Diez in Berlin, nach dessen Tode zu dem Patriarchen Baron
von Kottwitz, der mit seiner Liebe das Eis seines Wesens schmilzt.
Gunz in pietistischer Wärme obwohl mit steter Neigung zu Häresien
wird er Professor in Berlin, ein Freund Ne anders und Hengsten-
Ijergs, Schleiermacher nicht angenehm, und geht nachher nach
Halle 1826, wo ihn Gesenius und Wegscheider leiden mussten.
Sein dortiges anfängliches Martyrium war doch ein sehr geringes,
er hat auch Complimente für den Eationalismus gehabt, als v. Ger-
lach und Hengstenberg den Zeitungskampf aufimhmen. 1828
und 1829 ist er vorübergehend Gesandtschafbsprediger in Bom. Bis
zu seinem Tode am 10. Juni 1877 hat er in Halle, als Professor,
Studentenvater und Oberconsistoriakath eine in aller Welt berühmte
Thätigkeit geübt. Er wusste es selbst, dass er »Herr Tholuck in
Europa« war. Er hat Vielen eine tiefe Anregung gegeben: sie bis
an den Weg des Heiles geleitend, aber von ihnen scheidend, wenn
5ie mit einem bestimmten Bekenntniss auf denselben treten wollten
*) Sein Leben yon Krabbe, 1852, und Rauh, 1866. Erinnerungen
an ihn auch von Schaff, 1886.
Die' Theologen der Union. 88
und ihn in diesem Sinne vollenden. Mit der Macht der Zärtlich-
bat für die ihm sympathischen jugendlichen Gemüther, aber anch
ndt dem Beiz der schädigenden Schmeichelei hat er die Studenten
in sokratischer Weise an sich gefesselt. Eine räthselhafbe dunkle
l^ator, die an sich selbst studirte, überall an Anderen mehr den
persönlichen Charakter liebte, als die theologische Richtung: mit
ladlidiem Hasse gegen jede Orthodoxie, in aUem ein grossartiger
Eklektiker, der selbst staunte über die Menge von Gelehrsamkeit,
die er mit sich schleppte. In seinen letzten Jahren voll wunder-
baren Spürsinnes die Schwächen der orthodoxen Alten zu notiren.
In diesen Forschungen schaut hinter jedem Strauch ein Satyr her-
?or. Yen Strauss auf den Tod verwundet, hat er den Schlag nie
J überwunden, obwohl er es zuletzt noch mit dem erwachenden Luther-
thum versuchte. Seine Schriften: die wahre Weihe des Zweiflers
(1828; 9. Aufl. unter dem Titel: die Lehre von der Sünde und dem
Versöhner, 1870), seine Erklärungen der Bergpredigt, des Römer-
biiefes, der Psalmen, seine Predigten haben eine für ihre Tage tief-
gehende Bedeutung gehabt. Auch seine geschichtlichen Studien,
obwohl vielfach anekdotenhaft und formell ungeordnet und unbequem,
haben für den Forscher den Werth wichtiger Quellen. Ein in
manchem riesenhaftes Talent, erfüllt es gerade bei ihm mit Weh-
muth, dass er nicht die hohe, heiHge EinÜEdt gehabt, sich den Wahr-
heiten der Schrift zu unterwerfen und so die Wichtigkeit seiner
Zeitepoche mit anderen Erfolgen zu krönen, als wie er sie selbst
mit seinem Schüler und langjährigen, ihn in systematischer Ordnung
ergänzenden Arbeitsgenossen Julius Müller erleben musste. Was
Schwarz und L an derer von ihm sagen, entspricht der Wahrheit*).
Mit Tholuck sein Leben lang befreundet waren der gemüthvoUe
viel gebrauchte Exeget Hermann Olshausen (der einst auch in
Königsberg in die muckerischen, mystischen Ideen des Herrn Schön-
berg und des Pastor Ebel**) verflochten war) und Eudolph
Stier***) (t 1862 als Superintendent in Eisleben), der, obwohl ein
Häretiker in der Lehre von der G«nugthuung Christi, in weit ver-
breiteten exegetischen Werken, namentlich in den »Beden des Herrn
Jesu« als ein besonders biblischer Theologe galt. Er hat sich stark
*) Sein Leben von Leopold Witte, 1884 und 1886. Vieles über
ihn anch. in Eilers: Meine Wanderang durchs Leben, 1856 — 61.
**) A. Dixon, Seelenbränte , 1868. Graf v. Kanitz: Auszug aus
der Schrift: Aufklärung nach Aktenquellen, 1864.
***) Sein Leben von seinen Söhnen, 1871.
Zfthn, Klrchengeschichte. 2. Aufl. ^
84 Ffinffces Kapitel
gegen die Anmassiingen des Lntherthmns in den nnlutherisdieE
Thesen ausgesprochen. Zu den vielen Freunden Tholucks, dieses
Virtuosen in der Freundschaft, gehörte auch der ehrwürdige Direktor
des Wittenberger Predigerseminars, Heinrich Leonhard
Heubner*). In Hannover wäre hier noch der Exeget Lücke in
Gröttingen **) , in Baden der Prälat Uli mann***) zu erwähnen,
dessen Schrift über die Sündlosigkeit Jesu viel gelesen wurde. Er
hat die badische Ejrche mit lutherischen Elementen liturgisch
befruchten wollen und dabei über das gei^hrüche Goncordat mit
Eom geschwiegen. Seine Misserfolge haben ihn schmerzlich ver-
letzt (t 1865). In Bonn lehrte der viel benutzte fleissige Bleek
mit der Exegese der Wahrscheinlichkeit. SoUen wir hier noch
Joh. Peter Lange in Bonn erwähnen, den Lyriker unter den
Theologen, der wenigstens seinen Namen durch sein »Theologisch-
homiletisches Bibelwerk« , das seit 1857 erschien und in Deutsch-
land und Amerika verbreitet wurde, bis in das nächste Jahr-
hundert tragen wird, oder Herrmann Cremer in Grei&wald,
der in seinem »Biblisch-theologischen Wörterbuch der neutestament-
lichen Gräzität« (1886 5. Aufl.) einen der werthvoUsten , för alle
Zeiten hochnützlichen Beitrag für die Sprachkunde des N. T. ge-
geben hat, oder den pietätsvollen, feinen Exegeten Fr. Ludw. Stein-
meyer in Berlin, odeir den unruhigen, agitatorischen Willibald
Bey schlag in HaUe, der, nachdem er seine eigene Familie, seine
Lehrer und Freunde Nitzsch, üllmann und Wolters (Pastor
in Bonn und Professor in HaUe) in feiner Eedekunst verklärt hatte,
nun auch in einem Leben Jesu das Urbild der Menschheit, den
Sohn Josephs, in einer sittlichen Entwicklung nicht ohne Hindemngeii
sich allmählich zu einem Qott aufschwingen liess ? So hat die antike
Welt Götter, Bom allmächtige Heilige werden lassen, während
das christliche Bekenntniss bleibt: Gott ist, darum auch Jesus
schon auf Erden der Seiende in den Himmeln t)* Beyschlag hat in
den »blauen Blättern« gegen alle Hierarchie gestritten, für die Alt-
katholiken, die doch die Eechtfertigungslehre nicht verstehen, geeifert
aber kärglich gesanmielt und ist nach viel Tadel der ungeschickten
Alten und viel Lob der eigenen Theologie in der Gegenwart dahin
versandet, dass der religiöse Glaube im deutschen Volke, die Sache
*) Ueber ihn Mittheilungen von Koch, 1886.
**) Ehrenfenchter in den Stadien und Kritiken, 1855.
***) Sein Leben von Beyschlag, 1867.
t) VergL den ausgezeichneten Vortrag von Theodor Zahn: Die
Anbetung Jesu im Zeitalter der Apostel, 1885.
Die Theologen der Union. 85
im Grossen und Granzen genommen, zwischen Leben und Sterben
üegt, ein glimmender Docht. Die Bechtfertigungslehre ist nach B.
eine sittlich entnervende Lehre und der Lebensbom der Schrift ist
erst seit 100 Jahren angeschlossen. Die Fülle seiner Beredsamkeit
gefiel auch der letzten Generalsynode nicht mehr, obwohl sein College
Schlottmann ihn soweit versicherte, dass er — er möge noch so
links stehen — dabei doch den Herrn noch recht lieb habe. Bey-
schlag charakterisirt eine Reihe von Theologen in unserem Jahr-
hundert, die mit ihrem offenbaren Heidenthum und schwächKchen
Menschendienst die Kultur mit dem Christenthum versöhnen wollen,
aher die Kinder des Marktes haben weder gelacht noch geweint.
Die ganze Leben- Jesu-Literatur, diese grosse Anmassung, in breiter
Fülle von Strauss bis Bey schlag wird einmal im Gredächtniss
der gläubigen Gemeine schwinden. Sie hat entweder Verächter und
Spötter oder Bewunderer und Verehrer geschaffen, aber nie gläubige
Unterwerfung. Nimmt man von den Unionstheologen Nitzsch,
Müller und Stier als besondere Vertreter der Richtung an,
so hat Nitzsch in seinem Streit mit Kahnis die Rechtferti-
gongslehre verändert, Müller ein System der menschlichen Frei-
heit aufgestellt und Stier, der biblische Theologe, die biblische
Genugthuungslehre bekämpft: auch hier keine Erneuerung der
Wahrheit der Reformation. Dabei fühlte man sich doch berufen,
einen Consensus evangelischer Lehre aufzustellen. Die hefÜgen
Kämpfe der Union haben in der neuesten Zeit wohl viel Literatur
gebracht, aber keine hervorragenden Theologen. Die Gegenwart ist
arm an bedeutenden Führern, ja selbst an grossen Talenten. Mit
Ehren ist Julius Köstlin in Halle zu nennen, der durch seine
aasgezeichneten Lutherforschungen wenigstens für die Theologen
wieder die Liebe zu dem deutschen Propheten wecken wollte, von
dessen Stimme sich auch die Unionstheologie nicht hatte leiten lassen.
Nirgends zeigt sich eine Regung ernstlicher Erweckung. Der Auf-
gang der Zahl der Theologie Studirenden in dem letzten Jahrzehnt
beweist nur, dass alle übrigen Berufsarten überfüllt sind. Der
Mangel an innerer Erfahrung und der geschwundene Verkehr mit
der unsichtbaren Welt drückt die Jugend, die in buntem Eklekticis-
mus zerstreute Notizen sammelt, nach kurzen Handbüchern alles
eilig betreibt. Je mehr das Studium der Theologie Brodstudium
wird, je mehr sich die Wissenschaft von jedem Einfluss lebendiger
Erfahrung lossagt, um so trostloser gestaltet sich die Lage. Der
Geist der Bekehrung hat sich von Studenten und Pastoren zu-
rückgezogen und mit Recht betont man die "NotimeiLdij^^^fc dsc-
36 Sechstes Kapitel
selben*). Die Union spaltete sich in der letzten Zeit in dem alten
Prenssen in die drei Grappen der Konfessionellen, der Positiv-
Unirten**) und der Mittelpartei***), letztere mit dünner Linie
von dem Protestantenverein geschieden, die beiden anderen Parteien
sich mehr einander nähernd nnd in wichtigen Fragen gemeinsam,
handehid. Die letzte 2. ordentliche G^neraLsynode (1885) zeigte ihr
volles üebergewicht.
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Sechstes EapiteL
Das Lutherthum.
Literatur: Ernst Wilhelm Hengstenberg von Bachmann, 1876
1881.
Wie der durch die Noth der Franzosenzeit geläuterte König =
zu den Schriften Luthers zurückkehrte und in ihnen eine leben-
digere und tröstlichere Welt fand, als in den Abstractionen und *
Schemen des Bationalismus, wie überhaupt die ganze geistige Welt ■
auf allen Gebieten des Forschens und Gestaltens nach Charakter-
vollem und LidividueUem verlangte, wie der Werth und die Be-
deutung der Geschichte wieder erkannt wurde, die nach anderem [
Massstabe als dem des schablonenhaften schulmeisterlichen Bationa-
lismus zu betrachten sei, wie man an der Leetüre des gedanken-
vollen Hamann, des kindlichen Lavater, des volksthümlich ge-
nialen Claudius mehr Freude gewann als an dem schalen Deismus
des achtzehnten Jahrhunderts: so wandte man sich auch den An-
fängen der evangelischen Kirche liebevoll zu, oft gleichsam aus
völliger Unwissenheit aufbauchend als fände man etwas ganz Un-
bekanntes. Es war nicht nur die Ermüdung an dem rationaJisti-
schen Weisheitskram, nicht nur der allgemeine vielfach pantheistisch
und schwärmerisch auftretende Drang nach mehr befnedigenden
Formen des Denkens und Glaubens, sondern es waren vor allem
die Wirkungen der oben geschilderten Erweckung, die unmittelbaren
von Gott ausgehenden tiefen Lnpulse, mit denen er die Frühlings-
*) Brann, Die Bekehrung der Fastoren, 1885.
**) Organ derselben die Kirchliche Monatsschrift von Pfeiffer
und Jeep.
***) Organ derselben die deutschen evang. Blätter von Bejschlag
seit 1876.
Das Latherthom. 37
zeit dieses Jahrlnmderts segnete. Der grosse ümscbwang der Ideen-
welt führte dann weiter zu den Schriften Luthers und der vttterlichrai
Kirche zurück. Dies geht klar hervor aus den Bekenntnissen derer,
die am Anfang dieses Jahrhunderts noch ganz befangen in den
traditionellen bedanken mit einmal von dieser oder jener Persön-
lichkeit, Leetüre und geistigen Gemeinschaft berührt ein neues wun-
derbares Licht erschauten. Dieses brachte sie dann in demBedür^
niss nach überall mangelnder Lehre und Unterweisung zu der von
dem Bationalismus mit Verachtung und Vergessenheit überschütteten
brchlichen Vergangenheit. Man begann ernstlich die alt-
kirchliche Lehre zu erneuern. Hier tiitt die grosse Bedeu-
tung von Ernst Wilhelm Hengstenberg und der von ihm
herausgegebenen »Evangelischen Kirchenzeitung« hervor.
Hengstenberg ist einer der wenigen Theologen dieses Jahrhun-
derts, die noch andere als theologische Kreise weit und tie%ehend
bednflusst haben.
Hengsten berg ist am 20. Okt. 1802 zu Fröndenberg in der
Gra&chaft Mark geboren, eine kräftige westphäUsche Natur, hat
seine Studien in Bonn gemacht und konnte schon in seinem 22. Jahre
auf dem Gebiete der Philosophie und des Arabischen gelehrte Ar-
beiten veröffentlichen. Ein Freund der burschenschaftlichen Be-
strebungen ist er später Hauslehrer in Basel, wo er eine Bekehrung
erlebte. Er habilitirt sich 1824 an der philosophischen und 1825
an der theologischen Facultät in Berlin, wird zur üeberraschung
seiner Gegner sehr bald (1826) ausserordentlicher und 1828 ordent-
Hdier Professor der Theologie. Bis zum Jahre 1869, wo er am
28. Mai starb, hat er von Berlin aus durch die Ev. Kirchenzeitung
eine gebietende Stellung eingenommen. Den Fortschritt in diesem
Blatte beschreibt richtig Kahnis so: »Nie hat Hengstenberg
die Schmach der Orthodoxie gescheut undr mit den Sünden der Zeit
zn buhlen, war nie die Art dieses charaktervollsten Theologen. So
lange er mit den Philistern der Aufklärung im Kampfe stand, war
smne SteUung angefochten genug, aber innerlich fest. Gegenüber
den lutherischen Bewegungen aber fehlte dieser Kirchlichkeit auf
deaa Boden der Union — die Ejrche. Indess zeigt die Ev. Kirchen-
zütung — ohne Zweifel die tüchtigste und eingreifendste Zeitschrift
der G^egenwart — einen die Zeichen der Zeit wunderbar treffenden
Portschritt vom* unentwickelt Evangelischen zum Kirchlichen. War
sie zuerst mit positiven Bichtungen sehr verschiedenen Charakters
verbunden, so gab der Halle^sche Streit 1880 schon eine bestimm-
tere Wendung^ bis 1840 das Vorwort, welobea di<& T^iickiiiSQ!«^«)^
38 Sechstes Kapitel.
des Pietismus därthat, den inneren Brach mit der Bichtung ans»
sprach, welche znerst wesentlich das Organ getragen hatte. Selbst
der Union entfremdete sich Hengstenberg mehr und mehr.«
Landerer bezeichnet das Wesen dieser Bichtong, als die Yerbin-
dmig der protestantischen Orthodoxie mit dem Pietismus. Als durch
Benützung von Collegienheften der Streit gegen die Hallenser We g- j
scheider und Gesenius losbrach, sagte sich Neander von der /
Eirchenzeitong los. Q^gen Schleiermacher wurde gekämpft -
wegen seines Pantheismus und seiner dialektischen TaschenspielereL
Doch der Minister Altenslein hielt die HegeFsche Philosophie und
Theologie noch aufrecht, bis das Ministerium Eichhorn und später '^
das von Baumer die Gunst der Begierung brachte. Seitdem war i-
Hengstenberg in seinen Neujahrsvorworten, den »Thronreden«, |^
für Viele das Orakel. In den Jahren 1830 — 40 stand er als Staats- j:
kirchenmann auf Seiten der Begierung gegen die separirt^n Luthe-
raner, während er selbst ursprünglich reformirt immermehr lutherisch
wurde; er fand die Union nach dem hohenpriesterlichen Grebete, |!
aber das Ordinationsformular der Q^neralsynode von 1840 macht f
ihm dieselbe verdächtig. Er erklärt sich dann für eine getrennte
Organisation beider Kirchen innerhalb des allgemeinen Bahmens der
Landeskirche. Jetzt der eifernde Lutheraner wird er von diesen als
Bahnbrecher der Kirche verherrlicht. Er hat sich nun auch mehr k
von den seit 1848 oft stattlich besuchten Kirchentagen*) zurückge-
zogen. Auf dem ersten Kirchentage zu Wittenberg lag die Noth
der Zeit und der Duft brüderlicher Liebe; dann trennten sich die
Lutheraner und Beyschlag verkündete seinen der Zeit entsprechen^
den Christus in Altenburg, bis der letzte Kirchentag in Halle 1872
selbst die halben Altkatholiken freundlich begrüsste. Die Kirchen-
tage wurden auch durch die in Eisenach zusammentretende Conferenz
der Kjrchenregierungen von 1852 an geschwächt.**)
Hengstenberg hat Grosses för die Apologie und Exegese
der heiligen Schrift geleistet und wenn sein Bild einmal aus den
gehässigen Darstellungen der Gegenwart wieder ruhiger betrachtet
wird, wird man dies gerechter anerkennen. Die Christologie des
Alten Testaments, die er 1829 veröffentlichte, war eine That der
heilsamsten, bis auf heute nachwirkenden Befreiung des Alten Testa-
ments von rationalistischer Betrachtung. In seinen Beiträgen zur
*) Geschichte des deutsch- evangelischen Kirchentags, 1858.
**) Letzterer dient das allgemeine Kirchenblatt für das evangelische
Deutschland, jetzt von Schott redigixt.
Das Latherthom. 89
ümleitoxig ins Alte Testament, in seinem Commentar über die Psal-
men hat er vortreffliches Material aach für die praktische Erklärung
gesammelt: ein brauchbarer, nützlicher Theologe und fleissiger, pietäts-
ToUer Gelehrter, der sich manches Unterdrückten angenommen,
Viele gestärkt und gefördert hat und weit hinaussteht über die, die
ihn „wissenschaftlich" widerlegen wollten und oft nur an einzelnen
Schwächen ihn greifen konnten. Viele Schmach ist auf ihn gefallen
um der Wahrheit willen: ein Schrecken und Grauen der Liberalen
und Freimaurer buhlte er auch nie um die Gunst des Hofes, der
ihn auch in seinen letzten Jahren nicht liebte. Und doch — als
Bachmann 1876 — 81 sein Leben beschrieb, sagte er in der Vor-
rede: es wäre sein schon vergessen wie eines Toten, und auf seinem
Lehrstuhle dodre die Kritik. So wenig sind wir berufen, ein Neues
mit Elfolg zu pflügen. Neuerdings hat Treitschke in seiner
viel gelesenen Geschichte unseres Jahrhunderts Hengstenberg
mit den Eetzerrichtem Hoogstraten und Torquemada verglichen:
ein grosser Historiker bedarf zum Zweck der Rhetorik solcher abge-
lebten Schablone nicht
Bei der Hochachtung, die jeder Positive Hengstenberg ent-
gegenbringen muss, treten uns aber auch seine grossen Mängel
entgegen. Er irrte mit vielen seiner pietistischen und lutherischen
Freunde darin, dass er meinte, man könnte einen ganzen geschicht-
hdien, überall noch nachwirkenden Zeitraum gleichsam wegwischen.
Er wollte eine Herrschaft brechen, die alles im Besitz hatte und
die dadurch nicht beseitigt war, dass man gewisse Erfolge zu ver-
zeichnen hatte. Er unterschätzte die Tiefe der von der Brcformation
abgekehrten Volksströmung. Gerade die Geschichte Israels lehrt
mis, dass, wenn der Abfall einmal Wurzel geÜEtsst hat, er auch durch
vorübergehende, reformatorische Beeinflussungen nie wieder völlig
beseitigt wird, sondern mächtig weiter wuchert. Und weiter ist der
Schrift audi mit der eingehendsten Apologetik nicht überall gedient,
denn sie hat in ihrer durch die Jahrhunderte reichenden Entstehung
Bäthsel, die man nicht lösen kann. Nicht der Beweis, sondern die
innere Pietät und ErfiEihrung entscheidet über die Stellung zur Schrift.
Hengstenberg hat sich oft mit seiner Apologetik lächerlich ge-
macht» und zahlte einem, wie v. Gerlach sagte, einen Dukaten in
Pfennigen aus. Seine fortwährende Anklage der Häretiker, zu der
er sich jeden Morgen aufraffte, entfernte dieselben nicht und woUte
ebenso wie in der Restauration des alten Dogmas und in der Apo-
logetik der Schrift etwas erzwingen, was Gott nicht erzwingt. Es
ist einer der ergreifendsten und schmerzlichsten Axx^'ühi^Qk^ m
40 Sechstes Kapitel
seinem Leben, als er, der so viele gestürzt, nun sich durch sein^
Lehre von der Eechtfertigang selber stürzte. Er lehrte Stufen deir
Bechtfertignng , in denen sich die Rechtfertigung vervollkommne
statt von Ghraden der Aneignung der sündenvergebenden Gnade zq
reden. Ebensowenig wie die Eindschaft wächst, wftchst die Becht-
fertigung: man hat beide oder hat sie nicht. Gewiss erlangt der
Mensch die Seligkeit nur durch einen lebendigen, in guten Werken
thfttigen Glauben, aber diese Werke stehen in keinem entspreche-
den Yerhfiltniss zur Seligkeit und darum wird dieselbe allein durdi
den Glauben empfangen. Es ist geradezu |verhftngnissvoll, dass der
angesehenste Theologe der Orthodoxie in unserem Jahrhundert die
Lehre der mit ihr stehenden und fallenden ev. Kirche traurig ver-
wirrte. Beweis genug, wie wenig auch er zu einer reformatorischen
That berufen war. Seine Lrlehre aber rief weder in der Theologie
noch in den Gemeinen fördernde Debatten hervor: man ging ine
über vieles andere, so auch über sie hinweg.
In dem Kreise von Hengstenberg bewegte sich einer der
wenigen Generalsuperintendenten, die eine grössere Popularität ge-
nossen: der originelle Buchs el, der uns seine Erinnerungen als
Landgeistlicher und als Berliner Prediger an der St. Matthäuskirche
in belehrender, oft durch ihre Einfachheit anziehender Weise dar-
gestellt hat. Er ist im März 1848 nicht mitgegangen, als Sydow
den Denkstein heiligte, welcher die G^ebeine der Märtyrer der Frei-
heiten und Bechte umschliessen und wo die Seele heiliger Erinner-
ung wohnen werde. Auch Fr. W. Krummacher war dem auMh-
rerischen Gesindel nachgewallfahrt. Das Lutherthum, welches
Hengstenberg in seinen Bemühungen begleitete, hat sich in den
Arbeiten von Hävernick, des sorgsam fleissigen und nüchternen
Keil, des kräftiger Sprache mächtigen Kurz mit seinen vielbenntz-
ten Lehrbüchern grosse Verdienste um die Vertheidigung des Ka-
nons erworben, aber in seinen eiMgsten Bufem im Streit im blinden
Fanatismus die ref Kirche verkannt und geschmäht, so dass von
dem mit Georg Benedict Winer (f 1858*), dem feinen Kenner
des neutestamentlichen Sprachidioms, einem Manne von bevmndems-
werther Abribie, und Baur, gelehrtesten Theologen dieses Jahrhun-
derts, dem Dänen Andreas Gottlob Budelbach in Kopenhagen,
dem Mitarbeiter Guericke's an der Zeitschrift für die gesammte
luth. Theol. u. K., der reformirte Göbel mit Becht sagte: er sei
*) üeber ihn Schmidt in den Beiträgen zur sächs. Eirchengesch.
Ä Heft. 1885.
Das LutherÜram. 41
ein neaer Möhler in dieser AuffiEhSstuig der symbolischen Gegensätze.
Yiel ge&hrlicher als in dieser gehässigen Herabsetzung der ref. E.
wirirten aber manche Lntheraner dnrch ihre romanisirenden Ideen
in der Lehre von der Kirche, dem Amt und den Sakramenten.
Pastor Euen in Pommern, der eine wahre Idiosynkrasie vor Luther
liaite, ging so weit, zu bezweifeln, ob noch jetzt die Bechtfertigangs-
lehre der Mittelpunkt der Eirchenlehre sei und nicht vielmehr die
Sakramente ; andere lehrten eine Wirkung derselben ex opere operato
nnd stellten sie höher als das Wort, behaupteten eine Einwohnung
Christi durch die Eindertaufe ohne Glauben, Hessen die Amtsträger
in einem besonderen Amtsauftrag Vergebung der Sünden mittheilen,
beinahe ein Sakrament der Sündenvergebung, wogegen dami so be-
Bcnmene Männer wie Höfling in Erlangen protestirten. Wilhelm
L5he*) in Neuendettelsau vollzog sogar die letzte Oelung an einem
Kranken. Diese stark romanisirenden Tendenzen, die das moderne
Lutherthum erniedrigen, hatten bei Männern wie Heinrich Leo,**)
Philipp Nathusius und Ludwig v. Gerlach, dem geistvollen
Präsidenten in Magdeburg und Yer£ässer der Bundschauen in der
Kreuzzeitnng, ihren Beifall. Leo immer mehr für Bom als for
Wittenberg empfindend, klagte den in Bildung und Wesen beengten
Lother an, mit gewaltig kämpfender Faust in ein Eunstwerk des
maischlichen Geistes, die kath. Eirche geschlagen zu haben; er ging
im September 1860 nach Erfurt, um mit £[atholiken eine Parteibil-
dnng zu versuchen, die der lutherischen Schlachtordnung eine Flan-
ken- und Bückendeckung beschaffen könnte; Nathusius konnte
anch das Ora pro nobis an die Maria richten und v. Gerlach findet
ach nach vielen politischen Wandelungen immer debattelustig im
Centmm, wo er den Papst die Fahne des Evangeliums hoch halten
Hess. Hier ist auch nicht der bis ins Alter jugendfrische, unermüd-
Kche Parlamentarier Hans Hugo v. Eleist-Betzow***) zu über-
gehen, der gegen alle Bevolution und für jede Eirche auch die
Borns gestritten hat und dem Bismarck den Bath gab, er solle für
sein Seelenheil katholisch werden. Er das Mitglied des Vorstandes
der Generalsynode hat 1886 eifrig geholfen, den schmachvollen Frie-
den mit Bom zu schüessen, was ihm dami von der Begierung bei
seinen Wünschen för eine grössere Freiheit der ev. E. dahin ver-
golten wurde, dass die Minister von ihren Sitzen verschwanden.
*) Sein Leben aus seinem schriftlichen Nachlass, 1873 — 85.
**) Die Antobiographie : Meine Jugendzeit. 1880.
*•*) Ueber ihn die Eocyclopädie der neueren GteacliÄcYÄ.^ :^. ^^x\i^\».
42 Siebentes EapiteL
Der bedeutendste unter diesen Scheinlutheranem war der geniale
Historiker in Halle, von italienischem Blute stammend. Nach vielen
Wandlungen audi einmal ein Prädestinatianer hat er nachher die
Beformirten in Abstractionen ersoffene und abgedampfte Naturen
genannt. In allem das, was ein von ihm gebildetes Wort sagt:
naturwüchsig. Sehr vieles Wahres in seinen Gedanken, dass die
Theologie der (Jegenwart nur noch »Wortbilder« aus der Vergangen-
heit habe, deren ursprünglichen Sinn sie verloren. Als der starke Greist
in den Yerwirrungen einer furchtbaren Krankheit qualvoll langsam er-
losch, sagte er oft zu mir: sola fide ist doch das allein Wahre. Es ge-
hören diese romanisirenden Erscheinungen zu den verhängnissvollsten
der modernen Eirchengeschichte. Friedrich Wilhelm IV. stand den
eben erwähnten Kreisen sehr nahe, schwärmeiisch hohe Ideen konnte
er äussern für die eine christliche Kirche, obwohl dann auch wieder
den Betrug des Papstthums klar durchschauend; aber edel und
wohlwollend gewährte er Duldung und Förderung und so wuchs
unter ihm heimlich und maulwur&artig wühlend die kath. Kirche,
die sich einer £Eist unabhängigen besonderen Abtheilung im Kultns-
nodnisterium erfreute. Die jetzige üebermacht Eoms in Deutschland
ist wesentlich auch in dem »Kulturkampf« durch die kirchliche Par-
tei gefordert worden, die sich mit dem Namen Luthers ohne dessen
Gbist und Bekenntniss schmückte. Die Geschichte zieht ihre Resul-
tate nioht in kleinen Summen, sondern in den Wirkungen, die sie
für die zuletzt entscheidenden Hauptmächte aufzeichnet, und in die-
sem Sinne hat das Lutherthum für Bom gearbeitet.*)
Siebentes Kapitel.
Die Theologen des Lutherthums.
Will man sich, hat man mit Becht gesagt, bei einem einfachen,
angenehmen und klaren Schriftsteller für das moderne Lutherthum
unterrichten, so wird man dies bei dem Erlanger Gottfried Tho-
masius (f 1875) thun, der ein lichtvolles Buch über Christi Per-
*) H. Baumgarten, Römische Triumphe, 1887.
Die Theologen des Laiherthums. 4S
^1 8on nnd Werk geschrieben, "obwohl nicht ohne widersinnige Eenosis.
^4 Sehr verschieden von ihm ist sein CoUege Joh. Christian Eon-
^1 rad y. Hof mann, der eine theologische Schule gründete, die von
^ üun die exegetische Methode sich aneignete: die Gedanken eines
^1 Sehiiftstückes in architektonischer Weise aufzubauen und den ganzen
^1 Kanon als ein Meisterstück göttlicher Providenz mit heilsgeschicht-
licher Entwicklung, wenn auch mit sehr gemässigter Inspirations-
theorie anzusehen. Ist er in der Lehre von den Sakramenten ein
strenger Lutheraner und will sein »Schrifbbeweiss« die Wahrheit
des luUierischen Bekenntnisses als die der Schrift bestätigen, so hat
er doch in der Yersöhnungs- und Bechtfertigungslehre nicht in »einer
neuen Weise alte Wahrheit« gelehrt, sondern dieselbe wesentlich
verändert, von Schleiermacher und dem Philosophen v. Schaden
abhängig, von seinen lutherischen Collegen mit Recht verurtheilt^
die dann nach ihm die Säume ihrer Bekenntnisstreue zu gross machten.
Seine dialektisdi fortschreitende, viel Neues behauptende, ermüdend
geschriebene, grosse Auslegung des N. T. konnte er nicht vollenden.
Er ist einer der eigenthümlichsten und selbständigsten Theologen dieses
Jahrhunderts (f 1877). In Bayern haben wir auch Adolf Harless,
erst in Erlangen und in Leipzig (Professor, dann Oberho4>rediger
und Yiceconsistorialpräsident in Dresden, seit 1852 Präsident des
ev. Oberconsistoriums in München, woselbst er der ev. Landeskirche
eine konfessionelle Färbung zu gehen bemüht war (f 1879). Ein
scharfsinniger und gelehrter Exeget, wie sein Kommentar zum Ephe-
serbrief beweist, ein guter Systematiker in seiner christKchen Ethik,
stand ihm auch kernige, volksthümliche Bedeweise, zur Seite. Er
hat auf seinen Lebensgang Licht geworfen in den Bruchstücken
aus dem Leben eines süddeutschen Theologen (1878—75). Der
Pastor Wilhelm Lohe in Neuendettelsau, thätig durch vielen Ver-
kehr, Ausrüstung von Sendboten nach Amerika, eine Gesellschaft
für innere Mission und einen Verein für Diakonie, für Luthers Schrif-
ten begeistert, verfiel nachher in romanisirende Liebhabereien (11872).
Neuerdings sind in Erlangen Fr. H. E. Frank als Systematiker
und Theodor Zahn als scharfsinniger und gelehrter Patristiker
Theologen von Namen. Frank sagt von Bitschi, dass er das
ganze Christenthum in Frage stelle und Bitschi von Frank, dass
ihm jede wissenschaftliche Bedeutung abgehe: so das Urtheil der
angesehensten Dogmatiker über einander. — Frank ist auch kein
biblischer und lutherischer Theologe, denn er lehrt: Es wäre ja das
Sinnloseste von der Welt, zu behaupten, dass Jemand widerwillig
zum Glauben }^me — eine Verläugnung der meiiacYilMcÄTi ^^^cä^^^
44 Siebentes Kapitel.
lichkeit) die nur durch Selbstsetzung gerettet werden kann.*) In
Erlangen lehrte auch der Mineralog Pf äff in christlich - apologe-
tischem Sinne (f 1886).**) In Hannover hat der Pastor Ludwig
Harms *^) in Hermannsburg in der Lüneburger Heide, in krSitigem
Ernst und schlagender Predigtweise ein rechtes Original, seine Bauern
und yiele Graste angezogen, eine Missionsanstalt, ein Missionssdnff
und Missionskolonien geschaffen (f 1865). Sein Bruder ging zur
Separation über, doch wollte man die Mission von der Separation
reinlich trennen.
Die Pastoren Münkel und Münchmeier, besonders aber Petri ]
haben in Hannover gegen die G^ttinger „Eathedermibmer*' gestritten.
In reformirter Lehre waren sie doch sehr unwissend. Eine mass-
voUe und in ausgezeichneten kirchengeschichtlichen Arbeiten wirk-
same Persönlichkeit ist der Abt von Lokkum Gerhard U hl hörn.
Sein »Kampf des Christenthums mit dem Heidenthum« ist ein Volks-
buch geworden. In Sachsen hat K. Fr. Eahnis calvinistische Abend-
mahlslehre vergeblich mit Polemik gegen Calvin verschleiert; in
der Trinitätslehre häretisch hat er sich auch von seinem alten und
bewunderten Freunde Hengstenberg getrennt. Er hat in kurzen
Maren Sätzen geschrieben, angenehmer zu lesen als die verschlun-
genen Perioden der Vermittlungstheologen. Franz Delitzsch gilt
als der Altmeister des A. T. und hat in seinem Fach staunenswerthe
Kenntnisse: der Talmudist unter den Lutheranern auch den Juden
angenehm, er selbst der Sohn eines Juden, wo er sie von dem ritu-
ellen Morde freispricht, weniger da, wo er vom Christenthum und
jüdischer Presse handelt, ein unermüdlicher Exeget des A. T., aber
nicht ohne fortschreitende Zugeständnisse an die Kritik, bis zu dem
Satze, dass die engeHsche Vermittlung des Gesetzes den radius
directus der unmittelbaren Offenbarung prismatisch gebrochen.
In der Ueberfülle seiner oft künstKchen Worte mengt er Glauben
und Unglauben manchmal zusammen. Ernst Luthardt, jetzt
durch seine Kirchenzeitung und apologetischen Vorträge der ein-
flussreichste lutherische Theologe, von geschmackvoller Feinheit und
Klarheit der Darstellung. Die modernen Weltanschauungen be-
kämpfend zeigt er in der »Lehre vom freien Willen«, wie sehr auch
er unter der Wirkung derselben steht, denn er hat alle Schrift-
*) Diese Selbstsetzung^ ist der Grondirrthum der ganzen neueren
Theologie.
**) üeber ihn Ebrard in der Gonsenr. Monatsschrift, Januar 1886.
***) Sein Leben von seinem Brader Theod. H., 1874.
Die Theologen des LutherthmnB. 45
gründe Luthers gegen den freien Willen angegeben. Der gelehr-
teste Theologe der Gregenwart ist neben Theodor Zahn wohl Otto
Zöckler in Greifswald, seit 1882 der Herausgeber der »Ev. EÜr-
chenzeitnng« von Hengstenberg, die nun recht klein geworden noch
immer Gutes bringt. Auch seine theol. Handbücher und kurzge-
&8sten Commentare haben sich ein grosses Gebiet erobert. Ein un-
gemein lebendiger und beweglicher Geist war W. Friedrich Besser,
znletzt Pastor in Waidenburg in Schlesien und Eürchenrath der
lnth. Freikirche (f 1884). Er hat durch seine „Bi^^^tunden^^
(6. Aufl.) weit hinaus gewirkt.*) Ein Abbild mancher wackeren
lutherischen Kämpen ist der Superintendent Mein hold in Ks\.TY\m\-n.
Als der Vater der neuen Textkritik glänzte Konstantin Tischen-
dorf mit 20 Ausgaben des N. T., glücklich auch in den werthvoll-
sten Funden bis zu dem weltberühmten Codex Sinaiticus, das
reichste Geschenk an den Kaiser des Ostens. Er stirbt 1874**). An
den Namen von Dr. Heinr. Aug. Wilh. Meyer (f als Oberconsi-
storialrath 1873 in Hamiover) knüpft sich für immer der »Kritisch-
exegetischer Kommentar zum N. T.«, philologisch ausgezeichnet
imd viel gebraucht mit steten Verbesserungen bis in die Gegenwart.
Ueber die Verbreitung seiner Schriften hat B. Weiss in der sie-
benten Auflage des Kommentars zum Matthäus berichtet. Man
mag in Hessen A. Fr. Chr. Vilmar***) (f als Professor der Theo-
logie in Marburg 30. Juli 1868) wegen seiner gewaltthätigen lügneri- ,
sehen Angriffe gegen das gute Becht der reformirten Kirche in
Kurhessen, seiner romanisirenden Liebhabereien in der Autorität des
Amtes und der Wirksamkeit der Gnadenmittel beklagen, mag in
ihm als dem Streiter für die Theologie der Thatsacheh gegen die
Theologie der Bhetorik selbst sehr viel Bethorik finden, aber es ist
doch in seiner Literaturgeschichte und in seinen nach seinem Tode
herausgegebenen Vorlesungen und Bibelerklärungen unsagbar viel
mehr markiger und nützHcher Gehalt mit herrHcher Sprache als bei
denen, die ihm gegenüber mit ihrer Wissenschaft prunkten. In Mar-
burg lehrte auch .der Naturforscher und Gegner Darwius, Wigand,
der bei seiner Beerdigung (1887) aller Welt verkündet haben wollte,
dass ein im Glauben seliger Naturforscher bestattet werde. In Preus-
*) Ein Lebensabriss von ihm mit Predigten, 1885.
*♦) Ueber ihn Volbeding, 1862.
*♦♦) Ueber ihn Leimbach, 1875 und Grau, 1886. Dr. Vilmar s
und seiner Anhänger Stellung zu den wichtigsten politischen und kirch-
lichen Fragen, 1865.
46 Siebentes Kapitel. Die Theologen des Lutherthnms.
sen hat sich namentlich der Missionsinspektor Wangemann des
Lntherthmns in Greschichte und Dogmatik angenonmien, aber später
^reizt von den separirten Lutheranern hat er sie ebenso heftig in
seiner »Una sancta« befehdet und sich sogar mit der AnMchtigkeit
des Confessors Sigismund von Brandenburg und selbst mit Fried»
rieh Wilhelm IQ. versöhnt, »dem besten Lutheraner seiner Zeit«.
Treitschke ist indessen von seiner Rechtfertigung des Königs
nicht überzeugt worden. In Halle hat H. E. F. Gu er icke (f 1878),
nachdem er sich mit der Union versöhnt, viele Jahre ein einsames
Leben geführt, während seine Lehrbücher häufige Auflagen erlebten.
In seinem ingrimmigen Kampfe in der Zeitschrift für lutherische
Theologie gegen, die ref. Kirche hat seine geschmacklose Form sdn
Arbeitsgenosse Ströbel mit packender Bedeweise verbessert: dieser
fast der einzige consequente Lutheraner. In Rostock lehrte F. A
Philippi*) (t 1883), in seiner Glaubenslehre der bevorzugte luthe-
rische Dogmatiker; auch der Oberkirchenrath Theodor Kliefoth
in Schwerin suchte in Gottesdienstordnung und Liturgie und ebenso
in exegetischen Arbeiten die Gedanken des Lutherthnms zu vertre-
-ten. Als er Michael Baumgarten nicht correct in der Lehre
fand, bewirkte er dessen Entsetzung als Professor in Rostock, der
nun dafür sein Leben lang den Kampf gegen das mecklenburgische
Eirchenregiment führte, und auf politischem und theologischem Fecht-
l>oden auch immer wieder an seine Kränkung erinnerte.
Als der vortreffliche Professor Walt her (f 7. Mai 1887) in
Amerika die Prädestinationslehre der lutherischen Kirche erneuerte,
fand er mit Recht, dass alle Lutheraner Deutschlands Synergisten
wären und von Luther in der entscheidensten Sache abgefallen. Alle
machten ja die Gnadenwahl abhängig von einem Verhalten des Men-
schen. T h 1 u c k hatte schon vorher Thomasius bezüchtigt, dass
das Neu-Lutherthum die altlutherische Abendmahlslehre nicht mehr
l>esitze. Die Verfassungsgedanken des Lutherthnms, mit denen es
sich in der Gegenwart beschäftigt, sind reformirt. Warum nun der
grosse Name? Unser Jahrhundert ist ganz eklektisch: aus aUen Zeiten
Gedanken und diese mit den Ideen einer sogenannten modernen
Weltanschauung verbunden, als ob in dem Lauf der Aeonen ein
flüchtiges Jahrhundert eine besondere Weltanschauung hätte, prunke
Auch jedes mit einer solchen.
f) Sein Leben von Schulze, 1883.
Achtes Kapitel. David Friedr. Strauss u. die krit. Schule. 47
Achtes Kapitel.
David Friedrich Strauss und die Icrjtische Schule.
Wie wenig die angestrebte Emenerong der kirchlichen Lehre
dem allgemeinen Geiste und der Welt der Gebildeten zusagend war,
wie die Menge ganz andere Wege ging als die pietistische Wohl-
meinnng, bewies der grosse Beifall, den das Auftreten von David
Friedrich Strauss hervorrief Er ist der begabteste und ge-
waltigste Kritiker unseres Jahrhunderts mit glänzendem Scharfsinn,
klassischer Darstellungsgabe ausgerüstet, ein grosses schwäbisches
Talent, in seinem Wagstück erst dann möglich als die Philosophie
den stolzen Wahn in den Menschengeist geworfen, der alle Pietät
vor dem überlieferten Heüigen verloren hatte: der Zögling aller
AngrifiPe gegen den Glauben seit dem vorigen Jahrhundert: der
Brennpunkt des zerstörenden Unglaubens. Zu Ludwigsburg in Würt-
temberg am 27. Januar 1808 geboren, bezieht er mit der »G^nie-
promotion« das Stift in Tübingen, diese Schule bedeutender Männer,
wird 1882 dort Bepetent und hält zugleich philosophische Vor-
lesungen an der Universität.
Im Jahre 1835 — Strauss und sein Freund der Berliner
Professor Yatke rühmen es Mvol als ein ausgezeichnetes Wein-
jahr — erschien von ihm »das Leben Jesu, kritisch bear-
beitet« (4. Aufl. 1840), »in dem er alle Zweifel gegen die evange-
lische Geschichte zusammen&sste , mit dialektischer Virtuosität bis
,Mia& änsserste steigerte« und die Geschichte Jesu fiir einen Mythus
erklärte, der nach Massgabe des alttestamentlichen Messiasbildes
von dem dichtenden urchristlichen Gl«meinegeist geschaffen sei.
Der Eindruck, den das Buch hervorrief, war ein ungeheurer. Es
verbreitete einen lähmenden Schrecken. Mancher orthodoxe Theo-
loge wurde krank und elend. In alle Häuser drang dasselbe ein.
Als es die vierte Auflage erlebte, konnte ihm der Yer£a,sser das
Zengniss geben, dass keine Zeile über das Leben Jesu bis dahin
ohne seine Anregung geschrieben sei. Die Gegenschrifben bilden
me unübersehbare Literatur. Strauss antwortete 1837 in seinen
Streitschriften. Er gesteht darin, dass Hegers Unterscheidung von
Begriff und Vorstellung ihn dahin gebracht habe, nicht nur wie
Marheineke u. A. die Vorstellung etwas abzuschäumen, sondern
^e Vorstellungsform zu überwinden. Er sitze auf der linken Seite
^r Hegerschen Schule, ööschel u. A. auf der t^öClXätl. fe^ ^
48 Achtes KapiteL
von seiner Bepetentenstelle entfernt und Professorätsverweser in
Ludwigsburg wurde, zog er sich bald darauf nach Stattgart in's
Privatleben zurück. In der 3. Auflage des Lebens Jesu machte er^
Zugeständnisse an die positive Theologie, nahm dieselben aber nachher
wieder zurück. Seine Berufung nach Zürich ruft den Yolksunwillen
auf. Er bleibt in Schwaben und gibt sein zweites Hauptwerk: »Die
christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Ent-
wicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft
dargestellt« (1840 — 4tl) heraus, in dem er zeigt, dass die Geschichte
des Dogmas auch seine Kritik sei und die fortschreitende Auflösung
desselben beweise. Hierin überschüttet er die rechte Seite der '
Hegelianer mit Hohn: seine Auffassimg Hegels sei die allein rieb- ;
tige: das Dogma ist das Produkt des idiotischen Bewusstseins und
wo ein Philosoph sich Christ nennt, mag er Gründe dazu haben,
Grund aber gewiss nicht. Die Hegersche Schule zerfiel imnüer
mehr. Ueber die Hegelinge hatte schon vorher Leo am glücklich-
sten geschrieben. In der Schrift gegen Friedrich Wilhelm IV.
stellt S trau SS denselben ironisch in Parallele mit dem Bomantikw
Julian auf dem Thron der Cäsaren. Als Abgeordneter für Lud-
wigsburg nimmt er im württembergischen Landtag eine konservative
Stellung ein. Er ist mit einer berühmten Sängerin unglüddiok
verheirathet gewesen und hat die Ehe gelöst, wie er auch einst in
Zwiespalt mit seinem Vater lebte. Ein herzloser Mann nicht ohne
kleinlichen Geiz. An verschiedenen Orten ging er seiner schiifir
stellerischen Muse nach und förderte manche ausgezeichnete ge-
schichtliche Monographie ans Licht, wie namentlich die Vorträge
über Voltaire, in vollendeter Sprache geschrieben. Als Benan,
sein Leben Jesu in die Welt wirft, ergreift auch Strauss das alte
Thema und sieht auch die neu ausgegebene Bearbeitung des Lebens
Jesu »für das Volk« vier Auflagen erleben. Gregen die Angriffe,
die er von Schenkel und Hengstenberg dafür erfährt, schleudert
der schneidige Polemiker die Schrift: Die Halben und die Ganzen
(1865). In einer Kritik der herausgegebenen Vorlesungen von
Schleiermacher über das Leben Jesu sucht er das völlig Unhalt-
bare dieser AufGafisung zu beweisen. Kurz vor seinem Tode hat er
auch das letzte über Bord geworfen in tiefer Erbitterung in der
Schnft: Der alte und der neue Glaube (11. Aufl. 1881). Er soll
wie ein Philosoph still und fest dem Tode ins Angesicht gesehen
haben (1874) zu Ludwigsburg, doch einsam und auch mit seinem
Freunde Vis eher zer£Edlen, indem er sich eigentlich immer nur
dami glücklich gefühlt hatte, wenn er seine formvollendeten, zer-
David Friedrich Strams und die kritische Schule. 49
störenden Bücher mit architektonischem Beize aufbaute: mit Yol«
taire einer der grössten Frevler am Heüigthnm in allen Zeiten.
Seine Schriften hat sein Freund Zell er gesatnmelt (1876—78),
derselbe und Hausrath haben sein Leben beschrieben. Auch in
Tatke's Lebensbeschreibung ist viel von ihm die Bede. Ein
schwäbischer Schriftsteller sagt von ihm: »In der niedersten Hütte-
-wie im Palast der Könige war der Name Strauss auf jeder Lippe.
Hau hätte erwarten sollen, sein Aufbreten und Wirken werde Volk
und Zeit mit fortreissen. Statt dessen war es ein Glanz ohne Lihalt,
dem Feldherm fehlte das Heer. Es zeigte sich das bald deutlich
sdbon im Jahre 1848, dessen' Bewegung seiner Sache so überaus
gfinstig zu sein schien , dass zwischen ihm und dem Volke keine,
iimere Cremeinschaft bestand ; es zeigten die damaligen Wahlen und
seine damalige öffentliche Thätigkeit, dass er das Volk und die Zeit,
imd das Volk und die Zeit ihn nicht verstand, fast vergessen und
verschollen lebte der grosse Denker, ein harmloser Verfasser klassisch
geschriebener Lebensbilder, viele Jahre, um erst kurz vor seinem
Tode noch einmal die Welt durch den Glanz seines Namens zu er-
hellen. Es war der Glanz, den ein berstendes Meteor ausstrahlt,
wemi es von einem mächtigen Weltkörper angezogen und verschlungen
wd. Denn in seinem alten und neuen Glauben Mit Strauss kopf-
über, ein Erfasster, nicht ein Erfassender, dem nun aufgegangenen
Gestirn der darwinischen Lehre zu, um willenlos und urtheilslos
daran zu zerschellen.« Vi seh er hat in Stuttgart bei der abgöttisch
tollen Feier seines 8()jährigen Geburtstages noch einmal von dem
grossen lösenden Gedanken gesprochen, den Strauss in die Beli-
gionswissenschaft gebracht. Strauss war ein Schüler yon Fer-
dinand Christian Baur in Tübingen, dem grossen Kritiker und
Historiker, der die Mängel Ton Strauss dadurch zu ersetzen suchte,
dass er die Kritik der evangelischen Geschichte durch die Kritik der
evangelischen Urkunden ergänzte. Der Gedanke derselben ist, dass
der uranfängliche Gegensatz von Paulinismus und Petrinismus nach-
li» durch die Erscheinung des Evangelium Johannis 180 nach Christo
ZOT versöhnenden Einheit der Idee durchgeführt wurde. »Das Haupt-
argnment f&r den späteren Ursprung unserer Evangelien bleibt
immer dies, dass sie, jedes für sich und noch mehr alle zusanmien,
80 Vieles aus dem Leben Jesu auf eine Weise darstellen, wie es
in der Wirklichkeit unmöglich gewesen sein kann.« Seine beiden
Gmndirrthümer: der eine, dass die Apokalypse judenfreundlich sei,
w&hrend sie in eben solchem Gegensatz gegen Jerusalem steht, wie
das Evangelixmi Johazmi;»^ und der andere, dass in (kl. 2 ^<^ Ia^W
r Z»bB, Ktrcbeageachlobte. 2, Auf. A:
50 Achtee Kapitel
differenz beschrieben werde, während nur von einem Irrtibiun der
Praxis die Bede ist, offenbaren die Haltlosigkeit der ganzen das
N. T. in lauter Tendenzschriften auflösenden Hypothese. Der Si^
des paulinischen Geistes war schon am Schluss des ersten Jahr-
hunderts ein allgemeiner: Petrus in seinem ersten Briefe ein Schüler
Pauli. Baur, zuerst ein Schüler Schleiermachers, dann dem
logischen Schematismus der Hegerschen Schule ver&llen mit ihren
auseinandergehenden und dann wieder sich in einem höheren Begiiff
zusammenschHessenden Gegensätzen, hat grosse dogmengeschichtliche
Werke in klarster Einfachheit der Bede gegeben, dann gegen Möh-
lers Angriff den Protestantismus yertheidigt und zxdetzt sich ganz
in nt. Kritik yertiefb: als echte Schriften bleiben nur die Offen-
barung Johannis und die vier grösseren Briefe des Paulas stehen.
Das Werk: Der Apostel Paulus (2. Aufl. 1867) fibsste die Ansichten
des rastlosen Gelehrten zusammen, ebenso das spätere: das Christen-
thum und die christliche Kirche der drei ersten Jahrh. (8. Ani
1868). Dazu sind noch, von ihm selbst besorgt oder nach seinem
Tode herausgegeben, andere kirchengeschichtliche Arbeiten gekom-
men. Baur gründete die Tübinger Schule, die in Zeller, Schweg- I
1er, Köstlin, Hilgenfeld ihre Vertreter fand und noch bis in :
die Gegenwart Männer wie Holsten, Holtzmann und Keim
wesentlich wenn auch modiflcirt bestimmt hat.
Baur und Strauss wollen voraussetzungslose Kritiker sein,
aber ihr Postulat ist die Voraussetzung der Unmöglichkeit des Wun- i
ders, obwohl dann doch wieder die Bekehrung Pauli ein Wundtf
sein soll, nur kein echtes. Baur stirbt 1860. In seiner äusseren
Erscheinung ein schwerer schwäbischer Mami: eine grosse von hoch-
aufsteigenden Haaren imifasste klare Stirn ruhte auf einem Gesichte
von kalter Objektivität und einem Ausdruck der Augen, der nur
den äusseren Schein der Dinge schematisch und logisch fasste.
Wenn bei einer Disputation im grossen Speisesaal des Stifts einer
seiner Schüler soweit ging, das Selbstbewusstsein Jesu mit dem des
Muhammed in Parallele zu stellen, so konnte er sich doch langsam
und gewaltig von seinem Sitze auf dem »Herrentrapp« erheben, um
dem kecken Disputanten einen drohenden BHck zuzuwerfen. »Meine
Ansichten« , äusserte er , »kann man nicht auf der Kanzel mit-
theilen« , während doch die Wahrheit von den Dächern verkündet
werden soll. Die Weise dieser Kritik hat die Methode der Behand-
lung des N. T. geschärft; auch die konservativen Theologen nament-
lich in der modernen Liebhaberei für nt. Lehrbegriffe bestimmt,
aber nichts Gewisses gewonnen, sondern nur eine namenlose Ver-
DftTid Friedrich Stranas und die kritische Schule. 51
mmmg in die Einfachheit und EinMt der nt. Schrifben gebracht.
Von Baur und Strauss ist ein unübersehbares Unglück über die
eyang. Kirche aller Länder gekommen; Henke aber hat in seiner
lEQrchengeschichte TOh den Gkiben des Herrn in Baur geredet. So
völlig MyoI sind wir geworden*). Die in Flor stehende Kritik
steigerte Bruno Bauer- ins Masslose und L. Feuerbach erregte
die Menge mit der Behauptung, dass die Beligion nur die Dreh-
krankheit des selbstsüchtigen Menschenherzens sei und der Mensch
das sei, was er esse. Im Grunde weiss die Unvernunft auch nicht
melö*. Bald erhob sich nun mit dem jungen Deutschland das
spottende Judenthum, das den armen Vetter Christus beklagte und
seine vergifteten Lieder sang: bis in den Moment des Sterbens voU
Spott über den Grott, dessen Geschäft es ist, Sünden zu vergeben.
Wir haben hier noch eine Anzahl kritischer Theologen zu erwähnen.
Es ist eine Beihe von gelehrten und scharfsinnigen Kräften,
die an der Kritik sich meistens selbst verzehrten. In Berlin lehrte
ein Freund von Schleiermacher, W. M. L. de Wette**). Als
er an die Mutter Sands, des Mörders von Kotzebue, ein Trost-
schreiben schickte, brachte er die ganze theol. Facultät in die Gefahr
1 der Absetzung, wurde seines Lehramtes enthoben, ging dann nach
Weimar und 1822 als Professor nach Basel, wo er bis 1849 eine
Anzahl geschätzter Lehrbücher für das A. T. und ein exegetisches
Handbuch zum N. T. herausgab. Auch seine Uebersetzung der
Bibel fiuid vielen BeiMl. Sein kritischer Grundsatz war der: dem
gebildeten Verstand muss die Unächtheit des Pentateuch von vorn-
herein klar sein. Die Himmelfahrt Christi war ihm ein Wunder,
das heutzutage kaum noch dem Bohesten zusagen kann.
Er klagte:
Ich fiel in eine wirre Zeit,
Die Glaubenseintracht war vernichtet;
Ich mischte mich mit in den Streit,
Umsonst, ich hab* ihn nicht geschlichtet.
Im Wesentlichen theilte seine Ansichten der durch klassische
Eenntniss der Sprache und einen bedeutenden Psalmencommentar
bekannte, in Marburg und Halle wirkende Hermann Hupfeld***)
(t 1866), der sich wunderte, dass Jesaia 63 so merkwürdig mit
Jesu Leiden stimmte und der in den Quellen der Genesis einen
♦) Worte der Erinnerung an ihn von s. Collegen, 1861.
**) Ueber ihn Schenkel, 1849, Hagenbach, 1860, Lücke, Stud.
TL Krit, 1860, Wiegand, 1879, und Stähelin, 1880.
***) Ueber ihn Biehm, 1867.
52 Achtes KapiteL
Elohisten herausschälte, ehrwürdig durch Alter und etwas langweilig,
vor dem mehr unterhaltenden Jehovisten entstanden: eine Idee, die
nachher Wellhausen zerstörte. Da er in der HochstrÖmung der
Richtung, die Hengstenberg leitete und den &r £uiatisch be-
kftmpfbe, sein Docentenamt führte, war sein Alter einsam und nidit
ohne Bitterkeit, denn er sah überall »die Grimassen der Welt«. Er
hat sich selbst am besten charakterisirt in der Vorrede zu seinem
Psalmencommentar. Eine merkwürdige Erscheintmg auf hohem
Kothurn mit infallibelen Aussprüchen schritt durch die Zeit G. H.
A. Ewald in Göttingen, ein berühmter Orientalist, der mit scharfer
Kritik warme Begeisterung verband, aber weniger gefiel, wenn er
den Reichstag auf Seiten der weifischen Opposition apostrophirte
(t 1875). Die Tübinger Schule setzte sich fort in Hilgenfeld,
Yolkmar und Keim und wiederholte bandwurmartig und ermüdend
die Gedanken vom Judenchristenthum und Heidenchristenthum, als
ob dann das ganze Geheimniss des apostolischen Zeitalters bestände.
Keim in Zürich und Giessen versuchte sich in üppiger Sprache an
dem Leben Jesu, das nach seinem einsamen Tode (1878) auch zur
Vergessenheit herabstieg. Offenbar hat das G^himleiden, dem er
früh erlag, auf die Hervorbringung seiner Bücher eingewirkt. Den
Vorwurf, dass die Evangelien Tendenzschriften wären, Hess man
allmählich mehr fsdlen. Die minutiöse Detailforschung und kritische
KLeinklauberei nahm aber weiter so zu, dass die Systeme über die
Entstehung der Synoptiker sich gegenseitig erstickten und die aka-
demische Jugend dabei verödete. Sie kann sich nicht mehr zureeht-
finden und steht der Schrift; als einem räthselhafben Mosaik gegen-
über, dessen geschickte Zusammengeflicktheit selbst die Weisesten
nicht auf&nden können. Auch die, welche die Tübinger Behauptungen
nicht annahmen, übten eine pietätiose Behandlung der Schrift, die
in ihrer literarischen Entstehung und Form wie ein anderes mensch-
liches Buch behandelt wurde. Die Vernichtung der Autorität der
Bibel ist die Saat vieler akademischer Lehrstühle. Stolze Apologeten
suchten sich zu helfen, indem sie die alles beweisenden und dadurch
kleinen Apologeten in den Schatten stellten: sie selbst aber waren
in dem treibenden Fluss einer Bewegung, die den Zweifel in die
Herzen Aller geworfen hatte. Als Bernhard Weiss in Berlin die
Forschungen über das Leben Jesu zu einem gewissen Abschluss
brachte, konnte er auch ein Meerwandebi Jesu und eine schöpferische
Brodvermehrung nicht glauben und seine ganze kritische Methode
war, obwohl scheinbar konservativ, ebenso subjektiv wie die seiner
Gegner. Zuletzt hat noch Carl Weizsäcker in einem grossen
David Friedrich Stranss und die kritische Schule. 53
Werke über das apostolische Zeitalter (1886) in schrankenloser
Willkür die Evangelien und die Apostelgeschichte behandelt, von
welcher letzteren doch in beschämender Weise Ranke sagt, dass
sie gute Kunde mit einfstcher Darstellung verbinde. Nach W. ist
Jesus in einem misslungenen Wagniss umgekommen und sein Leib
im Grabe verwest. Im Allgemeinen herrscht auf nt. Gebiet Er-
müdung und Erschöpfdng: man hat es zu keinem einzigen fest-
stehenden Resultat gebracht. In dem nicht apostolischen Ursprung
des 2. Petribriefes glaubte die Kritik doch noch etwas in den
KSnden zu haben, neuerdings hat ihn Spitta wieder »glänzend«
vertheidigt und die Abhängigkeit des Judasbriefes nachgewiesen.
Das 2. Cap. des 2. Petribriefes schildert übrigens trefflich die Theo-
logen der Kritik. Das heüige Leiden, das allein die Schrifb be-
weist, fehlt überalL 1885 gedachte man an die Aufhebung des
Ediktes von Nantes. Was ist der traurigste Zug im Charakter der
Glegenwart? Es hat sich ihr die strafende und züchtigende Liebe
Gottes entzogen. Wir sind weder die Wahrheit werth noch die
Leiden um derselben. Und wenn Gott eine so blühende Kirche wie
die französisch-reformirte durch ein furchtbares Gericht wegwischte,
was wird er dann von unserem durch Unglauben yerdorbenen Ge-
schlechte wissen?
Lebhafter ist jetzt die kritische Bewegung auf dem Boden des
A. T. Julius Wellhausen, erst Professor der Theologie in
(jreifswalde , dann resignirend Professor der Orientalistik in Halle,
jetzt in Marburg, nahm mit Scharfsinn die Hypothese von Beuss,
Vatke, Graf auf, dass ein sogenannter Jehovist etwa um 800 ent-
staaden, dann das Deuteronomium um 621, aus einem priesterlichen
Bnd prophetischen Komplott hervorgegangen, doch später von dem
Mithelfer Jeremias selbst als eine vom Lügengriffel der Schreiber
geschriebene Lüge bezeichnet, die Anfänge des Pentateuch gebildet,
ein Theil der wichtigsten kultischen Gesetze aber als Priestercodex in
Bnd nach dem Exil gemacht sei, indem Esra endlich damit heraus-
rCiekte*). Denn noch einmal habe sich nach dem klaren Zeugniss
der Propheten der israelitische Geist in tiefsinnige aber auch von
hierarchischen Tendenzen durchzogene Symbolik hineingelebt. Der
Hochmuth lehrt hier, dass alle Apologetik nur geschehe, ut aliquid
fecisse videatur. W. bezeichnet seine Stellung mit den Sätzen:
*) Vortreffliche Aufsätze über die Frage im Ev. Kirchen- und Schul-
blatt för Württembeig von Oehler und Färber, 1^%^ xwiöi \Ä%^»
54 Achtes Kapitel. David Friedr. Stratus o. die krit. Schule.
»Die israelitische Religion hat keine historischen Heüsthatsachen,
sondern die Natur zur Grundlage; das Verhältniss Jahves zu Israel f
war von Haus aus ein natürliches; was man so eigentlich fSbr
das Theokratische in der Greschichte Israels ausgibt , ist durch Be-
arbeitung hineingebracht«. Gewaltstreiche lösen zuletzt alle Schwie-
rigkeiten. Eine Anzahl von lärmenden Gelehrten hat sich ihm an-
geschlossen; namentlich glänzt Giessen in hämischem Spott über
alle Apologetik. Die gläubige Gemeine wird bei dem Zeugniss der
jüdischen Kirche, des Herrn und der Apostel bleiben. Jene unreinen
Geister werden aber das heiligste Problem nie lösen. Die Unter-
suchungen in diesen Fragen haben eine solche Zertheilung in lauter
minutiöse Fündlein und Quellen bewirkt, dass alle Sicherheit gegen-
über dem A. T. zerbröckelt ist und die akademische Jugend in der
Wildniss der Verwirrung sich ergeht. Der Blick auf die Einleitongs-
wissenschaften gehört zu den trostlosesten der Gegenwart. Noch j
immer werden ganze Theologengeschlechter von den »untersuchen-
den« Professoren vergiftet. Mit der Pflege der Kritik auf den
Universitäten hängt es auch zusammen, dass unser Jahrhundert von
einem ununterbrochenen, oft in Massenprotesten auftretenden Stampf
der Provinzialkirchen mit den theologischen Fakultäten durchzogen
ist. Letztere eifern dann für ihre Lehr&eiheit, auch wo sie Lehr-
frechheit geworden ist und flüchten sich unter den Schutz des neutralen
Staates gegen ihre eigenen Zöglinge, die sich fär die Bedür&isse
ihres Amtes von den Lehrern verlassen sehen. Für Engländer und
Amerikan^ ein unbegreifliches Schauspiel: die Kirche gegen ihre
eigenen Lehrstätten voll Misstrauen und diese um sich besorgt
selbst bei den Wünschen der Synoden, die sie doch sonst so fördern
wollen. Ein Riss bis zur Karikatur, wenn die Fakultäten sidi
vornehm gegen die Kirche auf die Höhe der Wissenschaft stellen.
Das reine Gegentheil von der geschlossenen Erziehung des römischen
Klerus, der Einheit von Bischof und Akademie oder Seminar*).
Wäre die Kritik ein Erwachen des Wahrheitssinnes, den auch di«
schar&innigsten Alten wie Calvin nicht besassen, wären ihre Be-
sultate Aufhellungen zu Gunsten der Wahrheit, so hätte sie erbauend
und erleuchtend gewirkt, aber ihr Weg ist der Ruin der Kirche
und sie selbst überall eine Tochter des Abfalles von Gk)tt. Daher
bindet sie sich auch selbst mit den nächtlichen Stricken ihres eigenen
*) V. Nathusius, Wissenschaft und Kritik im Streit um die theol
Fakultäten. Zt&. d. ehr. Yolkal. Bd. XI. Äe^tt 8.
Neuntes Sjipitel. Der Protestantenverein. 55
irrwarrs *), ihrer Hypothesen und tansend&Lchen Fragmentlein und
rkonden. Die Krankheit ist aber so gross, dass von ihr ein Wort
LS dem geschmähtesten Buche gilt: es war kein Heilen mehr.
äkS yerbürgt auch die stumpfe Gleichgültigkeit , so dass Niemand
ehr erschrickt, wenn das heilige Buch zerschnitten und in das
aminfeuer der winterlich erstorbenen Kirche geworfen wird. Das
ihriftprinzip des Protestantismus ist ihm durch Missbrauch zum
uch geworden.
Neuntes Kapitel.
Der Protestantenverein.
Iteratur: Schenkel, der deutsche Protestantenverein n. s. Bedeutung
in der Gegenwart, 2. Aufl., 1871. ßluntschli, Denkwürdiges aus
meinem Leben, 1884. Richard Bothe's Leben von Nippold,
1878—74.
Auf einer halbjährlich in Durlach in Baden gehaltenen Ver-
umnlung wurde im August 1863 der Vorschlag gemacht, regel-
lässig wiederkehrende Versanmilungen solcher deutschen Protestanten
azuregen, welche in der orthodoxen kirchlichen Bestauration nur
en Weg sehen, um das deutsche Volk immer mehr dem Christen-
imn zu entfremden. Nach einer Vorversammlung in Frankfurt
eschah die wirkliche Gründung des Vereins am 7. und 8. Juni
365 zu Eisenach, wo sich 300 Theologen und 200 Laien zusammen-
Aden, um die begeisternde Rede des »Heiligen des Vereines«
ichard Bothe^s anzuhören, der die Geistlichen anklagte, dass sie
cht mit der Bildung ihrer Zeit Frieden machten und so dem über-
1 unbewusst waltenden Christenthum entgegen kämen. Riefen
hon die Thesen des Generalsuperintendenten K. Schwarz**) aus
Qtha über die protestantische Lehrfreiheit Gegensätze hervor, die
ifangs noch überwunden wurden, so war doch nachher für eine
thodoxe Rechte kein Platz mehr in dem Verein und trennten sich
e also Gesonnenen von ihm. Er organisirte sich in Orts- und
jzirksvereinen , stellte einen engeren und weiteren Ausschuss an
B Spitze und hielt Deutschland durchwandernd regelmässige Pro-
stantentage ab, bei denen auch in grossen und stark liberal
♦) Zöckler: Wider die unfehlbare Wissenschaft, S. 36 ff., 1887.
**) Eine Lebensskizze von ihm hat Rudloif gege\>Qa, \%%1«
56 Neuntes EapiteL
gefärbten Stttdten wie Berlin und Hamburg die Theünalune immer
geringer, die Zuhörer immer spärlicher wurden. Bei der vierzehnieii
Yersammlung in Earlsrohe starb gleich nach derselben, als er ging
den Orossherzog zu begrüssen und nachdem er jubelnd ein Schrift-
wort ausgerufen, das auf ihn und den Verein keine Beziehung hatte,
der begabte und bertihmte Leiter derselben, der Bechtslehrer
Bluntschli (21. Oktober 1881), der nach den Mittheünngen ans
seinem Leben sich ein Gemenge merkwürdiger Ideen gebildet hallte,
in denen selbst die zweite Sendung eines Sohnes Grottes erhofib
wurde. Aus der Schule des Vereins tauchte das »Charakterbild
Jesu« von Professor Schenkel in Heidelberg auf (f 1885), das
nur ein Spiegelbüd seiner eigenen Ingrimmigkeit gegen aUes orÜio- f
doxe Schrifkgelehrtenthum wai*, zu der er sich aus pietistischen An- ■•'
f^gen allmfthlig im Drange seines leidenschaftlichen Ehrgeizes ent-
wickelt hatte. Allgemeine Proteste erhoben sich gegen dasselbe,
waren aber unnöthig. Anfsuigs gaben die geistvollen Bemühungen
und Apologien von Bothe dem Verein einen gewissen Glanz, aber
das Misstrauen der Eirchenleitungen, die heftige Polemik gog&n^
alles kirchliche Bekenntniss bis zum frivolsten Spott über das Apo-
stolicum, welche das mit gelehrten Kräften unterstützte Organ des-
selben: die protestantische Eirchenzeitung und ihre Freunde führten,
die Unfruchtbarkeit an allen Werken innerer und äusserer Mission,
die gänzliche Gleichgültigkeit des Volkes auch gegenüber diesen Zu-
geständnissen an seinen Unglauben brachten denselben immer mehr
in Missachtung und so blieben auch die Hilfeleistungen, die derselbe
dem Staate gegen Rom leistete, gebrochen und wenig anerkannt.
Li einem »Bibellexicon«, in einer »Protestantenbibel«, in Flugblättern
suchte er in das Volk einzudringen, aber kaum hinausgehend über
die Moral und Kritik des Rationalismus, wenn auch mit Bedürf-
nissen für die Lehre von der Versöhnung, hat er mit seinen oft
wilden Agitationen nur die religiöse Stumpfheit des Volkes vermehrt,
das auch von dieser Seite nur theologischen Hader erblickte. Neuer-
dings hat er den Versuch gemacht, einen Missionsverein zu
gründen, aber mit wenig durchsichtiger Absicht, wenn auch mit eini-
gem Erfolg. Pfejrer B u s s in Glarus, der sich dafür bemüht, wurde
in einem Heidelberger Jubiläumsscherz gleich zum Doktor der Theo-
logie gemacht. Unter seinen theologischen Führern sind noch
Krause*), Zittel, Richter, Holsten, Pfleiderer, Sy-
') üeber ihn Späth, 1878.
dow*)y Liseo, Klapp, Manchot zn neniMii» ron Laiaa Jbr
Jnstiziatli GGtting, dar KammergeiichtsraUi SchrC^d^t« ^t
]MM^ immer der Beriinfir Kreiäsjiiode präsidiert In der px^ttö^
Bischen QeoealBjikode schwack Tertzeten wird die StituuM dMtwr
Protefitantfia nur nodi wenig gehört» was sie dann mit Zorn über
die Beriiner HoQ^rediger yergelten. Als 1885 in der Cbarwoche d^^r
Qeneral tfuperinte nd ent Karl Schwarz in Gotha starh» stand au»
Sonnabend, wo Christas im Grabe rohte^ die Geistlichkeit des taft*
des im Amtsomat am Feaerofen. Bei dem heuchlerischen Fried^as^
sdünss mü Bom 1886 hat der Yerein einen Auinif an das deutsche
Volk erlassen. Er gefiel damit keiner Partei und ist wvdd mit die-
sem »dompfisn Schlag auf die Kuhurpauke« aus dem (^eutUchett
Leben für immer abgetreten. Auf dem letzten Lftstertag in Wie«^
baden ayancirten nodi die Ho^rediger zu Hofschneidem. l>ie
Frirolität dieser Kftmpfer gegen Bom stand auf der H(^he: sie ist
mm aUen offenbar geworden. Die angesehensten Theologen dieser
theologischen Bichtung sindBichard Bothe und Karl v. Hase.
Ersterer, am 28. Januar 1799 in Posen geboren, ward 1823 preus-
Bischer Gresandtschaftsprediger in Bom, dann Professor am Prediger-
Seminar in Wittenberg und 1832 zweiter Direktor, und Ephorus die-
ser Anstalt» 1837 erster Professor in Heidelberg, 1849 in derselben
Eigensd^ft in Bonn und von 1854 — 1867 wieder in Heidelberg, wo
er am 20. August stbrbt. Man hat ihn den gedankenreichsten und
scharfisumigsten Theologen der Neuzeit genannt, keineswegs aber
war er nach seinen praktisdien Wirkungen der bedeutendste, viel-
mehr in seinen letzten Lebensjahren auch unter den Gebildeten sich
einsam und verlassen fühlend, nach Stille, wenn auch nicht nach
Buhe verlangend, um seine architektonisch hochstrebenden, eisig
kalten und eisig spitzigen Spekulationen aufbauen zu können, in
denen er das Wesega Gottes und das Wesen des Menschen dialek-
tisch und theosophisch in Klarheit der Bede begreifen wollte und
konnte. In unerhörter Weise die Freiheit und Selbstbestimmung
des Menschen zum Prinzip und Werth eines moralischen Prozesses
machend, in dem der Mensch mit scheinbar wenig nothwendiger
Mithülfe der Ghiade sich aus sich selbst in langsamer Entwicklung
vervollkommnet. Der reinste und lauterste Gegensatz der paulini-
sehen und lutherischen Wahrheit, ein System voll riesiger, geistiger
Yermessenheit, in dem sich noch einmal der menschenverherrlichende
Geist des ganzen Jahrhunderts zusammenfässte, jetzt schon durch
*) Sein Lehm ron Marie Sjdow, 1885.
58 Neuntes Kapitel. Der ProtestantenTerein.
die neueste Theologie als nicht geziemende metaphysische Betradfc^^
tongen des »Dinges an sich« zu den Todten gelegt. Es ist derselbe'
stolze Wahn auf protestantischer Seite wie die ünfehlbarkeitserkUk^
rang auf römischer. Denn »Ihr werdet sein wie Oott« bleibt di0^
Signatur unserer Tage. Die dogmatische Spekulation stand auf der
der Höhe: sie sollte von derselben jählings herabstürzen. Bothe» an^
&ngs pietistisch gef&rbt, dann von dem Pietismus unbefriedigt, meht
spekulativ und moralisch gerichtet fand sich zuletzt in der G^eseU*
schafb des Protestantenvereins, die ihm eben so wenig ganz zusagte^
wie sein College Schenkel, der doch die ihm fehlende agitato-
rische Seite ersetzen sollte. Sein Hauptwerk ist die viel angestaunte
»theologische Ethik« (2. Aufl. 1869 — 71). Die von ihm vertheidigte
Wahlfreiheit des menschlichen Willens, die Bestimmung aus sitt-
licher Indifferenz zu sittlicher Vollkommenheit ist auch dialektisch
untersucht ein Widersinn*). Nach seinem Tode erschienen viele
seiner Vorlesungen und Predigten. Sein ihn bewundernder Histo-
riker ist Professor Nippold in Jena. Mit besonderer Theilnahme
wendet sich stets auch der Positive zu Karl von Hase, **) dem
Nestor protestantischer Eirchengeschichtsschreibung, diesem jetzt bis
ins 88. Jahr thätigen mit der besten und umsichtigsten Kunde in
räthselhafb packender, eigenartiger, unnachahmlicher Schreibekunst
ausgezeichneten Gelehrten. Seit 1880 lehrt er in Jena als der
Theologe nicht allein Thüringens; einst ein Gegner des Generalsuper-
intendenten Röhr, der die letzten krampfhaften Versuche machte,
den alten Rationalismus in seiner Predigerbibliothek zu retten, ist
er selbst nicht über einen ästhetischen Rationalismus hinausgekom-
men, der mit dem Christenthum, das in seinem Anfang, Entwicklung
und Vollendung Wunder und Weissagung ist, in feinsinniger, überall
Verständniss suchender und ahnender Weise beschäftigt, dieses Wun-
der und diese Weissagung bestreitet, auch wo sie auf den unzwei-
deutigsten Zeugnissen beruhen. Vorsichtig und weise genug, um
der negativen Kritik nicht überall zu folgen, bleibt er doch in einem
Gesetz des geschichtlichen Werdens stehen, das weder die Zeugnisse
der Schrift noch die Geheimnisse des Glaubens erklärt. Ein Ge-
schichtsschreiber, der den tiefsten Pulsschlag der Kirchengeschichte:
das Wunder des Glaubens an sich selbst nicht erfeJiren, obwohl von
fesselndem Reiz, den feiner, zuweilen auch boshafter Humor um-
*) Vergl. die Wahlfreiheit des Willens, in ihrer Nichtigkeit darge-
legt von Waldemar Meyer, 1886.
**) Ideale und Irrthümer, Jugenderinnerungen, 1878.
Zehntes Ki^iteL Die Emeaeroog des Bationalismus. 59
qoelt. Von ihm haben wir das bedeutendste Buch dieses Jahrhun-
derts in dem Bahmen seiner inneren Beschränkung: Handbuch der
protestantischen Polemik gegen die römisch-katholische
Kirche (4. Aufl. 1878). Femer sind von ihm weltbekamit sein
»lEattems rediyiviis« in 12 Auflagen, seine Eirchengeschichte, sein
Leben Jesu. Neuerdings lässt er noch eine ausföhrliche Eürchen-
geBcfaiehte auf Grund akademischer Vorlesungen ausgehen. Berühmt
sind auch seine meisterhaft geformten kleinen Essays. Hase hat
ebmial tapfer gegen Baur die Authentie des Ey. Johamiis verthei-
digti doch zuletzt einsam in dem schreienden Chor der Freisinnigen
hat er einen Jünger erdichtet, der die Erinnerungen des Meisters
medergeschrieben. Benders Werk über die B>eligion hat er in seinem
hohen Alter ernst und siimvoU genannt. Ob auch ihm alle Beligion
inr Illusion geworden und so seine Ideale geendet? Hase ist nur
mit Schleiermacher, Müller, Tholuck und Bothe ein Beweis,
dass es Gk>tt unserem Jahrhundert nicht gegeben hat, Luthers Glau-
ben in wahrer Angst des Gewissens in seiner yoUen Lauterkeit
wieder zu behaupten.
Zehntes EapiteL
Erneuerung des Rationalismus.
ins der vielen Literatur nur: Thikötter, Darstellmig und BeurtheiluDg
der Theologie Albrecht Ritschls, 1883. Heer, der Beiigions-
begriff A. Ritschls, 1884. Vom Meister selbst: Theologie und
Metaphysik, 1888. Hang, Darstellung und Beurtheilung der A.
Bitschrschen Theologie, 1885*
Wie wenig die ganze dogmengeschichtliche Entwicklung unseres
Jahrhunderts den Bationalismus überwunden hat, wie alles nur
schwache Versuche waren, die gegen ihn die Wahrheit der Befor-
mation erneuern wollten, beweist nicht nur auf philosophischem,
sondern auch auf theologischem Gebiete die Bückkehr zu Kant,
der als der wahre und einzige Philosoph aufs neue gepriesen und
studiert wurde. »Zurück zu Kant«. Nachdem von allen stolzen
Gebilden der Philosophie nur ein Aschenhaufen übrig geblieben war,
nachdem die vielgerühmte »gläubige Spekulation« so wenig eine
nothwendige Entwicklung gebracht hatte, dass sie vielmehr immer
eine geschmeidige Buhlerin des Spinozismus war und mit unreinem
60 Zehntes Kapitel.
Schmack geziert hatte, was in sich selbst rein und gewiss ist,*)
frag man sich in aller Bescheidenheit, ob der Mensch überhaopl
etwas erkennen könne. Man wollte wieder nüchtern werden. Sl
ist Albrecht Bitschi, Sohn eines pommer'schen evangelisdiai
Bischofs, der seit 1864 Professor und Consistorialradi in GöttingeD,
nachdem er an&uigs der Schule Baurs angehört, dann dieselbe
bekämpft;, sich später in dem grossen Werke: »die christlidid
Lehre von der Rechtfertigung und Yersöhnungc (8 Bde. 2. Auflage
1884) und in seinen geschichtlichen Studien über den reformirtet
und lutherischen Pietismus, die Eantischen Grundlagen aneigne^
um auf ihnen ein von Scharfsinn xmd hervorragender G^lehrsamkeü
getragenes System aufzubauen, in dem nach seinen praktischen das
Leben bestimmenden Gedanken nichts übrig blieb als die treue Be-
rufserföllung in dem för jeden angewiesenen Kreis, geheiligt you
dem Glauben an die Providenz Gottes, der uns schon in sich ohne
einen genugthuenden Tod des Mittlers Vergebung für die in Un-
wissenheit begangenen Sünden entgegenbringt. Dieser geringe Yom
Rationalismus nicht verschiedene moralische Ertrag ruht auf einer
weitschichtigen, in schwer verständlicher, wuchtig polemischer Sprache
sich äussernden Theologie, die auf der einen Seite energisch und
klar die reformatorische Wahrheit vertritt, dass Gott nur in Christo
sich offenbare und dass alle metaphysischen Spekulationen über das
Wesen Gottes an sich unfruchtbar und geföhrlich seien, dass alles
was die Schrift von Gott und Christo sagt, zum Gebrauch der Ge-
meine geschrieben sei, auf der anderen Seite aber von dieser Regel
den Gebrauch macht, dass, weil wir alle Dinge nur nach unserer
Empfindung von ihnen beurtheilen können, wir weder von Christi
Persönlichkeit, noch den Thatsachen seines Heiles, noch seiner jetzi-
gen Beziehung zur Gemeine etwas Bestimmtes aussagen können.
Die von ihm ausgegangenen Wirkungen sind för uns nur in der
von ihm gestifteten und von seinen Erinnerungen belebten chnst-
liehen Gemeine vorhanden. Auf diesem Wege hat Ritschi die
Lehre von der Präexistenz Christi, seinem sühnenden Opfertode,
seinem persönlichen Regiment der Kirche und dem mit ihm fortr
bestehenden lebendigen Verkehre des einzelnen Gläubigen verloren.
Christus eine Grösse der Vergangenheit, mit der kein unmittelbares
persönliches Verhältniss stattfinden kann, weil dies mystische Schwär-
merei wäre. Ein System ohne die Schrift und über der Schrift, in der
auch Paulus wesentliche Lrthümer hat. Die Verwerfung der meta-
*) Thilo, Die WissenschaftL d. mod. spekul. TheoL, 1851.
Die Emeuening des Bationalismus. 61
sischen Seinstirtiheile führt zu religiösen Werthmtheilen, die rein
jektiv aii%e£ässt werden, da auch die ersten christlichen Gemei-
in denselben Falsches haben. Die Wahrheiten und Thatsachen
Christenthums werden wie andere Erfiahrongen in Phänomene
subjektiven Bewusstseins oder in Akte des menschlichen Wil-
i umgesetzt. Gott ist unerreichbar fem, ohne Zorn und Mitleid,
errscht von einem starren, eydg unwandelbaren Liebeswillen:
istos der Offenbarer dieses Liebeswülens, ein vorbildlicher Mensch,
i bis in den Tod, der heilige Geist die intellektuelle, moralische
£t der Gemeine, bei dem Menschen sein Wille das einzig reale
. entscheidende, vielgeschäftig in eigener Kraft, herrschend über
Welt. Eeligion — Selbstbehauptung des Menschen gegenüber der
It mit Hilfe Gottes. Ein rationalistischer Skepticismus und ein
igianischer Moralismus, vergeblich in handgreiflicher Täuschung
den reformatorischen Wahrheiten geschmückt: das hellste Zeichen
völligen Erschöpfung des Protestantismus, der am Ende dieses
rhunderts au& neue nicht mehr weiss als das, was das niedere
k immer wusste: Thue Eecht und scheue Niemand. Nach dem
hn des »Spekulativen« stellt man wieder die Forderung des
btüchen« auf: für ein schuldbeladenes Gewissen von noch grös-
sr Qual und Täuschung. Während in den Gemeinen diese neueste
sologie nur vereinzelt Aufsehen erregte, denn sie brachte ja das,
; jeder im Munde fährte, hat sie jetzt eine Anzahl von sich gegen-
ig lobenden und äusserst hochfahrenden Schülern in Marburg,
ssen, Heidelberg und Berlin, dodi auch ihre Zeit ist so kurz wie
der vorhergehenden stolzen Bomane der Denker, denen sie ein
echtes Grab bereitete. Der Kampf mit Bom ist die wichtigste
^be des Protestantismus; er tritt überall mit gebrochenem
ilde in denselben ein. — Von den Schülern Eitschls ist Harnack
Siarborg mit einetm Lehrbuch der Dogmengeschichte hervorge-
en, in. dem nach Abzug alles Theoretischen, Theologischen und
Losophischan nur ein specifisches supranaturales HeLLsgut, eine
6 Erlösung und ein praesens numen übrig bleibt. Die Dogmen-
ihidite Verweltlidiung und Yerderbung des echten Evangeliums.
>st Panhis viel zu sehr doctrinär und sein Werth nicht zu über-
itzen. Der Pietismus ging noch aus einer Bewegung der Ge-
len hervor: die Göttinger Theologie ist von vomehereia ein
knes Schulgewächs.
62 Elftes KapiteL
Elftes Kapitel.
Die schwäbische Kirche.
Literatur: Ey. Kirchen- und Sehulblatt f&r Württemberg 1840 £
Wegen ihrer Eigenthümlichkeit bedarf die Kirche Württembergs
einer besonderen kurzen Charakterisinmg. ffier erwachte mit grossei
Innigkeit der von den Yatem geliebte Pietismus mit seinen woU:
thatigen Gemeinschafben (Altpietisten, Pregizerianer, Michelianer^
empfing in dem Prttlaten Sixt Karl Kap ff**) einen angesehenen
Führer, in Christoph Blumhardt***) in Boll einen warmherzigen
Herbergsvater für alle Welt, der in dem freundlichen Wahn lebte,
noch selbst das tausendjährige Eeich zu erschauen, doch starb er
gerade in dem Jahre (1880), dessen Neujahrslosung ihm seine Hoff-
nung recht nahe gerückt sein Hess. Seine seltsame Geschichte mit
der GotÜiebin erinnert doch sehr an ahnliche Geschichten hysterischer
Frauen, wo immer grosse Tauschungen unterlaufen. In den Theo-
logen Palmer, Oehler, Landerer und Beck erstanden konser-
vative Leiter und so überwand man die furchtbaren Wirkungen der
Kritik von Baur undStrauss, die jede Kirche zu zerstören schie-
nen. Gottlieb Wilh. Hoffmann, mit Neuerungen in der Lan-
deskirche unzufrieden, gründete 1818 mit königlicher Erlaubniss die
blühende Gemeine Kornthal, der sich Wilhelmsdorf anschloss.
Sein Sohn Christoph (f 1885) schuf die Gemeine des neuen
Tempels mit Kolonien in Palastina und spater mit grossen Httresieen.
Nach seinem Tode kehrte ein Theil seiner Anhanger zur alten Kirche
zurück. Als ein Zeuge der Wahrheit Viele tröstend steht Ludwig
Ho facker da (f 1828). Sein Leben hat der bekannte Dichter
Albert Knapp beschrieben (5. Auflage 1883). Seine Predigten
erlebten 88 Auflagen f)- Li Schwaben ist mehr als im übrigen
Deutschland die evangelische Kirche noch eine Yolkskirche, getragen
von einem verbreiteten frommen Sinne Vieler, unermüdlich in Wohl-
thaten und Liebeswerken, nach denen sie die erste Stelle in Deutsch-
land einnimmt. Nach allen Gegenden: auf Professorenstühle, in den
r;>. •
»;-
*) Palmer, Die Gemeinschaften und Sekten Württb., 1877.
**) Sein Leben von seinem Sohne, 1881.
***) Sein Leben in gutem Glauben von Zündel beschrieben. 2. Aufl.
1881. Ueber Frau Doris Blumhardt der Sohn, 1886..
t) Ueber ihn auch Claus, WClrttemb. Vater. 2. Bd. 1888.
Die schwäbische Kirche. 68
heissen Brodem von Afrika und Indien, in die Verlassenheit deut-
scher Gemeinen in Amerika sendet sie ihre geistlichen Zöglinge,
die die Seminare und das Stift gebildet haben. Die Basler Mis-
sionsgesellschaft ist eine schwäbische Filiale und hat von -hier ihre
Inspektoren und ihre grössten Beiträge. Die G^müthstiefe und treue
Wärme des ev. Volkes wirkt überall hin belebend. Unter den Theo-
logen ragt durch seinen grossen, viele Jünglinge an sich ziehenden
Einfluss Joh. Tobias Beck hervor, neben der Kritik Baurs die
volle Inspiration des Kanons vertheidigend, ehrwürdig in seiner
Liebe zur Schrift, verbxmden der altwürttembergischen Exegese,
dem Bealismus markiger Grundbegriffe, dem Pneumatismus und dem
naturalistischen kräftigen Hintergrunde der Bibelworte, dabei Chiliast,
der die Hilfe des persönlich kommenden Herrn für die Schäden der
Welt erhofft, die durch Macherei der Kirche nur verschlimmert wer-
den. Nützliche und brauchbare Winke gibt er ia seinen Pastoral-
lehren, in seiner Betrachtung der Lehrweisheit Jesu, dessen was
wirklich Erbauung ist und wie alles im Beiche Gottes wachsthümlich
gedeiht; aber sein ganzes Lehrsystem, oft räthselhafb dunkel gestaltet
wie wenigstens in seinen Anfängen, ist durch und durch synergis-
tisch und gesetzlich treiberisch (»erst Knecht, dann Kind«) , mit dem
Trost der inmier grösseren Treue, die man üben soll, und hat in
anderer Weise zwar wie Hengstenberg, aber auf demselben Ge-
biete, dem der Lehre von der Bechtfertigang, tief geirrt, denn deren
schriftgemässe Fassung und heilige Widersinnigkeit als die Gerecht-
gprechung des Gottlosen konnte Beck nicht begreifen: ein Theologe
in der Schrift xmd doch ausserhalb derselben, auch in seinem Eea-
Usmus und mystischen Wesenseinigung mit Christus mehr Worten
als Wahrheiten huldigend, da wir von dem Naturboden des Lebens
mid des Todes nichts wissen als lediglich in Gott ruhenden Geheim-
nissen. Es war etwas keck von mir, als ich ihn auf seinem Wein-
berge in studentischer Weise fragte: »Nicht wahr, Sie haben Ihr
System in die Schrift hineingelegt?« »Nein,« sagte er scharf, »es sind
die Lineamente, welche allen Schriftbüchem unterliegen und nur zu-
sammenzufügen sind.« Er trug in seinen späteren Jahren einen
langen grauen Bart und sah mit seinen braunen klugen Augen recht
trutziglich in die Welt. Seinem Bilde hat er die Unterschrift ge-
geben: Werdet Nachahmer der göttlichen Einfalt. Die Einfalt der
Schrift ist noch viel grösser als er sie gefunden*). Auch Beck,
der allein mit Schleiermacher, Hengstenberg, Hofmann
*) üeber ihn Bi^^enbaoh, 1887.
64 Zwölftes Kapitel.
und Bitschi eine Schule in ganz Deutschland gegründet hat, zeigt
wieder, dass es unserem Jahrhundert nicht möglich war, die Wahr-
heit der Beformation zu erneuern. Wo die Eechtfertigungslehre
weg ist, «agt Luther, da ist die Kirche weg, und ohne diesen Arti-
kel ist der heilige Geist nicht bei uns. Beck stirbt am 28. Dezem^
ber 1878. Neben ihm ist Gustav Oehler einer der lichtvollsten
und besten at. Theologen dieses Jahrhunderts gewesen'*'). In der
Gegenwart hat Schwaben Theologen von Namen in C. Weizsäcker
xmd B. Kübel (positiv), aber nur noch die schwäbische Nachtigall
K. Gerok lässt in alle Lande ihre süssen Lieder ertönen. Als grund-
gelehrter G^schichtskenner ist hier auch noch P&rrer Bossert
in Bächlingen zu nennen.
Zwölftes Kapitel.
Die reformirte Kirche.
Literatur: Die reformirte Kirchenzeitmig 1851 ff.
Die reformirte Kirche hat in Deutschland den Buhm, am läng-
sten die Einflüsse des Unglaubens abgewehrt zu haben. Von ihrer
Disciplin und Oonfession de foi beeinflusst haben noch am Ende des
18. Jahrhunderts die ref. Franzosen in Brandenburg die Predigt des
väterlichen Glaubens gepflegt. Als die neue Zeit anbrach, waren
es wieder reformirte Prediger, welche für ganze Landestheile zum
Segen wurden, so der Prediger und Professor Kr äfft in Erlangen
(t 1845), »der Begenerator der protestantischen Kirche Bayerns«,
die Pastoren Merle d'Aubigne in Hamburg, Geibel, der Vater
des Dichters, in Lübeck, Hallet in Bremen, Palmin und Biquet
in Stettin, G. D. Krummacher in Elberfeld, Fr. Adolf Krum-
macher, der Parabeldichter, Generalsuperintendent in Bemburg
(t 1845).**) Das Wupperthal mit seinem calvinistischen Gepräge
hat den ganzen Osten Deutschlands durch die Vermittlung des Ober-
ho^redigers G. F. A. St raus (f 1868), des Schwiegersohnes der
hochbegabten ref. Wilhelmine von der Hey dt***), befruchtet.
♦) Sein Leben von Jos. Knapp, 1876. •
**) F. A. Krummacher mid seine Freunde von Möller, 1849.
***) Heber sie in den Frauenbriefen von A. Zahn, 1862, und in den
Mittheilungen aus dem Leben desselben, \^^.
Die reformirie Kirche. 65
Fr. W. Ernmmacher's in Eedekunst und Phantasie glänzende
Th&idgkeit war nur dämm so bedeutsam, weil sie das Gold der Er-
fahrung ein&cher Weber und Bauern des Wupperthales in sich auf-
nahm. Als die Union eine Menge reformirter Gemeinen auflöste
und auch in |Eheinland und Westphalen die noch zu Eecht gelas-
senen auf einen schwankenden Boden ihres Bekenntnisses und ihrer
Yerfassung stellte, bildete sich in Elberfeld am 30. März 1847 die
freie niederländisch- reformirte Gemeine, als die einzige
Erbin alter Bechte der ref. Kirche des bergischen Landes, unter der
aasgezeichneten Leitung des Holländers Dr. th. Hermann Fried-
rich Kohlbrügge und der Aeltesten Karl und Daniel von
der Heydt und erreichte mit Corporationsrechten durch die Grnade
des wohlwollenden Fr. Wilhelm IV. ausgestattet, eine seltene in
Deutschland nie dagewesene Blüte, namentlich auch durch die aus
ihrer heilbringenden Gemeinschafb hervorgehende Elberf eider Ar-
menverwaltung eine Wohlthat far alle Welt spendend. Als Kohl-
brügge, in Holland von der lui^erischen Kirche ausgestossen, von
der reformirten nicht aufgenommen, nach langen Jahren des Harrens
auf seinen Gott, die Gemeine in Elberfeld 1847 übernommen hatte,
begann für diese eine schöne Zeit. Er allein hat es vollbracht, was
Niemand vor ihm in Deutschland versucht hatte — und dies in
der schwierigen, kaum zu bändigenden Elberfelder Bevölkerung —
eine freie Gemeine hinzustellen, die unter der Zucht des Wortes
m Freiwilligkeit der Liebe und Selbstbesteuerung (in den ersten 12
Jahren hatte sie eine Summe von 111,500 Thalem tür ihre Bedürf-
nisse aufgebracht), in musterhafter Armenpflege, von Friedrich Wil-
hehn IV. freudig begrüsst, als eine Stadt auf dem Berge da lag,
die jeder, der die still verborgene, nie von sich Lärm machende
besuchte, mit tiefster Belehrung verliess. In ihrer Kirchenordnung,
in ihrem Aeltesten- und Diakonen-Dienst, in der gewaltigen, allein
Gott verherrlichenden Predigt war sie das letzte herrliche Abend-
roth der ref. Kirche Deutschlands. Sie hat die ref. Kirche Hollands
imd Oesterreichs befrnchtet, in Amerika und in der Schweiz Schüler
empfangen und ist die bevorzugte Stätte gewesen, wo in diesem
Jahrhundert unverkünunert und unverkürzt in voller Kraft tmd in
der tiefsten Erkenntniss die Eechtfertigungslehre bezeugt worden
ist Als Kohlbrügge am 5. März 1875 starb, trugen den ein-
samen Mann doch eine grosse Zahl von Predigern aus Deutschland,
HoUand und der Schweiz zu Grabe. Kohlbrügge in der Abend-
mahlslehre calvinisch fühlte sich doch mehr von Luthers Exegese
Zahn, KirchengMchJciito. 2. Aufl. ^
00 Zwölftel K^tel
eMffmogea, die er oft noch darch einen unvergleichlichen pBychiV'.
loKUchen Feinitinn , der überall den Gegensatz des menachlioiMH
(loUteit gegen tiott und Beine Gnade erkannte, zu reiiiefen Terstandti
Iju iitt diu Theologie des Glaubens und der Gnade mit dem ^d»^
Mpitil der äiuhtborkeit. Besondere Ansichten hat K. nicht gehaljfci
Wenn er Nturk betont, dasa Christas >im Fleische gekonunen istc,.
MU will t>r nur damit sagen, daes Christas in dem Gekete der Sflnda
und (ItiH ToduH aufgetreten und in diesem Gebiete znr Sonde gemuU :
Miii, er blieb über dabei immer der Heihge Gottes and ganz iuuitill--j
lii'liKii (liiiKtoM, Dur Heilige in der Gleichheit des Ftaacbee TOk'
Hlliiil", tiUir d(H-h stets eben in dieser scheinbaren Uunögbchkeit der
iihiiu Klkndii Wintuchte. IrringitiHche Irrlehre liegt ihm ganz fem.
Hniiiti l*aM<ii)»M)>redigten sind das bedeutendste, was je aber dies«
t ltiKtiiiMl4Uid giwührieben ist. Als ihn Leo kennen lernte, sagt« er:
• IkIi orwarU't'ii einen groben Holzschnitt und &nd einen feinen KiqiftC'
alioll. IH'r Manu niuss nie ein unvorsichtiges Wort spre<^en.<
Htiiiii) lliHluuiung als Vater und Regent der Gemeine trat boA
ihtilii' all" l'iultt, uIk uiun die hohe Autoritfit nach seinem Tode eot-
litilii'Ui. Alioi' <laN, W1U4 früher die ref Kirche des bergischoi l4indM
gtiKiiirt hiil.il*, war doch noch einmal in dem Kreise der Gemeiii
KiHaiiiiiKOigdlitHKt worden. Uebrigens hat sich die Gemeine bis anf
diti tl<if(itiiwitrl. mit etwa 1300 Mitgliedern erhalten. 1887 bestand
Hlti lU .lahri'.
Kiihlluilggii in seiner ansseren Erscheinung eine hohe «nsts
UtmlMtt iiiil. duri'lidringendem Bhck hat eine kleine ref. Schale g».
Mi'lliiili't, di<t iiiitor der Mithilfe des Professors Job. Wichelhaai
III Hallo Minh ikltabroitoto. Johannes Wichelhaas wurde am 18.
.iHtiiiai' Ittitl in Miitiinium geboren, wo sein Vater Fastor war. SeiM
Miitliii' wiii- iiiiiii t(«l>- V' *^' He;dt ans Elberfeld. Er studierte ä
Ih'itii iliid llorlili. AIh er sich 1840 in Bonn habilitiren woDti^
lti)jb< iiiiiii ihiii itliin Kidesformel vor, welche ihn auf die Svmbok
il(<i Kiriiliu viiriitlidlitetn. In grosser Gewissensnoth wehrte er dies*
läwaiiK iili, dnr l)ul<l ruuibher bei zwei anderen Licentiaten gar mcU
ttitvuhiiL wiinl», Uitn trieb Unionspolitik. In Halle gelang ihm
dutili diit l'riiiiuitiitti, doch auch hier nicht ohne ^03>e Schwierigkeit
hir hut diii'i diu uiPMiuaDN Fhvatdocenten-Leben geluhrt: von der Fa- ,
kulUtt guhltBHiij in di« £cke geschoben, obwi>hi der einzige Theo-,
Ingo, ilur in iliDNOUl Jahrhundert an der Unir<^r$i[ät Halle- Witt
die i.uhrti imtli*»'« varkUndete — mit der Ik'rise: Fkissigw^
titlUtlium dw tiibiiaithön Bücher, AutoritSt der hl ^.jhrifi,
büHtitatut« pAdsnng dar Orandlefaren nadi den |||^mraüie^< ^
ar m
ifgföltigen.
olenz zu
olenz, der
EDhevoUer l^neite. Di» Si
»nacfat und er bdcnnde: Sekt kk Üb« IMI cwik*il jcitowcm «r
ü mich gesadit. YeigMäA bemikte er skk im mt jjeKVMsMtt lüatv^
ine kleine Gememsehaift der HeOigai m findsK «ad isHUil^ «umm
oneiikaiier anf die Frage: Wo kooBQDMm die CknsüMi iA H«1W nh
unmen? — nur antworten: Kiiigemds.
Man nennt noch andere re£ Theolc^^ODu wie den lraMOjAeiät$i9^Nil>
id und leicht schreibenden, in heftigem Kampf mit Vilm*r in
lessen das gate Recht des ref. Bekenntnisses vertheidigt^nd^n Hi>in*
ich Heppe (f 1879), der wohl eine Menge refbrmirten Alttu*thum«t
nndig an^rab, aber in seiner ganzen theologischen Hichtung
nelanchthonisch-synergistisch war, weshalb er auch mehr Moltinoh-
honismus in der ref. Kirche Deutschlands fand, als der Wuiirhait.
lemäss in ihr war. Es ist da auch eine grosse TäuMühung untar»
gelaufen. Der bedeutendste Melanchthonianer ChriHtoph PoKal
rar entschieden Prftdestinatianer und der Heidelberger KatochiMinuM
st Ton seinen eigenen Ver&gsem, Bchfilem Caivini«, ho erklttrt und
'<m der refl Kirdie bis in dieses Jahrhundert so aufgi^i^Mi woMun,
ns ünionsideen uad JnMnren. um wertthichUnL Auic^h im ihnfar
Katechifflnas findet sidi das %steai d«r i^rü^^ittünaüou uUM, itd m
hrom nicht caMmsdi? fSimi aodb dk; iMxtrtfäaUfr i>4i^ffu^ m tßtftitMdh
mdit lecirtüdi ab Bwmbd wa^rnfmauam. ^ß i(;iäUfn ui^t 4^m'^ w^uk
66 Zwölftes Kapitel
angezogen, die er oft noch durch einen unvergleichlichen psycho*
logischen Feinsinn, der überall den Gegensatz des menschlichem
Geistes gegen Gott und seine Gnade erkannte, zu yertiefen verstand*
Es ist die Theologie des Glaubens und der Gnade mit dem Widei«»
spiel der Sichtbarkeit. Besondere Ansichten hat K. nicht gehabt ^
Wenn er stark betont, dass Christus »im Fleische gekommen istc,
so will er nur damit sagen, dass Christus in dem Gebiete der Sünde
und des Todes aufgetreten und in diesem Gebiete zur Sünde gemacht I
sei, er blieb aber dabei immer der Heilige Gottes und ganz unstrSf« I
liehen Geistes. Der Heilige in der Gleichheit des Fleisches von I
Sünde, aber doch stets eben in dieser scheinbaren Unmöglichkeit der *
ohne Sünde Versuchte. Irvingitische Irrlehre Hegt ihm ganz fem.
Seine Passionspredigten sind das bedeutendste, was je über diesoi
Gegenstand geschrieben ist. Als ihn Leo kennen lernte, sagte er:
»Ich erwartete einen groben Holzschnitt und fand einen feinen Kupfer-
stich. Der Mann muss nie ein unvorsichtiges Wort sprechen.«
Seine Bedeutung als Yater und Regent der G^emeine trat noch
mehr ans Licht, als man die hohe Autorität nach seinem Tode ^t*
behrte. Aber das, was früher die ref. Kirche des bergischen Landes
geziert hatte, war doch noch einmal in dem Kreise der Gemeine
zusammengefasst worden. Uebngens hat sich die Gemeine bis auf
die Gegenwart mit etwa 1800 MitgUedem erhalten. 1887 bestand
sie 40 Jahre.
Kohlbrügge in seiner äusseren Erscheinung eine hohe ernste
Gestalt mit durchdringendem Blick hat eine kleine ref. Schule ge-
gründet, die unter der Mithilfe des Professors Joh. Wichelhaua
in Halle sich ausbreitete. Johannes Wichelhaus wurde am 13.
Januar 1819 in Mettmann geboren, wo sein Yater Pastor war. SeuM ^
Mutter war eine geb. v. d. Hey dt aus Elberfeld. Er studierte ia
Bonn und Berlin. Als er sich 1840 in Bonn habilitiren wollte,
legte man ihm eine Eidesformel vor, welche ihn auf die Symbole
der Kirche verpflichtete. In grosser Gewissensnoth wehrte er diesen
Zwang ab, der bald nachher bei zwei anderen Licentiaten gar nicbd
erwähnt wurde. Man trieb ünionspolitik. In Halle gelang ihm
dann die Promotion, doch auch hier nicht ohne grosse Schwierigkeit
Er hat dort ein einsames Privatdocenten-Leben geführt: von der Fa-
kultät gehässig in die Ecke geschoben, obwohl der einzige Theo-
loge, der in diesem Jahrhundert an der Universität Halle- Wittenbeig
die Lehre Luthers verkündete — mit der Devise: Fleissiges Sprach-
studium der biblischen Bücher, Autorität der hl. Schriffc, wahre und
bestimmte Fassung der GrundLebren nach den Bekenntnissen der
Die refonnirie Kirche. 67
Beformation. Endlich 1854 erfolgte, nachdem er sich würdig nnd
glfinzend gerechtfertigt, durch den Minister Baumer seine Emen-
nnng zum ausserordentlichen Professor. Er starb schon am 14. Fein:.
1858 an dem Gegensatz einer Theologie, die den Namen der Gläubig-
keit trog, ohne sie zu besitzen: ein verborgener Märtyrer, der in
seinem Kommentar zur Leidensgeschichte, in seinen Vorlesungen
zom N. T. und zur biblischen Dogmatik in weihevoller Weise die
Wahrheiten der Reformation ausgesprochen hat, die in Halle keine
, Statte fanden*). Dieser Richtung gehören auch die vortrefflichen
Kommentare zu neun Briefen Pauli von Karl v. d. H e y d t an. Er
war in Elberfeld Commerzienrath und lebte in seiner Muse dem
fiorgflQtigen Studium des N. T. In Halle ist hier auch Georg von
Folenz zu nennen, ein Nachkomme jenes preussischen Bischofs von
Polenz, der Geschichtschreiber des französischen Calvinismus in
mahevoller Breite. Das Studium Calvins hatte ihn zum Calvinisten
gemacht imd er bekamite: Nicht ich habe Gott gesucht, sondern er
liat mich gesucht. Vergeblich bemühte er sich in der grossen Kirche
ebie kleine Gemeinschaft der Heiligen zu finden und konnte einem
imerikaner auf die Frage: Wo kommen die Christen in Halle zu-
«umnen? — nur antworten: Nirgends.
Man nennt noch andere ref. Theologen, wie den bienenfleissigen,
viel und leicht schreibenden, in heftigem Kampf mit Yilmar in
Hessen das gute Recht des ref. Bekenntnisses vertheidigenden Hein-
rich Heppe (t 1879), der wohl eine Menge reformirten Alterthums
knndig au^rub, aber in seiner ganzen theologischen Richtung
melanchthonisch-synergistisch war, weshalb er auch mehr Melanch-
thonismus in der ref. Kirche Deutschlands femd, als der Wahrheit
gemäss in ihr war. Es ist da auch eine grosse Täuschung tmter-
gelanfen. Der bedeutendste Melanchthonianer Christoph Pezel
war entschieden Prädestinatianer und der Heidelberger Katechismus
ist von seinen eigenen Verfassern, Schülern Calvins, so erklärt und
von der ref. Kirche bis in dieses Jahrhundert so aufgeÜEisst worden,
bis Unionsideen und Irrlehren ihn verMschten. Auch im Genfer
Katechismus findet sich das System der Prädestination nicht, ist er
daram nidit calvinisch? Sind auch die Dortrechter Canones in Deutsch-
land nicht rechtlich als Symbol angenonmien, so galten sie doch auch
*) Mittheilimgen aus seinem Leben habe ich in der zweiten Ausgabe
seiner biblischen Dogmatik gegeben, 1884. Die Literatur Kohlbrügge
heiaeffend findet man in dem Buche von mir: >Au8 dem Leben eines
re£ Pastorsc. 2. Anfi. 1885.
68 Zwölftes EapiteL
hier als der vollgültige Ausdrack der ref. Lehre. Fast aUe be-
rühmten Dogmatiker im 16. und 17. S. lehren in ihrem Sinne. Seit
1654 stehen sie auch in dem Confessionum Syntagma, das in Mar-
burg als Lehmorm galt. Heppe hat viel unnöthige Yerwirrong an-
gerichtet: auch er, ein modemer Theologe, der sich selbst in der
Vergangenheit beweist. Tritt neben ihn August EbrardinEr-.
langen als ref. Theologe, so verdient er diesen Namen gewiss wegen 1
vieler mit leichtem Geschick in anregender Darstellung und zSheml
Fleiss, in reicher Vielseitigkeit bis zimi begeisterten dichterischen
Aufschwung hervorgebrachter Werke aus dem Grebiete der biblischei
Apologetik und der vortrefflich gekannten Geschichte der ref. Kirche,
aber nicht wegen seiner dogmatischen Stellung, die der Heppe's
ähnlich sich vergeblich mit dem Namen des »grossen« re£ Theo-
logen Amyraut decken wül, da dieser ja die Dortrechter Canones
anerkannt hat. Amyraut war kein Synergist und Arminianer.
Heppe und Ebrard haben sich ihr Leben lang mit der re£ Lehie
beschäftigt, aber den eigentlichen Herzschlag derselben: die freie
Gnade, die grundlose Barmherzigkeit haben sie nicht verstanden.
Beide stehen wie alle modernen Theologen mehr auf dem Stand-
punkt eines Pighius und Erasmus als eiaes Calvin und Luther.
Sehr unnöthig dabei ist aber die altreformirte Lehre gegen besseres
Wissen zu Mschen. Die Prädestination ist die Grundanschan-
ung nicht nur der ref. Dogmatik, sondern auch aller ref.
Bekenntnissschriften. Die Conf. Helv. H bekennt mit der gan-
zen Kirche: »Der Glaube ist ein reines Geschenk Gottes, welches
Gott allein aus seiner Gnade seinen Auserwählten nach seinem Mass
und wann und wem und wie viel er selbst will, verleiht.« Nur wer
so lehrt, ist ref. Theologe. Weder a Lasco, noch Bullinger, der
ja die Züricher Erklärung von 1561 unterzeichnet hat, noch irgend
sonst jemand von Autorität hat wie Ebrard den freien Willen ge-
lehrt. Auch die ref. Theologen beim Leipziger Gespräch bekennea
die Electio ganz im Sinne Calvins, nur die Beprobatio fiässen sie
infralapsarisch. Die Verwirrungen Ebrards haben auch dem re£
Bunde geschadet, der neuerdings Oalvinisten und Arminianer unter
einer Mschen Flagge segeln lässt. Die ref. Eirchenzeitung findet
die Prädestination nicht im Heidelberger. Damit verlässt sie die
Lehrtradition der ganzen Kirche. Der Schule Kohlbrügge's reiht
sich in seiner Stellung Karl Sudhof in Frankfurt a. M. (f 1865)
an, der dogmatisch und geschichtlich Vortreffliches geleistet und auch
den Roman: »Einer ist Euer Meister« geschrieben hat. Sein Buch:
Fester Grund christlicher Lehre (1857) ist auch mit seinen Beüagen
Die reformiite Kirche. 69
lentbehrüch. Gillet in Breslau (f 1879), Dr. th. &ph. Karl Krafft
kd Geyser (f 1878) in Blberfeld, Thelemann in Detmold, Cuno
Eddigehausen in Hannover, Dr. th. Emil Wilhelm Erummacher
1886), sind hier noch als gelehrte nnd eifrige Lehrer der ref.
irehe zu erwähnen. Der seit 1854 in Erlangen lehrende J. J.
erzog (t 1882) hat mit Vorsicht und Gelehrsamkeit eine milde
£ Theologie vertreten, stets bemüht in seiner Eealencyklopädie ref.
rscheinungen zur Geltung kommen zu lassen. Eine der ausge-
flchnetsten kirchengeschichtlichen Arbeiten hatE. B. Hundeshagen,
i Bern, Heidelberg und Bonn Professor, (f 1872) in seinen Bei-
"Sgen zur EorchenverÜEissungsgeschichte (1864) geleistet; auch sein
deutscher Protestantismus« erregte einmal (1849 3. Auflage) die
lieilnahme grösserer Ejreise. Biehm und Christlieb haben über
in Mittheilungen gemacht (1873). Cuno hat mit vorzüglicher Eunde
inen weiten Blick auf vergangene Herrlichkeit der ref. Eirche in
em Buche gegeben: G^dächtnissbuch deutscher Fürsten und Für-
tinnen ref. Bekenntnisses, 1883 ff. Man hat den grossen Bremer
fomileten Gottfried Menken*) (f 1831) auch zu den ref. Theo-
sgen gerechnet, doch er verwirft die Genugthuungslehre und hat
üsche Vorstellungen von der Heiligung, so dass einmal eine echt
eformirte Frau des Wupperthals ihn mit dem ketzerischen Mystiker
!ollenbusch als Irrlehrer abwies. Wir erinnern hier auch an die
5f. Göbel.
Seit 1851 hatten wir eine Eirchenzeitung mit oft werthvollen
Beiträgen, eine unentbehrliche Quelle: nach Daltons Betrachtung
US der Feme : einsam dastehend, ausserhalb des Hauses völlig un-
ekannt, wie tief im Walde verloren das baufällige Häuschen eines
rmen alten Forsthüters. Bitschi schrieb nach seiner Schablone
ine Geschichte des Pietismus in der ref. Eirche und wusste nichts
on der Eirchenzeitung. Etwas haben wir uns bei dieser Zurück-
etzung doch in diesem Jahrhundert gewehrt. Wir erhielten unsere
Centraldogmen« dargestellt durch den Deterministen Schweizer,
her doch korrekt; unsere alten »Väter« erschienen wieder auf dem
^lane durch das Unternehmen von Hagenbach und Anderen; wir
eierten das Gedächtniss des Heidelberger Eatechismus 1863 mit
inem Predigtbuch und dem Lobe des Eatechismus; wir erinnerten uns
864 an Calvins Tod und erzählten von den Wohlthaten der Eöfiigiös **),
*) Sein Leben von Gildemeister, 1861.
**) VergL die Schrift von mir: Die Zöglinge Calvins in Halle
d. 8. 1864.
70 Zwölftes Kapitel
wir hatten aach zuweilen eine Konferenz nnd eine schwadie
Vertretung in den Konsistorien und im Oberkirdbenrath (Snethlage);
als in Frankfurt 1854 der abgefiallene Sohn unserer Kirche F. W.
Krummacher die ref. Kirche tadelte und ihr aniieth, sich aaf
den apostolischen Amtsbegriff zu besinnen, da erhob sich am Schleus
der redekundige, warmherzige Mall et aus Bremen, einer der wem- f'
gen treuen Lehrer unserer Kirche in diesem Jahrhundert, und zeidt-
nete in seiner »den heiseren Löwenc beschftmenden Weise die re£
Earche als eine arme, leidende, barmherzige, die nach einem reinei
Herzen und nach Frieden trachte. Wir konnten kecklich r&hmeii,
dass der brandenburgisch-preussische Staat eine Schöpfung Calyii»
sei *) — aber was half es uns: Bei der in Worten brausenden
Oktoberkonferenz in Berlin 1871 offenbarte Wange mann der Yer-
Sammlung, dass alles, was jetzt in Deutschland gläubig sei, luthe-
risch wäre. Wir armen Eeformirten hörten das mit dem Geffüil
an, dass etwas Theures begraben werde, konnten aber mit dieser
Allherrschaft des Lutherthums nicht vereinen, wie gleich nachher
gegenüber den Bedrängungen der Union Hof mann aus Erlangen
seine Hofbung darauf setzte, dass doch den Lutheranern der freie
Himmel noch bliebe. Er selbst der seltsamste Vertreter des hith.
Bekenntnisses. Die Rheinländer aber meinten, Wangemann kenne
wohl nur Hinterpommem, wie einmal Scheibe! nur Breslau kannte.
Während die Kirche der Union sich die kirchlichen Verfe^sungs-
formen der ref Kirche aneignete, sie mit fremden konsistorialeiL
Einrichtungen verschmelzend, auch die calvinische Abendmahlslehre
lieb gewann, bekämpfte sie doch überall die Prädestination,
diesen heiligen, göttlichen Protest gegen alle den Menschen ver-
herrlichende Systeme, die tmser Jahrhundert erfrillen, in Schrift und
Reformation tausendfach begründet, und in allen Zeiten religiöser
Lebendigkeit behauptet, und that nichts, ref Besonderheiten zu
pflegen. Versuchte sich einmal ein reformirter Theologe, es sei in
Halle oder Göttingen zu habilitiren, so wurde er mit Kränkung ab-
gewiesen. Kritik und Unglauben Hess man üppig blühen. Dies
bewirkte ein auffallendes Verschwinden ref. Kandidaten, die oft nur
als ganz vereinzelte in grossen Provinzen sich fanden, Hess die ref.
Gemeinen verwaist dastehen und immermehr abnehmen und er-
zwang zuletzt einen solchen Klageruf, wie er sich in der Schrift
ausspricht: die Ursachen des Niederganges der ref. Kirche in Deutsch-
*) Vergl. die Schrifl; von mir: Der Einfluss der ref. Kirche auf
Preussens Grösse, 1871.
Die reformirte Kirche. 71
hnd (1881). Die Union hatte für diesen Schmerz nnr einige höh-
nische Bemerkungen, ohne Gefühl, dass sie — da die Union kein
Konfessionswechsel ist, namentlich den Boden der Berliner Domkirche
ndt Unrecht behaupte, denn mit welchem furchtbaren Ernst war
diese einmal dem rel Bekenntniss übergeben! Die immer leerer wer-
dende N. E. Kirchenzeitung hatte für alle ernsten ref. Bekenntnisse
nar armseligen Spott. Ihr eigenes, ganz uneyangeUsches Bekennt-
niss, dass der Mensch die Gnade annehmen und verwerfen könne,
ülnstrirten die Berliner kirchlichen Zustände. Als sich die Eefor-
mirten wieder im August 1884 in Marburg zu einem ref. Bunde
nfrafften, nicht ohne die Theilnahme der grossen Presbyterianischen
Alhanz des Auslandes, wurden sie von Kassel konsistorialisch ange-
&hren, sich doch hübsch ruhig zu verhalten und der Festredner
konnte uns nur noch mit einem »Häuslein im Weinberg« vergleichen,
das aber grosse und wichtige Grüter zu bewahren habe. Ausser den
bedeutenden Einflüssen von Kohlbrügge ist die Bildung einer
synodalen Gemeinschafb in Hannover, die 1885 ihre erste ordentliche
Gesammtsynode in Aurich unter dem geistigen Einflüsse des General-
Superintendenten Bartels hielt, ein Lichtpunkt in der sonst viel-
&ch dunklen und armen Gegenwart der ref. Kirche Deutschlands.
Bartels sagte auf dieser Synode: »Die Erfahrung hat mich gelehrt,
dass anf den Landes-Üniversitäten sowohl ausserhalb als innerhalb
der Union das Bedür&iss der auf den Dienst an unseren Gemeinen
sich vorbereitenden Studiosen unberücksichtigt bleibt; was sich auf
die reformirte Kirche und den Dienst in ihr bezieht, wird in der
Regel ignorirt oder mit seltenen Ausnahmen schief und vorurtheils-
voll behandelt«. Ein Ostfriese ruft auf einer synodalen Versammlung
aas: »Ich habe auf der Universität nie etwas vom Heidelberger Kate-
chismus gehört«. Nicht zu verwundem, da einmal A. Knapp in
Stattgart mit Staxmen den Heidelberger findet und in eine Versamm-
hmg der Frommen bringt *). In Anhalt ^)y das nur noch in Köthen
reformirt ist, erstrebt man auch hier eine liturgische Einheit mit
den übrigen Landestheilen an, ohne Yerständniss für ref. Eigenthüm-
Hchkeit; in Niederhessen haben die Vilmar'schen Einfalle und Grewalt-
streiche verwirrend gewirkt und man wiU dort, um den Zustand
' *) Welche Mängel beeinträchtigen die theoretische und praktische
Ausbildung der Diener der ref. Kirche auf deutschen Universitäten, von
Stockmann, 1877.
**) Yergl. meine Schrift: Das gute Recht des ref. Bekenntnisses in
Anhalt, 1866.
,
72 Zwölftes EapiteL Die reformirte Kirche.
auf eine entsprechende Formel zu bringen, eine ref. Kirche mit
lutherischem Bekenntniss haben, obwohl der Eechtsstand nach dem
Gutachten der Marburger theol. Fakultät vom Jahre 1855 ausser
allem Zweifel ist; in Westphalen und Bheinland drückt der Kan-
didatenmange] ; in der französisch-ref. Kirche Brandenburgs sind die
Enkel der Hugenotten diesen wenig ähnlich und wie die Erinnerung
an die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1885) mit ihren erschüt-
ternden Märtjnrerzügen in die Gregenwart blickte — war derselben
dies Leiden etwas völlig Unverstandenes*); die anderen hie und da
wie vereinsamte Fähnlein noch bemerkbaren ref. Gemeinen kämpfen
mühsam um ihre Existenz. Der Gegensatz des Lutherthums wird
oft noch so stark betont, dass nach den letzten Augustkonferenzen
in Berlin die ref. Kirche nicht die rechte Gotteserkenntniss habe
und eigentlich auf deutschem Boden gar nicht zu existiren sich er-
frechen sollte**) — aber man bedenkt nicht, dass der Nieder-
gang des Calvinismus in Deutschland der Niedergang
des Protestantismus ist, an dessen Thore Rom mit Hohn und
Verachtung klopft. — Es war erhebend, als bei der Feier des 200-
jährigen Bestehens der französischen Kolonie in Berlin (gegenwärtig
4894 Seelen) der Magistrat der Stadt dieselbe mit den Worten dank-
bar begrüsste, dass nach ihrem Vorbilde der Verfassung sich die
evangelische Landeskirche eingerichtet habe. Aber sonst sind wir
weder reformirt noch lutherisch, sondern moderne Leute, die an die
Stelle der Freiheit der Gnade die Freiheit des Menschen gesetzt
haben. Unser scheinbarer Confessionalismus ruft ein Alterthum des
Glaubens hervor, das uns und unseren Gemeinen als ein Anachro-
nismus erscheinen muss. Still nach der prunkenden Lutherfeier ging
der Tag Zwingiis (1. Januar 1884) über den deutschen Boden;
Süddeutschland und Hessen verdanken ihm doch viel. Li Strass-
burg ehrte ihn wenigstens Kraus s mit einem guten Vortrag und
in Tübingen der Schreiber mit einem über Zwingli's Verdienste
um die biblische Abendmahlslehre. Man scheint vergessen zu haben,
dass Zwingli die grosse Entdeckung der symbolischen Form des
Abendmahls gemacht hat.
Wohlthätig ist in der letzten Zeit die Arbeit eines ref. Schriften-
vereins in Barmen, der manches gute Buch vor der Vergessenheit
bewahrt. Sonst aber ist unsere Zeit nicht berufen, die ref. Kirche
*) Schott, Die Aufhebung des Ediktes von Nantes, 1885. Muret,
Gescfau der französischen Kolonie in Brandenburg-Preussen, 1885.
**) Yergl. von mir: Sendschreiben an Herrn Professor So hm, 1882.
Dreizehntes KapiteL Der Kampf mit Rom. 73
erneuern. Sie, die heilige Kirche der Märtjrrer, hat eine Zeit lang
ih Deutschland ihre reine Lehre und Zucht, ihr oft thränenreiches,
lendes Gesicht gezeigt, jetzt hat sie sich verhüllt und zurück-
zogen: keine menschliche Hand wird ihre Decke heben und
wiederbringen. Die wenigen reformirten Lehrer, die es in Deutsch-
id noch gibt, stehen in enger Verbindung mit der deutsch- re£
rche von Amerika. Diese ist nach ihrer letzljährigen Statistik
$87) vereinigt unter einer Generalsynode, 7 Distrikts-Synoden und
Klassen; die Zahl ihrer Prediger beträgt 802, ihrer Gemeinen
L81, ihrer Glieder 183,980; noch nicht konfirmirte Glieder zählt
I 108,724; im letzten Jahre wurden 14,199 Taufen vollzogen; an
r Feier des hl. Abendmahles betheiligten sich 141,122 Glieder;
* wohlthätige Zwecke wurden gesammelt Doli. 146,486, und für
iterhalt der Gemeinen die Summe von Doli. 804,821. Für die
dden - Mission in Japan Doli. 35,709. Von den 7 Distrikts-
noden der Kirche sind drei ganz deutsch, während die übrigen 4
rwiegend englisch sind. Ebenso hat die Kirche drei theologische
minare, von denen eines deutsch ist und ausserdem eine Anzahl
)llegien. Organ ist die ref. Kirchenzeitung in Cleveland. — Man
hlt 8 Millionen Eeformirte auf dem Oontinent, 20 Millionen in
ir Welt. Vergl. Appendix bei Good, The Origin of the ref. Church
Germany, 1887.
Dreizehntes Kapitel.
Der Kampf mit Rom.
iteratnr: Nipp cid, Geschichte des Eatholicismiis , seit der Zeit der
Bestauration des Papstthums, 1883.
Obwohl die Schilderang des furchtbaren Wachsthums der Macht
oms in die Geschichte der katholischen Kirche gehört, so haben
Ir doch hier einen kurzen Blick auf das Thun der evang. Kirche
)genüber dieser unerhörten modernen Erscheinung zu thun. Es
igt sich gerade hier, wie wenig ernst und tief man zur Refor-
ation zurückgekehrt war, denn evangelische Fürsten, Staatsmänner
id Theologen erleiden nur Niederlagen. Unser Jahrhundert in
r Zeit der Konkordatsverhandlungen hatte bei seinem Beginn in
r ersten Auflage der Geschichte der Päps\/d '^oil ^«m. \ecö%'s«cl
74 Dreizehntes Kapitel.
Bänke in der Vorrede die yollkommen blinde Bemerkung: »Die
Zeiten, wo wir etwas fürchten konnten, sind vorüber«. Niebuhr .
aber hatte schon früher von der sinkenden Macht des Papstthnma
geredet. Nach dem Tode Leo's Xu. dachte Bansen nur zaweileft
an die Gefährlichkeit Boms in schlaflosen Nachten. Es folgte der
Triumph über die preussische Begierung in dem Kölner Kirchen-
konflikt wegen der gemischten Ehen; die ideal träumerischen Worte,
die Friedrich Wilhelm IV. bei der Grundsteinlegung des Kölnor -]
Domportals sprach: über Deutschland, über Zeiten rage, reich an '
Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden, bis ans Ende der Tage —
zeigten nicht, dass man etwas gelernt habe. Er hatte die unglüdc-
liehe katholische Abtheilung im Kultusministerium eingerichtet. Die
Bömlinge singen noch heute sein Lob. In Bheinland und Westphalen
mehrten sich die Klöster : Zwingburgen des Wahnes *). Der Sturm
von 1848 Hess die Konservativen erlogene Hilfe bei Born suchen.
Die wankenden Throne glaubten hier Stütze zu haben. ESine Beihe
von Konvertiten aus fürstlichen und adeligen Häusern, Gelehrte und
Schriftsteller betraten die »Wege nach Bom«. Später fiel sogar die
Königin Wittwe in Bayern, die Tochter der edlen Prinzess Wilhelm
von Preussen, durch die plumpe List eines Bauemp&rrers ab.
Als eine Schmerzensmutter erwählte sie die schmerzhafbe Himmels-
königin zu ihrer Patronin, doch konnte sie das grauenvolle Schicksal
ihrer Söhne nicht abwenden und suchte vergeblich Trost in einer
Wallfahrt nach Einsiedel und in einer Sühnkapelle an der Stätte,
wo der See den wahnsinnigen Herrscher verschlungen. Das Msche
Lutherthum entliess manchen seiner Schüler in die »Objektivität«
Boms. Der liberale Pius IX. war gedemüthigt bald ganz das
Werkzeug der Jesuiten geworden. Was geschah von evangelischer
Seite, als nun das Dogma der unbefleckten Empf^gniss die Beihe
der eitlen ruhmrednerischen Seligsprechungen vollendete? Friedrich
Wilhelm IV. sagte: »Ist die ev. Kirche nicht zur Buine geworden, ^
so muss sie bei dieser Gelegenheit Zeugniss von ihrem Glauben j
ablegen. Wir müssen den Moment zu den beiligsten und aller- ^
rechtmässigsten Eroberungen benützen. Die gesammte ev. Kirche ^
muss sprechen und bekennen. Der deutsche Evangelische wird mit
seiner deutschen Taktlosigkeit, Plumpheit, Glaubenslosigkeit , Bo-
manismus, Bationaüsmus, die Irvingerei und Baptisterei werden die i
heilige Sache in wenig Monaten gründlich verpfuscht haben, dass -
*) HinschiuB, Die Orden und Kongregationen der katholischen
Kirche in Preussen, 1874.
Der Kampf mit Rom. 75
Born Tor Wonne brüllen wird. Das einzige Resultat wird prote-
stantische Schmach und Schande sein.« Dazu kam es dann auch.
Der König konnte so wenig die gesammte evangelische Kirche zu
einer That bewegen, dass er selbst in Berlin kein Yerständniss fand.
Die Mariensftulen erhoben sich überall ohne alle Hinderung. Der
eine Sieg feuerte zu einem anderen an. Die Jesuitenherrschaft; war
inzwischen in Rom eine allmächtige geworden. Zwar das badische^
das württembergische Konkordat zeigte eine mannhafte deutsche
Erhebung, die den Fall derselben brachte — aber in Berlin ging
man in ünkenntniss des Feindes weiter. Die Maulwurfsarbeit blühte ;
der SjUabus erklärte jeden Protestanten ohne das WohlgeMlen
Grottes. Man rüstete den Entscheidungskampf auf märkischem Sande.
Preussen wurde als der Hort des Protestantismus mehr als je ins
Auge ge&sst. Der Sieg von 1866 war von religiösen Interessen ge-
tragen. Die katholische Vormacht Deutschlands ' war nach Gottes
Willen geschlagen worden. Man suchte neue Stärkung und die
Eitelkeit des Papstes setzte die Unfehlbarkeitserklärung in Scene.
Allein der Katholik Fürst Hohenlohein München sah das kommende
Unwetter. Die Völker der Reformation schliefen. Ihre Theologen
besdiäftigten sich mit der Kritik des Pentateuch. Doch hat der
Ev. Oberkirchenrath, als sich der Papst an alle Protestanten wandte,
eüie schwächliche Circular- Verfügung an die Consistorien erlassen
(Oktober 1868). Einige waren dankbar, dass er überhaupt den
Mund geö&et habe. Julius Müller in dem Vorwort zu seinen
dogmatischen Abhandlungen 1870 fürchtete nichts von den Katho-
liken, mit denen er sich in einer höheren Einheit verbunden fand.
So äusserte damals sich Halle- Wittenberg , von wo man jetzt in
TöUiger Ohnmacht lärmt. Unfehlbarkeitserklärung und Kriegserklä-
rung fielen auf einen Tag: den grossen 18. Juli 1870. Noch am
20. Juli war für Bismarck die InMlibüität ohne Interesse, auf die
doch der (Jesandte von Arnim so besorgt blickte. Der Krieg war
ein Werk der Jesuiten durch die Kaiserin Eugenie gegen den über-
wältigten Napoleon. »C'est ma guerre«. Man wollte nun auch einen
pohtischen Sieg. Gottes Macht wandte Rom zum Unheü, was es
brütete. Das Evangelium siegte bei Gravelotte und Sedan in glanz-
voller Herrlichkeit, obwohl die Soldaten kaum ahnten, als sie am
blutigen Abend : Nun danket alle Gott anstimmten, wofür sie eigent-
lich zu danken hatten. Sie feierten unbewusst einen Triumph des
evangelischen Liedes. Eine grossartige Sühne war für die Selbst-
vergötterung des römischen Antichrist geschehen. Auch für die
Ludwig XrV.^ denn im ScMosa von Versaüies xiei inasi ^««l tqss^
76 Dreizehntes Kapitel.
Kaiser aus, dessen Vorfahren prtttendirten, reformirt zu sein. Welch
eine Wendung durch Gottes Führung! Zwanzig Tage nach
Sedan war auch die weltliche Herrschaft des Papstes in Born zer-
stört: der unfehlbare ein Grefangener im Vatikan. Die zertretene
Schlange nahte sich darauf gleich dem gefürchteten Adler, um nun
schlau unter seinen Fittigen Hilfe zu suchen. Der von Grott empor-
getragene Fürst verstand es noch nicht, dass er namentlich auch
Born geschlagen habe. Erzbischof Ledochowski aus Posen, eine
persona gratissima am Berliner Hofe, der einst mit Hilfe der Königin
die Einrichtung von Nonnenklöstern in Posen gegen die Bemühungen
des Finanzministers v. d. Hey dt durchgesetzt hatte, erschien, um
für den Frieden zu wirken. Auch Antonelli rüstete sich zur Beise.
Im Februar 1871 empfing der erste evangelische Kaiser eine Adresse,
welche die Maltheser imd viele andere Adelige zu Gunsten des
heiligen Vaters nach Versailles brachten. Er erklärte: er sehe in
der BesitzergreiAing Boms einen Gewaltakt. Pius sagte darauf dem
Kaiser seinen Dank für den Ausdruck der Freundschaft und erbat
von Gott, dass er den Kaiser mit ihm durch das Band vollkommener
Liebe verbinde. Damals, im März 1871, hat der ref. Presbyter
Daniel von der Hey dt an den Kaiser geschrieben: »Je völliger,
je lauterer Eure Majestät den Verkehr mit dem römischen Papste,
geschweige eine offene oder geheime Unterstützung seiner weltlichen
oder geistlichen Macht als protestantischer Kaiser und König in der
Furcht Gottes, heimgekehrt als der von dem grossen Kurfürsten im
Geist durch göttliche Offenbarung gesehene Bächer, von sich weisen,
um so herrlicher wird sich der Gott Ihrer Väter zu Urnen bekennen, c
— Es erfolgte die Bildung des Centrums, die Erweckung einer
überall verbreiteten ultramontanen Presse, an ihrer Spitze die Ger-
mania, nach dem Mailänder Katholikenblatt ein Schwindelblatt, das
den Strick verdient, und die Gesetzgebung von Bismarck und
Falk*). Wenn irgend eine Erscheinung in diesem Jahrhundert
das ganze Jahrhundert charakterisirt hat, so der Kampf, den der
♦) Aus der reichen Literatur dieses: K. Hase, Des Kulturk. Ende,
1879. Hahn, Gesch. d, Kulturk. in Pr., 1881. Wiermann, Gesch. d.
Kulturk., 1886. Hahn, Fürst Bismarck, 1878 ff. Bismarck nach dem
Kriege, 1883. Gegen Hahn P. X. Schulte, Geschichte der ersten
sieben Jahre des preuss. Kulturk., 1879 u. 1882. Ketteier, Die An-
schauungen des Kultusm. Falk, 1878. Majunke, Gesch. d. Kulturk.
in Preussen-Deutschland, 1886. Ein kurzer Abriss bei Hase, Lehrb.,
Ä 690 ff.
Der Kampf mit Rom. 77
Unglaube eines Virchow Mvol genug den »Kulturkampf« genannt
hat. Er ging von der gerechten Empfindung des preussischen
Staates, als einer Schöpfung der Eeformation, aus, dass durch die
Ünfehlbarkeitserklärung die Grenzen zwischen Staat und Kirche ver-
rückt seien, dass in dieser Welt der Staat den Vortritt vor der
Kirche habe, die dadurch, dass die beiden katholischen Mächte ge-
schlagen waren, die Buhe völlig verloren hatte und nun in einer
politischen, mit lauter antinationalen Kräften durchsetzten und unter
der Leitung des schlauen, Preussen hassenden Weifen Windthorst
stehenden Partei, die Anton elli nicht reichsfreundlich stimmen
mochte, verlorenes Gebiet wieder erobern wollte. Der Kampf ist
durchzogen worden von lauteren evangelischen Bekenntnissen, die,
weil so selten in unseren Tagen, namentlich aus dem Munde der
Grossen, der Aufbewahrung werth sind. Am 7. August 1873 schrieb
Pio Nono an den Kaiser: »Jeder, der die Taufe empfangen hat,
gehört in irgend einer Hinsicht dem Papste an«, und er erhielt am
unvergesslichen 3. September 1873 die wahrhaft kaiserliche Ant-
wort: »Der evangelische Glaube, zu dem ich mich, wie Eurer Hei-
ligkeit bekannt sein muss, gleich meinen Vorfahren und mit der
Mehrheit meiner ünterthanen bekenne, gestattet uns nicht, in dem
Verhältniss zu Gott einen anderen Vermittler als unseren Herrn
Jesum Chnstnm anzunehmen.« Bei der Aufhebung des Jesuiten-
ordens 1875 sagte der Kaiser: »Ich glaube die Mission von Oben
dazu zu haben.« Als das englische Volk dem Streite zujauchzte,
hat Kaiser Wilhelm am 18. Februar 1874 an Lord Bus sei ge-
schrieben: »Mir liegt die Führung in einem Kampfe ob, welchen
schon frühere deutsche Kaiser Jahrhunderte hindurch mit wechseln-
dem Glück gegen eine Macht zu fuhren gehabt haben, deren Herr-
schaft sich in keinem Lande der Welt mit dem Frieden und der
Wohlfahrt der Völker verträglich erwiesen hat, und deren Sieg in
unseren Tagen die Segnungen der Beformation, die Gewissensfreiheit
und die Autorität der Gesetze nicht bloss in Deutschland in Frage
stellen würde.« Am 15. April 1875 hat Bismarck im Herrenhause
gesagt: »Endlich habe ich einmal aus der konservativen Seite des
Hauses ein freies, fröhliches Bekenntniss zu unserem Evangelium
der Beformation gehört. Es ist sehr gefährlich, wie v. Kleist-Betzow
thut, nur immer von einer »Kirche« zu reden. Viele meiner alten
Freunde kommen dahin, in krypto-katholisirender Bichtung alles^
was unserem vorwiegend evangelischen Staate feindlich geworden
oder geblieben ist, als Freund und Bundesgenossen zu betrachten.
Man sagt sich damit loa von der Treue gegen KömgTmÖLN^^-tSsassA^
78 Dreizehntes Kapitel.
von dem Eyangelinm. Folge ich dem Papst, geht för mich die
Seligkeit verloren; der Ps^st hat sie für mich nicht. Er ist aadi }
nicht in dem Sinne, wie der Graf y. Brühl andeutete, der Nachfolger
Petri; Petras war nicht unfehlbar, er sündigte, er bereute seine
Sünde und weinte bitterlich über sie; von dem Papste, glaube ich,
dürfen wir das nicht erwarten.«
Neben diesen evangelischen Worten sind dann auch viele andere
verhängnissvolle gesprochen worden, wie das berühmte am 14. Mai
1872: »Nach Oanossa gehen wir nicht«; wie das über die vom
Kronprinzen im Schreiben an den Papst (10. Juni 1878) hervor-
gehobene Unmöglichkeit, die Gesetze Preussens nach den Satzungen
der römisch-katholischen Kirche abzuändern; wie jenes nach viel^
Friedensverhandlungen und Zugeständnissen, als man schon ganz
auf schiefer Ebene war, dass man jetzt auch keine Handbreit mehr
nachgeben wolle (1885). Der Kampf ist begleitet worden von der
Offenbarung der vollkommenen Gesetzlosigkeit des Menschen der
Sünde in Rom, der schon den Stein sich lösen sah, der den Koloss
zertrümmern werde, imd in Bismarck den neuen Attila erblickte,
von dem Attentat in Kissingen, das sich an die Schösse des Centroms
bing, von dem Aufstand und Ungehorsam der Bischöfe; auf prote-
stantischer Seite von der treulosen Fahnenflucht der evangelischen
Konservativen, die mit dem Papst das Christliche retten wollten
xmd in allen ihren Blättern von der Kreuzzeitung ab bis zu der
Allgem. Ev. Luth. Kirchenzeitung und den frommen Blättlein in
Schwaben den Kulturkampf in Verruf brachten als den Untergang
aller Beligion ; von der Frivolität der Freisinnigen, die die glückliche
Zeit gekommen sahen, da jede Kirche als Inhaberin einer Wahr-
heit beseitigt werde, und die sich über die Jagd des Schwarzwildes
vergnügten : doch nur mit ihrem lauten Geschrei »wie ein zirpendes
JSeimchen vor den Mauern des Vatikans«. In eherner Einheit blieben
allein die Päpstlichen, die mit jedem Jahr in den parlamentarischen
Kämpfen an Einfluss gewannen bis zur völligen Herrschaft. Es sind
die grössten Missgriffe gemacht worden, indem man auch der evan-
gelischen Kirche einen Theil der Gesetze gegen Rom auflud in
falscher Parität, indem man eine nationale Erziehung und einen
staatlichen Schutz des Klerus erzwingen wollte, indem man in das
Gebiet der Messe imd Sakramentsspendung eingriff und das katho-
lische Volk empörte — indem man von vorneherein nicht erkannte,
dass der Protestantismus der Gegenwart waffenlos gegen Rom und
die stumpfeste Waffe ein geehrter Liberalismus ist. Kaiser und
-Kanzler waren zuletzt Heerführer okjift ü^et , ^md von den hohen
Der Kampf mit Rom. 79
ilen des AnfiEUigs sank man zu einem kleinlichen Feilschen um
dsse Voriheile pari passn herab, verHess die grossen Positionen,
andere Pläne durchzufahren und wollte ebenso gewaltig, wie
n zugegrifEen , jetzt mit allen Mitteln den Kulturkampf aus der
It geschafiEt wissen. Da war die Zeit fßr den friedliebenden
> xni - gekommen, der (nachdem er sich von dem Eindruck des
leimnissvoll schnellen Todes des wohlwollenden Kardinals Franchi
August 1878] erholt hatte) in dem kleinen Finger mit mehr
üLaoheit begabt als sein plumper Vorgänger in seiner ganzen
rson hatte, in diplomatischen Bemühungen zuletzt den vollen Sieg
:ung und durch seinen »jesuitischen Versucher«, den Bischof
^pp, im Herrenhause das als einen giftigen Mehlthau erklären
188, was einst der eyangelische Kaiser im festen Vertrauen auf
>ttes Hilfe aufgerichtet hatte. Es waren wieder Maitage (1886), als
e Maigesetze von 1873 und ihre Nachfolger bei grosser Heuchelei auf
nden Seiten stürzten. Die souveraine »Wurschtigkeit«, die sich über-
urzende Schnelle'*'), in der das geschah, konnten selbst die nicht mehr
Bwnndem, die sonst alles bewunderten. Der kleine Weife hatte doch
lies erreicht. Seit 15 Jahren wollte der Kanzler nur Fehler in
ieser Sache gemacht haben; der Strahlenkranz wurde mit eigener
Eand zerrissen. Der Eealpolitiker nahm bei dem starken Friedens-
^ürfiüss des alten Kaisers die Lage, wie sie war: gegen Bom
laben wir keine Macht als die des Vertrauens auf einen Medlieben-
len Papst. Der Eitelkeit desselben hatte man schon geschmeichelt,
udem man ihn zum Schiedsrichter in der Frage der kümmerlichen
Karolinen (eine Lumperei) machte, was dann zur Folge hatte, dass
der »antichristliche« Bismarck den Christusorden bekam. Nach dem
Terlogenen Friedensschluss wurde der Papst durch ein kostbares
P^torale geehrt, das ihm Kaiser Wilhelm sandte, und Bischof Kopp
empfing yon der von ihm verherrlichten Kaiserin Glasfenster mit
Bildern von der k Elisabeth. In aller Stille hatte die einflussreiche
Frau schon vorher die goldene Eose vom Papst emp&ngen. Ein
allgemeiner Schrecken ergriff nun diejenigen, die noch evangelisch
eBdjpsfiuideiL. Selbst den ärgsten Schmähem des Kulturkampfes wurde
es bange. Bom stand da in dem Staate der Beformation stärker
als je, reichlich dotirt, ganz unabhängig in der Erziehung seines
*) Das prenssische Eirchengesetz vom 21. Mai 1886 von Hinschins.
1886. Derselbe hat anch Oommentare zn den übrigen EircheDgesetzen
gegeben.
80 Dreizehntes KapiteL
Klaras , mit devoter BegrüBsmig seiner neu ernannten Bischöfe, —
gnädig konnte man nnn die noch dentongsflUiige Anzeigepflicfat n»
gestehen und von den beiden souverflnen G^ewalten auf Erden red«:
erst dem Papst und dann dem Kaiser. Die alte Stadt am Bhem
feierte dann in unerhörtem Rausche den Einzug ihres neuen En-
bischofs. So jammervoll war die Ordnung Oottes, der Staat, gegn
die Anmassung der römischen Hure unterlegen: ein bezeichneiulei
Ende dieses stolzen und doch so leeren Jahrhunderts. Die Neid*
deutsche Allgemeine Zeitung, als Organ des Kanzlers geachtet, mi
zuletzt das leichtfertige Wort hin: Das katholische Dogma von der
Unfehlbarkeit ist nicht Etwas, wodurch das protestantische Bewnsst-
sein belastet wird (18. Juli 1886). Bald nach der Niederlage
Preussens offenbarte sich der Mann des Vertrauens in Eom als cter,
der den Jesuitenorden, »diesen Diener der Grerechtigkeit«, wieder in
alle seine Eechte einsetzte. Erschreckender noch als die Niederlage
war der Euin alles Charakters und sittlichen ürtheüs, der. an den
Tag trat. Die Konservativen konnten nicht eüig genug dem Staate
bei seinem verhängnissvollen Schritte helfen, die Freisinnigen setzten
sich schamlos auf den Schoss von Windthorst, ein wenig würdig
benahmen sich allein die NationaUiberalen , doch fanden auch sie
zuletzt den Kulturkampf abgeschmackt. Der grosse Streit ersdofla
als ein Spiel der PoHtik und Diplomatie. Man will einen Moment
gewinnen und verdirbt die Zukunft. Preussen wird nie mehr
Bom angreifen. Es hat eine zu furchtbare Lehre empfangen, denn
welcher Kluge f^de im Vatikan nicht seinen Meister?
Unser Jahrhundert hat keinen Beruf, etwas für die Ehre Gottes
zu thun. In der Zukunfb wird sich das deutsche Leben in einen
faden Liberalismus, den verkommenen Sohn des Protestantismus,
und in einen mehr als je weltmächtigen ültramontanismus scheiden.
Bald zeigte sich auch, dass der Beichskanzler mit seinen Zugeständ-
nissen nichts gewonnen hatte: das Oentrum blieb das Centram,
selbst durch und durch verlogen, als der Papst gegen dasselbe zn
Hilfe gerufen wurde: der Mann, dessen Programm dem des Staates
schnurstracks entgegensteht und der, wenn er zur Herrschaft käme,
vollständig mit der evang. Mehrheit in Preussen aufräumen müsste
(Bismarck 16. April 1875).
Die Herrschafb des Diplomaten in der Tiara ist ein gerechtes
Gericht über das protestantische Deutschland. Als ein kleiner Trost
fiel in die verworrene Lage die frische nationale Erhebung bei den
Wahlen Februar 1887. Der römische Klerus befand sich dabei von
den Vogesen bis zur russischen Grenze in vollem Aufstand wider
Der Kampf mit Born. 81
[aiser und Beich und selbst gegen den Friedenspapst. Dieser em-
pfing eine öffentliche Belobung vor dem Reichstag. So stand die
mge geschmeichelt da. Welch ein fremdes Gresicht machte doch
las Prenssen, dem Friedrich d. Gr. einst zugewünscht hatte, dass
6 die protestantische Religion in Enropa und in dem Reiche zur
)lnthe bringen sollte! Als im März 1887 Rom das letzte zurück-
orobert hatte und Bismarck, wie er sagte, einen ehrenvollen Frieden
schlössen, der auch die Seelsorgerorden zurückkehren liess, da
tah man im Schloss der HohenzoUem den päpstlichen Delegirten
S-alimberti in langem braunem Gewände, geschmückt mit dem
rothen Adlerorden 1. Klasse au dem 22. März (dem Tage, wo
jk>tt das Siegel auf alle seine Wohlthaten am Hause Brandenburg
Irückte), als einen Gegenstand allgemeiner Auszeichnung, während
Dian in eben dieser Zeit den bescheidenen Bitten der ey. Kirche
kohl bis ans Herz heran gegenüberstand.
Die Täuschung des Friedens wird noch grösser sein als die des
Streites. Die schliesslich anerkannte Anzeigepflicht mit dem Ein-
qxmchsrecht für fest angestellte Pfarrer war »keinen Pfifferling
werth«. Am Ende war der ganze Kampf nur ein Zwangsmittel
gegen das Centrum gewesen: der religiöse Gedanke war ganz er-
storben. Es liegt in dem Geschehenen ein heiliger Pragmatismus:
1870 und 71 zeigten die Thaten der freien Gnade Gottes gegen
die unfehlbare Lüge: die Folgezeit das Thun der Menschen. —
Nachdem sich Preussen mit dem Vatikan versöhnt hatte, thaten
dies auch Hessen-Darmstadt und Baden. Trotz alledem tobte die
Katholikenversammlung in Trier (1887) in alter Frechheit, doch
wartete sie auf ein grosses Weltereigniss, tun den ungenähten Rock
auszustellen. Zu dem Jubiläum des Papstes schickte man auch von
Berlin Tiara und Messgewand. — Will die protestantische Kritik, die
die Bibel zerstört, ihre völlige Ohnmacht erkennen, so kann sie dies
an der die Völker bezaubernden Finstemiss Roms. Was vermag
sie gegen dieselbe? In Süddeutschland lassen die geduldigen
Schwaben von Rom sich friedlich ruhig scheeren*), während am
Rhein die gemischten Ehen das reiche Land in die Fesseln des
Papstes schlagen**). Von 1880 an haben sich die Mitglieder der
*) VergL die Schrift von mir : Die ultramontane Presse in Schwaben,
1885. Von Pferrem in Württemberg erscheinen jetzt Mittheilimgen über
die confessionellen Verhältnisse im Lande, 1886 ff.
**) In der Rheinprovinz wurden von 9750 in gemischten Ehen ge-
borenen Kindern 3907 ev. getauft, von 2657 Paaren 1171 ev. ^^tcwol,
Zahn, Kirobeageacbicbte, 2. Aufl. ^
82 yienehntM KapiteL
krankenpflegenden Orden von 5000 auf 7000 vermehrt Allein IM
ohramontane Butter slhlt man in Btieinland-Westplialeft. fiWk
16 Jahren hat sich die rtaiisdie Presse ao entwickelt, daas in PreiUMi
&st jede katholische Provinadalstadt ihr ]Natt hat. 1876 sBhlte im |t
140 Zeitungen in Preossea, 1881 mehr als 200^). Dem wes^ihll> i
sehen Baoemkönig v. Schorlemer-Alst sohliesst fiach nicht av i
die G^olgschaft des katholischen Mtinsterlandea , scmdem auch te a
protestantischen Gra£schaft Mark an. Selbst in der evang. PitFrai ^
Sachsen ist die Lage der Mischehen eine traurige. Die Madkt v
Roms ist das Gericht über die Kritik der heiligen Schrift t
Sehr zu rühmen sind die polemischen Arbeiten von Kipp cid,
Tschackert und Warneck, aach die werthvollen Arbeiten d«
Vereins für Beformationsgescfaichte. Letzterer hielt 1886 seine enle
Oeneralversammlnng in Frankfort a. M. mit 150 — 160 Besaehflo.
Unsere Geschichte sollten wir doch wenigstens vor den Ldg« c
Borns retten! 1887 stiftete man einen evangelisdien Band gegen >
Eom. Man rühmte laut: der Herr ist in miserer Mitte. Als «
»das evangelische Berlin« aufrief, versammeltoi sich »beinahe 200
ausgezeichnete Männer«. Bei der ersten G^neralveraammlmig a
Frankfort a. M. zählte er 10,000 Mitglieder.
Vierzehntes KapiteL
Die Zustände in den
Lfteratvr: v. Kapff, der reL ZuAtand d. ev. DeatschL, 1856. Hof^
mann, Deutschland einst und Jetzt, 1868. Todt, die ÜcaacheB
der Unkirchlichkeit in den Zeitfragen des christlichen VoOn-
lebens, VII, 6, tmd andere dort befindliche Anfafttze. Uhlhorn,
KaÜiolicismus und Protestantismus gegenüber der socialen Frage.
1887.
YieKach ist die Eirchengescbichte nur eine Darstellung dog-
matischer Ideen und Kämpfe oder kirchenpolitischer Ereignisse.
Dies namentlich in Deutschland, wo ein uns eigenthümlicher , tief
schädlicher Biss Theologie und Gemeinen trennt. Was aber in
diesen geschieht, ist wichtiger als die dogmatische oder kirchen-
politische Bewegung. Das ILaterial muss aber erst noch gesucht
*) Die Preseyerhältnisse im Königreich Preussen von Woerl, 1881.
Die Zattiiide in 4mi Gemeinen. S8
irerden, weldiee ^e Sarckengeechiehte als Gang des oreligiösea Qe-
4ankeiis isn Volk«, vor allem auch in der Froaenwelt darzustellen
«iaubt Der tiefe Alifall von den Wahrheiten der Reformation,
tveloher sioh wn die Mitte des vorigen J^uinamderts vollzogen, wurde
ia den 19. nidit geheilt, im Allgemeinen blieb auch ia ihm in
4en Gemeinen eine rationalistisch-moralistische Aauchauung die herr-
Mhende, die zuweilen auch noch manche fromme Sitte und ein-
luhe Gottesscheu der Auf klärangsperiode verlor. Der Pietisnitts
hat keine frommen Gebräuche im Volke geschaffen. An die »£on-
iiimationc lehnte sich noch das häusliche Leben an, aber sie sank
immer n^hr zur leeren Schaustellung herab. Der Protestantismus
wurde farblos im Vergleich zum Heidenthum und Bomanismus. Füir
die Gebildeten war er nur ohne leidvolles Bingen ein schneller Zu-
gang zur freien Wissenschaft. £uie in der ganz^i Weltgeschidbfte
«iierii5rte Erscheinung lastet zerstörend auf der Gegenwart: deir
Gedanke an die unsichtbare Welt ist geschwunden, er, der zur Zeit
Luthers die Welt mit Fieberschaudem erfeisste. Ein anderer madii-
voller Ckdanke, der das ganze Heiden- und Christenthum durchzieht,
ist ebenso aus den modernen Gewissen genommen, der, dass eis
keine Gemeinschaft mit Gott ohne Genugthuung und Opfer gibt
und in diesem tiefeten aller Mängel stehen wir unter jeder Stufe
menschlicher Entwicklung. Denn nicht nach der Glätte der Kultur,
sondentL nack der Furcht vor einem zürnenden Gk)tt ist der Werth
einer Zeit zu messen. Der erwachende Pietismus täuschte sich,
irenn er eine Wiedergeburt des Volkes nach seinem Sinn erhoffbe.
Wohl wurden von dem mächtigen Geist der Erweckung auch grössere
Yolkskreise ergriffen, wie das energische WupperthaP) mitsein^
aachdenklicben und strebsamen Bevölkerung, wie die charakterfesten
Bavensberger mit ihrem kernigen Volkening, dem Pietisten-
general'*^), die Siegener, Lipper, die tiefsinnigen, in sich ge-
kehrten Schwaben, <üe Schlesier im Gebirge und die Pommern
*) Die Biographieen von G. D. Krummacher, Sander (1860 von
Fr. W. Erummacher), Fr. W. Erumtt&cher (Selbstbiographie), ref.
lärchenzextimg, tet Wochenblatt Monatsschrift fßr die ev. Kirche der
Bheinprovinz mid Westphalen, seit 1842. Palmblätter von Erum-
macher und Sander, 1844 ff. Evang. Gemeindebl for Bheinland und
Westphalen, seit 18$6, neuerdings wieder aufgenommen, auch ein kirch-
liches Monatsblatt, seit 1886. Ein Gang durchs Wapperthal in diesem
Jahrhundert, von A. Sincerus, 1^7.
♦♦) Ueber ihn Erummacher in dem Buche : Lebendi>ilder von Freun-
den ev. Jtnglmgavereine, 1882,
84 yienelmtet
in ihrem geistlichen Bingen nnd Begen am Ostseestrande*), ift
Brandenburg tritt der ZtQsdorfer Pastor Licht anf (f 1887), ancik
eine grosse Anzahl adeliger Familien gab sich gerne nadi der Aih
regong und dem Vorbilde des edlen Baron yon Kottwitz in Bedk
dem Einflasse des erwachten Olaubenslebens hin, in Posen sind &
y. Bappards nnd y. Massenbachs zu erwähnen; aof allen Ge-
bieten des Lebens wurden bedeutende Oeister angefasst: der groBM
Staatsmami yon Stein, die G^graphen Bitter**) und Karl toa L
Baumer***), die ffistoriker Bänke und Leo, der Bachhftodkr
Friedrich Perthes f), der Patriot Ernst Moritz Arndt ffX dtr
Naturforscher Gotthilf Schubert fff), der Wohlthäter Johannes
Falk*t) mit seiner ersten Betfcungsanstalt in Weimar, der Gnf
yon der Becke-Volmerstein mit einem gleichen Unternehmen ia
Düsselthal, die yielyerdienten Schulmänner Harnisch, Adler, Dreist^
Henning, und der durch seine biblische Geschichte so wohlthfttige
Franz Zahn und yiele andere bis in die Kreise der H5fe, wo
Prinz Wilhelm und Prinzessin Wilhelm yon Preussen*tt) ^
später der hochbegabte Kronprinz stark berührt werden; auch der
fromme Joseph yon Altenburg glaubte besser durch sein nächir
liches Gebet als durch ein Fakultätsgutachten geleitet zu werden;
ehrwürdig ist die Erscheinung der Prinzessin Auguste yon Hessen-
Homburg am Mecklenburger Hofe, die der Henriette yon Württem-
berg *ttt) und der Markgräfin Elisabeth yon Baden. Aber ein
allgemeiner Durchbruch der eyangelischen Wahrheit geschah nicht
Hiezu waren auch die Führer immer noch zu sehr Suchende und
Forschende und fingen erst wieder an, zu den alten Brunnen der
Vergangenheit langsam und müheyoll sich zurückzufinden. Als dann
der Betrug der HegeTschen Philosophie, die Kritik der Tübinger,
*) Wangemann, (Geistliches Ringen und Begen am Ostseeatzande,
1861, nnd Qnstay Enak, ein Prediger der Gerechtigkeit, 1881.
**) Ueber ihn Kram er (1875) mid Gage (1867).
***) Von ihm eine Selbstbiographie, 1866.
t) üeber ihn der Sohn (1872).
tt) Ueber ihn Langenberge r (1869), Banr (1870), Schenkel
(1869).
ttt) Von ihm eine Selbstbiographie : Erwerb aus einem vergangenen
und Erwartungen yon einem zukünftigen Leben, 1854 — 1856. Ueber ihn
Schneider, 1868.
*t) Ueber ihn Nietschmann, 1881.
*tt) Ihr Leben von Banr, 1886.
*ttt) Ihr Leben von Ledderhose, 1867, und Merz, 1886.
Die ZuBtSnde in den Gemeinen. 85
iDes berauschte und wieder erschütterte, schwankten auch sie theils
m speknlatiTem Wahn, theils in gleichen Zweifeln wie die Gegner.
Der Mensch mit der Macht der Selbstbestimmmig kritisirt auch die
fibel: dies, zuletzt die Snmma auch der gläubigen Systeme. Das
Tolk, an£Emgs an vielen Orten von der Neuheit des unbekannten
lyangeUnms ergriffen, wurde nach kurzem Zeitraum die gläubige
^redi^ gewohnt, ürtheilslose Magistrate haben in Bremen und
[agdeburg rationalistische Prediger, die die alte P&ffenkirche als
inen Leichnam betrachteten, in Schutz genommen. In Berlin
iagten sie treue Männer beim Könige an, während die ohne Klage
leromgingen, die theure Eide auf das ev. Bekenntniss geschworen
latten und nun den Ab&ll predigten (Oktober 1845). Es kam das
Fahr 1848 mit seiner BeyolutionsfiEtckel: da erlahmte sichtlich das
leligiöse Interesse und die Politik fing an, immer mehr die Beligion
les Volkes zu werden. In die Mitte dieses Jahrhunderts fült eine
apx>sse Scheidung der Gredanken: die Anmassungen der Spekulation
vnirden yerachtet, man ging zur blossen Empirie über. Diese wurde
ungemein fruchtbar. Die bedeutenden praktischen Resultate der
neue Gebiete erobernden Naturwissenschaft, die bald die Welt
erstaunen machten und durch ihre üeberwindung des Baumes eine
sich überstürzende Schnelligkeit und Vielseitigkeit des Verkehres
mid G^schäftslebens hervorriefen, nahmen die Sinne für das Irdische
ge&ngen und erdichteten für die Gebildeten und das niedrige Volk
eme Weltanschauung, in der sich alles nach den unveränderlichen
Gesetzen der Entwicklung und des geschichtlichen Werdens voll-
zieht und für Wunder und Weissagung, ja für alle Thatsachen des
^stolischen Glaubens keine Stätte mehr ist. In Nord- und Mittel-
deutschland hat sich fäst die ganze Männerwelt von jeder lebendigen
Beziehung mit der Kirche losgesagt Als der Franzose Renan 1868
seine Vie de J6sus veröffentlichte, fand dieselbe auch in Deutschland
l)egehrte Aufnahme, obwohl nur ein zuweilen lüsterner Roman mit
idyllischem, galiMschem Hintergrunde. Strauss aber schloss, von
dem Franzosen angeregt, seine zerstörende Wirksamkeit zuletzt mit
dem Bekenntniss : der alte und der neue Glaube, darin die Gedanken
Ungezählter offenbarend, die nach allerlei Zugeständnissen doch am .
Ende in dem Darwinismus die Wegweiser gesteckt sahen, denen
sie, schon lange keine Christen mehr, folgen mussten. Denn die
Anschauungen des englischen Naturforschers, dass die Pflanzen- und
Thierarten nicht unveränderlich und nur vorübergehend fixirte
Zustände in dem allgemeinen Entwicldungsprozess seien, die sich
im Kampf ums Dasein und durch die nat^Aic\vQ TiuOci^^^ic^ ^-
1.1
:
86 Tienehntet KapsteL
mttUich gebildet, dtutete die Mmige dalim, das» man mxm
keines Schöpfers mehv bedüife und die ganze Tnamwg&itige Wi
gieichsam Tom selbst ans einem Pilz eder irgendwelchem Schlau:
sich au^ebant habe*). Werner Siemens beeeidmete nnn
Zeit als die natorwissenschaftliche. Bald wnrde es aber auch mad
znm üeberdmss wiederiiolte Phrase, dass unser Jahrhundert daä
Materialismus yerftJlen sei ÜCt ihm auch dem Pessimismus;
der in Schopenhauer und E. t. Hartmann, dem üiilosof^Mi^
des ünbewussten, seine Lehrer hatte, die dmin auch die S^bsl^^
Zersetzung des Ohrisienthums behaupteten. Immerhin blieben auÜ
den FriTolen noch sieben WelträthseL Alle Freisinnigkeit hinderte
nicht, dass sich der Aberglaube zur ünfehllNurkeit steigerte^ nachdusf
sdbon lange die unfehlbar^ Schrift als Lttge erklttrt war. Der heiv^
sehende Geist offenbarte sich in erschreckender Weise, als nach dm
Erweisungen Gottes in den unvergleichlichen Thaten von 1870 und
1(871 man sich nur im Tanz um das goldene Kalb berauschte vai.
bald die wildesten und. wahnwitzigsten Agitationen des Sociali»* t
mus selbst das Leben des mit Lorbeer gekrönten Kaisers antastete e
und för die Enthüllung des grossartigsten Denkmales der Natioa -
an sagenumrauschter lieblicher Stelle ein grauenvolles Massenatt^tat
mit der Bosheit des Dynamits vorbereitete. Drei mächtige Ströme
durchziehen offenbar verderblich die Gegenwart : der P^resse und
Börse schlau besitzende Judaismus, von entnervten, ihm fthnHck
gewordenen Chmstenvölkem weichlich geduldet, der das arbeitende
Volk immer weitgreif^der mit Polypenarmen imistrickende Socifr*
lismus (700,000 Wahlstimmen), der allein als Kirche sich gebfir-
dende, die Welt, wie er sich rühmt, regierende Bomanismus.
Daneben erlischt mehr und mehr wahre evangelische Erkenntniss.
Ausser den HohenzoUem sind der acht evangelischen Fürsten wenig,
sie, die einst im 17. Jahrhimdert so reichlich da waren. W<^
wnrde ein kirchlich ziemlich liberal gefärbter Fürst als Doktor der
Theologie auf die Höhe Friedrichs des Frommen, des Helfer» beim
Catechismus Palatinus, gestellt (1886) — es war nur eine aka-
demische JubilSumsdekoration. Lieblich ist das Bild, das Schubert
von der Meckl^iburgerin Helene von Orleans gezeichnet hat;
als der Sieger von Orleans starb, war es ritterlich und christ-
lieh geschehen mit dem ruhigen Auftrag: Seiner Majestät zu melden,
*) Schon Bengel 1752: Man wird die Kräfte der Natur so erhöhen,
dgßß nicbubgi ITebenmtllrliches mehr %em wixd\
Die Zuftiade in den Gemeinen. 87
IBS seine MilitirauspdktiQii erledigt sei*). Aber sonst kOrt man
i den FüisteB und F&rstmnen Ton romonisirenden Liebhabereien:
mische Altftre werden geschmückt, barmherzige Schwestern geehrt,
einer Stadt am Bhein das hohe Fest Aller Seelen mitgefeiert,
d gegen die Altkatholiken gearbeitet. Mit Schrecken untersucht
OL das Wachsthum der allgemeinen Gleichgültigkeit, die Selbst-
»rdsmanie, die schon kleine Kinder ergreift (im Mittelalter sehr
Aen), die dSmonischen Eamiüenmorde , die Schamlosigkeit der
ostitolicB, oS^ mehr tob der Noth als von der Lust diktirt —
UL firagt sieh, was im Volke noch von natürlichem Gemüthsleben
odg sei, warum die Kunst dem rohen Naturalismus und dem »bösen
tmoBL« diene und nur noch der einzige Pfannsckmid (f 1887)
A Evangelinm des Friedens abbilde, und doch steht das Deutsche
dch und der evangdülsche Kaiser als leuchtende Beweise da, dass
lein das Eyangeliam der Reformation Staaten und Kirchen bildet
id erhält**). Als 1883 das deutsche Volk in hoher Begeisterung
18 LutherjubilSom nach dem Geschick der modernen Zeit, Feste
i fieieni, beging, gefiel doch am meisten das fürstliche Wort am
labe Luthers, dass das Wesen des Protestantismus in dem zugleich
bendigen und demüthigen Streben nach der Erkenntniss Christ-
ch^ Wahrheit besteht: ein welker Lorbeerkranz für den, der die
T'ahrheit besass. Von den Luidierreden aber £Etnd allein die den
ietismus und evangelischen Glauben verhöhnende des Professor
»^ender in Bonn die Verbreitung und den Dank des Liberalismus.
Q der wüxttembergischen Kammer sprach es dann 1884 bei einer
iehtigen Grelegenheit angesichts der Komischen der Kanzler Bümelim
m, dass das Volk nichts mehr von dem Bekeimtniss wisse. Aller-
ings: die Wahrheit der Reformation von der freien Gnade, die«
lande vergibt, an wen sie will, ißt theoretisch und praktisch ver-
nren. Einigen wurde es in der <^cken Abendluft zn schwül und
ie erdichteten einen konservativen Hauch, spürten ihn aber ganz
Hein.
Hat nach dem Gesagten der Pietismus, der an den Wurzeln
inseres Jahrhunderts frisch ergrünte, nicht gehalten, was er oft zu
*) Weber, Zum Gedächtniss des am 15. April 1883 selig entsehla-
inen Gbrosaherzogs Friedrich Franz II., 1888.
**) Einen vortrefflichen Versuch, die bäuerliche Glaubens'- und Sitten--
ihre der Gegenwart darzustellen — und das ist mehr Eirchengesehichte
8 vieles andere — bat ein thäiingischer Landpioriex g^icAJ^Wt ^%H^..
88 Vieraehntes Kapitel
laat versprach, so yerdanken wir ihm doch einige grosse Wo!
die in dem Lehen tmserer Gemeinen konservativ wirken.
1.
Die Predigt
AoB vieler literator nur: Nebe, Zur Geschichte der Predigt, ISTtL
Batsermann, Handbuch der geistlichen Beredsamkeit, 1835.
In der Zeit der Erweckong war dieselbe von mächtiger WI^
kung nnd lockte grosse Volksschaaren herbei. Sie war der Mittel-
pnnkt des Gottesdienstes. Als sich die parlamentarische Fertigkeit
der Redekunst wunderbar schnell entwickelte und die Yielgeschwfttzig-
keit den Werth der Worte verminderte, sank auch die Bedeutong
der Predigt. Sie ist im Laufe des Jahrhunderts immer geringv
geworden. Die Gegenwart verlangt eine Predigt so kurz, wie eine
eilige Messe. Es haben ihr grosse glänzende Talente gedient, wß
Fr. W. Erummacher*) mit seinen »narkotischen Predigten«,
Bischof Dräseke in Magdeburg, Hoi^rediger Theremin mid
Schleiermacher**) in Berlin, die aus der Beredsamkeit eme
Tugend machten, neuerdings der geschichtenreiche, anmuthige Ahl-
feld***), »der so predigte als wenn man Korn schüttet«, in Schiw-
ben der ästhetische Gerok, in Hessen Römheld, in Berlin der
schlagfertige Stöcker, weiter der volksthümliche £. Frommel,
der in geistreichen Pointen starke Eögelf), der in humoristisch-
belletristischer Weise übersprudelnd reich sich äussernde Funke
in Bremen und Andere; aber wer die Grundlehre der Reformation
f&r das allein nothwendige immer zu wiederholende Thema ansieht,
der findet Besseres bei den Beformirten G. D. Erummacher, dem
Erlanger Erafft, H. Fr. Eohlbrügge, Mallet in Bremenft)»
dem mit Recht viel gelesenen Ludwig Hofacker in Schwaben
imd dem als »Sonnendreher« geschmähten wackeren Gustav Enak
*) Selbstbiographie, 1869.
**) Ueber Schleiermacher als Prediger haben sich Lückei
Schweizer mid Bien&cker geäussert.
***) Sein Leben von seinem Sohne und Ron seh, 1885.
t) Eine Biographie von ihm in dem P&rramts-Kalender von Ueber*
schaer, 1887.
tt) Sein Leben von Hupfeld (1865), Menrer (1866), Wilkens
CIS7£).
Die Znstftnde in^ den. Oemeinen. g9
k Berlin. Im Allgemeinen beherrscht die Predigtiiteratar ein syner-
^Bter Pietismus, d«: Gesetz und Evangelium nicht recht schei-
det Die ganze protestantenvereinliche Richtung der modernen Pre-
d^ steht unter dem Urtheü des von ihr bekämpften y. Hartmann:
der liberale Protestantismus sucht durch die Gkiukeleien, mit denen
er Bibelstellen zum Predigttext nimmt, den Schein der geschicht-
üchen Continuität zu wahren, während er durch das Anheben der
ILutoiität der Schrift diesen stetigen Zuhammenhang unheilbar zer-
itört hat. Nur der Eiertanz künstlicher Silbenstecherei hält die
DUusion. der Christenheit auf.
2.
Das evangelische Pfarrhaus.
Uteratwr: Meuss, Leben und Fracht des evangelischen Pfarrhauses,
1884. Baur, das deutsche evangelische Pfarrhaas, 1885. Die
schwäbischen P&rrhäofier in den Qeschichten von Ottilie Wilder-
muth. Ein musikalisches Pfarrhaus von Strebel, 1884. Neaerdings
auch eine Zeitschrift: Das Pfarrhaus von Steinhausen.
Gregenüber den Angriffen und der Undankbarkeit des profeaien
Jahrhunderts hat man mit vollem Recht die Bedeutung und den
Segen des evangelischen Pfarrhauses inmitten eines einsamen rohen
Dorfes oder einer volkreichen Stadt hervorgehoben. Von ihm gehen
in der oft vorbildlichen Ehe des Pfarrhauses, in viel Wohlthat an
Armen und Elenden, in den Wirkungen feinerer Sitte ganz abgesehen
von der Kraft der Predigt mannigfache Hilfeleistungen aus. Es ist
aach die Mutterstätte der angesehensten Geister des Volkes gewesen.
8.
Die evangelische Presse.
literatur: Christenthum und Presse von Dr. Mühlhäuser, Zeitfragen
des christlichen Volkslebens. Heft 1.
Schon an der Stellung, die die Ev. Eirchenzeitung von Heng-
stenberg einnahm, an der sich mehrenden Leserschaft des durch
Leo gewürzten Volksblattes für Stadt und Land von Philipp
^athusius, an dem Einfluss der die konservative Aristokratie
Um sich sammelnden Exeuzzeitung konnte man die Nothwendigkeit
erkennen, auch durch die moderne grösste Macht, die Presse, dem
evangelischen Volke zu nahen. Mühlhäuser*) in Baden trat
*) JJeher ihn Beinmnth in den christl. Zeititagen, "ä^iiXi^^.
90 Yienehntes KaiuteL
dafiär besonders ein. Mehr als viele B&cher berühmter Theoloi
hat der mdaichdy emsige, schwäbische PfEurer Held durch die
dnng und die glücklioke Yarforesiimg seines Er. Sonntagsbl
(jetzt 123,000 AbcHmenten), durch eine Wcbhhätigkeit as Viele,
wohl die Summe einer Million Mark erreicht hat, der Menge gedl<
mn d&e sich oft so wenig die G^eMirsaaikfiit anf ihren H^ien
mert. Sdion vor dem ScmntagsUatt war d«r ChristeBbote Ton BvxÜji
eststaaden, jetzt Ton G*. Weit brecht in Stuttgart mit 45i,Mt^^^
Abonnenten redigiert; das Sonntagsblatt ahmten nach der ISachboe
von dem thätigen Nink in Hamburg mit 90,000 Abonnenten,, dm
Duisburger Sonntagsblatt, das Berliner (130,000 Auflage), das Bay-
rische und immer weiter andere. Während die gelehrten theoL ;
Zeitschriften meist alle an Deficits leiden, blüht diese mächtig an-
wachsende populäre Literatur. Die Fortschritte der Zeit in mecha-
nischer Fertigkeit unterstützen auch sie. unter den grösseren theod,
Zeitschriften mmmt allein die Allg. £hr. Luth. Eirehenzeituiig, Yon
L u th a r d t vortrefflich redigirt, einen angesehenen Platz ein. Novem-
ber 1886 sank matt das schon lange herbstliche Blatt der N. £?.
Kirchenzeitung in das winterliche Grab der Kirche der Union. Nie-
mand trauerte ihr nach. Die Deutsche Ev. Kirchenzeitung vos
Stöcker trat an ihre Stelle. Das Interesse Deutschlands an det'l
grösseren Blättern zeigen Zahlen: Allg. Ev. Luth. Kirchenzeitong
Auflage 2,500, Kirchliche Monatsschrift 980, Protest. Kirchenzeitosg
850, Deutsche Ev. Blätter 800, TheoL Literaturzeitung 750, £?. |
Kirchenzeitung 710, Bef. Kirchenzeitung 500.
4.
Die Lutherbibel.
Literatnr: Sop^enannte Probebibel von Dr. th. Schröder, 1888. Da-
neben viele Gutachten.
Luthers Bibel und das evangelische Kirchenlied sind die Klam-
mem, die noch die grosse Menge umfassen: von unberechenbarem
Werth. Das Bedürfitiiss einer Korrektur der alten Lutherbibel,
dieses ehrwürdigsten Domes der Deutschen, wurde zuerst auf dem
Kirchentage zu Stuttgart 1857 ausgesprochen und führte zu einer
Konferenz von Theologen, die vom 2. — 16. Oktober 1865 und 4. bis
16. April 1866 in Halle zusammentrat und deren G-eschäftsordnung
bestimmte, dass eine Berichtigung Luthers nach dem Grundtext nur
dann aJb bescblossen anzusehen sei,, wenn xwe\T>rvk^<Qäfe ^«st ^^imonen
Dia Zamtad» in den Qemeinen. 91
dafür ansspreehin. Der letzte Zusammentritt der Konferenz
ginhali im Jahre 1881 und zom Latheijubilftum 1883 erschien zur
MhIIhiIiiih Bespreohimg die Probebibel von dem Württemberger
ÜBrer Dfr. Schröder besoigi Es war begreiflich, dass Lob und
IML sich in der schirfttoi Weise über das wichtige Werk aus-
^Hicfaen, das noch ganz im Hader der Ajudchten liegt und bis jetzt
& Eirche nicht gefördert hat. Das Volk nahm auch ron der Probe-
Ijbel wenig Notiz. Bis zum Jahre 1890 hofft man mit der Revision.
dn A. T. fertig zu werden. — Eine Zeit lang ist auch ein Kampf
ftr — so von Stier — und gegen die Apokryphen geführt worden.
5.
Das KirchenKed*
Utwahir: Fischer, KirchenHederlexikon. 1879.
Eines der grössten Verbrechen an unserem Volke war die Zer-
störung des ererbten Kirchenliedes durch die Naseweisheit des Ra-
tionalismus. Noch bis auf die Gegenwart ist dieser Schaden nicht
ganz geheilt, selbst die Liebhabereien eines Albert Knapp än-
derten noch in subjektivem Geschmack an den ofb machtvollea
Eemworten, die zugleich auch deutsche Denkmale sind. Die Be-
mühungen der Gebrüder Wackernagel, Bunsen^s, Stier's^
Lange's, Bähr's, Schöberlein's, Stip's u. A., der erneuerte
Geschichts- xmd Sprachsinn brachten das Alte wieder zu Ehren, ob-
wohl noch stets schwankende Lesarten stören und hindern. Die
Hanptlieder sind aber doch wieder unserm Volke gerettet worden.
Ton jeher hat die Macht des Protestantismus in seinem Gesänge
beraht von den Psabnen an, dem grossen Heldengedicht der Refor-
mirten, bis zu den Liedern eines Gallerts, des letzten kirchlich reci-
pirten Sttngers. Dieses Jahrhundert, obwohl liederreich, doch ohne
die Weihe und Tiefe der Noth und Einfalt der Alten, brachte nur
wenige Lieder in das Gesangbuch; einige von dem Sänger der Frei-
iieitskiiege, Ernst Moritz Arndt, von Christian Gottlob
Barth, dem unermüdlichen, populären Schriftsteller in Calw*)^
von der Dichterin Louise Hensel, dem vielgeliebten K. Joh.
Philipp Spitta in Hannover, dem endlos dichtenden Albert
Knapp, der feinsinnigen und bedeutenden M eta Häusser-Schwei-
zer. Aber fitst allen diesen Liedern fehlt der einfach ernste, kirch-
•; Sein Leben von Werner, 1865—1869, loaA von TLo^^ , \^^.
92 Yienehntes EapiteL
liehe Charakter, der heilige Drang des Martyriums. Dem mod
Unglauben eines Lindau erscheint das geistliche Lied als ein
Winkel, in dem die Gegend gleich dem zaudernden Wasser auf
mal einen anderen Charakter bekommt, auf dem der Strom
Lebens stille steht, für den die religiösen Fragen keine Le
mehr sind: eintönig, freudlos, fr^md sind solche Winkel der
meinen Entchristlichung.
6.
Das geistliche Lied.
Dies hat süssere Früchte gezeigt als das Kirchenlied. Di«
Talente , die auf diesem G-ebiete arbeiteten, haben glücklicher dis [^
Kirche befruchtet als die dogmatischen Systeme. Yor allen der
oben genannte Spitta (f 1859 als Superintendent zu Burgdorf)^
dessen »Psalter und Harfe« und nachgelassene geistliche Lieder
ebenso Viele erbauten wie sie bis zur 50. Aufl. erschienen*). Neben
ihm der feinsinnige, sprachgewandte, anmuthige Stuttgarter Prälat
Karl y. Qerok, dessen »Palmblätter«, »Pfingstrosen«, »Blumen
und Sterne«, »Deutsche Ostern«, »Auf einsamen G-ängen«, »Letzter
Strauss« und »Unter dem Abendstem« in aller Welt Trost und ^
Freude bereiteten. Er hat uns auch seine Jügenderinnerungen er-
zählt. Femer haben J. K. Sturm, P&xrer in Köstritz, Zell er,
der geniale Psychiater in Winnenthal (»Lieder des Leides«), Fried-
rich Weyermüller in Niederbronn im Sinne des alten Kirchen-
liedes, Knack in Berlin in pietistischer Linigkeit, Schwarzkoff
in Wernigerode, auch die Dichtergrössen Gr e i b e 1 und B ü c k e r t , dann
Budolf Stier, Gustav Schwab, neuerdings die Brüder Joseph
und Qotthold Knapp, Eckelmann, Dichter von Kinderliedem
u. A. ihren Harfen liebliche Laute entlockt. Jahn hat in seinem
Hohenliede in überraschender Tiefe die Bechtfertigungslehre be-
sungen.
Die Erneuerung des kirchlichen Gesanges rief eine Beihe der
unerquicklichsten Streitigkeiten hervor, indem sich die Leerheit des
Liberalismus an die alten Fadheiten klammerte, als ob er in ihnen
Heiligthümer hätte und das unwissende Volk für seinen Unverstand
eiferte. Im linksrheinischen Bayern wurde der Konsistorialrath D.
Ebrard durch grosse Volksversammlungen gezwungen, sein gutes
Gesangbuch und seinen neuen Katechismus zurückzuziehen. Er
*) Ueber um Münkel, 1861.
Die Zwttnde in den Qemeinen. 98
1861 sein Amt nieder*). Die PfiJz wurde der gepflegte Wein-
des Protestantenyereins nnd brachte es so weit, das schlechteste
[Q«angbnch in der Weh, den schlechtest bezahlten P£ajTstand, eine
[flomunpirende P£uTwahl, leere Kirchen in den liberalen Städten^
gemeinsames Glaabensbekenntniss etc. zu besitzen. 1853 hatte die
' fisenacher Konferenz, eine Vereinigung von Deputirten aller Kirchen-
legimenter, 150 »Kemlieder« sammt Melodieen herausgegeben. Dies
var das Signal zu gerechten Klagen auf der einen Seite wegen der
»G^esangbuchsnoth« und auf der anderen: mit Annahme und Verwer-
fang der Gesangbücher ein frivoles Spiel zu treiben, das dem Volke
Beine Lieder&eude tmd die wichtigste Quelle seiner Erbauung trübte.
Bis heute dauert noch die Gbsangbuchsfrage, obwohl überall das
atte Lied im Vordringen sich befindet. Köstliche Proben aus einigen
Thüringischen Gtesangbüchem bewiesen, dass man dort noch immer
nngt: das kleinste Thier betritt die Welt mit mir auf gleiche
Weise.
7.
Der Katechismus.
Eine Kirche ohne Bekenntniss ist keine Kirche. Das populäre
Bekenntniss ist der Katechismus. Es waren jammervolle Machwerke,
die das vorige Jahrhundert dem unsrigen überlieferte. In ihnen
lag der ganze Bankerott der Vergangenheit. Nur mit vielen Streitig-
keiten, die ganze Provinzialkirchen wie kleine Gemeinen zerrissen,
gelang die Wiedereinfohrung der reformatorischen Katechismen.
Als man 1862 in Hannover einen alten Katechismus aus dem 16.
J^hundert von Mich. Walther eingeführt hatte, erzwang der
Stann d^ Gemeinen die Wiedergabe des bisherigen Landeskate-
chismus**). In anderer Weise eroberte der heldenmüthige Protest
von fünf Pastoren in Lippe den Heidelberger £[atechismus. Die
Kämpfe der Union sind namentlich auch Kämpfe um den E^atechis-
mus, doch büdete sie selbst die wunderlichsten Büchlein in den
ünionskatechismen, diesen Bildern unserer vielversuchenden und doch
so schaffnngsarmen Zeit. Neuerdings hat man in Baden, der grossen
Versuchsstation des Deutschen Beiches, einen Katechismus beliebt,
der herzlos, reflektirend und ohne Wärme ist.
*) Ebrard, Eirchengesch., Bd. IV., S. 358. Guth, Der pfälzische
Gesangbnchsstreit, 1856 — 61.
**) Dieatelmann, Die Katechismus-Angelegenheit m H&imover«
94 YienefantM Kapitel
Es ist eine der etüreulichgte& ErabheimiiigeK der Zeit, disi liili^
in der ref. Kirche der Heidelberger KateeliisBiiiB so in der bäMfrl^
49cheii und xmirten der kleine IttÜMrisolie wieder weite GeUete Wl!
jntzt: Oaben für das Volk von grossem WertiL
8.
Das Bekenntniss.
Yon Znstftnden wie in dem französischen ProtestaatisM») m
"bei jeder Nationalsynode die Confession de fei besehw^nren wuzd^
sind wir weit entfernt. Der Ei£nr gegen den Symbolswaag,
die Unterscheidungen zwischen dem quia und quateaus der Bezuhr
tmg der Symbole zur hL Schrift, ihrer Subeftanz tmd ihrer Fooi,
die Freiheit oder Yeipflichtong der evang. Fakultiten nach dem Mass
der kirchlichen Lehre, die Grenzen der Lehrfreiheit — diese Fragst
liaben unser Jahrhundert bewegt bis zur Beseitigung der kirchlidien
Terlesung des Apostolicums, welches nur noch in historischer Rela-
tion vorgetragen werden sollte. Ln Allgemeinen weiss das evang.
Tolk nicht mehr, wie sein Bekenntniss ist und die Verpflichtungen
der Pastoren auf die evangelischen Bekenntnissschriften ' oder nur
auf die Augsburgische Eonfession veranlassen die Gemeinen nicht,
dieselben nach diesen Bekenntnissen zu prüfen. Mit Becht rOhmt
man die Bekenntnissparagraphen der Rheinisch- Westphtiischen ISjr-
chenordnung, aber für die G^meineai ist doch alles im Fluss. Lnme^
liin sind es edle Bemühungen, hie und da doch wieder eine Be^
J:emitmsseinheit zu schaffen. Die letzte Generalsynode Preussens
liat nicht nur das Vorhandensein von Lrrlehre, sondern auch deren
disciplinarische Behandlung festgestellt, auch dort wo sie mdit atif
der Kanzel ausgesprochen wird. Zu den unerquicklichsten Veihatid-
Itmgen kam es, als gegen die Lrrlehren von Sydow, Lisco und Lfdff
TOrgegangen wurde. Da die Männer der OberMrchenrath und der
Kultusminister in ihren Aemtem Hessen, war es billig, dass dfin
wackeren Ehrenmann, den Konsistorialprasidenten Hegel, die Gmut
nond die Gerechtigkeit des Kaisers rettete, obwohl ihn Hermann vnoi
Palk bedrohten.
9.
Liturgie.
Mit dem erwachenden Lutherthum, auch vielfach mit der Pflege
Tomanisirender Ideen kam auch die Neigung für liturgischen Gt)ttes-
Die Zufttade in den Gemeinen. 95
tatst auf: tibieils als !Eäxileitaiig fSr die Predigt, die dock das Volk
voiig besuchte, theils als besondere Metten tind Vespern, die stiller
Heditation dienen sollten. Das ganze Jahrhundert durchziehen die
Bemühungen fiir diese Formen der Erbauung, die doch nicht dem
Princip der Eeformation entsprechen. Schöberlein in Göttingen
liat einen Schatz des liturgischen Chor- und Gemeinegesanges ge-
sammelt. i>er Eirchengesang erhielt einen Aufschwung durch die
BüduBg Ton Verein^i fiir diesen Zweck und biachte es auch zu
Srchengesangstagen. Gewiss ist der Chorgesang noch eine bessere
Belebung der Gottesdienste als langgedehnte Liturgien, wenn die-
selben auch Hof- und Domkirchen das Gepr&ge einer feierlichen
ümnJmmng gaben, namentlich durch die Begleitung von Meister-
gesang. Der Förderung des Gesanges dienen jetzt einige Zeit-
sefaiiften. Johannes Zahn und M. Herold in Bajem haben
hier einen Namen*).
10.
Das evangelische Volksbuch.
Gute Lektüre für das Volk war allgemeiner Wunsch und rief
manch tüchtigen Mann in die Arbeit. Alle übertraf der geniale,
grossartig gestaltende Schweizer Jeremias Gotthelf (Albert
Biteius f 1854). Dann haben wir den lieblichen und wahren
Glaubrecht**), den überreichen W. 0. Hörn, den Biographien-
schreiber Ledderhose, den Elsässer Stöber, den Vater der Er-
säilung, den milden und freundlichen Naturforscher Gotthilf
Schubert, die Caspari und Redenbacher, Fries u. A. Li
^ Träume unserer Jugend verflochten steht Gustav Nieritz
4a (t 1876)***).
Neuerdings wird Armin Stein (Diakonus Nietzschmann
in Halle) viel gelesen, und ebenso Emil Frommel und eigen-
thümlicher als sie alle die Züridierin Johanna Spyri. Die Volks-
Uhliotheken sind schon wohlgeordnete Körper verschiedener Buch-
luadlungen und für Gross und Klein (hier namentlich der Kinder-
freond von Nink, dem wackeren Pastor an der Anscharkapelle in
Hamburg (f 1887), empfehlenswerth) ist fast zu reichlich gesorgt
*) Eümmerle, Eneyklopädie der ev. Eirchenmnsik, 1886 ff.
**) üeber ihn Banr in den Lebensbildern, 1887, S. SOI.
^•) V«n ihm eine Seltetbipgimphie, 1872,
96 VienehntM KapiieL
Auch grosse illostairte Zeitschriften wie das vorzügHohe »Dalieim«,
»Quellwasserc, »Grüss Gbtt« nnd andere dienen dem LesererlangaiL
11.
Das Vereinsleben.
Literatur: Johann Hinrich Wichern Ton Oldenbnrff, 1881 iL Sehl-
fer, die weibliche Diakonie, 1880. 8 Bde. Derselbe, Leitfiidendfli
inneren Mission, 1887. Orlich, die Wemerschen Stiftnngaanststtei^
1870. Zimmermann, der Gnstav- Adolf- Verein nach seiner Ge*
schichte, Verfassung nnd seinen Werken, 1877. Derselbe, dii
Bauten des Gustay-ixlolf- Vereins in Bild und Geschichte, 1850—70.
Viel wichtiger als theologische Gelehrsamkeit und die davos
abhängenden Schulen ist für die Beeinflussung der Gemeinen das
in unserem Jahrhundert erblühende und gepfl^^te Vereinswesen,
da sich am glücklichsten gestaltend, wo es mit dem Pastorat in der
Gemeine blieb und nicht neben der Kirche in freier Wnchenmg
dieselbe dadurch schädigend sich ausbreitete. Hier nimmt die erste
Stelle Johann Hinrich Wichern ein, der Begründe der soge-
nannten inneren Mission; am 21. April 1808 in Hamburg geboren
gründete er dort 1888 die Bettungsanstalt zum »Bauhen Hans«, eine
Stiftung, welche sich ünmermehr zu einer Kolonie erweiterte, die
Anstalten für Verwahrloste, für Personen, die im Schulamt oder in
Korrektions-, Straf- oder Krankenanstalten angestellt sein wollten,
auch eine Buchdruckerei, Buchbinderei und Buchhandlung und eSuk
Pensionat für Kinder höherer Stände um&ksste. Die für ein Yor-
steheramt in ähnlichen Anstalten ausgebildeten »Brüder« hat man in
gehässiger Weise mit den katholischen Orden verglichen. Wichems
Stiftung gab den Anstoss zu vielen ähnlichen Anstalten in allen
Ländern. Auf dem Kirchentag 1848 in Wittenberg schuf er einen
Centralverein für die innere Mission, der später regel-
mässig mit den Kirchentagen berieth und als diese eingingen, sich
als der Kon gross für die innere Mission behauptete, doch
in seinen Hauptversammlungen wenigstens mit nicht gerade wach-
sendem Interesse. Immer auf Reisen sah man an allen Orten den
eifrigen Mann mit seiner packenden volksthümlichen Bedekraft, eine
anziehende frische Erscheinung, für seine Sache wirken, namentlich
auch für den preussischen Hof und die adeligen Kreise bedeutsam.
1851 durchmusterte er im Auffrage der Regierung die Geföngnisse,
xua Vorschläge für die Verbesserung derselben zu machen. 1858
ist der »Kandidat der Theologie« Rath im preussischen Ministerium
des Innern und Mitglied des Oberkirchenrathes geworden. Seine
Die TioMniifi in daa Gemeinen. 97
war Beüdem eine Vides nmfitfsende. Weithin gingen die
len BUtter€ dea Banken Hausee. Er starib am 7. A|urfl
il nach dmüdeoi Jahren. Sein Schüler nnd Mitarbeiter Olden-
irg hat sein Leben so besehrieben, dass der Mann in lebendiger
rskhchkeit vor nns steht Wi Wichern war in Hamburg Amalie
^yeking verbanden, eine Wohlthäterin Armer und Kranker*);
wollte in einem Sarge mit flachem Deckel beerdigt sein, damit
Beerdigungsweise der Armen nicht mehr yerachtet werde,
leodor Fliednex, der Yater des protestantischen Diakonissen-
ist am 21. Januar 1800 zu Ebstein im Nassauischen gebooren
wurde 1822 Pfiurer zu Eaiserswerth. Auf Eollektenreiflai
Ummelte er die Mittel, um in seiner Gemeine 1883 ein Asyl fiir
BBtiaasene weibliche Gefangene, 1885 eine Kleinkindersehule in Düs-
ieUor^ 1836 eine gleiche in Eaiserswerth zu gründen. Der Ein-
oehtung eines Seminars für Eleinkinderlehrerinnen folgte 1836 der
Bheiniscb-Wesiph&lische Diakonissenverein, der im Oktober d. Js.
iie erste ev. Diakonissenanstalt zu Eaiserswerth erö&eta
IGt derselben wurden dann auch Anstalten fär Eindererziehung und
Lehrerinnenbildung, die Pflege gemüthskranker tmd die Bettung ge-
fiillener Frauen verbunden. Die »Schwestern« erhalten nach einer
halbjährigen Probezeit eine Anstellnng je auf fünf Jahre; so laage
dauert die Verpflichtung. Die Wohlthat der »Erankenpflege«, der
818 bestimmt waren, erwies sich als eine grosse, wenn auch die
Diakonissen nicht mit dem apostolischen Wittweninstitut der Pres-
bjtiden zu yergleichen sind und es schwer ist, die katholische Trieb-
feder der Arbeit TOn ihnen fem zu haltrax und überhaupt die Mängel
des katholischen Vorbildes zu mildem. Das Beispiel Eaiserswerth^s
zog bald die Bildung von Diakonissenhäusem in der ganzen Welt
Bach sich, bis in den Orient hinein. 1879 gab es 51 Diakonissen-
Mutterhäuser mit 8908 Sehwestem in 1079 Arbeitsstationen, davon
33 innerhalb des Deutschen Eeiches. Die Summe, die bis jetzt für
diese Zwecke verwendet ist, wird weit 1 Million Thaler übersteigen.
Doch gibt es in Preussen mehr katholische Barmherzige Schwestern
als in der ganzen ev. Eirche Deutschlands Diakonissinnen und mehr
Arbeitsstätten derselben als in der ganzen Welt zusammen genommen.
Am 23. September 1886 feierte das Diakonissen -Mutterhaus zu
Eaiserswerth sein SOjähriges Bestehen. Man zählte 57 Mutterhäuser,
6000 Diakonissinnen, 2000 Arbeitsfelder; das Eaiserswerther Haus
*) Denkwürdigkeiten aus ihrem Leben, 1860.
Zahn, KiTGhengBBobichte. 2, Auä,
98 YianehnteB Kapitel
mit seinen Töchteriiftnsem hatte eine jährliche Einnahme von 338;
Mark (1836: 6000 Thaler). Als Denkschrift znr Jubelfeier ersehkt
von Dissellioff ein Jubilate! und von dem Sohne Fliedner oa
Lebensabriss des Vaters. Man erinnerte daran, dass schon P&nfr
Elönne und Graf von der Recke-Yollmerstein den Gedankn
der Diakonissumen angeregt und der Kronprinz Friedrich Wilhelm
denselben mit wahrem Jauchzen angenommen. Born aber spradi
von lächerlicher Nachä£ferei.
Gustav Werner, geb. am 12. März 1809 zu ZwieÜEdt^ m
Schwaben, von Swedenborg berührt, ein Gegner der biblischen Satis*
foktionslehre, dem Christus Yorbüd wahrer, edler Humanität^ mussto
seine Stellung als Vikar in Walddorf bei Tübingen au%eben md
schuf sich nun als unermüdlicher Beiseprediger eine selbständige
Thätigkeit, bis er, da er die Augsburgische Eonfession nicht unter-
zeichnen wollte, 1851 aus der Liste der Kandidaten gestrichen wurde.
Jetzt gründete er seine auch durch einen drohenden Bankerott ge-
retteten Anstalten in Beutlingen. Im Mai 1885 umfa,ssten die Wer-
ner'schen Anstalten: 1) das Bruderhaus in Beutlingen mit 10 Zweig-
anstalten mit einem Personalbestand von etwa 1000 Personen, ver-
bunden mit denselben ist der Betrieb der LandwirthschdPb; 2)
industrielle Unternehmungen, das ist eine grosse Maschinen- und
Möbelfabrik in Beutlingen und eine blühende Papierfabrik in Bei*
tingen — jetzt Eigenthum eines Actienvereins — , welche schwach-
begabten Leuten moralisch dienen wollen. Ausgabe: 477,541 Mark.
Der alte Vorsteher der vielen Anstalten reiste bis ins Jahr 1887,
wo er stirbt, thätig und wunderbar elastisch im Lande herum und
hielt seine besuchten Wandervorträge. Da konnte man sein aus-
drucksvolles, väterlich wohlwollendes Gesicht sehen und seine schon
schwache Stimme hören*). Maler Heck hat Vater Werner darge-
stellt, wie er in einer Scheune vor schwäbischem Landvolke predigt.
Karl Zimmermann, geb. am 23. August 1808 zu Darm-
stadt, wo er seit 1842 Hoi^rediger und Prälat war (f 12. Juni 1877)
hat sich ein grosses Verdienst durch die Stiftung des Gustav-
Adolf- Vereins erworben. Am 6. November 1882 feierte man
die zweite Säkularfeier des Todes Gustav Adolfs. Eine Samm-
lung für ein Monument über dem Schwedenstein brachte einen
üeberschuss, der kapitaJisirt werden sollte, um mit den Zinsen arme
ev. Gemeinen in der katholischen Diaspora zu unterstützen. Der
Superintendent Grossmann, der Archidiakonus Gold hörn und
t <
iL!»
r_
*) Zum Andenken an Vater Werner, 1887.
Die Znsttade in den Gemeinen. 99
Kanfmann Lampe nahmen sich der Angelegenheit an und es
sidi för Leipzig nnd Dresden zwei Hanptvereine. Am 6.
iber 1834 übernahm der Leipziger Haaptverein die Fühnmg
einem Vermögen von 4251 Thalem. Als sich darauf Zimmer-
för die Sache begeistert», kam es am 16. September 1842 in
zu einer von 600 Mftnnem besuchten Yersammlnng, die den
; Verein der G.-A.-Stiftong ins Leben riefen. Zu Frankfurt 1848
worden die Statuten festgesetzt, die allen ev. Gemeinschaften eine
WoUtihat zusagten und in einzelnen Vereinen und in dem Central-
"mBtand in Leipzig die Mitteln sammeln und verwalten wollten.
i> Anfang« Ton den Positiven und der bayrischen Regierung bekämpft,
^mirde der Verein bald der erkl&rte Liebling des evang. Volkes. Er
Kgennam auch Frauenzweigvereine, dehnte sich über Oesterreich,
Ungarn, Holland und die Schweiz aus und als er am Gustav-Adolfis-
Denkmal selbst von einer schwedischen Gesandtschaft begrüsst in
der zweiten Septemberwoche 1888 sein Jubelfest hielt, konnte er
mit Eecht rühmen, bis zu dieser Zeit 17 225 403,16 Mark veraus-
gabt zu haben tmd damit 1167 Kirchen, 695 Schulen, 412 Pforr-
hinser theils ganz erbaut, theils durch reichliche Gaben zur Voll-
: endnng gebracht, überhaupt 2983 verkümmerten Gemeinen geholfen
m haben. Selbst ganze Parochialverbftnde hat er geschaffen. Der
Festredner E. Gerok sdüoss seinen Trinkspruch bei der Festtafel
in Lützen so:
Der wilde Kampf der Waffen,
. Einst w&hrt er dreissig Jahr;
L Am Friedenswerke schaffen
Wir heute ffinfzig gar.
und geh'n wir nun znr Buh?
Kein, Herz mid Hand ermuntert
Ffir*8 zweite Halbjahrhundert! —
Herr, sprich Dein Ja dazu!
In der Zerrissenheit der ev. Kirche ist der Gustav-Adolüs- Verein
unter der Leitung seines auch in lateinischen Begrüssungsworten
; c^bizenden rede&ohen Leipziger Professors Gustav Adolf Fricke
das einzige wichtige Einheitsband. Ln Jahre 1886 betrug die Min-
der-Einnahme des Vereins die Summe von 22 300 Mark; der kath.
Bonüaciufl-Verein hatte um dieselbe Zeit 750 000 Mark Einnahme
gegenüber 660086 Mark des G.-A.-Vereins.
Daniel von der Heydt*) (f 1874), Geheimer Kommerzien-
*) Ueber ihn das Buch von mir: der Grossvater, 1881. Manuscript,
aber anf den Univerait&tBbibliotlieken,
'?S\K\\KS'^-
100 yienebiitM KqpiteL
rath in Elberfbld imd Aeltester der niederlfindiaok-ref Omoim^ W
wogen durch die wachsenden Anagaben der Elberfelder Ainifl i i f#{
waltong und von Jethro's Bath an Moses lernend das Volk in
Gruppen nnter besondere Anfiseher za gliedern, stellte mit lieki
und Hingebung das Elberfelder System der Armenverwaltong m^
das viele kleine Kreise und viele Besnche derselbeii zom Pkindf V
hatte nnd sich so bewährte, dass nicht nnr der Elberfelder Amnfrl^
etat sich verminderte, sondern diese Ordnung auch in aller Wdkp
Nachahmung fand und dem Stifter die Anerkennung esines grosMftl^
Wohlthäters brachte. Der unstete Victor Aim6 Hub er (f 1M)|^
hat durch Schriften für christlich-sociale Bestrebungen gewiikt
Dr. th. V. Bodelschwingh, Pastorin Bielefeld'*'), Grfinder f
vieler wohlthatiger Anstalten für allerlei Nothleidende, gab donl "-
die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf fEb* arbeitslose Vaganten da
Anstoss durch ähnliche Stätten der Heimath und Beschäftigung in
ganz Deutschland Hilfe gegen einen der schlimmsten üebelst&nde
der Neuzeit zu schaffen. Ausser Wilhelmsdorf bestehen jetzt in
Deutschland 16 solche Kolonieen mit 2350 Plätzen.
Der Berliner Ho^rediger Adolf Stöcker, obwohl er das
2arte und Stille der christlichen Wahrheit in die Aufregung da-
gegen die Juden tobenden Volksversammlungen der Hauptstadt
hineinträgt und im stolzen Idealismus meint, das grosse Babel
noch erneuern zu können, hat doch in der Förderung der Berliner
Stadtmission manchem Elend gesteuert und in der um 50 — 60000
Einwohner jährlich wachsenden Stadt 33 Stadtmissionare beschäftigt,
allwöchentlich 80000 gedruckte Predigten vertheilen lassen (1886
117000 Predigten in allen Landen), und Säle und Kapellen in dem
kirchenarmen Berlin, dem geistlich verwahrlosesten Orte der ganzen
Christenheit, das nur 50000 Sitzplätze in allen seinen Eirchen hat,
zu bauen geplant; in diesem Thun mehr zu fbrdem als von un-
fruchtbaren E[ritikem zu schmähen. Von der Berliner Bewegung im
Grossen und Ganzen sagt ein Mithelfer, dass sie das »JHJig)^i>4ift
Leben noch nicht geändert habe. Sie hat weniger einen reüigidsen
als einen poüitiscih-conservativen, antijüdischen ObJEDrakter.
Wir können hier nicht alle die ungezählten Vereine nennen.
Von dem Pastor Döring in Elberfeld gingen die JünglingsTereine
aus, denen sich ev. Yereinshäuser, Herbergen und ev. Gesellschaften
anschlössen. Bröckelmann in Heidelberg rief nach englisch-ameri-
*) Eine SchilderuDg von ihm in Daltons Ferienreise, 1886.
Die Zoftiade in den Gemeinen. 101
Vorbild seit 1864 die jetzt über ganz Deutschland ver-
Bonntagsscbulen ins Leben. Von heilsamster Bedeutung
Bibelgesellschaften; die preussische wurde 1814 ge-
Naeh 12 Jahren waren in Deutschland schon 80000
und Testamente verbreitet. Seit der Gründung bis jetzt
[0914816 Exemplare, unter je 88 Einwohner 1 Exemplar*). Wichtig
in dar Gegenwart die Bewegongen för Sonntagsheiligung, die
'AsBich durch die Enquete des Beichskanzlers eine völlige Entfrem-
Anig dar protestantischen Arbeiterbevölkerung von allem Eirchen-
tosneh enthüllen. Am reichsten ist die Vereinsthatigkeit in Würt-
temberg und davon habe ich ein für dieses ganze Gebiet vielleicht
wäsk unrichtiges Bild in der Sammlung: »Christliche Zeitfragen«
gegeben: das evangelische Schwaben 1886. Vielfach beruht indessen
diese Liebesthfttigkeit auf dem Zwang des Gesetzes. Erklärlich, da
die relbrmatoriflchen Grundgedanken erlöschen.
12.
Die kirchliche Verfassung.
Idteratur: die Presbyteriale Synodalverfassimg der ev. Kirche in Nord-
deatschland von Hoppe, 1868.
Der Kampf um die Verüassung ist eine wesentliche Eigenthüm-
lichkeit unserer Zeit. Die französische Besetzung des linken Ehein-
x&rs hatte an die Stelle der Synoden Konsistorien gebracht. In
Preussen wurden 1808 die Konsistorien und Centralbehörden der
Siehe beseitigt und die kirchHchen Angelegenheiten besonderen
Ibtheüungen der Begierungen und des Ministeriums des Innern
zugewiesen. Die gesonderten konfessionellen Behörden hörten da-
mit ao^ auch das ref. £[irchendirektorium. Am 80. Oktober 1810
zog ein Edict die Gföter aller Klöster, Dom- und anderer Stifte,
BaUeien und Kommenden ein, um die pünktliche Abzahlung der
' Eontribution an Frankreich möglich zu machen. Man versprach in
§4 eine hinreichende Entschädigung. Schleiermacher hatte, wie
wir schon hörten, Vorschläge gemacht zu Gunsten episkopaler Ein-
nehtnngen mit presbyterialen in den Gemeinen. Eine liturgische
Konmiission emp&hl 1814 Presbyterien und daneben G^istlichkeits-
*) In der v. C an st ein 'sehen Bibel-Anstalt in Halle erschien 1886
die 1000, AofJ^ der Meinen Octaybibel.
102 yienehntes Kapiid.
Synoden. Auf dem rechten Bheinnfer war der alte presbyteriik
synodale Organismus im Grange geblieben. Die Grabchaft Midi
feierte 1812 den lOOjfthrigen Bestand ihrer Synode. Ln Henof
thmn Berg entfernte nachher der rassische Gonvemenr die Synoda
und errichtete in Düsseldorf ein Oberkonsistorium. 1815 erschieiin
wieder die selbstst&ndigen Konsistorien; es folgte die Emeiming
eines besonderen Ministers der geistlichen Angelegenheiten; 18tt
gab es auch wieder Greneralsuperintendenten. Ifit der Union wui*
den auch Kreis- und Proyinzialsynoden ins Leben gerufen, aber
diese, die nur aus Geistlichen bestanden und deshalb mit Bedrk
von den französisch-ref. Gremeinen bekämpft wurden, blieben ohne
Erfolg. Man resignirte wieder der Kirche so zu helfen. Für Rhein-
land und Westphalen lag die Sache günstiger und hier wurde eise
Kirchenordnung vorgeschlagen, in der die Kreissynoden von dem
vom Könige ernannten Superintendenten geleitet werden sollten:
eine für die jülich-cleve'schen Lande unerhörte Auffassung. Die
rheinischen Proyinzialsynoden sprachen sich gegen diese königlichen
Pläne aus. Am 1. September 1819 gab die aus lutherischen und
reformirten Vertretern rereinigte erste wesiphälische Provinzialsynode
zu Lippstadt die Erklärung ab, dass sie an ihrer alten freien Pres-
byterial-Yerfessung festhalte, weil diese die einzige einem
evangelischen Kirchenwesen an gemessene seL »Das ein-
zige Haupt der Gemeine ist Jesus Christus und die Kirche kennt nicht
zwei Stände: einen herrschenden und einen beherrschten. c »Der
Begent hat nur von den Beschlüssen der Synoden Kenntniss zn
nehmen und ihre Bestätigung zu verweigern, wenn sie die bürger-
lichen Gresetze verletzen«: die klaren Grundsätze der calvinischen
Beformation. Die Regierung Hess einstweilen ihre Vorschläge fallen,
bis neue Anregungen die »Kirchenordnung für die evangelischen
Gemeinen der Provinz Westphalen imd der Rheinprovinz 1835« ent-
stehen Hessen. Es war eine Verschmelzung von presbyterialer
-Synodalordnung mit konsistorialem Element. Erstere empfing die
Wandlung, dass die Aeltesten nur für eine zweijährige Amtsthätig-
keit gewählt wurden imd die Presbyterien neben sich eine G^meine-
repräsentation erhielten. Die Provinzen wurden in Kreisgemeinen
eingetheilt, die eine Ejreissynode bildeten. Diese ist ein Theil der
alle drei Jahre zusammentretenden Provinzialsynode. Als die Am-
sichtsbehörden der Staatsgewalt bestehen das Ministerium der geist-
Hohen Angelegenheiten, die Provinzialkonsistorien und die Regie-
rungen. Der Generalsuperintendent als vom König ernannter G^eist-
Hcher ist der Vorsteher der Provinz und hat das Recht, bei der
2
Die Zoitftnde in den Gemeinen. X03
nmnsdalsynode Antrftge zu stellen. In- dieser von allen echten
ifimnirten gehassten Ejrchenordnnng war das staatliche Eirchen-
giment wie ein todtes Metall in einem lebendigen Körper. —
iter dem Minister Eichhorn geschah an die westlichen Synoden
44c die AnfTordernng einer Bevision der bestehenden Verfassung.
ese wünschten die Bildung einer bestimmten staatlichen Behörde,
3 das YoUziehungs- und BeauMchtigungsrecht habe. Die im
iten. 1844 gehaltenen Provinzialsynoden — nur erweiterte Oeist-
ihkeitssjnoden — sprachen sich fiir die Heranziehung des Gemeine-
eoDLentes ans.
In der Gbneralsynode von 1846 Luiden sich auch schon aus
der Provinz je drei Gbmeineälteste. Man beantragte, sich an
w Vorbild des Westens anschliessend die Einfuhrung einer neuen
emeineordnung. Friedrich Wilhelm IV. hatte kein Wohlgefallen
D. diesen Beschlüssen: es kam nur zur Bildung eines Oberkonsi-
kxdums in Berlin; dasselbe stürzte schon wieder 1848. Die Ver-
issungsurkunde vom 5. Dezember 1848 stellte in Artikel 12 den
atz auf: »Die evangelische und die römisch-kathoUsche Kirche sowie
)de andere Beligionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Ange-
igenheiten selbstständig.« Gutachten, die der Minister v. Laden-
»erg in Bezug auf die ev. Kirche einforderte, stimmten wenigstens
gemeinsam fiir die Errichtung von Presbjterien; auch Stahl war
afor eingetreten. Eine besondere Abtheilung des Ministeriums der
:eistlichen Angelegenheiten sollte sich nun mit den VerfEissungs-
orschlftgen beschäftigen. Sie wurde 1850 »der Evangelische Ober-
irchenrath« mit erweiterten Befugnissen. Inzwischen hatte der
besten sich mit der Bevision seiner Verfassung beschäftigt und es
rschien 1849 die »revidirte Kirchenordnung« mit grösserer ünab-
iSngigkeit von der Staatsgewalt. Für die anderen Provinzen rückte
ie Angelegenheit nicht weiter, weil der König, von tiefsinnigen,
igenen Gedanken über das Kirchenregiment beseelt, wie er sie so
ßhön gegen Bunsen ausspricht, sich nicht für die modernen Ideen
egeistem konnte*). Im Jahre 1852 erlangten die östlichen Pro-
inzen nur die Genehmigung einer Reihe von Einzelbestimmungen,
'ergeblich suchte der edle und weiterblickende König die »rechten
[ände«, in welche er die Bürde seiner Kirchengewalt niederlegen
onnte. Die Beformbewegung wurde wieder aufgenommen durch
rläuterongen zu einer Gemeineordnung, die den unevangelischen
*) Richter, König Friedrich Wühelm IV. und die Verfassung der
V. Kirche, 1861.
104 Umnbnfcet KmpML 1
SatE entiDAlteii: die Gememe konunt la ifann Begriffe mr donäV^
das Amt und hat in ihm den IGttelpiinkt Ifagutrale von libentaülj^
Ansicht» Patrone von Intheriacher agitirten gegen die Gememeadi-B^
nong mit ihrem »Sjrehenrathc Ss kam m keiner ToUstiiidigail!!
Oarganisation. Das Jahr 1860 Uess die KOnigUohe Ordre xnr aOg»- If
meinen Sinrichtong von Pk^foyterien oder OemeinekireheniflUlMill
eoTBcheinen. »Die Yertzetong der Gemeinen gesehieht daiA dieli
Aelte8ten.€ Zuerst kam es in der Provinz Preos e en m KresesynodBi l|
(1861): aus dem SiqMrintendenten, sämmtlichen Pfiirrem und je li
einem für drei Jahre gewählten Aeltesten jeder Gemeine beetehenL I:
Einige Eirchenpatrone kannten als Ehrenmitglieder beiwc^lmen. In |
Jahre 1862 traten in Posen und Pommern, 1864 in BrandenbBig^
Schlesien nnd Sachsen die Kreissynoden sosammen. !hi Preossn
nnd Sachsen konnten sich zwei kleine ref. Ereissynoden InMn:
ohne Grand von den Lutheranern beneidet. 1867 ging der Entwurf
einer Provinzial-Synodal-Ordnung zur Berathung an die Ereissynoden
ein. Es war dieselbe Verbindung wie im Westen von presbyteriaka
und konsistorialen Elementen. Eine reformirte Stimme sagte: »Da
die sogenamite Provinzialsynode in § 6 sich nur im Allgemeinfln
amf die in unserer evangelischen Lasideskirehe — was diese er.
Landeskirche ist, ist schwer zu sagen — zu Becht bestehraideH
reformatorischen Bekenntnissen stellt, diese aber in wichtigen Punk-
ten differiren und weil sie dann für jede einzelne Gemeiae wieder
ein besonderes Bekenntniss nach § 1 anericennt, so kann sie selbst
nur trotz alles entgegenstehenden Scheines dne bekenntnisslose
Vereinigung mehrerer Bekenntadsse sein. Alle früheren Pnmmdal-
Synoden begannen mit der Zustinmrang zu einem Glaubensbekemit-
niss, das ihre Konformität beieugte.c Das BSthsel der Union e^
nenerte sich in der Verfeussung. Lfiagere Zeit gab es weitezhm
doch nur &eis8ynoden, bis das Eirchenregiment des Dr. Herrmann,
unterstfitzt Ton dem Eultusminister Falk, eine gründliche Aende-
nmg bewiricte. In dem gerechten Eampfe mit Rom hatte man »pari-
tätische Stockprügel« für die ev. Eirche (1887 waren die bddea
Eirchen ganz »incommensurabele Grössen«) für nöthig gehaHen:
man lud ihr ungerechter Weise in der Gesetzgebung von 1872 — ^75*)
einen Eanzelparagraphen, ein Schulaufidchtsgesetz, ein Eulturexamen,
önen Gerichtehof für geistliche Angelegenheiten auf und grüF mit
blinder Eile, ohne auch nur den Oberkirchenrath zu fragen, durch
*) Ein Scfarifbchen von 1678: Ein Wort über die Eirehen-
gesetze sah das Ende dieser Gesetzgebung yoraus.
Zngiliide in den Gemeinen. 105
Svileh^geseti in die innersten Veriiftltnisfle derselben ein, selbst
diilos den ünterbah vieler QeisÜicber durch das Aufhören der
ienmen serstöiend. Die ev. Kirche musste ein Schmerzeii|igeld
n, zumal taudk Artikel 12 der Yerßissung ge&llen war. Auch
n den Spott der Liberalen, welche aus dem Munde eines E.
hier Terkfindeten, dass das Civilehegesetz gerade in dem Mittel-
st der Bildung und Gesittung bewiesen, dass die ev. Kirche
u Boden im Volke voUstftndig verloren habe und zu einem
Q noch einen Inhalt aufweisenden Schemen au%etrocknet sei.
Herrmanns Mühe brachte im September 1878 eine neue
henver&ssung mit Gbmeinekirchenrath und Oemeinekirchen-
letung ans licht mit so weitgehender Bestimmung über die
Ibaikeit, dass nur offenkundige Spötter ausgeschlossen waren.
bren ersten Anflingen war diese neue Yer&ssung ein Aergemiss
t Gleichen: Spötter, Atheisten und Freimaurer erschienen in der
retnng der Gemeinen; die Wahlen der Pastoren wurden die
ben Erniedrigungen der sich dem unwissenden Volke vorstel-
en Bewerber. Die ganze ünvorbereitetheit des ev. Volkes für
le Freiheit zeigte sich. Nachdem die Verfassung die widerliche
itzemühle des Landtagesc durchgemacht hatte und die Kosten
üe Synoden spftrlich bewüligt waren, während die Nation Mil-
en im Rausche des masslosen Untemehmungstriebes vergeudete^
Ol die Provinzialsynoden und 1875 die ausserordentliche Gene-
node zusammen, deren Beschlüsse 1876 die Genehmigung des
Itages erlangten. Herrmann hielt sich noch gegen den Ein-
der HoJ^rediger bis 1878, wo der König alle von ihm vorge-
kgenen Mitglieder der Provinzialsynoden ablehnte und so seinen
herbeiführte (f 1885). 1879 wurde die erste ordentliche Gbne-
node des ganzen alten Preussens in Berlin unter dem Präsidium
Graf Arnim gehalten. Sie erliess eine Trauordnung. 1885
die zweite, die wesentliche Aendemngen an einigen Paragraphen
Verfassung vornahm. Die Synode beschloss einen Hirtenbrief
Seneralsuperintendenten für die Sonntagsruhe: disciplinarische
ohungen verhinderten denselben. Das staatliche Hoch brach die
oität der Synode. Selbst in der Halbheit seiner Benützung
ler refonmrte Veifassungsgedanke der kranken Gegenwart Wohl-
erwiesen. Auch die neuen Provinzen haben jetzt ihre Provin-
Tnoden, darunter das ref. Hessen, in dem schon einmal früher
seil und Hupfeld den Gedanken angeregt hatten. In anderen
sehen Landestheilen war schon früher das Synodalwesen einge-
;; 1818 in Ehembayera, 1821 im GroBsliQirzo^xmv. %^^tl Tsdk»
i
106 Vierzehntes Ki^iteL
regelmässigen Diözesansynoden und einer periodischen Landessynodt^
Nach 1848 wurde die Sache auch in Bayern, Württemberg (185K;
bis 1867), Sachsen und anderen lutherischen Landeskirchen in
griff genommen und überall Synoden gebildet, 1881 aach in Anhalii?
Neue Bemühungen für die Gestaltung der ev. Kirche erhoben
1886 in Preussen, als Rom seine völlige Selbstständigkeit wieder^
errungen. Man wünschte eine bessere Dotation und berechnete^
dass die ev. Kirche während 50 Jahren, wenn sie völlig paritätisek le:
behandelt wäre, 145674129 Mark zu wenig erhalten habe; mw'
wollte eine grössere Freiheit der Qeneralsuperintendenten, der Be-
schlüsse der Gbneralsynode gegenüber dem Veto des Staatsmim»
steriums (Gesetz vom 8. Juni 1876), eine kirchliche Beeinflussung
der Besetzung der theol. Professuren: eine mehr hirtenamtliche 0^
ganisation schwebte Vielen in bescheidenen und billigen Wünschen
vor, aber alsbald malte die Parteisucht das Gespenst der Hierarchie
an die Wand nach römischem Muster, die Kirche war wieder ze^
rissen und der Liberalismus höhnte die ev. Orthodoxie als ein»
Emporkömmling plebejischen Ursprunges, fem von der Höhe, aof
der wandellos Rom steht. Der Staat selbst verhielt sich kalt und
abweisend und hatte kein Trostwort für das misshandelte Aschen-
brödel. Von Ihm wurde ein Wort colportirt: Ein römischer Bischof
ist mir mehr werth als die ganze ev. Ejrche. Als in Württemberg
der Staat neben den P&rrgemeinerath 1886 noch einen Gemeine-
kirchenrath setzte und die ganze Synodalverfassung erschütterte, ^
nannte nicht ohne Becht Bümelin mit einem badischen Ein&ll i
die Vereinigung von Konsistorium mit Landessynode eine Bepublik
mit einem Grossherzog an der Spitze. Eine Neugestaltung des ev.
Kirchenrechts in unserem Jahrhundert versuchten mit grossem
Talent Ludwig Bichter, E. Herrmann, Jacobson, Dove und
Hinschius.
18.
Die evangelische Volksschule.
Literatur: Heppe, Geschichte des deutschen Yolksschalwesens, 1858
bis 1860. A. Schorn, Geschichte der Pädagogik, 1878. H. Beckh,
Lehrbuch der ev. VolksBchulkunde, 1885. Schmid, Encyklopftdie
des gesammten Erziehungswesens, 2. Aufl. 1877 ff.
Keiner der Träger der Erweckung in unserem Jahrhundert war
zugleich ein hervorragender Schulmann. Das 19. Jahrhundert hat
auf dem Schulgebiete weder emen Lutibftr noch auch nur einen
Die Zotttüde in den Gtomeintn. 107
Fruieke aa&nweiseiL Es hat das nächst dem, dass sich solche
Hilmar eben nicht heryormfen lassen, hauptsächlich drei Ursachen.
¥fli8 erste waren die mächtigen Anstösse, welche das Schulwesen
fÜbeiiiaiq>t von drei verschiedenen Seiten her, nämlich von dem
IttBliBtifichen Francke, dem rationalistisch-fronmien Pestalozzi
und dem radikal-freisinnigen Boussean erhalten hatte, noch zu
siaik nachwirkend, als dass etwas wesentlich Neues hätte dagegen
aufkommen können. Gerade in evangelisch erweckten Kreisen geht
his heute das Streben dahin, auch in unseren Volksschulen den
Grandsätzen A. H. Francke*s][^Geltung zu verschaffen — Dann
beschäflägten sich seit der nationalen Erhebung in den Freiheits-
kriegen die weitesten Kreise mit dem Schul- und Erziehungswesen:
Staatsmänner, Philosophen (Fichte, Herbart) und Theologen
(Behleiermacher und vor ihm A. G. Niemeyer und Professor
Schwarz in Heidelberg). Fürs dritte nahmen die Regierungs-
(H!gane die Gestaltung des Schulwesens immer mehr in ihre Hand
und liessen einzelnen Männern nur beschränkten Baum zur Aus-
f&hnmg et¥raiger origineller Gedanken.
Die wieder erwachende, positiv evangelische Geistesrichtung
machte sich nach und nach über die freiere humanitäre Bichtung
geltend. Das zeigte sich in Preussen besonders in zwei Thatsachen:
in der Entlassung des freisinnigen Diesterweg im Jahr 1847 und
in der Au&tellung der drei preussischen Schulregulative 1854. In den
letzteren zeigte sich der Einfluss der positiv ev. Bichtung in dreier-
- lä: 1) Während der Seminarunterricht im allgemeinen im beschei-
denen Bahmen des Yolksschulunterrichts bleiben sollte, wurde be-
stimmt, dass er bezüglich des Unterrichts in der deutschen Sprache
und des Beligionsunterrichts über die direkten Bedürfrisse
der Elementarschule hinauszugehen habe. 2) Die schon im General-
i Landschul-Beglement von 1763 gegebenen Bestimmungen bezüglich
des sogenannten Wochenspruchs, des Memorirens bestimmter Lieder
nnd Psalmen, welchö theilweise in Vergessenheit gerathen waren,
wmrden wieder ins Leben gerufen. 3) Die biblische Geschichte,
ior welche in jedem Beglement nur 1 Stunde wöchentlich einge-
iftqmt war, soUte nun zur Grundlage des gesammten Beligions-
unterrichts gemacht werden. (Ver&sser der Begulative ist Ferd.
Stiehl; ausgegeben wurden sie durch Minister v. Baum er). Ein
heftiger E^ampf gegen die Begulative begann. Falk ersetzte sie
im Jahre 1872 durch die sog. Allgemeinen Bestimmungen.
Die hervorragendsten Vertreter der ev. Pädagogik in unserem
Jahrhundert sind Theologen. Der bedeutendstÄ vonihnftu ist Cht i-
108 YienehntM
stian Palmer, Professor in Tübingen. (EvangeHsdie Rldagogik
1858, 5. A. 1882). Neben ihm ist zu nennen Bormann, preoss. Sclnd-
rath, Yer&sser einer »Evang. Yolksschnlknnde« nnd Heransgeber
des Scbnlblattes der Provinz Brandenbarg. Femer: Schütze, Send-
nardirektor in Waldenbnrg in Sachsen (Evang. Schnlknnde), Lndw.
Völter, langjähriger Bedakteor des Südd. Schnlboten, nnd Pro-
fessor Gerhard y. Zezschwitz in Erlangen (f 1886)*). Zu
vergessen ist hier anch nicht der Seminardirektor Wilhelm Stern
in Earlsrohe: ein leuchtender Stern am Himmel der Yolksschnb
(t 1878) ♦♦).
Das Jahr 1848 brachte eine erneute Scheidung der Geister andt
auf dem Schulgebiet und zugleich eine neue praktische Erscheinung:
die Schul- und Lehre rvereine. Wie die »fiieisinnigen« Lehrer
und Schulfreunde sich zusammenschlössen zum Kampfe für ibre
Ideen und Wünsche, so auch die evangelisch gesinnten. Die her-
vorragendsten evangelischen Yereine dieser Art sind:
1) Der Yerein evangelischer Lehrer und Schulfreunde
in Bheinland und Westphalen, gegründet 1848 und ge-
leitet von Bektor Dörpfeld in Barmen, dem bedeutendsten
positiv evangelischen Yolksschullehrer der Gegenwart
2) Der Deutsche ev. Schulverein, gegründet auf dem Kirchen-
tage zu Berlin 1858 durch Gymnasiallehrer Th. v. Thrämer,
gegenwärtig geleitet von Gymnasialdirektor Lic. Dr. Kolbe
in Treptow a. d. Bega. üm&sst Lehrer aller Kategorien.
8) Der Verein ev. Lehrer in Württemberg, gegründet 1865
von dem Lehrer Dietrich, zählt jetzt 500 Mitglieder.
4) Der Deutsche ev. Lehrerbund, gegründet 1872 von Ham-
burger Lehrern und jetzt über ganz Norddeutschland aas-
gedehnt.
5) Der Yerein zur Erhaltung der ev. Yolksschule, ge-
gründet 1877 von Pastor Zillessen in Orsoy a. Bh. zur Be-
kämpfimg der Simultan- und religionslosen Schulen.
Mit Ausnahme von Nr. 2 befassen sich alle diese Yereine &8t
ausschliesslich mit dem Yolksschulwesen. Kleinere Yereine bestehen
ausserdem noch in verschiedenen Theilen des Deutschen Beiches.
Um alle diese Yereine und Bestrebungen zusammenzu&ssen,
wurde (zum erstenmal 1882) der Deutsche ev. Schulkongress
ins Leben gerufen.
*) Eine Erixmenmg an ihn, 1887. ]
**) Ueber ihn Ledderhose, 1877.
Die Ziistftiid6 in den Gemeinen. 109
Da die Predigt so wenig in der Gegenwart geliört wird, ist die
. Yolksschnie *) mit ihrer Bibel nnd dem ev. Liede* von unübw-
hbarer Bedeutung: sie die Ursache, dass der Amerikaner Taylor
Deutschland am meisten Moral, Beamtentreue und Pflichtgef&hl
nd.
Und hier erhebt sich das Lob der Reformation: während die
&Iker Borns sich in sittlicher fllulniss befinden, ist Deutschland
ach hier die Eriminalstatistik zu Ungunsten der Römischen) noch
3erall mit heilsamem Salze bestreut und von Gedanken der G^
tchtigkeit durchzogen. Auch unter der Decke religiöser Gleich-
ültigkeit leben dieselben segnend fort, und dies namentlich durch
ie Volksschule. Nach vier Jahrhunderten wirkt noch immer die
meuerung durch Luther. »Sie wissen gar nicht,« sagte Gk>ethe
1 den romanisirenden Romantikem, »was sie alles Luther ver-
Ulken.«
14.
Die Sekten.
iteratar: The ScTenty-First Report of the Weslejan-Methodist Mis«
sionary Society, 1885. Flitt, die Albrechtsleute, 1877. Jüngst,
die ev. £irche u. die Separatisten der Gegenw., 1881. E. Miller,
History an Doctr. of Lringisine. Schlagintweit, die Mormonen,
1874. Schneider, der neuere Geisterglaube, 1882. KnrzgefaBste
Nachrieht von der ev. Brüder-Unität, 1876. Brüder-Almanach £.
1886. Eolde, die Heilsarmee, 1885. Richter, die christlichen
Sekten, 1887. Dresbach, die protest. Sekt, der Gegenw., 1887.
Von der grossen methodistischen Gemeinschaft arbeiten in
Deutschland die von Amerika unterstützten bischöflichen Metho-
isten, welche der Bischof Hurst neulich visitirt hat (in Deutsch-
ind und in der Schweiz 10,713 Mitglieder), die von England
aterstützten wesleyanischen Methodisten, die »evangelische
em ein Schaft oder Albrechtsleute«, mit Amerika in Verbindung
riter der Oberleitung des Bischofs Escher, der 1885 Deutschland
im achtenmal bereiste; letztere zählt 5300 Glieder, von denen der
rösste Theil auf Württemberg kommt, das überhaupt der frucht-
are Boden für die Methodisten ist, die jetzt aber von der Kirche,
ie sie abbrechen wollen, energisch bekämpft werden. Der Metho-
ismus wül nichts als das ernstlich genommene Christenthum sein,
limmt sich eifrig des armen Volkes an, ist aber vorwiegend eine
*) In Prenssen besuchen 4,800^000 £indei dia ö&atüfQha Yolkaeßbnl«^.
110 Vienehntee Ki^iteL
gesetzliche YollkommenheitstreibereL Als Pearsall Smitli'*') näl'
uaeniiüdlicben Worten und schönen gefthrlichen ' Augen Dentadb«!
land 1875 phantastisch durchwanderte — er bekehrte unzählige, iir~
Berlin wurden ihm in einer nächtlichen Yerheissimg gleich mdurl-
als 200 Jünglinge auf einmal geschenkt, — da offenbarten aiige>
sehene Lehrer, was sie von Rechtfertigung und Heiligung verstandoL
Er verschwand wieder nach einem grossen Aeigemiss. Neuerdingi
hat er seine Tochter mit einem liberalen englischen KatholÜDOi
verheirathet. Doch noch immer tauchen Amerikaner oder Engländer
au^ die mit stammelnden Beden und Verbreitung von N. T. »Deutsck»
land evangelisiren wollen«, während es besser wäre, dafür zu sorget»
dass in England der gute deutsche Schulunterricht eingeführt werde.
Sommer ville Hess- in Oannstatt von den Leibern seiner gegen-
wärtigen Freunde grössere Ströme des Lebens ausgehen als dar
Neckar. — Ebenso thätig sind die Baptisten mit innerem Streito,
ob der Kopf der Täuflinge zuerst und vor dem übrigen Körper m
Wasser getaucht werden müsse oder ob dies auch anders geschehe
könne. Sie verbreiteten mit Erfolg die volksthümlichen Predigten
ihres berühmtesten Eedners Spurgeon und haben in Deutschland
in Oncken zu Hamburg einen auch in einem reichen Verlag ener-
gischen Arbeiter gehabt. 1886 zählte man 101 Baptistengemeinen
in Deutschland. — Die Irvingianer, von dem Schotten Edward
Irving (t 1884) gegründet, traten mit der erlogenen Zuversicht
auj^ die Apostel, auf die die Kirche für alle Zeiten als eine in ihr
nothwendig zu bestehende Ordnung gegründet sei, in ihrer üfitte
zu haben, neben ihnen nach Ephes. 4, 11 noch andere Aemter,
dabei eine prophetische €^be, die die Zukunft des Herrn als nahe
bevorstehend laut verkünden müsse. Die Sündlosigkeit Christi be-
streitend wurden sie auch darin als Verfahrer offenbar, dass ihie
Apostel wegstarben, ehe die Zukunft des Herrn hereinbrach. Sie
gewannen den vortrefflichen Professor Thiersch (f 1885)**), der
die beste Lanze gegen Baur eingelegt hatte und dann missionirend
mit seinem schweigsamen Apostel Carlyle als der Prophet des-
selben in umgekehrter Weise wie Paulus und Bamabas durch die
Lande zog. Neuerdings Streitigkeiten unter den Lringianem, ob
neu erstandene Apostel nicht falsche Apostel seien. — Die Dar-
bysten, von John Darby (f 1882) ins Leben gerufen, bekämpften
die geistlichen Aemter und die Kirche als ein Babel und lehrten
*) Pearsall Smith in Berlin, von Baur, 1875.
**) Von ihm ein LebenslnLd m dei QQii»«c^«i^'7«ii Monatsschrift, 1886.
■^
Die Znstftnde in den Gemeinen« Hl
eine schwännerisclie Heiligang, die die Sünde ganz überwunden
habe. — Christoph Hoffmann in Schwaben errichtete in seinen
Freundeskreisen den »deutschen Tempel« oder die Sammlung
des Volkes Gottes in Palästina und gründete dort Kolonien, die
gegen den Earmel vorrückten (f 1885). Mehr und mehr ungläubig
gab er die Warte des Tempels heraus und seine Lebenserinnerungen.
Der Beichsbrüderbund zu Haifa sagte sich von ihm los. — In
Württemberg haben auch die Swedenborgianer durch die Be-
mühungen der Tafel und die Wochenschnffc der Neuen Kirche einen
Kreis von Anhängern. Sie verkehren viel in einem Jenseits, das
sie nicht kennen, in das aber der moderne Mensch in abergläubi-
scher Neugierde in Briefen aus der Hölle und aus dem Himmel, in
Todtentänzen und dergleichen, um so lieber schaut, um so weniger
er ein Unsichtbares glaubt. Diesem kranken und unter dämonischem
Betrage stehenden Bedürfioiss dient auch der namentlich in Sachsen
wuchernde Spiritismus des Grafen Poninsky und des Dr. Wittig,
des Redakteurs der Psychischen Studien, dem selbst ein tüchtiger
Naturforscher zum Opfer fiel, der aber von dem Erzherzog Johann
in Wien in seiner geschickten Taschenspielerei aufgedeckt wurdeu
— Der bayerische Pfarrer ClÖter organisirte eine deutsche Aus-
zogsgemeine nach Südrussland und rief die Fluchworte der Be-
trogenen auf sich herab. — Die englische Heilsarmee hat bis
1886 nur die Grenzen Deutschlands mit ihrem pro&nen HaUelujah
erfüllt, da machte sie einen Einbruch in Stuttgart. Auch die Mor-
monen gewinnen nur in den Küstenstädten einige Opfer, doch soll
es auch in Bayern 124 Mormonen geben. — Nicht zu den Sekten
gehört die Brüdergemeine, deren .»Losungen« in der ganzen
Kirche verbreitet sind. In Albertini hat sie einen Dichter lieb-
licher Lieder gehabt. Sie ist in diesem Jahrhundert in ruhigem
Gange fortgeschritten. Der äussere Zugang ist gering gewesen.
Diaspora- und Missionswerk gewann grössere Ausdehnung, 6 Synoden
wurden bis 1857 gehalten, sämmtlich in Herrnhut. Zur Stärkung
des Glaubens und Belebung des Gemeingeistes diente die erhebende
Feier des hundertjährigen Jubelfestes in Hermhut am 17.
bis 19. Juni 1822. Grosse Schaaren nahmen daran Theil. Kölling
ver&Bste die Gedenktage der alten und erneuerten Brüderkirche.
Wichtig war die Synode von 1857, in der die Trennung in drei
Provinzen mit gesonderter Verwaltung ausgesprochen wurde. Die
Synode von 1869 zeigte eine besondere Theilnahme für das Werk
in Böhmen und Mähren. Sie sanktionirte auch die Missions-Bildungs-
Schule in Niesky. 1888 hat ihr bester Theologe Y\\\»\. \il >^tä&ä
112 Vienehntes Kapitel
und Wahrheit« ihre Lehre zusammengefEisst. Die G^eBammtuhl
Brüdergemeinen beträgt 154, davon 28 auf die deutsche
15.
Die Mission.
Literatur: Hier dot: Christlieb, der gegenwftrt^e Stand der 6f?aii§^
lischen Heidenmission , 1880. Qnndert, die er. Minion, IML
Warneck, Abriss einer Geschichte der protest. Missionen» ISSH'
Von demselben: Protest. Belenchtnnff der rOnuschen Angriffe wd
die ey. Heidenmission , 1884. Zor Statistik der er. Mission roa
Ornndemann, 1886. AUg. Missionsieitschrift Ton Warneel^
seit 1874. Derselbe: Die Mission in der Schule, 1887.
Während die Reformatoren nicht einmal den Missionsgedanken
kannten, oder sich mit dem für die Unentschnldbarkeit der Natunua
ausreichenden Schöpfongs- und Gewissenszengniss zufrieden gabsBi
bat der Pietismus dieses Jahrhunderts in seiner weltum&ssendea
Wärme eifrig auch die Heidenmission betrieben. Kaum naehdaa
er einige Plätze in seinem eigenen Hause wieder erobert hatte, er-
griff er die Missionspläne. Der Aussendungsbefehl des Herrn, Matth. 28,
gilt nur den Aposteln, denn auf deren Onmd ist die Kirche g»-
l)aut. Zu Anfang dieses Jahrhunderts gründete Pastor Jänicke in
Berlin eine kleine Missionsschule. Er war durcb ausserdeutsche
Missionsuntemehmungen, die deutsche Christenthumsgesellschaft und
den Oberförster von Schirnding in Dobrilugk angeregt worden.
Er begann mit 7 Jünglingen. Etwa 80 Missionsarbeiter sollen ans
dieser Schule hervorgegangen sein; unter ihnen bedeutende Mämier
wie Gützlaff, der grosse Kenner Chinas, und Biedel, der in dor
Minahassa wirkte , aber in dem Dienst englischer und niederländi-
scher Missionen.
Zählen wir die einzelnen Missionsgesellschaften auf:
1. Die Brüdergemeine mit dem Haiqptsitz in Herrnhni
Die Mission hier Sache der ganzen Bruderkirche (jetzt 81,000 Seelen).
Mit der Losung : Im Glauben wagen wollte man sich der gesunkenstsa
Heiden annehmen. Nach Westindien, Grönland, Labrador, nadi
Nordamerika zu den Indianern, nach Gentralamerika und Suiinaa,
nach Südafrika, Australien und in die Schneeregionen des HimaJaya
wurden im Lauf von 154 Jahren gegen 2800 Männer und Fiaaen
gesandt. Gegenwärtig 107 Stationen mit 152 europäischen und etwa
1625 einheimischen Arbeitern (ohne die Frauen), 88,052 Ghzisten,
-darunter 29,283 Kommunikanten. Ausgaben 405,046 Mark.
2. Die Baseler Missionsgesellschaft. Die erwähnte
Die Zustande in den Gtemeinen. 118
CSnistenthnmsgesellBchaffc, seit 1780 in Basel thätig, regte anch die
Seidenmission an. Zwei ilirer Sekretäre, Blnmliardt und Spitt-
ler*), wurden die Väter der 1815 eröf&ieten Baseler Missions-
Bchnle, welche in den Kaukasus bis nach Persien ihre ersten
Si^linge sandte. Als man Asien aufgeben musste, wandte man
sich nach Westafrika, Indien und China, neuerdings auch nach
Kamerun und Victoria. Die Baseler Mission ist eine FiHale Württem-
bergs, von dem sie die Inspektoren und Lehrer und die grQssten
•Chben empfitaigt (1884 147,006 Mark). Schwaben wie Chr. G.
Blumhardt, Hoffmann, Chr. Blumhardt, Josenhans, Ot.
Oehler, Schott, Prätorius (er stirbt auf einer Inspektionsreise
in Westafrika) , neuerdings wieder ein Oehler, dann Gess, Reiff,
Kinzler wirkten oder wirken an der Anstalt. Ihre Feste waren
«ft die Glanzpunkte der Vereinigung aller Christen. Eine Ver-
3ifl]ehtung der Missionare auf ein kirchliches Sonderbekenntniss findet
nidit statt Im Jahre 1884 99 europäische und 339 einheimische
Jfissionare mit 16,154 Christen, darunter 8017 Kommunikanten;
Ausgaben 832,614 Mark.
3. Die Pilgermission auf St. Chrischona bei Basel, 1849
Ton Spittler begründet, hat ihre 2 Missionare aus dem G^alande
; mr&ckziehen müssen; ihre Boten in Palästina treiben wohl wenig
Iddenmission ; Ausgaben 42,134 Mark.
4. Die Berliner Missionsgesellschaft, 1824 begründet,
; -empfing 1830 ein eigenes Missionsseminar und sandte 1834 die ersten
Missionare nach Südafrika, wo sie in der Kiipkolome, Natal, dem
Oranje und ganz besonders dem Transvaal-Freistaate 46 Stationen
Hut 62 europäischen und 300 einheimischen Missionaren besitzt;
14,673 Christen, darunter 6561 Kommunikanten. Eine kleine Mission
in China ist hinzugekommen mit etwa 800 Christen. Ausgaben
530,390 Mark; 1885 ein Deficit von 52,895 Mark (in der Tügung
begriffen). Bekannt ist ihr jetziger Missionsinspektor Wangemann,
der uns aus seinem zweimaligen Aufenthalt in Afrika in lebhafter
Weise mitgetheilt hat. Viele Tage war er zu Pferde und durch-
schwamm Flüsse mit Krokodilen. Auf der letzten Versammlung
der Naturforscher hat Georg Schweinfurth die Opferwilligkeit,
den Idealismus und die Erfolge der afrikanischen Missionare gerühmt.
Der Superintendent Merensky habe das Beste über die Erziehung
der Schwarzen geschrieben. Die Berliner Gesellschaft hat einen
konfessionell lutherischen Charakter.
5. Die Bheinische Missionsgesellschaft (auch Barmer
*) Sein Leben von Kober. 1886.
Zahn, Kirchengeschichte. 2. Aofl. 8
1 14 YwKwOBkim KapiteL
nach ihrem Sitze genannt) ging 1828 aus matt 1826 gegrfindtibii]
IfissionsgeseUschaft hekror. Ihr Gfebiet ist die Eapkokttie, Nsa*!*^^
mid Herorolaad; ee erweitert» sith und nahm Bomeo^ Sumatra ulF^
Nias in Angriff. Anch China zog man heran; neaerdings denkt nar
an Kaiser Wilhehnsknd und Neuguinea. I>er Inspektor Fabri(kdit
1884 zurück) ist als theologischer Schriftsteller und Anreger der sull^
mit Missionsfragen so reich geschmückten EolcwieeBb-Sac^e bekanai^|^
52 Stationen mit 70 europäischen und 868 einheimischen Missionan%|''^
24,828 Christen, danmter 8483 Eommanikaiitea; Ausgaben 850 Wf
Mark. Die friedliche Conföderation luth. und ref. Elemente kt ah |^
weilen gestört.
6. Die norddeutsche Missionsge Seilschaft (auch nadi ihrem 1^
Sitze Bremer genannt) wurde 1836 in Hamburg gegründet. 'Bmy
Missionsschule schloss sich an. Konfession^e Fehden hinderten fa r
Gedeihen der Gesellschaft Die Verlegung nach Bremen biadrlB"^
mehr Frieden. Die Missionare wurden seitdem aus Basel bezogen.
Die Sklavenküste mit ihrem mörderischen Klima und 4as Ewerdk
(hier schon 54 Missionsgeschwister in den Tod gegimgen) sind die
Arbeitsgebiete. Ihr Inspektor Michael Zahn kftmpfb eifiig gegen
den gewinnsüchtigen Branntweinhandel, der die Neger wtlst und tdl
macht. 4 Stationen mit 10 europäischen und 30 einheiraisdifliL
Missionaren, 700 Christen, darunter 250 Kommunikanten; Ausgaboi
83,000 Mark. 1886 Feier des 50jährigen Bestehens.
7. Die evangelisch-lutherische Missionsgeeellschafi
(nach ihrem Sitz auch die Leipziger). 1836 bestand in Diesdeai
ein Missionsseminar. Als 1844 Graul als begabter Organisator
aufbrät, verlegte er die Missionsanstalt nach Leipzig und besudite
selbst Indien. Das Gebiet der Thätigkeit ist bei den Tamulen im
Süden der Ostküste Indiens. 20 Stationen mit 21 europäischen und
305 einheimischen Missionaren, 13,103 Christen, darunter 4040 Kom-
munikanten; Ausgaben 254,609 Mark. 1886 feierte die GeseUsdnlt
ihr 50jähriges Bestehen.
8. Die Gossner'sche Missionsgesellschaft. Eine der eigen-
thümlichsten Erscheiuungen des kirchlichen Lebens in Berlin in den
ersten Jahrzehnten d. J. war der markige, originelle Johannes
Evangelista Gossner, der, ein Schüler des Bischof S aller, 1826
zur ev. Kirche übergetreten und in Berlin Jänicke^s Nachfolger
geworden war. Prochnow und Dalton haben uns das Leben
1
*) Warneck; Welche Pflichten legen uns unsere Kolonieen auf?
Eefb S nnd 4 der Zeitfr. des christl. Yolksl., 1885.
Die Zostinde in den Gemeinen. 115
)8es oft aach wunderlichen Heiligen beschrieben, der sein »Schatz-
stehen« in alle Welt sandte und eine ausgedehnte Korrespondenz
brte. Er verliess 1886 das Komite der südafrikanischen Berliner
-G. und bereitete schon 63 Jahre alt junge Handwerker zum
issionsdienst vor, da eine allzu wissenschaftliche Ausbildung nicht
ihig und die Apostel von ihrer Hfinde Arbeit gelebt. Im ersten
hrzehnt schickte er 80 Missionare nach Australien, britisch und
dderlftndisch Indien, Nordamerika und Westafrika. Er zog die
stglocke mehr als die Bettelglocke, und war alles in allem. Mit
an Holländer Heldring verbunden sandte er im zweiten Jahr-
hnt 25 Missionare in den indischen Archipel und 38 auf die
äheren Gebiete. Nach seinem Tode änderte sich der Charakter
ines Vereines und der Gossner'sche Missionsverein betreibt
imentlich die erfolgreiche Mission bei den Eolhs in Indien. 11 Sta-
uten mit 20 europäischen und 224 einheimischen Missionaren,
1,268 Christen, darunter 12,078 Kommunikanten; Ausgaben 149,648
ark. 1886 feierte die Mission ihr 5Qjähriges Jubiläum.
9. Die Hermannsburger Mission. Ein gleich origineller
ann wie der Vater Gossner, der uns schon bekannte Ludwig
arms in Hermannsburg, entsandte seit 1849 Missionskolonieen nach
Btafrika. Sie kamen aber statt zu den Grallas nach Natal. Später
)8Ghahen neue Aussendungen nach Indien (Telugngebiet), Australien
id Neuseeland. An Geldmitteln fehlte es nicht. Als sich der
rader Th. Harms separirte, kamen Klagen über grosse Schulden
: die Oeffentlichkeit. 64 Stationen mit 76 europäischen und 87
nheimischen Missionaren, 11,220 Christen, darunter 5061 Kom-
miikanten; Ausgaben 200,000 Mark.
10. Die Schleswig-Holstein'sche und eine zu Neukirchen
)i Mors entstandene Gesellschaft regen eben erst ihre Flügel,
rstere 2 Stationen mit 4 europäischen und 1 einheimischen Mis-
jnar in Vorderindien (Dschaipur) und 35,000 Mark Einnahme.
11. Der Missionsverein der »Protestanten« wiU die Japaner
id Chinesen mit einer besseren Kultur versöhnen. 2 Missionare;
innahme 85,662 Mark.
12. Der Knak'sche Frauen-Missionsverein für China mit
ner Einnahme von 22,488 Mark sorgt für das Findel- und Waisen-
Kus auf Hongkong; der Frauenverein für christliche Bil-
nng des weiblichen Geschlechtes im Morgenlande sendet
rbeiterinnen nach Indien. Im Allgemeinen haben die deutschen
rotestanten in AfriVa. 152, Asien 104, Australien 6, Amerika 80
Qssionsstationen mit 72,706 Kommunikanteii. lA« 1£0&&t«sdl^x \s^
116 Vierzehntes Kapitel.
Bayern haben neuerdings Neuguinea und Ostafrika ins Auge ge£E»st
2 Missionare sind in der Nähe von Mombas stationirt.
Unter den theologischen Schrifbstellem im Gebiete der MissioA
sind zu nennen: der unermüdlich thätige Barth in dem 7(m
Schwarzwald umsäumten Calw, ein rechtes schwäbisches Original,
sein Landsgenosse Blumhardt, der wohlunterrichtete Warneck,
Christlieb, Gundert, Plath, der Earthograph Grundemani
u. A. Christlieb hält uns Deutschen unerbittlich yor, wie wenig
wir im Yerhältniss zu den Amerikanern und Engländern iMtea
»Alles in einander gerechnet erhalten wir auf den Kopf der eVan-
gelischen Bevölkerung Deutschlands und der Schweiz nur etws
7 — 8 Pf. und erreichen so nicht einmal ganz die Ziffer der luthe-
rischen Norwegener mit 9 — 10 Pf.« Aber er freut sich dennoch
des Wortes von Rev. Parkhurst: »Ich habe, nachdem ich eine
Reise um die Welt gemacht, nirgends ganz neue Götzentempel,
sondern nur überall alternde und zerfallende gesehen.« Li
den unzähligen Missionsblättem und regelmässigen Missionsstund^
treten uns viele Bilder aufopfernder Missionare entgegen, die zu-
gleich bedeutende Linguisten (Krapf*) und Christaller) und
Geographen (Eebmann, der Entdecker des Kilimandscharo) sind —
aber ihre Schilderung geht über den Rahmen unseres Abrisses hin-
aus. Mit den grossartigen deutschen Kolonisationsbestrebungen
gehen auch die Missionsgedanken Hand in Hand, selbst von dem
Wohlwollen der Reichsregierung begleitet, die einen Deputirten zu
den Bremer Verhandlungen zu senden nicht zögerte. Eine deutsoh-
ostafrikanische Missionsgesellschafb hat sich gebildet, 1 Missionar
und 1 Diakonissin. Auch Kaiser Wilhelmsland ist in Angriff genom-
men. — Ueber die Mission unter den Juden hat letzthin de le Boi
in der Schrift: die ev. Christenheit lind die Juden sich geäussert
Der Pfarrer Imm. Völter in Schwaben, zwei englische, eine schot-
tische und vier deutsche Gesellschaften, Franz Delitzsch und
Paulus Cassel in Zeitschriften und Flugschriften, auch ein In-
stitutum Judaicum an einigen Universitäten betreiben die Bekehrong
eines Volkes, das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr ver-
härtet und aus dessen Mitte auch die Konvertiten etwas Zweifel-
haftes behalten. Auch das von Fr. Wilhelm IV. gegründete Bia-
thum zu S. Jacob in Jerusalem, dies Senfkorn des Protestantismus
auf dem Berge Zion, war unter dem Bischof Gobat (f 1879) **) meist
i
i
*) Sein Leben von Claus, 1882.
**) Sein Leben, 1884 (Baael, obuft Aü^abe des Ver^sers).
Die Zustände in den Gemeinen. 117
ar auf Judemnission verwiesen. Jetzt ist dies englisch-preussische
isthum zu Grabe getragen. — Die Mission unter den Katholiken
%i das auffallende Ereigniss zu bemerken, dass im Jahre 1823 der
rösste Theil der Gremeine zu Mühlhausen im badischen Schwarz-
ald mit dem Pfarrer Henhöfer, dessen Originalität und Wirk-
jnkeit Frommel und Ledderhose beschrieben, zur evangelischen
rrehe übertrat. Die Familie des Preiherm von Gemmingen ge-
)rte mit zu denen, die den Schritt thaten. Henhöfer wurde in
eidelberg zum Doktor der Theologie creirt als pietatis christianae
ceptor venerabilis. Im Yerhältniss zu den Erfolgen der römischen
irche sind die Eonversionen zur ev. Kirche nicht sehr häufig,
^elferich, Eisenschmid, Sudhoff in Prankfürt, der Domherr
on Richthofen*), der Erzbischof Sedlnitzky (f 1871) gehören
ierher. Letzterer gab uns seine Selbstbiographie. Vor ihnen schon
le Schule Sailers, Gossner und Lindl, nicht ohne ein gut
fciick KathoHcismus herüberzunehmen. Haas, der Redakteur der
influssreichen kath. Siona in Augsburg, schrieb seinen Weg nieder:
bn Wittenberg nach Rom und von Rom nach Wittenberg (f 1884).
n der preussischen Seite des Riesengebirges siedelten sich 1838
K) Zillerthaler an, die in Tyrol keine eigene evangelische Ge-
eine gründen konnten. 1887 feierte man ein Jubüäum, für das
Hahn eine Denkschrift herausgab. In Schwaben ist ein Verein,
T Bibeln im Oberlande verbreitet, aber ohne rechte Bedeutung.
den gemischten Ehen überflügelt überall der Romanismus die
^angelischen. In schrecklicher Weise in Rheinland und Westphalen
d in Schlesien. Als die Gräfin Henckel von Donnersmark ihrem
angelischen Verlobten in seinen Glauben folgte und dicht vor der
)irath plötzlich starb, rühmten die Römischen das Gottes-G^richt,
dere sprachen von Gift. Die Zeiten sind für Deutschland jetzt
nz vorbei, wo manche Katholiken, wie ein Ludwig Richter**),
chten: nicht die Präge nach der Earche bedrängte sie, sondern
dl einer festen göttlichen Wahrheit; die besten Katholiken sind
in politische und religiöse Fanatiker.
Wir erwähnen hier weiter das Missionswerk von dem deutschen
ritz Fliedner, dem Sohne des Kaiserswerther, in Spanien, der
ßh anschliessend an den fast zu sehr gefeierten Märtyrer Manuel
[atamoros (f 1866)***) und die Evangelisten Ruet, Carrasco
*) Ueber ihn Besser, 1877.
»♦) Seine Selbstbiographie, 1886.
) Ueber ihn Böhmer und Capadose, \B6S.
118 yierzelmtM Kapitel
and Alhama dag Eyangelinm auf der pyrenSischen Halbinsel wt^ '^
breitet mit wachsender Freudigkeit, die selbst nadi den Sonntags-
sehul^ nnd einem Waisenhanse eine höhere Bildnngsanstalt gewam
— nicht ohne priesterlichen Hass, aber bb jetzt geschützt imd von
dem niederen Volke, das mit so vielen Plagen heimgesucht wird,
gerne gehört. In Barcelona arbeitet der Schweizer Empajtai.
Ln Mai 1886 hat sich die überwiegende Zahl der ev. GreuMOMi
Spaniens zur gegenseitigen Hilfeleistung zusammengeechlossen. El
existiren 70 kleine evangelische Missionsgemeinen. In GuadamM
ist ein kleines Waisenhaus in einem Kloster ^richtet, das Philqip U
gebaut. Was würde der Tyrann dazu sagen? Die erste {Hrotest»
tische Kirche ist in San Tom6 von armen Fischern erbaut Bb
prot. Student ist Licentiat in Madrid geworden.
Es erscheint uns passend, jetzt auch schon über die Walden8e^
mission zu berichten, da dieselbe auch von Deutschland unter-
stützt wird. Wie eine mater dolorosa ragt die alte Waldenso^
geschichte auf Schritt und Tritt in unsere Medlichere Gegenwart
hinein. Jetzt bilden 17 selbststftndige Gemeinen die Waldenser-
kirche, davon eine in Bosario über dem Ocean in Uruguay. Sie zfthleo
(1886) mit 120 Missionaren und 36 ordinirten Predigern im GranzeB
4000 Abendmahlsgenossen, 454 Katechumenen , 1961 Schüler der
Elementarschulen, 2434 Schüler der Sonntagsschulen und 773 Schfiler
der Abendschulen. Die Verwaltung der Eorche ist eine synodale.
Die Synode wählt die »Tafel«, das deutsche Moderamen. Von aus-
wärts wird sie mit Vs Million Frcs. unterstützt, namentüdi von
Schottland. Italien ist in fünf Distrikte eingetheilt. Die Mission
ist in langsamem aber stetigem Fortschritt begriffen, obwohl die
Masse der Italiener entweder bigott oder neologisch bleibt. Itahen
ist vom Atheismus ausgebrannt. Lux lucet in tenebris: der aHe
Wahlspruch der Waldenser, hat noch einige, wenn auch schwadM
Bedeutung für die Gegenwart. Neuerdings hat Dalton eine BM-
demng von ihnen in seiner »Ferienreise« 1885 gegeben. Vergl
auch Actes synodaux de TEglise ev. Vaudoise de 1856 — 78. I^gnerol
1864 und 1879. Jetzt bemühen sich die Waldenser mit den übrigen
Meinen evangelischen Gemeinen und manchen sectirerischen evange-
lischen Verbindungen in eine gewisse Einheit zu treten, damit
König Humbert nicht mehr eine evangelische Deputation zu fragen
brauche: Quante tinte?*) Sehr verdient hat sich um die evange-
i
*; Die Waldenser und ihr Werk von C. Comba, 1885. Die freie
IK* Zniitiitfte m deo OemeiMn. 119
'bebe JEaaik^ in ItaUm dar Sehotta Dr. Stewart in Legkom go-
«wki
16,
Statistisches.
Naah der ktaten YottBzfthluug hak DentschlaBd 46,8afi,704 Eisr
rohaer. DavcMA 1«,774^822 Katholiken, davon 7,500,000 nicht
lUramantan. 188& gab es in Preoseen 18,248,587 ErangeliBoke^
tute ibnon 248,17t IMhiewier und 878,275 Befonnirte; 9,621,624
Eatholiken mit 7641 Friefitem und eiser Dotation von 2,500,000
lark gegenüber 2»666,755 Mark for den ev. Knltus; 88,020 sosr
{(ige Christen, 866,543^ Juden. Unter den sonstigen Christen 4711
aenrnbuter, 18,022 bringianer, 22,728 Baptisten, 18,9^ Mennoniten,
i821 Methodisten, QiMÜEer und Presbjterianer, 28,918 Dissidenten.
Ißff altkatholischen Kirche gehörten in Preussea 1884 14,967 Mit^
jßiedar. Im deutsehen Beiche gibt es etwa 1^/3 Million Beformirte,
SO^OOO separirte Lutheraner niit den Benitenten in Hessen, 41,600
hptietea und Mennoniten, 6,500 Methodisten. Für 1884 kamsn
im ganzen Beiche auf 100 Geburten 9,22 uneheliche. 1885 betrag
in Preussen die Zahl der ungetauften Kinder aus rein evangelischen
Ehen 4®/o, die der ungetauften unehelichen Binder 15%. Die Tau-
fen der Sander aus Mischehen gingen auf 81,06 % zurück. Ehe-
Schliessungen geschahen 127,027, darunter 15,296 von Mischpaaren.
Kommunikanten 5,631,957. 30,74 % der Pfarrstellen wurden durch
Gfemeinewahl besetzt. 2,588 Personen traten zur ev. Kirche über.
In den östlichen Provinzen Preussens wächst die Zahl der Katho-
iken gegenüber der der Evangelischen. In Westpreussen 8,12 gegen
>,82. Von 1092 Pfarrstellen sind in Hannover 124 vakant. Nach
ifittheilungen vom Jahre 1882 stellte sich das Yerhältniss der
Kommunikanten im Beiche so: Waldeck 72,42, Bayern rechts des
ELheins 65,31, (1886 68,1), Sachsen 64,47, Preussen 42,48, Olden-
burg 20,26, Hamburg 8,91. 1885 waren es in Sachsen 1,469,112
Kommunikanten. Ebendort zählte man auf 1 Million 400 Selbst-
morde. Im Winter 1885/86 studierten in Berlin 726 Studenten
Iheologie. In vier Jahren hatten sich in Preussen die Theol. Stu-
dierenden um 70 Procent vermehrt. In Württemberg entspricht
einem Aufwand von 100 Mark auf kath. Seite ein Aufwand von
Christi. Kirche in Italien und ihr EvangeUsationswerk von Sine er o
V. Angelico, 1886. Witte, Das Evangelium in Italien, 1861.
120 Vierzehntes XapiteL Die Zustände in den Qemeinen.
181 Mark anf ev. Seite bei 100 kath. Einwohnern gegenüber
evangelischen. Von Lübeck hörte man, dass bei einer Yerdoppe!
der Seelenzahl die Zahl der Geistlichen von 22 auf 15, der Kir*
von 13 auf 6, der öffentlichen Gottesdienste von 45 anf 13 gesun
1780 gingen 27,417 Personen, 1880 7,125 znm Abendmahl. B
hat 19,251 Evangelische auf 1 Parochie, 9091 auf 1 gottesdi(
liches Gebäude, 7982 auf 1 geistliche Stelle. Vorstadt Moabit
80,000 Seelen und 2 Geistlichen. Im Jahre 1884 hatte die e^
Kirche 72 Schenkungen im G«sammtbetrage von 811,325 Mk
kommen, die kath. Kirche 106 im G«sammtbetrage von 1,338,
bei 64,62 % der evangelischen Bevölkerung und 88,74 ^/q der k{
lischen B. von der Gesammtbevölkerung. Von der Männei
Nord- und Mitteldeutschlands werden 1 ^/q zur Kirche gehen, !
etwa an den grossen Festen. Höher ist die Ziffer in VTürtteml
Bentheim, Siegen. Die gesteigerte Forderung der gerichÜi
Eide mehrt die Meineide : 1854 bis 74 zeigt eine Zunahme in ?]
sen um 120 Prozent, in Bayern um 300, in Württemberg um
In Berlin sind nach Aufhebung des geistlichen Sühneverfahrens
Anträge auf Ehescheidungen von 1881—84 auf 2,020, 2,783, 2,
2,945 gewachsen.
Zweiter Abschnitt.
evangelische Kirche in Franl(reich, Belgien,
linavien, Russland und Oesterreich - Ungarn.
L Frankreich.
iteratnr: G. de Police, Histoire des Protestants de France depois
rorigine de la R^fonnatioii juaqa^au temps präsent 5«* Edition.
Toulouse 1873. F. Bonifas, flistoire des Protestants de France
depuis 1861. Toulouse 1874. Pres sei, Zustände des Protestan-
tienms in Fr«nkr«ioh, 1848. Die protestantische £[irclie Ftank-
reichs Yon 1787 — 1846. Herausgegeben von Gieseler, 1848.
Guizot, Mäditations sur T^tat actuel de la r^ligion chr^tienne,
1866. Geiz er, Prot. Briefe aus Südfrankreich und Italien, 1852.
Bersier, Histoire du Synode gänäral de Täglise reform^e de
France, 1872. Real-Encjdopädie Ton Herzog: Artikel f^nnk-
reich, yon Pf ender. Verhandlungen der ev. Allianz vom Jahre
1857, 1882 und 1884.
Erstes Kapitel.
Die Erweckung.
Die Entwicklung der refonnirten Kirche in Frankreich ist den-
Iben Weg gegangen, welchen die evangelische Kirche in Deutsch-
id innegehalten hat. Am Anfang dieses Jahrhunderts war der
istand dieser: »die Prediger predigten, das Volk hörte sie, die
)iisistorien versammelten sich, der Gottesdienst behielt alle seine
nuen, ausserdem beschäftigte Niemand sich damit, Niemand be-
mmerte sich darum ; die Religion war ausserhalb der Lebenssphäre
1er.« Um 1812 gab es in Paris 10,000 Protestanten, von denen
r 500 — 1000 die Kirchen noch besuchten. Eine orthodoxe Partei
rch Daniel Encontre, Dekan der Fakultät von Montauban*),
le liberale, durch Pastor Samuel Vincent vertreteu, standen
edlich neben einander. Vincent hatte 1829 in seinen Vues sur
Prostantisme en France zuerst für die Trennung von Kirche und
*) Histoire de TAcadämie Protestante de Montauban par Nicolas,
35.
124 Frankreich.
Staat sich ausgesprochen. Als später Vinet in Grenf diesen Ge-
danken steigerte, — die Verbindung beider Institute ist ein Ehebrach
in der Moral — ist der französische Protestantismus bis in die
Neuzeit davon bewegt worden. In die religionslose Stille kam eine
mächtige Bewegung hinein durch den Mann, der der bedeutendste
und ehrwürdigste in diesem Jahrhundert in der reformirten Kirche
Frankreichs gewesen ist — durch Adolf Mono d. *) Er ist 1802
in Kopenhagen geboren als der Sohn des dortigen französischen
Predigers. Von seinen acht Geschwistern haben sich noch vier
Brüder dem Dienste des Wortes gewidmet. Er studirte in Gent
wo er sich den Strenggläubigen noch nicht anschliessen konnte, und
bekleidete dann von 1826 — 27 ein Pfarramt in Neapel, melancholisch
gestimmt bei liebeleerer, hoffiiungsloser Arbeit, bis ihn der Gedanke
mächtig erfasst: Niemand kann Jesum einen Herrn nennen ohne
den heiligen Geist: nun belebt ihn eine göttliche Traurigkeit. Er
findet die beiden Grundgedanken des christlichen Glaubens: das
Elend des Menschen und die Barmherzigkeit Gottes. Als er nach
Lyon an die ref. Gemeine berufen war, ersuchte ihn bald das eigen-
gerechte Konsistorium, seine Predigtweise und sein ganzes amt-
liches Verhältniss zu ändern. Die Spannung stieg, als Monod an
der Entheiligung des Abendmahls, bei dem die alte Disciplin nicht
mehr geübt wurde, Anstoss nahm und sich darüber in dem
Schriftchen äusserte: Wer darf zum Abendmahl gehen? Er wurde
auf die Anklage der Bationalisten durch den katholischen Kultus-
minister seines Amtes entsetzt (1832). »Er habe Meinungen, die
seit zehn Generationen in Frankreich wie in allen protestantischen
Landen in Veraltung begraben seien.« Er predigte nun in einem
Saale und nahm sich der armen Bevölkerung an. Eine statt-
liche freie Gemeine wuchs durch ihn heran, durch bekehrte Katho-
liken wesentlich vermehrt. 1836 berief man ihn als Professor
nach Montauban, der einzigen reformirten Fakultät in Frankreich.
Die gelehrte Blüte altreformirter Theologie war in Frankreich ganz
erloschen; die wissenschaftliche Bildung eine mangelhafte und oft
pastoral naive; der nach englischem Vorbild arbeitende Methodismus
glaubte der exakten Gelehrsamkeit entbehren zu können, zufrieden
mit seiner Glut der Liebe, die alles im Sturm erobern werde. Monod
*) Souvenirs de sa vie, Paris 1885. Adolph Monod von Mai
Reichard, 1887. Edmond de Pressens^, J^tudes contemporaines. Seine
ausgewählten Schriften deutsch von Seinecke, 1869. G. A. Monod,
Quelques lettres ächang^es entre QmVVaam ^t käsA^^i Konod, 1886.
EMet KapiteL Die Erwecku^. 125
?er8nchte zu helfen wie er konnte, besass die Faknlt&t ja nicht
einmal eine bnmchbare Kbliothek. £r blieb 11 Jahre dort, auch
als weithin berähmter Prediger th&dg. 1841 erschien die apolo>
getisch-polemische Preisschrift Ludle oa la lectore de la Bible:
die Bekehrung eines Katholiken durch das Lesen der Bibel. Der
Elfolg des Baches war gross. Seine Predigten waren so beliebt.
dass man die Leute Nachts aus den Betten dafür zusammen ISuteu
komite. Zuletzt ist er in Paris, wo er noch 9 Jahre zur Belehrung un«l
zum Tröste ^eler wirken konnte, namentlich im Oratoire seinen wun-
derbar beredten Mund ö&end. Seinem Bruder Frederic widerstand
er, als dieser zur Separation schritt und legte seine Gedanken darüber
nieder in der Schrift: »Warum bleibe ich in der Landeskirche V^
Seine Zuhörer sagten von ihm: man zittert noch in Gedanken au
seine Worte. Einer der edelsten und lautersten Prediger unserer
Zeit. Seine Beden, die fast »zu schön» waren, hätten ihm Schaden
bringen können, wenn er nicht von wahrer Demuth gewesen wäre
Und begleitet von geheimer Schwermuth. Sonst eine harmonische
Katur mit tiefem VerstSndniss fiir das Schöne und Vollkommene.
Grosse geistige Yerändeningen durchziehen alle Völker immer
gleichmässig. Es war in Frankreich wie in Deutschland. Dei*
flachste Pelagianismus herrschte. Gegen ihn trat zuerst Monod
auf in den Reden von 1830. »Nur die Wahrheit Gottes heiligt.^
In der Schrift: La credulite de Tincredule leistete er ein Meister-
stück der Apologetik. Viel gelesen und viel übersetzt sind seine
Beden über »das Weib« und über den Apostel Paulus, letztere das
ergreifendste und schönste, was unser Jahrhundert über den Lehrer
der Heiden geschrieben. Die Frage, warum unsere Predigten so
wenig Erfolg haben, hat er mit der Beweisführung beantwortet:
Gebt der Kirche Christi dasselbe Leben wieder wie zur Zeit der
Apostel und sie wird dieselben Wunder erzeugen. Er selbst hat
aber auch noch viel von diesem Leben der Alten lernen müssen,
als er sein Krankenlager zur Predigtstätte machte und seine Adieux
d'Adolphe Monod ä ses amis et ä l'Eglise veröffentlichte. Hier
hat er es in der belehrendsten und innigsten Weise ausgesprochen:
dass er es jetzt erst gelernt, dass der Mensch voll Haas gegen seinen
Nächsten sei und dass alles, was man thue, befleckt und unrein sei,
und nur die Kraft des Blutes Jesu Christi uns bleibe. 1854 schrieb
er noch an seinen Neffen, Professor Jean Monod: Das Bild dos
menschlichen Herzens, Titus 3 v. 3, kann ich mir geistlich noch nicht
aaeignen. Es zeigt eine Spur von Uebertreibung. Er stirbt am
6. April 1856. Wer hat nicht mit inniger Theilnahme sein d\mkftl
126 Frankreich.
&rbige8 Gesicht betrachtet mit dem sumenden melancholischen Znge:
schwarzes üppiges Haar beschattet die tie%ewölbte von Falten dnrdi-
furchte Stirn, fein geschnitten ist der Mund: überall tiefete Em-
pfindung.
Gerade Monod, der so viele Prediger der Erwecknng an Lauter-
keit übertrifft, hat es erst zuletzt erkannt, was das ganze Elend
des Menschen ist. Unser Jahrhundert versucht es nnr, die Wucht
der reformatorischen Lehre zu tragen: es bringt es aber nicht weit i
Monod ist der einflussreichste Träger der Erwecknng (le B^veil), !
die in den zwanziger Jahren von der Schweiz nach Frankreich drang.
Sie unterscheidet sich nicht von ihrer Schwester in Dentschland. Es
war das Wiederanknüpfen an die Lehren der Beformation, verbunden
mit einem heftigen Kampf gegen Rom ; dabei ein glühender Missions-
eifer auf allen Gebieten; eine geschickte Methode durch Damen,
angesehene Geschäftsleute, Banquiers Geld zu sammeln und pie-
tistische B^unions anzustellen. Li französischer Freiheit trat in die
zwanglose Unterhaltung die Schriftverlesung und das Grebet auf den ^
Knieen hinein. Ein Pietismus innig genug aber ohne die Er&hnmg
und die Tiefe der Hugenotten, doch in grossartiger Freigiebigkeii
1822 entstand in Paris die Sod^t^ des Missions ^v. chez les peuples ^
non chr^tiens, die in Südafrika, Haiti und Senegal arbeitete. Die
Bibel- Verbreitung geschah durch die Soci^tö biblique britanniqne
et ^trang^re, die sich stetig ein grösseres Arbeitsfeld schuf. Seit
1818 wirkte auch die Soci6t6 biblique de Paris und 1864 die von
Frankreich. Die Evangelisation unter Protestanten und Katholiken
betrieb die Soci^te ^vangelique de France seit 1838, namentlich mit
der freien ref. Kirche verbunden. Der ref. Landeskirche hat sid
seit 1847 angeschlossen die Sod^t^ centrale protestante d'^vangeli-
saüon. Sie begründete in mehr denn 800 Ortschaften den evang.
Gk)ttesdienst und in Paris eine theologische Prftparandenanstali
Sie wird unterstützt von der Sod6t6 pour Tencouragement de Tinda-
strie primaire parmi les protestantes de France (seit 1829).
Schriften verbreiten die Sod6t6 des Traitös religieux sdt 1822
und die Soci6t6 des livres religieux de Toulouse seit 1881. 1841
tritt eine Diakonissenanstalt in Paris ins Leben. Die Sod6t6 dn
Sou Protestant hat von 1846 — 1879 eine halbe Million Franken an
verschiedene Werke gespendet. Noch eine grosse Anza.hl anderer ..
Vereine blühten auf*). Anfangs war der ß^veil gegen kirchliche
*) Westphal-Castelnau de Montpellier: Hier et anjonrd'hni, ou Tao-
tivit^ int^rieure du Protestantisme fran9ai8 depuis le commencement da
sibole, 1884.
Erstes EapiteL Die Erweckung. 127
Lehre tmd Wiesenschaft mehr gleichgültig, mit seiner Wftrme zn-
frieden, aber er suchte spftter mehr Anschloss an ein festes Bekennt-
niss, besonders als die Angriffe der kritischen Schule begannen. In
Plans blühte die Sod^ de THistoire du Protestantisme fran9ais seit
1852 auf unter der Protektion des freigebigen Baron v. Schickler.
Ein reger Eifer förderte die Erscheinung des Bulletin in Monats-
k^ten. Hierin glftnzt der französische Protestantismus. Einen Namen
ha^ Jules Bonnet durch seine Olympia Morata, Lebensbilder aus
der Beformationszeit und Anderes. Wahrhaft grossartig mit riesigem
Meiss in unvergleichlicher Akribie ist La France protestante der
Gebrüder Haag gearbeitet, jetzt in zweiter Auflage erscheinend
dnrch Henri Bordier. Als man in Paris eine neue theologische
Fakultät schuf, konnte ihr Dekan Lichtenberger eine Encyclop^die
des ScieiK^es reHgieuses ins Leben rufen. So erstreckte die Er-
ireckung ihren Einfluss auf viele Gebiete. Ungezählt sind die prak-
tischen Tr^rtate mit den Gaben des französischen Greistes: Klarheit,
Ordnung, Bestimmtheit und Beredsamkeit. Weniger gelehrte syste-
matische Werke, zu denen der heutige französische Protestantismus
keinen rechten Trieb fühlt. Besonders erhob sich die Kanzelbered-
samkeit. Neben A. Monod ist Grandpierre, Edmond de Pres-
sens6, Bersier, Dhombres zu nennen, auf liberaler Seite Atha-
nase Coquerel Vater und Sohn, Fontanes, R^ville, Vigui6
und Andere, üeber Vinet und die deutsche Vermittlungstheologie
ist man nie recht hinausgekommen; der Inspiraüonsbegriff eines
Ganssen ist bald aufgegeben worden; neuerdings föngt man an die
Sdiule Bitschrs als die der Zukunft zu bezeichnen. Bekannt in
Deutschland ist besonders de Fressens^, der von Neander und
Tholuck angeregt ist, überall auch im Auslande sich zeigt, selbst
auf d«i Katholikenversammlungen, die ihnn nicht wenig imponiren,
in Kopenhagen bei der Allianz allzusehr der leidenschaftliche Patriot;
Fabarius hat seine Schriften ins Deutsche übersetzt. Dann der
beredte Bersier, dessen Predigten auch in deutscher Uebersetzung
ausgingen.
Die Erweckung ergriff auch die lutherische Kirche. In Möm-
pelgard erinnerte das Volksleben an die Kirche Württembergs. Der
Ami chretien des FamiUes weckte christliches Leben. Li Strassburg
trat Pforrer Härter an der Neuen Kirche mit ungeheurem Aufsehen
aufi seit 1846 an Jung St. Peter Friedrich Theodor Horning:
eine mächtige Orgel mit Trombonen und Grundbässen ftir die Lehre
tmd das Recht der luth. Kirche Mit Freuden sang er die Liturgie
am Altar und erweckte das alte Strassburger Gre^^xi^MOt^^ xsol ^»01^.
"3
128 Frankreich.
Kampf mit dem »Conferenzgesangbachc au&tmehmeiL Eine eherne
Mauer nannten ihn seine Freunde (f 1882)*).
1809 wurde in Paris die Konsistorialkirche der Augsburgischen
Konfession anerkannt. Zu ihr gehören die Gemeinen von Lyon und
Nizza. Ihre Pastoren Mayer (f 1887) und Valette sind Mftmier
von Namen. Wie keiner aber arbeitete Hosemann an der geisti
gen Begründung der lutherischen Kirche (f 1886). Auch Verny
der Freund A. Monods ist zu erwähnen: er sank bei Eröffiimig ]
der Generalsynode 1854 in Strassburg mitten in der Bede auf der
Kanzel todt zu Boden. Neuerdings verbreitet der »protestantisch-
liberale Verein« in Elsass-Lothringen Schriften. Ein von Past(»r
Kuhn herausgegebenes Blatt Le T^moignage, Journal de TEglise
de la Conf. d'Augsbourg seit 1867 ist von Einfluss und in Verbin-
dung mit den deutschen lutherischen Theologen. Seit 1848 ist auch
eine innere Mission an der Arbeit, welche für die deutsch Redenden
das Schifflein Christi, für die französisch Redenden Le Messager de
TEglise herausgibt. Die 1874 gegründete Diakonissenanstalt steht
im Dienste der lutherischen Kirche. Von 1868 — 1864 hat als Mis-
sionsprediger der Deutschen in der Seinestadt Pastor von Bodel-
schwingh gewirkt.
Im Jahre 1808 gab es nur 190 reformirte Kirchen in Frank-
reich, 1857 waren es 972 Kirchen mit 986 Erbauungsorten und
1069 Schulen unter der Leitung von 601 Pastoren. 1830 hatte die
luth. Kirche nur einen Versammlungsort in Paris, 1857 waren es
3 und 7 im Weichbilde. Um diese Zeit war die Hftlfbe der prote-
stantischen Pastoren »gläubig«, die andere latitudinarisch. Sie hatten
in gleicher Zahl Genf wie Montauban und Strassburg besucht.
Der Beschluss der Synode von 1848, von einem bestimmten
Glaubensbekenntniss abzusehen, bewirkte es, dass Frederic Monod
austrat und eine Eglise libre bildete; 30 andere freie Gemeinen
schlössen sich 1849 in einer Union des Eglises evangeliques de
France an. Die beiden de Pressense Vater und Sohn gehörten
ihr an, auch Bersier, Armand-Delille u. A. Die Earche um-
fiasste 1872 50 Gemeinen und lehrte mit Heftigkeit die Trennung
vom Staate. Ihre Studenten besuchten die »Schule« in Genf, an der
Merle d'Aubigne und Graussen unterrichteten. 1877 verliessen ae
bedeutende Mitglieder, auch Bersier; ebenso John Bost, der
*) Friedr. Th. Homing, Lebensbild eines ev. luth. Bekenners, von
Wilhelm Homing, 1885. Vergl auch Selbstbiographie von Diemer
In den Beiträgen zur Eirchengesch. de« EVaa»&Q«. HL Jahi^. 1888.
Zweites Kapitel. Die kritische Schale. 129
Grründer der Anstalten von Laforce. Dieser, aus einer alten Hnge-
nottenfamilie hervorgegangen, hatte in dem anmuthigen Dordogne-
thal, reich an blutigen Erinnerungen und Treue der Väter, eine
Beihe von wohlthätigen Stiftungen geschaffen: die »Familie« für
Waisen, das »Bethesda« und »Siloa« für Idioten, »Eben Ezer« und
»Bethel« für Epileptische, »Mitleid« und »Barmherzigkeit« för die
Jammervollsten aller Menschen, »Zuflucht« und »Buhe« för müde
Dienstmädchen und Erzieherinnen: ein grosser Acker der Liebe.
1886 betrugen die Ausgaben 240354 Franks. Bost starb am 1.
November 1881 *). Alle Kirchen haben ihre Asyle , Waisenhäuser,
St&tten der inneren Mission u. s. w. Die äussere Mission zählt bei
den Bassutos 20 Missionare und 4252 Kommunikanten. Einnahme
1886 beinahe 400000 Mark, dabei 20000 Mark för eine Mission
am Kongo.
Zweites Kapitel.
Die kritische Schule.
Die Entwicklung des französischen Protestantismus hätte eine
glückliche sein können, wenn nicht die durch die Ideen von Baur
tmd Ötrauss angeregte kritische Schule von Strassburg aus, der
zweiten theologischen Bildungsstätte neben Montauban, wie ein aus-
dörrender Ostwind in die G^föhlswärme des Pietismus und seine
übereifidge Werkthätigkeit, die sich ofb nur, namentlich in der Evan-
gelisation der Katholiken, mit Scheinerfolgen tröstete, hereingebrochen
wäre. Das war ein anderer Luftzug, als wie er seit 1841 in dem
Leiden des alten Ath. Coquerel geweht hatte. Seine »moderne«
Orthodoxie war etwa das, was die deutsche Vermittlungstheologie
lehrt Die ältere rationalistische Schule hatte noch auf einer der
viel besuchten und einen Mittelpunkt bildenden Pariser Konferenzen
1855 durch den Pfarrer Martin Paschoud erklärt, dass das apo-
stolische Glaubensbekenntniss ein Bestandtheil der gegenwärtigen
Institutionen seL Von 1850 an erschien in Strassburg die Bevue
de th^logie, 1858 als Nouvelle revue, welche vorwiegend negative
*) Le Pasteor John Bost, fondateur des asiles de Laforce par
Bonvier-Monod, 1882.
Zahn, Kbrchengeschichte. 2. Aufl. ^
130 Frankreich.
Gedanken entwickelte und die Autorität der Schrift untergrab. Der
Kriticismus höhlte den Pietismas aas: seine ganze Haltlosigkdt
trat an den Tag. Indem man sich über natarel and somatord
stritt, sank man unter das Niveau der religiösen Fragen aller Zeiten. |
Colani und Sch6rer redigirten die Zeitschrift. Ersterer seit 1851
ein beliebter Prediger in Strassburg, seit 1864 auch Professor der
praktischen Theologie. Letzterer einst rechtgläubiger Lehrer an der
theologischen Schule der freien Kirche in Oenf^ Bewunderer Yinet^
Freund von Merle d'Aubign^ und Gauss en, dann ein eifriger
Gegner der Inspiration und kirchlichen Dogmatik wird er seit 1850 ^
Führer der liberalen Partei, später auch Mitglied des Senats unter
der Eepublik. Mehr gemässigt stand neben ihnen Prof. Eduard
Reu SS, von grosser eleganter Gelehrsamkeit und anziehender Dar-
stellungsgabe, ein wahrer Liebhaber der Bücherkunde, nur ein ästhe-
tischer Rationalist, in seiner Geschichte der hl. Schrifben Alten und
Neuen Testaments über dem hl. Buche nach kritischem Belieben
waltend; nicht ohne Stolz, dass er der Anfänger der Graf- Well-
hau sen'schen Theorie sei. Mit seinem Freunde Cunitz hat er in ^
der musterhaftesten Akribie die Werke Calvins herausgegeben,
obwohl nicht getroffen von dem überzeugenden Geiste derselben. ^
Sein Bibelwerk fasste seine Resultate zusammen und rief eine Gegen-
arbeit hervor. Von Cunitz heisst es: Wann und wo es galt, für
die angestammten Freiheiten und Rechte der Kirche einzustehen»
war er in der vordersten Reihe zu finden. Athanase Coquerel*)
gab eine Christologie im Sinne des Unglaubens heraus und Felix
Pecaut scheiterte mit einer Verwerfung der Sündlosigkeit Christi
auch an der Theologie. Ernst Renan hatte schon 1859 den Mono-
theismus als eine Rasseneigenthümlichkeit der Semiten erklärt und
Hess 1863 sein frivoles Leben Jesu auslaufen. Pastoren und Theo-
logen haben ihn dafür beglückwünscht: der schmutzigste Fleck in
der Geschichte des ref. Protestantismus. Die zerstörenden Elemente
sammelten sich in der Gründung der Union protestante liberale
(1861). Der Hohn rühmte, man wolle das Werk der Reformatoren
vollenden. Ein tiefer Riss ging durch die Kirche. Während in
Paris die Orthodoxen überwiegend waren, bearbeitete die Union mit
Erfolgen die Provinzen. Astie verkündete 1868 eine Theologie der
Mitte, die psychologisch die Wahrheit des Christenthums beweisen
wollte. Der Kampf wurde heisser. Als Pfarrer Martin-Pas choud
1864 Athanase Coquerel noch fernerhin als Helfer für sich wünschte,
*; üeber ihn Ströhlin, 1B86.
Drittes Kapitel. Der Kampf um die VerfiEtösung. 131
xde dieser abgesetzt Eugen Bersier vertheidigte die That,
I namentlich der berühmte Staatsmann und glänzende Historiker
lizot betrieben hatte. Eine G-eneralkonferenz von Pastoren und
istlichen verwaif die schrankenlose Freiheit der Lehre. Die Libe-
en flüchteten sich hinter die Phrasen von christlichem Gewissen
d Geist der Wahrheit. Guizot formulirte nun die Gmndwahr-
iten des christlichen Glaubens. In der lutherischen Kirche be-
ulten sich in gleichem Sinne Bodelschwingh und Findeisen.
Nimes drängten die Liberalen durch ihre Manöver 121 Männer
einer besonderen Vereinigung zusammen. Man sprach von
)ser her seine Üebereinstimmung mit den Pariser Beschlüssen
s. Bei der Erneuerung des Konsistoriums in Paris 1865 siegte
lizot erst bei einer Ergänzungswahl. Es handelte sich darum,
die Kirche noch christlich sein solle. Ueber Guizot und seine
igung zum Katholidsmus, wie sie sein Zeitgenosse Stahl auch
pflegt hatte, verhandelte damals die Schrift eines Journalisten:
papaute de M. Guizot. Doch war seine erste Frau noch auf
em Todtenbette evangelisch geworden. Bei der pastoralen (jene-
Versammlung 1865 erklärte Pressense mit Hecht gegen die
>eralen, dass wenn die Auferstehung Christi nichts sei, es sich
ht lohne, über den Eest des Christenthums zu reden. Die Ab-
zung von Martin-Pas choud im folgenden Jahre bestätigte die
^emng nicht. Als die Pastoralkonferenz darauf die Autorität
- hl. Schrift und das apostolische Glaubensbekenntniss als kurze
sammenfassung ihrer wunderbaren Thatsachen aufstellte, traten
Pfarrer aus und bildeten bei dem älteren Coquerel eine besondere
nferenz. Der Streit wurde nun auf das Gebiet der Verfassung
LÜbergetragen, für die man lange viele Wünsche an den Staat
richtet hatte.
Drittes Kapitel.
Der Kampf um die Verfassung.
Eine neue Epoche für das Kirchenrecht der reformirten und
üherischen Kirche datirt von dem organischen Gesetz des 18. Ger-
nal (8. April) 1802. Die alte Repräsentatiwerfassung wird durch
»selbe anerkannt, Presbyterien, Konsistorien und Synoden wieder
igesetzt. Ein Konsistorium sollte mindestens 6000 Seelen um*
132 Frankreich.
fassen. Die Zahl der Aeltesten darf nicht unter sechs, noch über
zwölf sein. Sie werden aus den höchst Besteuerten gewählt. Zu j
Provinzialsynoden und zu einer Generalsynode kam es nicht. X^i ^
Pastoren wurden von dem Konsistorium frei gewählt, mussten aber '
von dem Staate bestätigt werden. Die einzelnen Konsistorien zu- .:
sammenhangslos neben einander stehend bekämpften sich im er*
wachenden Streit der Geister. Man fand weder die Einheit des
Glaubens noch die Einheit der Kirche. Wenige Jahrzehnte hatten
die Kirche der Zucht zuchtlos gemacht. Die Konsistorien lebten
in getrennter Haushaltung. Die Spitze der reformirten Kirche war
eine berathende Kommission, Conseil central genannt. Die luthe-
rische Kirche erhielt 1802 Konsistorien, Inspektionen und General-
konsistorien. An der Spitze jeder Inspektion, deren es sechs gab, ^
stand ein von der Regierung lebenslänglich ernannter geistlicher
Direktor. Die Inspektionsversammlungen durften anfangs nur Ifit-
glieder in das Generalkonsistorium wählen, beriethen aber später :
auch über allgemeine Interessen. Das Generalkonsistorium in Strass- i
bürg, aus einem weltlichen Deputirten jeder Inspektion, zwei toh I
der Regierung gewählten geistlichen Inspektoren und einem von der I
Regierung gewählten Präsidenten gebildet, hatte einen permanente
Ausschuss in dem Direktorium, welches aus einer Vorschlagsliste den
Pfarrer ernennt. Wir verfolgen hier gleich die Greschichte der Ver-
fassung der Lutheraner weiter. Rationalistisch in ihrem BekenntnisB
mit dem Gebrauch der Holsteinischen Agende und dem Katechismus
von Dräseke und anderer Bücher, willkürlich in Vielem, hat die
lutherische Kirche, nachdem sie von der Erweckung erfasst war, zu-
letzt 1871 einen heftigen Kampf gegen die Unionsneigungen, die
von Mömpelgard kamen, zu bestehen gehabt. In Paris entstanden
auch separirte national-deutsche Gemeinen.
In schwierigen Verhältnissen trat am 23. Juli 1 872 die General-
synode zusammen. Ihr Präsident, Pf. Vallette, unter den geist-
lichen Inspektoren Mettetal, Fallot, Kuhn (neuerdings bekannt
geworden durch ein Leben Luthers), der den Kranken gütige Dürr
aus Algier, Mayer aus Lyon, der wackere Schwabe u. A. In sechs
Sitzungen wurden in glücklichem Verlauf das Projet de loi organique
de TEglise evangeKque de la Confession d'Augsbourg vereinbart
Die souveräne Autorität der hl. Schrift und die Augsburgische Kon-
fession wurden als Glaubensnormen bekannt; die Union wurde ab-
gewiesen. Die Verfassung ordnete zwei von einander unabhängige
Öynodalbezirke Mömpelgard und Paris, in ihnen Konsistorien, geist-
liche Inspektoren und Provinzialsynoden. Die Generalsynode besteht
DnttoB Kajiitel Der Kampf um die YerfiAssung. 133
den Yon den Pnmnzialsynodeii erwfthlton Pfiurrenu einer dop>
en Anzahl Yon Laiennntgliedem und einem Abgeordneten der
»logischen Fakutttt Der Gesetzesentworf Atn pfiTig aber in den
Ten Frankreidis nicht die Bestfttdgong der Regienmg. Die Grün-
g einer theologischen Sdmle war ebenso schwierig« erst 1876
de die Strassbmger theologische Fakoltftt nach Paiis veri^.
«n ihr ein Seminar, welches provisorisch auch reformirte Stu-
ten anfhahm. Am 1. Angost 1879 erlangte dann aach die Ver>
nng die obrigkeitliche Anerkennung. Das »Prfiambohun«^, be-
fend die Antoritftt der Schrift und des Aogsburger Bekenntnisses
sste man feilen lassen. Aach das Wahlgesetz erlitt eine Aende-
g. Man fugte sich darein, nur um die VerÜEtösung zu erhalten,
ih 9 Jahre langem Kampfe einigte sich auch das alte Pariser
sionscomite und das separirte »deutsche Gomite« . In ihren regeU
(sigen und offiziell anerkannten Synoden sind die Lutheraner vx>r
Beformirten bevorzugt.
Die Orthodoxen wollten die Synoden als Autoritftten für Lehre
Zucht, die Liberalen versagten denselben jede Ueberwachung
Lehre: sie sollten nur eine administrative Bedeutung haben,
waren längere Zeit immer wieder Petitionen an die Regierung
Provinzialsynoden und G^neralsynoden erneuert worden. Erst
Bepublik unter dem Präsidenten Thiers ordnete den Zusammen-
; einer reformirten G^neralsynode an. Aus 21 Wahlbezirken
\. Provinzialsynoden sollten 108 Mitglieder (49 Pfarrer und 59
tyeste) deputirt werden. Die Synode, welche am 6. Juni 1872
?aris in dem Temple du Saint-Esprit sich versammelte, theilte
in vier Gruppen, von denen die Bechte in Guizot und Bois,
fessor in Montauban, ihre bedeutendsten Führer hatte. Die
ke hatte als Führer Prof. Ja labert, Dekan der juristischen
ultät in Nancy. Die Liberalen bekämpften das Beoht der Synode
lediglich darum weü sie nicht in der Majorität waren — und
Iten von keiner Lehmorm etwas wissen. Es wurde aber doch
Bossen, dass die reformirte Kirche Frankreichs, da sie seit
9 wieder eine ordentliche Synode halten dürfe, sich wie ihre
er zur souveränen Autorität der hl. Sohriffc bekenne und an den
jsen Heilsthatsachen, wie sie in dem öffentlichen Gottesdienste be-
at würden, festhalte. Jeder Predigtamtskandidat soUe sich zu
em Bekenntniss der Synode verpflichten lassen; die Provinzial-
>den, die Generalsynoden wurden fest geordnet. Die Wähler-
in sollten nur die Namen derer tragen, die sich der hl. Schrift
3rwerfen wollten: eine Bestimmimg, die 1880 zum Jubel der
134 Frankreich.
Liberalen die Regierung wieder aufhob und damit die ganze Synode
beseitigte. Es waren dreissig Sitzungen gehalten, als die Synode
schloss. Ein permanenter Ausschuss war ernannt. Bersier hal'
uns ausführlich und schön diese Synode mit ihrem Si^ der Ortho-
doxen beschrieben. Als 41 liberale Konsistorien protestirten, kas»
sirte die Begierung ihre Beschlüsse. Im November 1873 war die
Synode wieder in Paris ohne die Liberalen vereinigt, nm die Lelov
norm zu veröffentlichen. Diese erhielt (ein minimuTn de la foi) 1874
ihre Autonsirung. Die neuen Konsistorialwahlen riefen endlosen
Streit hervor, in denen auch eine Mittelpartei sich abmühte. Erst ^
1877 trat einige Ordnung ein. Da die Begierung, welche halb
theilnehmend, halb spöttisch in diesen Hader hineinsah, keine zweite
Synode berief, wurden die offiziösen Provinzialsynoden Sitte. »Wir
können keine offiziellen Synoden erhalten — vereinigen wir uns
denn zu offiziösen.«
Am 1. Juni 1877 lebte auch in Paris eine evangelisch-theo-
logische Fakultät auf: für Beformirte und Lutheraner: eine ganz
neue Erscheinung in Frankreich.
Es fehlte an Kandidaten. 61 Kanzeln waren nicht besetzt
Aufsehen erregte es, als eine ganze katholische Gemeine zum Prote-
stantismus übertrat. Auch an anderen Orten wuchs dieser. Das
altberühmte Charenton empfing wieder eine Kirche. Berühmte Con-
vertiten waren Isambert, Mitglied des Kassationshofes und der
Geschichtsschreiber Bosseuw St. Hilaire, der beredte Advokat
Eugene Beveillaud. Der Schotte Mac All betrieb später die
Evangelisation in grossem Massstab. Coligny's Gedächtniss wurde
durch die Legung eines Grundsteins zu seinem Denkmal mit Unter-
stützung der Begierung begangen. Zola aber bezeichnete den Prote-
stantismus als den Feind, denn er dringe überall vor. Der Prüfung
lag die sechzehnjährige Arbeit von Dr. Segond vor: eine neue
üebersetzung der Schrift.
Bezeichnend für die Zustände Frankreichs wurde die Erklärung
des Ministers des Linem 1882: die Begierung erkennt Athedsmus
und Materialismus als Doktrinen an, welche man nicht das Becht
hat zu brandmarken: dies eine Unterschrift für das gegenwärtige
Frankreich. Am 11. Juni 1884 trat eine offiziöse Generalsynode
der reformirten Kirche in Paris zusammen, die dritte nach der im 1
Jahre 1872. Im Oktober 1881 war die zweite in Marseille gehalten
worden. Die Synode konnte von wachsender Anerkennung sprechen,
425 von 700 Pfarrern bekannten sich zu ihr, nicht ohne die Eifer- j
sucht der Liberalen. Diese haben im Februar 1885 beschlossen, j
^
Drittes Kapitel. Der Kampf um die Verfassung. 135
eine theologische Vorhereitungsschule in Nimes zu erö&en. Die
hitherische offizielle G^eralsynode erreichte in diesem Jahre (1884)
eine Yerständignng zwischen Konfessionellen und Liberalen. Beide
Parteien willigten in den Wiederabdruck der evangelischen Liturgie
von 1844 und feierten auch gemeinsam Luthers Gedächtnisstag 1883.
Fdr die Stellung der Regierung zu dem lutherischen Diakonissenhaus
in Paris ist ein Wort treffend: man nütze die menschlichen Leiden
und die Selbstverleugnung einiger armer Greschöpfe aus, um Schätze
ZQ sammeln und die Familien zu evangelisiren. Der Gedächtnisstag
d^ Aufhebung des Edictes von Nantes brachte Schmerz und feier-
üehe Erinnerungen. Man schickte ins Ausland den schön ausge-
statteten Bulletin des Geschichtsvereins und das Oratoire vernahm
die tief ernsten Psalmengesänge der alten Zeugen und die beredten
Worte von Bersier und Vigui6. Auch Pater Hyacinth Loyson
sprach an einem Gedenktag zu Ehren der Hugenotten von dem
Verbrechen der Väter.
Der immer mehr atheistisch sich gestaltende Staat droht mit
der Entziehung der Unterstützung der Wohnungsmiethe der Pastoren
und der Seminare und Fakultäten: eine völlige Trennung von Kirche
and Staat scheint hereinzubrechen. Das Lehrerseminar in Courbevoie
bei Paris musste geschlossen werden. Eenan aber schloss seine
kirchengeschichtlichen Studien mit einer Verherrlichung der freiesten
Liebe vor dem Untergang der Welt in der Aebtissin von Jouarre.
Blicken wir zurück auf die Entwicklung der französischen Kirche,
so erwacht nach dem Schlaf des Bationalismus die Erweckung und
sucht im Fluge des Eifers das alte Gebiet des Glaubens wieder zu
erobern; ihre Schwäche offenbart der Angriff der Kritik; der alte
Rationalismus verbindet sich mit dem neuen von furchtbareren
Waffen; die Kirche zerfleischt sich in wüthendem Kampf, die Er-
&hrungen und Erquickungen der Erweckung ersterben, die Gemeinen
werden müde, die Tempel leerer imd ob man auch mit allem Eifer
noch immer weiter baut: auf einer Kanzel reisst einer ein, was der
andere errichtet — und es dehnt sich imter den Söhnen der Mär-
tyrer die Gleichgiltigkeit aus. Die Geschichte des Pietismus ist die
der Bekehrung so Vieler. Man erlebt eine wirkliche Anfassung
Gottes, aber gleich nachher richtet man das todte Gesetz auf: man
muss etwas für den Herrn thim. Das erste Feuer hält eine Zeit lang
an. Aber dann erlischt die Kraft und jetzt ist man von der völ-
ligen Unj&nchtbarkeit vieler Werke der inneren Mission in Frank-
reich überzeugt. Die Werkthätigkeit des Pietismus ist in ihrem
innersten Triebe doch nur das Judenchristenthum, welches Paulus
136 Frankreich. Drittes Kap. Der Kampf am die VerCusmig.
bekämpft*). Becolin sagte auf der Versammlang der ev. Allianx
in Kopenhagen 1884: die Hoffimngen, die man auf den Beveil ge-
setzt, sind nicht alle erfüllt. In vielen unserer Glemeinen ist die
lebendige Frömmigkeit selten, die geistige Lanheit ist der herrschendS
Zog. Im Norden mehr konservative Gewohnheiten , im Süden im
Schoosse selbst der grossen protestantischen Mittelpunkte ist der
Kultus vernachlässigt, besonders von den Männern. Die Politik hat
den Geist der Religion erstickt. Auch 1871 hat keine wklidte
moralische Erhebung gebracht. 69 Kanzeln sind nnbesetzi 1886
53 vakante Stellen. Der Protestantismus kennt nicht den Heroismus.
Es sind krankhafte Anstrengungen, die eine neue geistige Erfrisch-
ung herbeiführen wollen. Dennoch gibt es immer noch in Frank-
reich eine gute Anzahl von Familien von wahrer Frömmigkeit. —
Neuerdings hat die Kommission der offiziösen Synode ein Befestig-
ungsformular für ICandidaten bearbeitet, das nichts bestimmt Befor-
mirtes enthält. An der letzten offiziösen Synode (1887) nahmen
414 Gemeinen und 475 Pfarrer Theü. Die gezeichneten fireiwilligen
Beiträge waren von 58000 Frcs. auf 84000 Frcs. gestiegen.
Statistisches.
Gegenwärtig zählt man 650000 Protestanten, davon 550000
Reformirte, 80000 Lutheraner (mit etwa 90 Pastoren) und 2000Ö
anderen ev. Gemeinschaften angehörig mit 30 ordentlichen und 100
Laien-Prediger (Methodisten, Baptisten, Mennoniten, Brüdergemeine.
Darbysten, Hinschisten, Schüler von Madame Armen gaud geb.
Hinsch »mit prophetischer Grabe«). 480 religiöse Vereine sind thätig.
Der Unterhalt der Kirchen und Wohlthätigkeitsanstalten verlangt
jährlich 4 700000 Frcs., davon 1879100 Frcs. Unterstützung des
Staates, welche in Gefahr steht, verloren zu gehen. Vergl. Theodor
de Pratt, annuaire protestant und Decappet, Paris protestant
1876. Die wichtigsten kirchlichen Blätter — unter etwa 80, die
erscheinen — sind: Christianisme au XIXe. siecle, Journal der refor-
mirten Kirche, Eglise Kbre, Journal der ev. Reformirten, Journal
du Protestantisme fran9ais, Revue chrötienne (Vermittlungstheologie)
und andere von uns schon genannte. Im Vergleich mit der litera-
rischen Thätigkeit der reformirten Kirche in Deutschland ein grosser
Reichthum.
*) Vergl. die lehrreichea Artikel im Heraut von Dr. Kuyper.
Oct. 1886.
Belgien. 137
2. Belgien.
Kermtvr: Die jährlichen Rapports der Kirche.
1) Die belgische Missionskirche.
Von Meinen Anflbigen hat sich diese Kirche immer mehr auf-
ebaut. Ln Beginn der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts waren
kwa nur 7 evangelische Gremeinen in Belgien. Das Wachsthum
rforderte eine Organisation. Die Kirche wurde in Konsistorien,
ine Synode, in ein administratives Comit^ und in kleinere Yerwal-
imgsgrappen getheilt und hat als Bekenntniss die belgische Kou-
»sion mit Ausnahme von Artikel 36. Denn sie ist eine vom Staate
9llig unabhängige. Von grosser Wohlthat in einem Lande, in dem
eben dem alles überwuchernden Ultramontanismus mit seinen rie-
gen Geldspekulationen der Schnaps seine furchtbaren Verheerungen
isübt. Die Missionskirche hält auf einige Zucht in ihrer Mitte.
Is der Pfarrer Byse in Brüssel eine bedingte Unsterblichkeit lehrte,
orde er von der Liste der Pfarrer gestrichen. Für diese dem ev.
3kenntniss bewiesene Treue sandte ein Gönner der Synode 2000
res. Nach dem Bericht von 1885 — 86 umfiasste die Missionskirche 27
irchen oder Stationen mit 53 Filialen, 1 7 Pastoren und 5 Kandidaten.
} Agenten waren thätig. 49 Tempel und andere gottesdienstliche
rte, 57 Sonntagsschulen. Bibeln, religiöse Tractate werden ver-
reitet. Membres adultes etwa 4000. Von allen Ländern wird das Werk
nterstützt, namentlich von England und Schottland. Die Monats-
ßhrift ist: Le Chretien beige, Maranatha für die Leser flamländischer
•prache. Bei einer Einnahme von 136951 Frcs. hatte die Kirche
in Deficit von 10 968 Frcs. Die Synode gedachte 1885 des ver-
lienten M. L. Anet, des Generalsekretärs, der am 5. Dezember 1884
gestorben war. Uebertritte sind .nicht selten. Der Sohn des Pre-
Dierministers Fröre- Orban trat mit seiner ganzen Familie über.
öer feingebildete katholische Professor de Laveleye widmet der
Grche seine Theilnahme, zu der seine Frau gehört. Angesehene
t^en sind Baron P risse und Pagny. Als der Socialisten- Aufstand
n blutigem Roth das Elend Belgiens beleuchtete (1886), konnten
ie ev. Prediger rühmen, dass ihre Anhänger sich nicht daran be-
heüigt hatten. In Liege Seraing blüht das Werk besonders. Kennedy
^net vermittelt die Verbindung mit der presbyterianischen Allianz,
an 11. Juli 1887 feierte die Kirche ihr öOjUhrigoM Jubiläum. 18
erschiedene Kirchen und Gemeinschafben hatten DopuiJrt«« gtmundt.
1 38 Dänemark.
Die freiwilligen Graben steigerten sich so, dass der Jubelrof erschallte:
Bas Deficit ist aufgehoben.
2) Die evangelische Nationalkirche.
Sie wird von einer Synode geleitet und umfasst etwa 10000
Seelen. 1851 zählte sie nur 10 Pastoren, 1856 15. Ein Evangeli-
sations-Comit6 sorgt für die Bedürfiiisse der zerstreuten Evangeli-
schen. Gründet sich durch ihre Arbeit eine selbstständige G-emeine,
so schliesst sie sich der Synode an und sucht die staatliche Unter-
stützung. Der Gustav- Adolf- Verein hilft hier kräftiglich.
3. Dänemark.
Literatur: Helveg, den Danske Eirkes Historie efter Ref. 11. 1855, 1888
in zweiter, umgearbeit. Aufl. R. TOnder Nissen, De nordiske
Eirkers Historie, von Ödland 1884 heraosgegeben. Theologisk
Tidskrift von Scharling und Engelstoft, 1837 ff. ßegoonen
ist ein Handbuch der Kirchengeschichte von Nielsen, 1884.
Hagen, Kirkelig Statistik, 1861. Lütke, kirchliche Zustände in
den skandinavischen Ländern, 1864. Die Verhandlungen der er.
Allianz vom Jahre 1884. Henrik Steffens, Ein Lebensbild tob
Petersen, deutsch von Michels en, 1864. Aus meinem Leben.
Mittheilungen von Martensen, aus dem Dänischen von Mi eh ei-
sen, 1883 und 1884. Hansen, Wesen und Bedeutung des Gnmdt-
vigianismus, 1863. Eaftan, Eine Reise in Dänemark in der Allg.
kons. Monatsschrift in dänischer Uebersetzung, 1883.
Unter dem Könige Christian \\1. war der Rationalismus in
Dänemark so in Blüte, dass dieser wünschen konnte, alle Kirchen
in Kommagazine verwandelt zu sehen und alle Prediger des Landes
beseitigt. Der Bischof Nicolai Edinger Balle, ein unermüd- ^
lieber Vertreter des Bibelglaubens, rettete denselben unter bitteren J
Kämpfen in dem »Lehrbuch der evangelisch-christlichen Religion,« '
das für den allgemeinen Schul^brauch bestimmt war, über die
Grenze des Jahrhunderts. Ein von ihm hervorgerufenes »Christlich-
Ev. Gesangbuch« enthielt mehr gereimte Prosa als echte Poesie.
Die Freidenker hatten sich in »Klubs« organisirt und stürmten gegen
Altar und Thron. »Die Liebe war erkaltet,« erzählt Grundtvig
in seiner Weltchronik, »jeder dachte nur an sich selbst und die
Geistlichen konnten stille sitzen, während Tausenden ihrer Brüder
der Glaube geraubt wurde.« Gegen die Lästerungen in dem Wochen-
blatt: Jesus und die Vernunft, stellte Balle sein Blatt: die Bibel
sich selbst verantwortend. Die Schlacht auf der Bhede von Kopen-
bagen eröffnete mit ihrem Doimer ^m i^evifc^ J^Jarhundert auch in
D&nemark. 139
geistiger Hinsicht Balle starb 1816*). In Kiel rief 1817 der
Archidiakonns Klaus Harms in seinen Thesen ein Lutherthum
von den Todten, das noch gar nicht verstanden wurde. Der Philo-
soph Henrik Steffens erschien dann mit seinen Anregungen. »Er
sprach der ausposaunten Aufklärung Hohn und redete von Christo
und seiner göttlichen Würde mit staunenerregender Ehrfurcht; er
verspottete die Abgötter der dänischen Leserwelt, Kotzebue und
Lafontaine.« Eine neue Zeit für die Kirche Dänemarks begann mit
dem Auftreten des gewaltigen Recken Nicolai Frederik Severin
ärundtvig (f 1872), der gegen den rationalistischen Professor
Claus en (f 1877) mit seiner Kirche als einer Gesellschaft zur Pör-
lerung allgemeiner Büdung seinen »Protest der Kirche« (Kirkens
Grjenmäle) schleuderte (1825). So unklar dieses Schriftchen auch
doch in sich war, so gab es doch einen Anstoss zum Erwachen der
Greister. Grundtvig, eine stark empfindende, originelle Natur, ver-
äfift in die Scenen aus dem Untergang des Kämpenlebens im Norden,
sin begeisterter Erwecker des nordischen Alterthums vor dem Rieh-
berstuhl der Sage, yerband seine nationale Empfindung mit der
Liebe zu Luthers Katechismus und zu dem Lutherthum als der
vollkommensten Form für die Aneignung des Christenthums. Eine
oft trübe Mischung von Christlichem und Nationalem. Gewaltthätig
wies der kräftige Mann die hochgradige Thorheit des Rationalismus
zurück — oft nur in dem Poltern einer ungebändigten Kraft. Als
er an der deutschen Frederikskirche die Nachmittagspredigten halten
durfte, sammelte er eine begeisterte Gemeine um sich, die von dem
Odem der Erweckung ergriffen wurde, der damals durch Anregung
der Brüdergemeine von Fünen ausging, nicht ohne Bedrängung von
Pöbel und Obrigkeit. Auf den Taufbund gründete Grundtvig
seinen Glauben. Gegen den Berliner Hegeling Marheineke sprach
er das entscheidende Wort: Nicht Spekulation, sondern Leben oder
Tod gilt es. Neben ihm förderte die Ideen der erwachenden evang.
Bewegung der Prediger J. P. Mynster, eine mehr besonnene und
harmonische Natur, der 1833 seine weit berühmten Betrachtungen
über die christlichen Glaubenslehren ausgehen Hess. Er stimmte
dem allgemeinen rücksichtslosen Treiben der Grundtvigianer nicht
zu**). Der grosse Dichter Oehlen Schläger, ein genialer Mann
von weichem Gemüth und grossem Herz, zeigte mit seinem wunder-
baren Aufschwung auch auf neue Ziele hin. Mit Grundtvig und
♦) Sem Leben von Koch, 1876.
**) Zur Eriuneras^ an ihn eine Schrift von "NLaTt^iiÄeiv, V^^'^,
140 Dänemark.
Lindberg gab Rndelbach die Theologische Monatsschrift heraus:
in seiner ungeheuren Bibliothek stand letzterer selbst da als ein
Wunder der Gelehrsamkeit. 1829 ging er nach Sachsen. Schleier-
machers Anwesenheit in Kopenhagen 1838, wo der »kleine, magere
und yerwachsene Mann« sehr gefeiert wurde, brachte Vielen Anreg-
ung. Als bald darauf die Nachricht von seinem Tode zu den Dänen
kam, meinten die bösen Grundtvigianer: er wäre gestorben wie Kuser
Augustus. Im Jahre 1838 begann Hans Lassen Martensen, eine
feine und ebene Natur, seine Thätigkeit an der Universität, seit
1845 auch Ho^rediger und dann 1854 Bischof von Seeland: nicht
nur der vielgeschätzte Dogmatiker Dänemarks, sondern überall ge-
lesen. Seine Dogmatik und Ethik erlebten viele Auflagen. Er hatte
Gesinnungsgenossen in dem Beichtvater der königlichen Familie
J. H. Paulli und in dem Bischof von Wiborg 0. Laub. Er ist
ganz der deutsche Yermittlungstheologe im Sinne eines Domer*). In
die theologische Bewegung griff verwirrend die »beispiellose« Ent-
deckung von Grundtvig ein, dass das apostolische Bekenntniss Christi
mündliches Wort sei, von dem Auferstandenen während der vierzig
Tage seinen Jüngern mitgetheüt und zwar mit der abrenundatio
diaboli. Dabei ein Antinomismus, der die 10 Gebote aus dem Kate-
chismus entfernen will und die Busspredigt für die Kinder des
Lichtes für unnöthig hält. Auch Budelbach bekämpfte dieses
Fündlein seines Freimdes, von dem er auch die Umdichtungen klas-
sischer Kirchenlieder zurückwiess, obwohl derselbe bewundemswerthe
Lieder auf goldener Harfe sang. 1863 trat Martensen gegen
Grundtvig auf und bestritt dessen »Licht- und Lebenswort.« Er
behauptete eine Wirkung der Sakramente auch dort, wo diese nicht ^
von gläubigen Predigern verwaltet werden. Grundtvig zog sieh
von ihm zurück, immer mehr mit seinen christlichen Volkshochschnlen j
und dem Eifer gegen den Parochialverband beschäftigt, denn dieser hin-
derte die Büdung von Freigemeinen. Gegen die Bischöfe hat ihn
dabei die weltliche Macht unterstützt. In den Nebel blinder Ver-
götterung gehüllt schwärmte er für eine völlige Pastorenfreiheit.
Neben Martensen und Grundtvig ist noch eine räthselhafte
Persönlichkeit zu nennen: Sören Aaby Kierkegaard. Ein ge-
waltiger Geist von tiefem Gemüth und scharfer Spekulation, in ein-
samer Stille in Kopenhagen, alle kennend aber von Niemanden ge*
kannt, mit grossartiger Gewalt die markige Sprache beherrschend,
der Theologe der Schwermuth und des Leidens. Die Entwicklung
i
*) Briefwechsel v. Martenaen mit ÖL^VÄ^^ÄWi, VÄtwaa^. 1887.
V
Dänemark. 141
m christlichen Glauben vollzieht sich in den drei Stufen der ästhe-
jchen — rein geniessenden, der ethischen — in Beruf und Pflicht
'beitenden, der religiösen — zuletzt an ein Paradoxon glaubenden,
lies bewegt sich in den dialektischen Gegensätzen des Endlichen
ad Ewigen. Dabei eine tiefe Erkenntniss, dass das gegenwärtige
hristenthum nur eine Karikatur des wahren sei. Aus der persön-
shen Aneignung und Existenz ist eine unpersönliche Betrachtung
^worden: allerdings die tiefste Charakterisirung unseres Jahrhun-
arts. Ueberall bei ihm erzreiche aber labyrinthische Schachte. Wie
i allen Schwermüthigen oft blitzartig von der Wahrheit beleuchtet,
3ht ohne tiefe Bitterkeit und Sarkasmus. Dies namentlich im
impfe gegen Märten sen, als dieser mit leichtem Worte Mynster
( einen Zeugen der Wahrheit in der Leichenrede kanonisirte. In
nem Blatte: der Augenblick, warf damals Kierkegaard seinen
•m in die Menge, obwohl er sonst nur von den Einzelnen etwas
ssen wollte. Er verdammte nun alles Kirchliche, der Einzelne
lle sich nicht hinter einer unverantwortlichen Menge verstecken.
n unglücklicher zerrissener Mann, der am 11. November 1855 im
iedrichshospital in Kopenhagen starb. Seine Lehre und sein
jben haben Petersen 1877 und Brandes 1879 beschrieben,
ärthold hat viele seiner Schriften ins Deutsche übersetzt, auch
in Tagebuch voU geistigem Raffinement. Sein Hauptwerk ist:
atweder — Oder, ein Lebensfragment.
Martensen hat auch in dem »politischen Sokrates«, in dem
beralen Kultusminister Ditlev Gothard Monrad (f 1887), der
inst den Muth nicht verlieren wollte nach dem Fall des Dane-
irke, dann aber in den ewigen Urwäldern Neuseelands politische
"räume träumte, zeitweise einen Gregner gehabt. Monrad's Begabung
ig auf dem asketischen Gebiet. Er hat sich in der Welt des Ge-
betes und in der Welt der Seele bewegt. Letztere dachte er sich
is ewig wie Gott, mit dem Recht der Selbstbestimmung, darum
Qüsse auch das allgemeine Stimmrecht herrschen. Mit Hilfe des
•eliebten, vorsichtigen Dichters Ingemann brachte Martensen ein
leues Gesangbuch 1854 zu Stande, das sog. Kovents Psalmebog.
^uch Luthers Katechismus wurde wieder eingeführt mit Balslev's
Erklärung; die erweiterten Konvente der Pröbste und Pastoren be-
bten die kirchliche Thätigkeit, 1871 erschien eine revidirte Bibel,
reilich mit seinen Verfassungsgedanken hatte Martensen kein
lück. Er wollte das konsistoriale und bischöfliche Element stärken,
ährend Clausen in der Kirchenkommission von 1854 das synodale
ätonte. Man verurtheilte die Pastorenkirehe. D«iÄ Miii«,tÄd\3iSL
142 Dänemark
hatte für alle diese Bemühungen keine Bereitwilligkeit des Ent-
gegenkommens. Das Jahr 1848 hatte einst volle Religionsfreiheit
gebracht, bis dahin waren noch die Kinder von Baptisten-Eltern
dem kirchlichen Taufzwang unterworfen gewesen, aber noch immer
war die lutherische Kirche die allein anerkannte, die der König als "^
Oberbischof und unter ihm der Kultminister und die Volksrertretang J
leiteten. Schwankende Majoritäten regierten in der letzteren anck 1
die Kirche. Wohl war das kirchliche und religiöse Leben erwacktyl
aber för Yer£assungsfragen war kein Sinn vorhanden. Die Juristen 1
schenkten der Yolkskirche keine Theilnahme und die Grundtvigianer
arbeiteten für völlige Freilassimg der Pastoren und Gemeinen aa
ihr individuelles Belieben. Ihre leidenschaftliche Agitation erreichte
wenigstens, dass die Konfirmation vom Könige freigegeben und der
Parochialverband gelöst wurde (1855). 1873 gestattete ein Gesett
die Bildung von Wahlgemeinen in der Volkskirche; die Befiirchtung,
dass die Grundtvig'schen Freiheitsideen die Yolkskirche zerstören
würden, hat sich bis jetzt nicht erfüllt. Im Jahre 1880 bestanden '
acht Wahlgemeinen; der Grundtvigianismus ist konsequent liberal
und radikal geworden. 1883 hat die Begierung die Erlaubniss ge- '
geben, dass sich die Bischöfe des Beiches von Zeit zu Zeit zur Be-
rathimg innerkirchlicher Fragen versammeln dürfen. Das Werk dei
inneren Mission wurde von Pastor B Ö n n e angeregt. Für die
Hauptstadt ein Zweig derselben mit dem Blatte: Bethesda, und ein
anderer, für das Land mit dem Blatte: Innere Missionszeitung, mit
14,000 Abonnenten; Leiter Pastor Beck. Mancher methodistische
Unfag mit den »Heiligen« wird hier getrieben. Die Pastoren Blädel
und Frimodt (f 1879) und Harald Stein sind hier thätig ge-
wesen *) ; ersterer auch der eiMge Förderer von Ejrchenbauten in
den Yorstädten Kopenhagens. Pastor Hans Knudsen (f 1886)
widmete sich der Pflege von verkrüppelten Kindern. Der Privat^
mann C lausen betreibt die Mission in den Häusern der am stärksten
bevölkerten Stadtquartiere. Bei vielfach verbreiteter Gleichgiltigkeifc
sind die Dänen doch auch eifrige Predigtleser und Predigthörer.
Die Traktatgesellschafb (gegr. 1843) entfaltet eine reiche Wirksam-
keit; auch die Tagesblätter werden von der Geistlichkeit viel&ch
benutzt. Man zählt in der Hauptstadt auf 11,000 Seelen einen
Pastor. Für den geschmackvollen Bau von Bethesda kamen in kurzer
*) Vergl. die Monatsschrift für innere Mission vom Jahre 1881: Mi*-
theilungen von dem unermüdlichen Dolmetscher dänisch -kirchlicher
Literatur, Pastor Mich eisen in lÄ)oec\L.
Dänemark. 143
eit 165,000 Maxk freiwillige Gaben zusammen: eine Diakonissen-
üstalt, die nach dem Wunsche der Königin auf dem Boden der
Folkskirche stehen sollte. Sie hat ein Organ in der Eöbe und 1883
m Einnahme von 91,383 Mark Eine pietistisch -methodistische
Wegung, die sog. Trandberg'sche , ergriff die abgelegene Insel
fomholm. Da Dänemark kein Dissentergesetz hat, ist das Inselland
is Paradies vielfacher Sektirerei. Das Mormonenthum (obwohl un-
esetzHch), der Irvingismus und der Methodismus, der Baptismus
1500 Seelen), sind mit grossem Erfolge thätig; 1851 hat man für
!e Dissenter die Civilehe eingeführt. Auch eine ansehnliche katho-
sehe Gemeine hat sich in der Hauptstadt gebildet und als der von
arten sen unterrichtete Prinz Waldemar eine Tochter aus dem
ause der Orleans heirathete, willigte er m die katholische Erziehung
a: Kinder weiblichen Geschlechts: ein Abfall aus altlutherischem
egentenhaus. Weil in Dänemark alles Orden sein muss, vereinigt
oh auch die Temperenz-Bewegung im Good Templar-Orden , auf
eltlicher Grundlage.
Am 3. Februar 1884 ist Märten sen gestorben. Am 2. Sept.
872 war Grundtvig 89 Jahre alt entschlafen: ein Mann feurigen
>lickes, mit langem, weissem Barte. Nie sah Kopenhagen ein Be-
räbniss wie das des »Propheten des Nordens« *). Ein Prophet im
»inne der Schrift war er nicht. Die dänische Mission arbeitet auf
len Stationen von Puttambaukam, Tricolore und Areas. Auch unter
len Santals in Bengalen. Hier wirkt der Norwege Skrefsrud, der
düiessHch Freimaurer wurde. Auch Grönland ist ein Feld der
ISnischen Mission (etwa 7000 Seelen). Von der Santalistanischen
ifissionsgemeine zu Assam hat sich eine selbstständige Mission
mter dem Volke der Metschen abgezweigt. Eine Seemanns- und
aine Auswanderermission sind im Auslande thätig. Der Präsident
einer Missionsschule war Dr. Kaikar (f 1886). 1884 hatte die
dänische Missionsgesellschaft 58,907 Kronen Einnahme. 1885 war
ein Kapitalvermögen von 21,705 Ejronen vorhanden. Die Santal-
Uission hatte 1884 eine Einnahme von 17,825 Kronen; 1886 55,336
Kark. Die katholischen 7 Gemeinen zählen 4000 Seelen. Geld und
Versprechungen mehren die Bekehrten. Die romanisirenden Ten-
denzen der Lutheraner haben den Einfluss Boms gefördert. Ein
dänischer Janssen ist in der Person eines pensionirten lutherischen
Propstes erstanden. Der Priester Hansen arbeitet an einer Kirchen-
^schichte, in der römisches Licht alles erleuchten soll. Die Sonn-
*) Sein Leben von Pry (1871) und Kaftan (1876V
144 Schweden.
tagsentheilignng ist erschreckend, ünsittlichkeit und Freimaiirem
beherrschen die hohen Stände. Socialismas und Fraaenemancipatioit
sind die Fracht massloser Freiheitsphrasen auch auf theologischer
Seite, wo aach die Leichenreden nach yerschiedenen Taxen tief daa
Ansehen der Kirche schädigen. Das Christenthum erhebt zum Lebett i
— so ruft der Grundtvigianismus — die Theologie erstickt zum ^
Tode. Theologie und Gedankenfreiheit sind unvereinbare (Gegen-
sätze. In dem Buche von Gleis s (1882): »Aus dem evangelischeii |
Norden« lernen wir die jetzige Predigtweise kennen. Bekannt ist I
auch auswärts der Professor Scharling (f 1877), den Reuss den \
ausgezeichnetsten unter den lebenden Bibelforschem Dänemarks
nannte. Neuerdings haben skandalöse Geschichten des Kultos- r
ministers Scavenius die Dänen bewegt.
4. Schweden.
Literatur: A. £. Knös, die schwedische EorchenyerfiAsauiig, 1852. Svenska
Kyrkans och statens förhallande tili hvarandra, 1872. Aehnliche
Schriften Yon B y d ^ n und Westerling. Die Stockholmer Proto-
kelle und Jahresberichte der yerschiedenen Gesellschaften. Die
Kirche und Schule Schwedens von Esaias Tegn^r, 1887. No^
disk Eevy, 1883 fL
Eine die schwedische Kirche lebhaft charakterisirende Eigen-
thümlichkeit ist die starke Betheiligung des Laienelements an geist-
licher Thätigkeit. Zunächst ist dieses auch in den Verfftssungsformen
stark vertreten. Die schwedische Kirchenversammlung, die neben
dem Könige, seinem Kirchenminister und dem Reichstag die Kirche
leitet, besteht zur Hälfte aus Laien. In den Domkapiteln sind diese
sogar in der Mehrheit. Der Kirchenrath und der Schulrath sind in
den Parochialgemeinen von grossem Einfluss. Ja, jede Gemeine
kann eine Kirchenzusammenkunft halten, in der ein Wahlrecht fBr
geistliche Anstellungen geübt wird. Das Volk hat ein grosses Becht
in allen kirchlichen Beziehungen. Aber noch viel weiter geht diese
Thätigkeit der Laien: dieselben treten überall predigend und lehrend
auf. Die Anregung dazu hat namentlich der gewaltige Bauern-
prediger Hans Nielsen Hange gegeben, der in.Norwegen indem
Kirchspiel Thune am Ende des vorigen Jahrhunderts auftrat und
den Rationalismus, den das sittenlose Vorbild des Hofes von König
Gustav ni. begleitete, auch mit Schriften bekämpfte. Er machte
Sdhweden. 145
DgezShlte Meilen za Fass xmd verband die Seinen in Brüderkreisen.
an liebenswüidiger Mann mit mildem Gesiebt, bellem Haar imd
leiter Brost) von gesetzlicb vorsicbtiger Weise. Er wieb eigentlich
idit Yon dem kitherischen Lebrbegriff ab, hielt aber den geistlioben
Hand f&r mmöthig. Sein Iirthnm lag in seinem Prophetenthmn,
las ihn sogar zehn Jahre in Haft brachte. Nach denselben hat er
n aller Stille in seinem Banemhof Bredwill bei Christiania gelebt
1 1824). Hange gewann viele Anhänger. Man nannte sie auch
ioser wegen ihres Studiums der Bibel und der Schriften ihres
feisters. Sie machten keine eigentlichen Separatisten aus und be-
ichten fleissig die Oottesdienste. Sie wollten nur ausüben, was
ie Kirche bekannte, imd dies mit strengster Feier des Sabbaths.
me ernste, fast düstere Frömmigkeit. Die Trunkenheit schwand
iter ümen, Eide und Schwüre hörte man nicht. Sie glaubten, die
eistlichen wohl zu erkennen, die vom Geist geleitet wurden. Ihre
^sonderen Konventikel waren ihre Freude. Nahm die Bewegung
yr Leser auch ab, so blieb doch überall die Lust an der Laien-
Lätigkeit, und als nun 1868 die Konventikelgesetze aufgehoben
nrden und die Mitglieder der Kirche ohne die unmittelbare Leitung
er gehörigen Geistlichkeit zusammen kommen konnten, blühte die
laienthätigkeit so zuchtlos und wuchernd auf, dass neben den
rdentlichen Kirchen in grosser Zahl Missionskirchen entstanden, in
enen die Laien ofb gleichzeitig wie dort Gottesdienste hielten. Mit
rerirrungen in der Lehre und Praxis, in allezeit Traurige und alle-
eit Fröhliche getheilt. Man wollte aber dabei in der Volkskirche
deiben, deren Taufe man noch immer hochachtete. Als nach eng-
isch-amerikanischem Muster 1859 und 1860 eine neue Erweckung
las Land durchzog, trat der theologisch gebildete Lector Walden-
itröm an der lateinischen Schule zu Gefle an die Spitze und förderte
out grosser Begabung, obwohl in der Genugthuungslehre ketzerisch,
^e ungebundene Laienthätigkeit. Man büdete Abendmahlsvereine.
Bine eigenthümliche Actiengesellschaft übernahm seine Zeitschrift
»Ketister« und seine Schriften. Natürlich wurde durch die Frei-
?ebung der Konventikel auch das Dissenterthum mächtig gefördert.
Srst 1860 war das Gesetz der Landesverweisungsstrafe wegen Ab-
alls von der Landesreligion aufgehoben worden. Man hatte bis
4hin noch das Land von jeder anderen Beligion als der lutherischen
*eigehalten. Katholische Eheleute waren ausgewiesen worden. Die
V. Allianz hatte oft laut geklagt. 1873 erschien auch ein sehr
berales Dissentergesetz und nun haben sich die Baptisten (1879
Zahn, Elrohengeschichte. 2. Anfl. 10
146 Sehweden.
gab es 13,773, 1882 — 22,891 in Schweden), die Advenüstei
Parkerianer, die Swedenborger, die Monnonen und Positi'
weitgehend vermehrt Die Freande des Amerikaners The
Parker*), dieses glühenden, sich selbst aufreibenden Unit:
nnd Feindes der Sklaverei, schlössen sich za einer G^ellschai
Wahrheitssucher nnd einem Schwedischen Ptotestantenvereii
sammen. Atheismus und Theismus stritten sich hier. Zu l
derem Ansehen kam die methodistisch-episkopale £arche, die
64 Kirchen hatte.
Obwohl von diesen vielen Secten geschädigt, ist docl
schwedische Kirche noch eine von grosser Theilnahme des Y
getragene und die Zeit, wo Staat und Kirche sich trennen kön
liegt fem. — Am Anfsuig dieses Jahrhunderts steht in dem
We^ö der Dichter schönster Sprache, der Bischof Esaias Teg
da. Seine Frithjofs-Saga wanderte durch alle Welt. »Der 1
nalismus«, sagte er, »ist eine nackte Einseitigkeit, ohne Geha]
die Wissenschaft, ohne Farbe für die Phantasie und ohne Tros
das Herz.« Doch hat er auch zu H. Leo gesagt: Solchen U
wie die justificatio vicaria hat man in Schweden völlig bei
geworfen. Er hat die Kirche und Schule namentlich seines S
beschrieben (f 1846). Wir nennen auch Dr. Peter Fjells
und Dr. Andres Fryxell. Ersterer wunderbar sprachbegab
der Mission lange thätig, in der Türkei dann Herausgeber
Lehrbüchern und einer revidirten Uebersetzung der Bibel, i
zuletzt an der Missionsanstalt in Lnnd, wo er die Schrifb er
ein preisgekröntes Andachtsbuch für G^fEuigene und die symboHi
Bücher herausgibt. Halle machte ihn zum Doktor der [
logie. Er stirbt 1881. Emilia Ahnfelt-Laurin hat sein I
beschrieben (1881). Der andere Schwede war erst Probst im
liehen Wermland und dami ohne Amt angesehener Historiker.
Berichte aus der Geschichte Schwedens wurden vielfach über
Wie so mancher schwedische Pastor ist auch er hochalt gewc
(f 1881). Auf den beiden Universitäten üpsala und Lund
orthodox lutherisch gelehrt, wenn auch in Schwankungen zwii
Kliefoth und Beck. Die Kirchenzeitung mehr lutherisch,
Kirchenfreund im Sinne der ev. Allianz. Die Liturgie von 180!
den Gottesdienst geordnet. Ein dreifaches Perikopensystem hei
Das 1819 eingeführte Psalmbuch des Erzbischofs Wallin, g
♦) Sein Leben von Weiss (1863), R^ville (1866) und Froting
(1876).
Nor wegen. 147
3 einst die Leser protestirten , hat alles Beste und Gehaltvollste
r mit leichter Hand timgearbeitet aufgenommen. »Viele dieser
sänge sind die Ehre der Kirche and des Landes.« 1878 geschah
) Einfohrong einer neuen Erklärung des luth. Katechismus. Eine
ddirte Bibelübersetzung hat 1883 Anerkennung geftmden. Seit
36 wirkt eine »Schwedische Missionsgesellschafb« unter Lappen
d Tamulen, neuerdings auch unter den Zulus. Etwa 15 Missionare
d eine Einnahme von über 200,000 Mark. Weiter die seit 1856
tstandene einflussreiche »evangelische vaterländische Stiftung« , die
beiboten zum Predigtdienst bildet und dann auch unter die Gallas
issionare sandte. 1882 war sie der Mittelpunkt von 108 Missions-
reinen. Der »schwedische Missionsbund« (seit 1879) umfässte in
m genannten Jahre 121 Missionsvereine in 42 Freigemeinen,
ele andere Vereine bestehen daneben. Es sind bedeutende Summen,
e dahin zusammen fliessen.
Am 28. November 1830 hatte man das tausendjährige Fest der
nfuhrung des Christenthums in Schweden begangen. Am 6. No-
mber 1832 feierte man nach 200 Jahren das Gedächtniss »des
-ossen königlichen Märtyrers: es war ein Sabbath mitten in den
'erkeltagen des Lebens«; nach 250 Jahren sprach König Oskar
d gleicher Gelegenheit : »Des grossen Königs Andenken soll femer
ben, so lange in Schweden ein Volk lebt, das Gott den Herrn
rchtet.« Zwei reiche Grosshändler schenkten dabei der Universität
psala 120,000 Kronen. Von schwedischen Theologen ist auswärts
. V. Scheele bekannt» der jetzt auch mit dem Lector Dr. Uli-
lann eine neue Quartalschriffc herausgibt: »Tidskrifb fbr kristlig
:o och bildning«. 1885 ist eine christliche Tageszeitung geschaffen,
er Bedakteur ist der Oandidat Torduis in Stockholm. Man klagt
iel über die Unsittlichkeit der Hauptstadt, die dadurch noch ver-
lehrt wird, dass es verboten ist, nach dem Namen der Mutter von
inem unehelichen Kinde zu forschen. Ein Bild eines schwed. Land-
»astors tritt uns in Hermann Wilhelm ülff entgegen.
5. Norwegen.
Literatur: Zorn, Staat und E[irche in Norwegen, 1875. Bang, Hans
Nielsen Hange og hans Samtid. 2. AvA, 1875. Färden, Peter
Harems Liv. og Virksomhed, 1878. Norsk Maanedskrift, 1884 &
Ausser dem schon genannten Hange waren es die Professoren
Steuer Johannes Stenersen und SvendBoicYim^ixi3LB.^x^\^V
148 Norwegen.
welche die Bückkehr zur kirchlichen Lehre förderten. Der Pastor
Wilhelm Andreas Wexel bekämpfte den Philosophen Treschow.
Seit 1850 haben in Christiania Paul Karl Oaspari, der aach in
Deutschland wohlbekannte Exeget, Orientalist und Bogmenhistoriker
(aus Dessau stammend), G. Johson und Jörgen Hansen gewirkt.
Gas pari bekämpfte mit seinen Studien über das Tan£93rmbol die
Ansichten von Grund tv ig, dessen G^edanken auch in Norwegen
weite Verbreitung ÜEUiden und auf den gemeinsamen skandinavischen
Konferenzen von ihm ausgesprochen wurden. Als er radikaler wurde,
verlor er sehr an Ansehen. Seit 1858 besteht eine Zeitschrift fnr
die ev. luth. Kirche Norwegens. Die norwegische Kirche ist enge
mit dem Staate verbunden, dessen Beamte lutherischer Konfession
sein müssen. Am 16. Juli 1845 erschien ein Dissentergesetz , das
Beligionsfreiheit einführte, aber erst in neuerer Zeit ist auch den
NichÜutheranem Zutritt zu den Staatsämtem gewährt. Der staii
demokratisch gefärbte Storthing ist doch sehr vorsichtig in kirch-
lichen Dingen, da er die enge Yerwachsenheit derselben mit dem
häuslichen Bestände kennt. Man hat in schöner Ermaimung das
Krug- und Wirthschafbswesen beschränkt und dem Branntweinverkanf
Halt geboten. In den fünfziger Jahren wurde Gustav Adolf
Lamm er 8, Pastor in Skien, der Träger einer donatistischen Be-
wegung. Indem er an der speziellen Absolution im Abendmahle
Anstoss nahm, gründete er die apostolische Ereigemeine in Skien.
Als sich baptistische Elemente in dieselbe eindrängten, kehrte er
zur Staatskirche zurück. 1869 wurde das neue Gesangbuch von
Landstad und 1872 das von Hauge eingeführt. Die blühende
Laienpredigt blieb theüs eine ganz freie, theüs wurde sie durch die
Bibelboten der Lutherstiftning in Christiania geordnet: man gibt
einen gewissen Unterricht. Die Gesellschaft für innere Mission am
Skiens^örd und die Seemannsmission sind thätig. D^e Freigebigkeit
ist für die Einwohnerzahl eine grosse. Unter den Heiden wird seit
1842 bei den Zulus und in Madagaskar Mission getrieben. Eine
Missionsschule ist 1843 eröfbet worden. In Madagaskar zählt man
2000 Kommunikanten. 1878 hatte bei der lutherischen Fakultät
der vortreffliche Kandidat Harem eine Studentenherberge gegründet.
Für Judenmission und Pflege der männlichen Jugend eifrig thStig,
wurde das Oel seiner zu hell brennenden Lampe frühe verzehrt
Nach Grundtvig's Antrieben sind 6 Fortbildungsschulen entstan-
den. Der Wohlthäter und Vater der armen Lappen und Finnen
wurde in den norwegischen Finnmarken Niels Joachim Christian
Vibe Stockfleih., der von Jugend di-a Bestimmung zum Pastor im
^
BoBslancL 149
rden fohlte und dann in den qualmigen Hütten und den eisigen
ilden der Lappen ihre tiefe und poetische Sprache, ein Denkmal
)r Zeit, erlernte und ihnen Bibel und Katechismus gab. Er hielt
38t unter tobenden sectirerischen Hotten aus und eroberte durch
16 vier Missionsreisen von 1825 — 1852 ein unglückliches Land
die christliche Wahrheit. Sein Tagebuch erzählt davon (f 1866).
) Schwester des Königs, Eugenie, empfindet auch' theilnehmend
diese Mission. — Durch das Dissentergesetz mehrten sich die
thodisten zu etwa 3000 Gliedern und aufGallend waren die Ueber-
;te zur katholischen Kirche. Das norwegische Volk hat noch einen
vorragend kirchlichen Charakter und mit Anmuth und Beiz be-
iren uns die Bilder des Soimtags, wenn seefahrend in den Fjorden
)r bergau&teigend zu den Höhen die Kirchgänger ankommen.
s alter Zeit ragen in die (Gegenwart die so oft gezeichneten
zemen Stavekirchen hinein, vom Volke mit Ehrfurcht betrachtet,
chtem und zäh liebt es bei grossem Freiheitssinn die altlutherische
idition und Kirche, obwohl auch heftig vom Badikalismus an-
bebten, der in den widerwärtigen Angriffen des Dichters Björnson
aen stärksten Ausdruck findet. Die Badikalen wollen die ganze
'chenverwaltung in Laienhände legen, während der kirchlich ge-
nte, bäuerlich rechte Flügel der Demokratie das geistliche Kirchen-
[iment aufrecht erhalten will. Doch scheiterten die Versuche der
dikalen. — unter den theologischen Schriftstellern Norwegens ist
nas Dahl in Kongsberg zu nennen, der Noveller og Studier und
igionsgeschichtUche Abhandlungen geliefert hat. Schon 1816 war
le Bibel- und Tractatgesellschaft gegründet.
6. BusslaDd.
teratar: Busch, Materialien zur Geschichte mid Statistik des Eirchen-
und Schulwesens der ev. luth. Gemeinen in Russland, 1862; der-
selbe, Ergänzungen, 1867; derselbe, Beiträge für das Kirchen- und
Schulwesen im Königreich Polen, 1867; derselbe, Beiträge fOr Finn-
luid, 1874; Dalton, Geschichte der ref. Kirche in Bussland, 1865;
derselbe. Evangelische Strömungen in der russischen K. d. Gegen-
wart; Zeitfr. des christL Volkslebens, 1881; Nöltingk in der
Beal-Encyclopädie v. Herzog; derselbe, Bericht Clber die Wirk-
samkeit der ünterstützungskasse , 1884; Wurstemb erger, die
Gewissensfreiheit in den Ostseeprovinzen Busslands, 1872; See-
berg, Ans altes Zeiten. Lebensbilder au& 'Sxa\BaÄ> \%^^\ ^^
■^
150 Bnnland.
periodischen Blätter, Mittheilangen und Nachrichten, St. Peten- p
Dnrger Sonntagsblatt, Biga*8chea Eirchenblatt u. s. w. Berichte
der Diakonie der dentsch-ref. Gemeine in St. Petersburff, Mackenzie
Wallace M A. Bassland, 1879; Harless, Geschichtsbilder aas
der luth. Kirche Livlands, 1869; Bock, Liylftndische Beiträge,
1869; Panlsen, Esthlands Kirchen und Prediger seit 1848, 1886.
Verfossnngsgesch. der ev. luth. K. in Bassland von Dalton, 1887.
Erstes Kapitel.
Die kirchliche Entwicidung.
Von einer erkennbaren und bedeutenden geistigen Entwicklong
in dem ausgedehnten Gebiete der ev. Kirche Busslands kann nnr in
Bezug auf die ev. lutherische Kirche der Ostseeprovinzen, diesen
treuesten, blühendsten, steuerkräftigsten und ordnungsliebendsten
Theilen des unglücklichen Landes, geredet werden. Der Njstädter
Friede (1721) bestimmte, dass die lutherische Kirche in den früheren
schwedischen Provinzen Liv-, Est- und Ingermanland die herrschende
sein solle; doch wurde schon 1794 die für nach Sibirien verschickte
Lutherische eingeführte Massregel, dass die Ehen zwischen Luthera-
nern und orthodox rassischen Christen Trauung und Kinder der
letztgenannten Konfession zufallen müssten, auf das ganze Beich 1
ausgedehnt. Das Schulwesen kam nach dem Zusammenbruch der
schwedischen Herrschaft so herunter, dass in manchen Eorchsprengeln
nur 5 pCt. der Bauern lesen konnten. Die Universität von Dorpat
war eingegangen; viele Ausländer, die sich die Volkssprachen nur
unvollkommen aneigneten und ofb dem Volke ihr Leben lang fremd
blieben, kamen ins Predigtamt. Unter diesen Umständen war es
eine Wohlthat, dass die Brüdergemeine von 1729 an, erst in
Livland, dann in Estland sich auszubreiten anfing. Durch stets
erweiterte Freiheiten (1764 und 1817) gelangte sie sogar zu 250 i
Societäten mit 50 000 Mitgliedern. Der mannigfach gedrückte Bauer j
fend hier Theilnahme, Trost, Anregung, leider aber auch Nahrung j
für geistliche Selbstüberhebung, Heuchelei und nationalen Antago-
nismus. Der aufkommende Eationalismus Hess die von pietistiscb
angeregten Predigern und Adligen ins Land gerufene Brüdergemeine
als unschuldigen Volksglauben fortbestehen, nachdem er «ich ver-
geblich gemüht hatte, sein eigenes Licht unter das Volk zu bringen.
Ein Konflikt mit der Brüdergemeine trat erst ein, als eine Erneue-
rung des christlichen Lebens unter der (Geistlichkeit sich vollzog.
Diese ging von der theologischen Fakultät zu Dorpat aus. Alexander
I. hatte dort durch die Stiftungsxrrlöm'äLö ^oin. 1Ä02 die Universität neu
Erstes Kapitel. Die kirchliche Entwicklung. 161
eingerichtet — in einem palastartigen Gebäude. Es war Ernst
Wilhelm Christian Sartorius ans Darmstadt, firüher Professor
in Marburg, der yon 1824 — ^85 in Doxpat wirkte und die Liebe
zum väterlichen Bekenntniss erneuerte. Er hat uns in seinen »Medi-
tationen« seinen inneren Gang geschildert. Schon am dreihundert-
jährigen Jubelfest der Augustana sprach er das Wort seines Lebens
aus: Augustana semper augusta. Seine Schriften über die Person
Christi und über die heilige Liebe fanden weite Verbreitung. Mit
dem Jahre 1842 begann Philip pi seine Lehrthätigkeit in Dorpat,
w^elche nicht bloss auf seine Zuhörer, sondern auf die gesammte
lutherische Greistlichkeit einen durchgreifenden Einfluss ausübte und
zmr Erstarkung des kirchlichen Bewusstseins führte. — Nächst ihm
inrkten segensreich Keil als EiXeget, Harnack als Litorg, und
£urtz als Eorchenhistoriker. Ihre hervorragendsten Schüler wurden
Engel hardt als Kirchenhistoriker (f 1881) und Oettinger als
Bogmatiker und Moralstatistiker. Die »Inbegriffe des Christenthums
:för den gesunden Menschenverstand« verschwanden. Luthers Kate-
<}hismu8 trat in sein Recht. Ein Gesangbuch im Tone von Teller
wurde durch ein neues von Dr. ülmann beseitigt; ein Biga*sches,
ein Bevarsches Gesangbuch erschienen. Die innere und äussere
Mission wurden in Angriff genommen. Die Deutschen waren nidit
nur die Herren, sondern auch die Lehrer des estnischen und letti*
sehen Volkes. Ein hochherziger, gastfreier und freigebiger Adel
ging mit edlem Beispiel voran. Eifrig besuchte man die Kirchen;
die Sangeslust freute sich der geistlichen Lieder. Bei dieser Beg^
samkeit der erwachenden Konfessionalität fühlte man viel Hin-
derliches in dem Treiben der Brüdergemeine. Diese hatte das Loos
za einem sakramentlich-liturgischen-mystischen Gnadenakt gestempelt,
l)ei welchem der Herr als Oberältester persönlich gegenwärtig die
Uoss getauften Lutheraner von den in den Gnadenbund Eingeloosten
feierlich absonderte. Diese und andere Einrichtungen wirkten in
der lutherischen Kirche verwirrend. Harnack hat darüber ein
Buch geschrieben (1860). Die Brüdergemeine stellte mehrfe,che
IGssbräuche ab, die lutherische Geistlichkeit aber bot alles auf, um
durch die Schule und durch die kirchlich organisirte Seelenpflege
die Arbeit der fremden Gehilfen zu ersetzen, was bei den grossen
Brchspielen oft sehr schwierig ist. Die Entwicklang der luth. Kirche
ficMen eine glückliche zu werden, getragen von dem Feinsinn dor*
tiger deutscher Bildung. Der Bauernstand schritt nach Aufhebung
der Leibeigenschafb (1817) vom Erbpachtverhältniss fast ausnahmslos
zum Erbbesitz fort. Banken von der »Bitterachaft* ^e>^i5as!ÄÄ\>\ÄJ&fi50L
152 Ruasland,
/
dazu. Von letzterer d. h. von dem Orossgnmdbesitz wurde unter
kräftiger Mitwirkung der Prediger das Yolksschulwesen geschaffen,
das durch vier Seminare, durch Lehrerkonferenzen u. s. w. gefördert *"
wird. Bis vor 25 Jahren wurde auch die lettische und estnische
Yolksliteratur ÜEist einzig durch die Prediger gepflegt, wie sie denn
ihnen überhaupt ihre Entstehung verdankt In diesem Frieden brach
der erste Versuch einer Eonversion zur orthodox russischen Ejrche
ein. Er wurde von 1846—47 in Livland unter Anwendung der
verschiedensten* Lock- und Schreckmittel, durch Versprechung von \z
»Seelenlandc u. s. w. gemacht. Von den 40 — 50000 rein ftusserlich
meist nur durch den Empfang eines Salbungskreuzes an der Stim
Eonvertirten kehrten unter Alexander IL ganze Scharen zum IntL
Bekenntniss zurück. Von den Eriminalstrafen, die sie für AbM
von der russischen Eirche hätten treffen müssen, wurde wegen der
Menge der Schuldigen abgesehen. Alexander IE. hob auch in d^
Noth der Gewissen des elend betrogenen Landvolkes, in dem Jammer
einer verächtlichen Popenwirthschafb, in einer grenzenlosen sittiichea
Verwilderung durch die heldenmüthige persönliche Vorstellung dar
Pastoren Holst und Walter 1865, durch geheimen Eabinetsbefehl
für die Ostseeprovinzen, den Zwang au^ bei Ehen mit Gliedern der
russischen Eirche die Einder in dem letztgenannten Bekeimtmss za
erziehen. Ein Gefühl der Befreiung ging durch das Land. 1872
sagte Alexander zu dem französischen Zweige der fürbittenden
Allianz: Je reconnais avec vous que ce mouvement n'6tait pas sincke.
Die gegenwärtige Begierung hat diesen Zwang jetzt wiederhergestellt
(26. Juli 1885) namentlich durch den Einfiuss des allmftchtigen
Oberprokureurs des hl. Sjnods Pobedonoszew, des Grossinquisitors
und Beichtvaters des Zaren, der in seinem Fanatismus jene kaiser-
liche Bemerkung ableugnet und die besten Elemente des unglück-
lichen Reiches ersticken will. Ein geheimer ükas soll besteheiir
nach dem alle höheren Stellen in den Ostseeprovinzen mit Ortho-
doxen zu besetzen seien. Die Begierong wird darin von der pan-
slavistischen Presse unterstützt. Dieser ist es auch gelungen, unter
Anwendung socialdemokratischer Mittel, Esten und Letten in gemein-
samem Hasse gegen die Deutschen zu vereinen. Die Eonversionen
haben aufs neue begonnen. Agitatoren der schlimmsten Art nnd
der dunkelsten Vergangenheit treiben in Nordlivland und Estland
Proseljtenmacherei; Eonvertiten ist die Befreiung aller kirchlichen
Beallasten, die zu Gunsten der lutherischen Ereise an Grund nnd
Boden haften, zugestanden. Spione lauem bei den Eommunionen
der Lutheraner, ob nicht irgend ein Eonvertit zugelassen wird. Man
Zweites Kapitel. Ein Büd der gegenwärtigen Lage. 158
Uagt dann an. Ein Pastor ist nach Smolensk geschickt worden,
leaerdings wieder freigegeben, doch nicht in den Dienst seiner
Ifibnath. Die baltische orthodox-rassische Brüderschaft verfolgt mit
glossartigen Mitteln ähnliche Zwecke. Vier Missionare, mit 1000
BUL Jahrgehalt angestellt, sind thätig. Die deutsche Schale soll
lerstfirt werden. Ein Bittgesuch an den Kaiser erschien als ganz
migehörig. (Die Lage der ev. Kirche erscheint aussichtslos, da jeder
auch nur seelsorgerische Tadel der orthodoxen Kirchenlehre und
Gebräuche strafirechtiicher Verfolgung unterliegt. Mit brutaler Roh-
heit wüthet das arme Bussland gegen sich selbst.) Jn Kurland sind
1885 994 Personen zur griechisch-orthodoxen Konfession übergetreten.
In Esthland betreibt der Fürst Schachowskoj die Bussificirung.
Konvertirte Bauern werden der Verpflichtung entlassen, ihre Pacht
zu bezahlen, lutherische Kirchen ihres Einkommens beraubt. Die
Existenz der Universität Dorpat ist bedroht; selbst der Beligions-
unterricht soll in russischer Sprache ertheilt werden. Eine »Ueber-
gangsreligion« ist erfunden"'). April 1887 wurde die Einführung
der russischen Unterrichtssprache in allen deutschen Gymnasien und
Bealschulen befohlen, (regen 40 Pastoren sind Anklagen wegen
»Verbrechen« beim weltlichen Gericht erhoben. Man schreitet von
Gewaltakt zu Gewaltakt. Obgleich die Lage der lutherischen Kirche
aussichtslos erscheint, so verlieren dennoch die Pastoren, die Bürger-
schaft und der Adel nicht die Freudigkeit, sondern setzen ihre Hoff-
nimg allein auf Grott, der ihren Vätern schon oftmals so wunderbar
dordigeholfen hat. Jn Folge der Trübsal wächst auch in den Ge-
meinen die Liebe zur Kirche.
Zweites Kapitel.
Ein Bild der gegenwärtigen Lage.
Es ist ein ungeheures Gebiet: vom Nordkap bis zum Ararat
tmd schwarzen Meere und von den baltischen Gestaden bis zum
stillen Ocean, auf dem sich die ev. Kirche Eusslands ausbreitet.
Man theilt sie in drei grössere Körperschafben: die Kirche des Gross-
*) Die Bedrückung der Deutschen mid die EDtrechtung der prot.
E. in den Ostseeprovinzen, 1886. Die lettische nationale Bewegung und
die kurländische Geistlichkeit, 1886.
154 Bassland.
fürstenthnms Finnland, die des früheren Königreichs Polen tmd die
des gesammten übrigen Reiches. Letztere hat durch das Gesetz für
die ev. lutherische Kirche in Bussland vom 28. Dezember 1832 ihre
rechtliche Grundlage empfangen. Das G^neralkonsistorium in Peters-
burg ist die kirchliche Oberbehörde. Es hat 8 Konsistorien unter
sich. Der geistliche Präses desselben ist der Oberhirte eines Konai*
storialbezirkes. Dem Prediger stehen in den einzelnen Gemeinen
Stadtkirchenräthe zur Seite. In den Landgemeinen gibt es Kirchen-
vorsteher. Die Konkordienformel, eine an die schwedische Tom
Jahre 1687 sich anschliessende Agende bestehen zu Becht. Der
Petersburgische, Moskauische *und ein Theil des Kurlftndischen Be-
zirks umfassen auch die weitausgedehnte, in kleinen Gruppen un-
übersehbar versprengte, pastoral unendlich mühevoll zu pflegende
lutherische Diaspora. Der Petersburgische Konsistorialbezirk vom
flnnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer zählt in der Haupt-
stadt selbst in 18 Kirchspielen etwa 70000 Lutheraner mit wohl-
organisirter Armenpflege und mancherlei Asylen, um die Stadt
zieht sich ein Kreis kleiner deutscher Gemeinen. Traurig sind die
Zustände in den 19 finnischen Landgemeinen. Li den nach Norden
und Osten von der Hauptstadt gelegenen 6 Grouvemements zeigt
die Stadt Kiew ein reges Leben. Li dem Süden Busslands breitet
sich eine lutherische Bevölkerung von 130000 Seelen aus. Li Odessft
ist eine grössere Gemeine au%eblüht. Li den Kolonien waltet ein
stark schwäbisches, frommes Element mit kirchlichem Bewusstsein,
von den Baptisten heimgesucht, neben methodistischen Springern
und Hüpfem, mehr in Laxheit versinkend, nachdem die Kolonial-
obrigkeiten aufgehoben sind. Man übt hier die Armen- und Waisen-
pflege und hat in Sanata ein Diakonissenhaus und in Herzlieben-
thal ein Haus der Barmherzigkeit.
Der Moskauische Konsistorialbezirk umfasst 382 860 Einge-
pfarrte; nur in Moskau fester geordnete Gemeinen, sonst überall das
schmerzliche Bild des vergeblichen Bingens der Hirten um Erhal-
tung der Herden. An der Berg- und Wiesenseite der Wolga wohnen
fast 300 000 Lutheraner, die auf dem immermehr erschöpften Boden
eine Hungersnoth hervorriefen, in Schulden sinken, ohne genügende
Schulbildung, wenn auch nicht ohne kirchlichen Sinn. Sie sind von
etwa 54000 ursprünglich Beformirten, von »neuen Brüdern«, die
eine Gemeine der Sündlosen darstellen wollen und von Baptisten
durchsetzt. Dabei grosser Mangel an Pastoren. Der Kaukasus wird
von 4 Gemeinen aus pastorirt; interessant ist eine kleine luth. Ge-
meine Schemachu und Baku armenischen Ursprungs. La Sibirien
Zweites SapiteL Ein Bild der gegenwärtigen Lage. 155
Uen 6649 Lutheraner wohnen, namentlich in den Deportirkolonien,
5 Kirchspiele vertheilt mit den schwierigsten Verhältnissen. Ofb
dem Elend der Goldwäschereien und Bergwerke. Als der Gtene-
Isoperintendent Jürgenssen Taschkent und Sibirien bereiste,
innte er zwei Wochen nur Thee als Nahrung erhalten und starb
Folge der Erschöpfung (1886). Die Probstei Wilna zum kurlän-
schen Konsistorium gehörig umfasst 86 888 Seelen in vielfach ver-
immerter Lage.
Li dem Konsistorialbezirk von Kurland, Biga, Livland, Oesel,
ithland und Beval ist die absolute Mehrheit der Bevölkerung luthe-
ich. Hier ist ein so guter Stand der Volksschulen, dass 1881 auf
Kinder 1 Schule kam. Neuerdings wächst der Baptismus. Eine
^enthümHche geistige Bewegung zeigt sich auf den Insehi Nukoe
id Worms. Eine reiche Liebesthätigkeit betreiben die estnische
axrerversorgungskasse, die Bücher- Verlagskasse, der Tractatverein,
e ev. Bibelgesellschaft. Bischof Dr. ülmann rief eine ünter-
ützungskasse der luth. Gemeinen 1858 hervor. Sie wird von dem
sntral-Comite in St. Petersburg geleitet und hat eine jährliche
innahme von ca. 60 000 Bbl. Es gibt christliche Leihbibliotheken,
deutsche Gemeineblätter und die Theologische Monatsschrift. Die
eidenmission steht mit Leipzig in Verbindung. Das Literesse der
adenmission ruht auf den Bewegungen in Ejschinew. Die ünter-
cützungskasse verfügte 1886 über 62017 Eubel.
Die ev. lutherische Kirche des früheren Königreichs Polen um-
Lsst etwa 327 845 Protestanten, Lutheraner und Beformirte mit
Drwiegend deutschem Charakter, seltner schon Htthauischem und
ohiischem. Die gesetzliche Grundlage ist das Gesetz vom 8./20.
ebruar 1849. Li Warschau ist ein Evangelisch-Augsburgisches
onsistorium. Unter einem Generalsuperintendenten stehen vier
aperintendenten. Die Gemeinen wählen die Prediger. Kirchen-
sUegien stehen diesen zur Seite. Die Volksschulen sind jetzt der
ufsicht des Predigers entzogen und in Simultanschulen verwandelt,
ie Unterrichtssprache ist die russische. Die Verdrängung der
3utschen Sprache bewirkt eine starke Auswanderung in andere
issische Provinzen. Neuerdings tritt der sonst herrschende Batio-
idismus etwas zurück. Lol Grusien zählt man 8 luth. Gemeinen,
. TipUs die wichtigste; sie sind synodal verfasst. Ln Gouveme-
ent Gerson ist die einst aus Württemberg geflüchtete Gemeine
of&iungsthal. Die ev. lutherische Kirche des Gxossfürstenthums
innland zählt 2019727 Lutheraner. Bischöfe und ein Domkapitel
nrwalten sie. Eine Generalsynode mit einem Laien-Element hat
156 Bnasland. Zweites Kap. Ein Büd der gegenwftri. Lage.
die Legislation in Händen. Die Gemeinen wählen die Pastoren, j
diese die oberen kirchlichen Stufen. Die von der Eirche getrennte I
Schule hat doch yorwiegend geistliche Direktoren. Die üniversititt r
ist Helsingfors. In Wiborg ist ein Diakonissenhans. Eine Bibd- p
geseUschaft ist in Thätigkeit. Die Mission arbeitet unter den tief
gesunkenen Lappen und unter den Ovambo in Afirika. Ln eigenen
Lande wird der Branntweinyerkauf von den Gemeinen bewacht. Eine
pietistische Eichtung ist durch den Bauer Paarvo Buotsalainen her-
vorgerufen; ihr gegenüber betont die Bechtfertigungslehre der Probst
Hedberg. 1878 hat sich auch ein ev.-luth. Verein gebildet.
Die reformirte Eirche Busslands hat ihren geschmackvollen Ge-
schichtsschreiber in dem Eonsistoriahuth und Pastor Dr. th. Her-
mann Dalton, der uns auch mit seiner anmuthigen Feder das
Leben des Vaters Gossner und des Beformators Johannes a
Lasco beschrieben hat, ein durch Beisen und Beisebilder in Europa
bekannter Mann. Ueber evangelische Strömungen in Bussland bat
er in den christlichen Zeit&agen berichtet. Hier er£a>hren wir etwas
von den »Stundistenc und den Bemühungen des Lord Bad stock
und seines Schülers Paschkoff. Gteme folgen wir ihm, wenn er
uns den Beiz der Einsamkeit auf den steppenweiten Gebieten der
ref. Eolonisten schildert. Die ref. Eirche Busslands zählt 2 grössere
Zusammenfassungen von ref. Gemeinen: den litthauischen Synodal-
bezirk und den Warschauer. Die übrigen 10 Gemeinen stehen unter
den reformirten Sitzungen der »Eonsistorienc zu Petersburg, Moskau,
Biga und Mitau, welche die Ehesachen, die Prüfung und Ordination
der Eandidaten zu verwalten haben. Sehr regsam ist die deutsch-
ref. Gemeine in Petersburg (1047 Eommunikanten) mit einer Schule
verbimden. Ihre Jahresberichte kommen auch ins Ausland. Sie
bewahrt das Gedächtniss des Schweizers Johannes von Muralt,
dessen Leben Dalton erzählt hat. Bei der litthauischen reformirten
Eirche begegnen wir überall den Verwüstungen der Jesuiten. Der
Heidelberger Eatechismus war im Lande verschwunden. Ein zer-
tretener, mit Blut gedüngter Boden. Jetzt leitet eine Synode (Prä-
sident gegenwärtig Graf Puttkammer) und ein Synedrium die
Eirche. Die laufenden Geschäfte führt ein ref. Eollegium zu Wilna.
Die Staatsschulen haben die russische Sprache. Ein Gymnasium
zu Sluzk ist von der Begierung ' eingezogen. Es gibt 14 G^emeinen
mit 11125 Seelen, auf denen Armuth und Niedergang liegt Am
3. Dezember 1879 starb der Generalsuperintendent Stefan von
Lipinski: ein zurückgebliebener erratischer Block, der an die ent-
ßcbwundene polnische Glanzzeit mQjlmQ.\A. ^m «tcenger Calvinist und
Oesterreich-Üngarn. Erstes Kapitel Die Toleranzzeit. 157
ner aller freieren Bichtangen; eine ehrwürdige alte Gestalt mit
^arzseidenem Oewand. Ein echter polnischer Nationalheld, der
Schmerz den Ab&ll des ref. Adels sah. In Polen ist die Yer-
nng eine konsistorial-synodale. Ihr Becht beruht anf dem Oe-
e von 1849. In den 9 Pfarrgemeinen wird in 4 Sprachen ge-
t und gepredigt. Im Allgemeinen schätzt man die Beformirten
den 40 000 an der Wolga anf 71 159. Methodisten gibt es 34217"').
7. Oesterreich-Ungam.
A. Oesterreich.
nratnr: Ausser den im Text angegebenen Quellen hier noch folgende
Schriften: Die Rechte und Verfassmig der Akatholiken in dem
Österreich. Kaiserstaate yon Jos. Helfert, 1848. Die Berichte
über die Konferenz des Jahres 1848 und die Versammlung der
Superintendenten vom Jahre 1849. Letopisy, ev. cirkvi vlast.
z. r. 1848 und 49 von Jos. Buzioka, 1850« Lehrbuch des allg.
und österr. ev. protest. Kirchenrechts von Karl Kuzmanj, 1856.
Urkundenbuch zum Osterr. ev. Kirchenrecht, 1856, von demselben.
Pamatka, roku slaynostniho von Janata, Subert und Tardj,
1868. Die Rechte der Protestanten in Oesterreich, yon Gustay
Porubszky, 1867. Die K K. ey. theol Fakultät in Wien, yon
Frank, 1871. Das Eyangelium in Böhmen, yon Lemme, 1877.
Doba poroby a yzkriseni, yon Adamek, 1878. Les fSglises de la
confession Hely^tique en Boheme et en Morayie et Ja question
scolaire, 1879. Kaiser Joseph 11. und die Protestanten in Oester-
reich, yon Stursberg, 1881. Weghs »Zapiskyc, herausgeg. yon
Szalatnay, 1882. Austrian Ideas of Religious Liberty by R. S.
Ashton, 1881. Toleranz und Intoleranz gegen das Eyangelium
in Oesterreich, yon Zimmermann, 1881. Zu beachten sind auch
die kirchl. Briefe aus Oesterreich in der Ey. Kirchenztg., 1868,
Nr. 95. ChristL Zeitfragen, Vü, Heft 2. Schematismus der ey.
K. Augsb. und Hely. Bekenntn., 1886. Witz, das ey. Wien, 1887.
Trautenberger, Ein Vierteljahrhundert unter dem Gustay-
Adolfig-Banher, 1862—1887.
Erstes Kapitel.
Die Toleranzzeit
Die Yerfolgongen der Evangelischen dauerten mit wenigen
inahmen (Schlesien, Galizien, Triest) bis zmn Tode der Kaiserin
*) Quarterly Register of th. AU. of ref. churches No. 7^ Jub^ tB&7«
158 Oesterreich-Ungam.
Maria Theresia: das erlösende Wort sprach erst Joseph IE. nach
seinem Begienmgsantritt 1780. Nach einigen vorausgehenden vor-
bereitenden Dekreten erscheint am 13. Oktober 1781 das Toleranz-
patent. Unbeschreiblich war die Freude und innig der Dank der f=
bisher unterdrückten und verfolgten Protestanten, die nun ein pri-
vates Glaubensexercitium entweder nach der Augsburgischen od&
Helvetischen Eonfession ausüben konnten (A. C. und H. 0).
Im Jahre 1782 zählte man 78 722 Ev. A. u. H. C,
» 1783 » » 79226 » » » »
» 1785 » » 107454 » » » »
» 1788 » » 156865 » » » »
In Böhmen und Mähren bekannte sich die Mehrzahl zur H. C,
ein neuer Beweis für die Zugehörigkeit der alten böhmischen Bräder-
kirche zu den Beformirten, denn der Einfluss der Schriften der
Unität war der Grund dieser Erscheinung.
Leider wurde der Uebertritt durch das Dekret vom 25. Dezem-
ber 1782 beschränkt, welches für die vom Eatholidsmus üeber-
tretenden den sechswöchentlichen Religionsunterricht beim katho-
lischen Pfarrer festsetzte, von denen mancher diesen Unterricht auf
Monate, ja Jahre ausdehnte. Erst das Jahr 1848 befreite die Ueber-
tretenden von der Qual dieses Unterrichts. Die lutherischen Ge-
meinen erhielten ihre ersten Prediger aus der Slovakei in Ungarn
und aus Deutschland, auch aus anderen Ländern. Ebenso bekamen
die 4 reformirten deutschen Gemeinen ihre ersten Prediger ans
Deutschland und Holland. Die böhmischen reformirten Gememen
standen eine Zeit lang rathlos da, bis sich endlich auf ihr wieder-
holtes Bitten, und das Drängen der Regierung ungarische (magya-
rische) Kandidaten entschlossen, dem Rufe der neuen Gemeinen za
folgen, deren Sprache sie erst zu erlernen hatten. Freudig wurden
sie von den ref. Böhmen angenommen als die sehnlichst erwünschten
Prediger ref. Bekenntnisses; 87 gingen nach Böhmen, 15 nacli
Mähren*), denen im Laufe der Jahre noch andere folgten, bis böh-
mische Jünglinge Theologie studirten und vakante Stellen übernehmen
konnten. Der Gottesdienst wurde nach ref. Ordnung eingerichtet
und der Heidelberger EAtechismus in den meisten Gemeinen als
Lehrbuch eingeführt.
In den meisten Gemeinen wurden auch sofort Schulen errichtet,
*) Die Nachkommen von 7 dieser ersten Prediger stehen noch jetst
im Dienste der ref . Kirche : Molnar, Kun, Tardy, Szalatnay, Nagy,
Solteaz, Garcik.
Erstes KapiteL Die Toleranzzeit. 159
deren Lehrer allerdings oft ohne die nöthige Vorbildung waren und
sieh auf Unterweisung des Einfachsten beschränkten. Im Jahre 1784:
wurden für die (Jemeinen die ersten Superintendenten bestellt und
ebenso die Konsistorien in Wien errichtet. Jede Konfession erhielt
ihr eigenes Konsistorium; beide hatten einen gemeinschaftlichen
kath. Präses (einen Juristen).
Kaiser Joseph ü. war der Ueberzeugung, dass beide ev. Kon-
fessionen so von einander abweichen, dass jede ihre eigene Kirchen-
verfessung haben müsse. Als aber die Evangelischen in Wien A.
und H. 0. sich imionistisch äusserten, Hess es Joseph zu, dass für
beide Kirchen ein und dieselbe kirchenregimentliche Ordnung be-
stimmt werde. Die Gemeinen wählten sich ihre Presbyterien und
ihre Pfarrer und Schullehrer. Die Senioren und Superintendenten
wurden von der politischen Obrigkeit ernannt.
In der ersten Zeit wurden auch Synoden, besonders von den
ref. Predigern in Böhmen abgehalten, bald jedoch untersagt.
Als nach Kaiser Josephs Tode die böhm. Stände an Kaiser
Leopold n. dpÄ Verlangen stellten, das Toleranzpatent wieder auf-
zuheben, wies dieser das Ansinnen mit Entschiedenheit zurück. Aus
der Zeit Kaiser Franz I. ist besonders zu bemerken, dass die Be-
strebungen nach Errichtung einer eigenen theol. Lehranstalt zur
Ausführung gelangten. Bis dahin erhielten die Studirenden der
Theologie ihre Bildung auf ungarischen Gymnasien und Fakultäten.
Im Jahre 1814 wurde die akatholische Lehranstalt zu Teschen in
ein akatholisches Gymnasium umgewandelt und im Jahre 1821 eine
theoL Lehranstalt für die Studirenden der Theologie A. und H. C.
in Wien eröföiet. Dieselbe stand unter einem Studiendirektor (der
einer der Wiener Pastoren war) und unter der Aufsicht der Kon-
sistorien. Die Professuren der Exegese und Dogmatik sollten mit
je einem Professor A. C. und H. C. besetzt werden, bezüglich H. C.
kam diese Anordnung vollständig nie zur Ausführung, was von ref.
Seite auch sehr beklagt wurde. Zunächst wurde ein Professor der
Exegese H. C. Patay aus Ungarn, berufen; ihm folgte Szeremley
als Professor fiir Dogmatik H. C; nach dessen Eücktritt im Jahre
1856. nach einer 7jährigen Vacanz, wurde Dr. Bohl als Professor
fOr Dogmatik und Symbolik berufen. Von ihm haben wir das ein-
zige Lehrbuch der reformirten Dogmatik in diesem Jahrhundert:
Dogmatil. Darstellung der christlichen Glaubenslehre auf refor-
mirt-kirchlicher Grundlage, 1887. Alle übrigen Stellen hatten bis
jetzt nur Professoren A. C. Das 300jährige Jubiläum der Refor-
mation durch Luther und Zwingli wurde mit Genehmi^an^ der
160 Oesterreich-Ungam.
Begienmg im Jahre 1817 in allen Gemeinen A. 0. und H. 0. mit ^
grosser Innigkeit und tiefem Dank gefeiert. Nach den Berichten jj
der einzelnen Pfarrämter verfiEisste der luth. Pfiarrer Qlatz in Wiea -t
eine Geschichte dieser Feier.
In ihrer nur tolerirten Stellung verblieben die Evangelischea ^
beider Bekenntnisse während der Begierung der Kaiser Franz und/
Ferdinand I. Vergleicht man die ersten Jahre der Begierong
Joseph n. mit dieser späteren Zeit, so lässt sich nicht leugnen, .
dass sogar eine Verringerung und Beschränkung der ihnen ye^ -
liehenen Duldung eingetreten war. Bei Ertheilung des Toleraii2- ^
Patents war der üebertritt zur ev. Kirche H. C. oder A. C. för
jedes Alter frei und Kinder traten zugleich mit ihren Eltern über.
Jetzt durfte ein Katholik vor seinem 18. Jahre nicht übertreten.
Die Beverse zu katholischer Kindererziehung in gemischten Ehen
waren von Kaiser Joseph aufgehoben. Im Jahr 1842 wurden sie
wieder eingeführt, wogegen die Gestattung der Eheschliessung per
passivam assistentiam einen sehr geringen Ersatz bot*). Der Be-
zug der Bibeln ausländischer Bibelgesellschaften war yerboten u.a.m.
Doch die Tage einer besseren Zeit, die der gesetzlich gesicherten
und gleichberechtigten Stellung, waren bereits nahe. Das Jahr 1848
brachte auch hierin eine Aenderung. Während der Toleranzzeit
war die sociale Stellung der Evangelischen und besonders ihrer Pre-
diger eine sehr gedrückte. Um so inniger hielten sie zu einandw.
Gemeineglieder und Prediger besuchten sich häufig, Grastfreundschaft
*) Da Ehen von Brautpaaren verschied. Eeligion nur vor dem rOm.
kathol. Priester geschlossen werden konnten, befanden sich jene in der
denkbar peinlichsten Lage, wenn der evangel. Theil den Etevers wegen
kathol. Eindererziehung nicht ausstellen, oder der eine Theil noch vor-
her zu der Religion des andern nicht übertreten wollte. Da der üeber-
tritt zur evangel. Religion aber, so lange das sechswOchentliche Examen
gefordert wurde, zumal in einem solchen Falle, bekanntlich nicht leicht
bewerkstelligt werden konnte, so wurde diesem Gewissenszwange daduich
einigermassen abgeholfen, dass der Papst über eine Vorstellung der
(^sterr. Bischöfe durch ein Breve, welchem am 24. Aug. 1841 das placetom
ertheilt wurde, gestattete, dass solche Ehen, wo der evang. Theil sich
zu keinem Reverse entschliessen wollte, per passivam assistentiam sacer-
dotis, d. h. vor dem in gewöhnlicher Kleidung gegenwärtigen Priester
ohne die üblichen Ceremonien der röm. Kirche, lediglich durch AnhOmng
des gegenseitigen Eheversprechens, gültig geschlossen würden. Eine
nachträgliche kirchliche Befestigung dieser Ehen seitens des evangeL
Oeistlichen war streng untersagt.
c.
Entes KapiteL Dia Toleranzzeit. 161
imrde in herzlichBter Weise geübt. Man schreckte vor meilenweiten
Wegen nicht zar&ok. Man theilte sich gegenseitig Erendiges nnd
Seiinierzliches mit nnd berieth über den besten Weg, die Hinder-
asse zu überwinden, nnd hiebei ein gleichmässiges Vorgehen zn
leaditen. Auch Eröffiinngen von Bethänsem, Schulen, oder auch
Begräbnisse u. s. w. gaben Anlass zu zahlreicheren Zusammenkünften.
Iha that besonders den ungarischen Fredigem noth, die die Yer-
Iilltzdsse des Landes und Volkes und die bestehenden Gesetze erst
kennen zu lernen hatten. Die Gemeinen standen mit ihren Pastoren
im herzlichsten Verkehre. Freilich waren auch die Pastoren an-
spruchslose eiaÜEUshe Seelsorger, die ja ihre theure Heimat in dem
Bewusstsein verlassen hatten, zu einem armen, einfia.chen Volke zu
ziehen, das nur in seinen niedrigen Bauemhütten sich den Eest
der Bekenner des Evangeliums bewahrt hatte, während die bemittel-
teiren Klassen, die Intelligenz, die adeligen Geschlechter in der Ge-
walt des Papstthums verblieben. Die Kirchen waren ein&*ch ohne
Tfannn, Glocken und Orgeln, aber bei den Beformirten gut reformirt
eh&gefichtet , ohne Altäre, denen zu Liebe die Kanzel bei Seite ge-
schoben wird. Die Kanzel nahm den -Hauptplatz ein und vor ihr
stand ein Tisch zur Bedienung mit den Sakramenten und för andere
Fonktionen. Bei dem gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst wurde nur
die Kanzel benützt. Die ersten Prediger, zumal bei den refomdrten
Böhmen, waren auch ihre ersten geistlichen Schriftsteller; freilich
bedienten sich die ersten ungarischen Prediger hiebei einheimischer
Hülfe; ein katholischer aber literarisch tüchtiger Jüngling, der
spftter als Literat eine hervorragende Stellung einnahm, war ihr
Translator und Korrektor. So wurde sofort eine Agende, der Heidel-
berger Katechismus und die 2. helv. Konfession ins Böhmische über-
setzt und herausgegeben. In Mähren war besonders der erste Super-
intendent Blazek, der böhmischen Sprache von Hause aus mäch-
tig, hierin thätig, in Böhmen vor allem der feurige Wegh. Auch
Gesangbücher und Gebetbücher erschienen, jene wurden jedoch' meist
nur in Mähren benützt, in Böhmen wurden die Lieder bis in die
neueste Zeit meist nur von dem Vorsänger vorgesagt und von der
Gemeine nachgesungen. Die Gemeineglieder selbst hatten während
des Gottesdienstes kein Gesangbuch. Man sang Lieder und Psalmen,
diese nach den Goudimerschen Melodien, in der alten üebersetzung
des Predigers der alten Brüderunität vom Jahre 1585, Georg Stryc.
Eine Geschichte der Gründung der Gemeinen verfasste Wegh und
Szalatnay, jene ist im Auszuge gesondert erschienen, diese in der
Zahn, Eirchengeschichte. 2. Aufl. 11
Ig2 Oesterreich-Üngam.
ref. Zeitschrift Hl. ze S. veröffentlicht worden. Selbst die Katholü^i
freuten sich über diese literarischen Anftnge, und der Bector d^
Prager Universität, zugleich Mitglied der OensurbehOrde, mit
Wegh dieserhalb zu verkehren hatte, sagte zu diesem: Nehmt
nur der Böhmen an; denn exstirpata religio, exstirpata eruditiol
Zweites EapiteL
Die Zeit der Gleichberechtigung.
Die kaiserl. Konstitution von 25. April 1848 gewährte in §. 17
den österreichischen Unterthanen die voDe Freiheit des Bekennt»
nisses. Die hienach den Evangelischen zu gewährenden Rechte, dis
interkonfessionelle Stellung, die Neuorganisimng der Kirche beschul-
tigte alle (Geister der Evangelischen und Adressen und Gresuche
wurden an das Ministerium und die Konsistorien gerichtet, die alle
vornehmlich auf Gleichberechtigung der christlichen Konfessionen
und eine presbyterial-sjnodale Kirchen- Yer£Ehssung hinzielten; anA
der Union beider ev. Kirchen gedachten. Der mährische reformirte
Superintendent Samuel v. Nagy in Yanovic lud Vertreter beider
ey Konfessionen zu einer Konfelz nach Wien ein. die auch vom J
3. — 11. August 1848 abgehalten wurde und die nächsten Wünsche
der Evangelischen formulirte: statt »Akatholikenc sollen dieBekenner
der ev. Kirchen »Evangelische« genannt werden; der IJebertritt von
einer Religion zur anderen sei frei; das Bekenntniss der Kinder
werde den Eltern anheimgestellt; Stolgebühren und sonstige Giebig-
keiten an die römisch-katholischen Pfarrer seitens der Evangelischen
haben zu entfaUen; gemischte Ehen sollen auch nur vor dem ev.
Pfarrer geschlossen werden können. Die ev. Pfarrer haben ihre
Matrikeln selbstständig zu führen. Die YerfiEissung der Kirche sei
synodal. Bezüglich der Union wurde ausgesprochen, dass sie vor-
zubereiten sei. Die Beschlüsse wurden mit Begleitberichten dem
Minister Doblhoff und dem konstituirenden Beichstage vorgel^
Unterdessen voUzog sich der Thronwechsel, Ferdinand rerig-
nirte und Franz Joseph bestieg am 2. Dezember 1848 den Kai-
serthron und bald erfreute dessen Regierung die Evangelischen
Oesterreichs mit dem Dekret vom 30. Januar 1849, welche einige
der meistgeföhlten Mängel beseitigte: die Protestanten sollen nun
Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigcmg. 163
mehr Akatholiken, sondern Evangelische A. C, resp. H. C.
fittsseii; der Uebertritt nach zurückgelegtem 18. Lebensjahr ist frei,
;% dass der üebertretende sich noch einem sechswöchentlichen
'lottnen zu nnterwerfen hätte. Die ev. PfEirrer fahren ihre Matrikeln
^ststftndig; die evangelischen Brautpaare sind nur in der evan-
tiischen Kirche aufzubieten; die gemischten auch in der evange-
BcheiL Als nun auch durch das kais. Patent vom *4. März 1849
ieder volle Glaubensfreiheit gewährt und jeder gesetzlich aner-
nnten Kirche und Eeligionsgenossenschaft volle Selbstständigkeit
der Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten zuerkannt
irde, war in den evangelischen Kirchen grosser Jubel. Zur Er-
ittnng eines Vorschlages, wie noch die künftige, gleichberechtigte
ellung der evang. Kirche neben der katholischen und in ihren Be-
^tmgen zum Staate im Wege einer besonderen Erchen-Verfassmig
. regeln sei, wurde von dem Ministerium im Jahre 1849 eine Ver-
rrnnluTig der Superintendenten und ihrer Vertrauensmänner einbe-
fen und dieselbe am 29. Juli 1849 in Wien erö&et; 18 Eefor-
irte und 28 Lutherische nahmen an derselben Theil. Die Beschlüsse
»rselben waren im Wesentlichen eine Wiederholung und Ausführung
ner der Konferenz vom Jahr 1848. Eine presbyterial-synodale
irchenver£Etösung wurde in ihrem Grandrisse gezeichnet, die Kon-
storien sollten aufhören und an ihre Stelle ein von der Vertretung
er G«sammtkirche beider Konfessionen gewählter Eeichskirchenrath
raten. Die Beschlüsse der Eeichssynode sind der Eeichsregierung
orzulegen und treten in Kraft, wenn sie von dieser nicht bean-
bandet werden. Zur Feststellung dieser Kirchen-Verfassung sei
ine Synode ad hoc einzuberufen.
Die Beschlüsse wurden in -einer besonderen Denkschrift vom
8. August 1849 durch eine Deputation dem Kultusminister Grafen
leo Thun überreicht, welcher diese aufs Wohlwollendste empfing
nd die Aufinerksamkeit und Beachtung des Gutachtens seitens der
iegierung zusagte.
Die mit Sehnsucht erwartete Erledigung dieser Angelegenheit
ms jedoch lange auf sich warten. Jahre vergingen und es schien,
b wenn alle Anstrengungen vergeblich gewesen wären und die
vangelischen die ümen im Princip zugesicherte Eechtsstellung und
utonomie thatsächlich nicht erhalten, vielmehr in dem schon ver-
ladenen kargen Besitze noch geschmälert werden sollten. Es waren
kbre der Beaktion, wie in politischer, so in religiöser Hinsicht, wo
ir Absolutismus sich durch Mehrung der Macht der römischen
rche zu festigen und dem Staate dadurch am Besten zu dienen
164 Oetterreich-Üqgsnu
glaubte. Durch den Abschluss des Konkordats vom Jahr 1855 solUn
die letzten Beste des Josephinismns im Yerhältniss des Staates xor
römischen Kirche getilgt werden. Dieser »unselige Vertrage, (m
ihn auch der G«meinerath von Wien nannte), erklärte die römisdift
Kirche für die privüegirte Kirche des Reiches, sah bezüglich d«
Enunciationen des Papstes von einem placetnm regium ab; steQle
das ganze Schulwesen unter die Au&icht des Episkopats, das Bücher
wesen unter bischöfliche Censur; übergab die Priester und dem
persönliche Freiheit in die Gewalt ihrer Oberen, denen der weltüehe
Arm hiebei den nöthigen Beistand zu leisten hatte; gestattete die
freie Entfaltung der bestehenden und die Einführung neuer Ordet
u. s. w. Die Jesuiten kamen nach Oesterreich zurück. Die £van>
gelischen empfsuiden bald den ihnen feindseligen Eonkordatsgeist,
wenn auch nicht überall in gleichem Masse. Er erstreckte sidi bis
auf die bisher gemeinschaftlichen Friedhöfe, von welchen die £van>
gelischen entweder ganz ausgeschlossen wurden, oder aber mit ihm
Todten auf die für die Selbstmörder abgesteckten Plätze verwiesen
wurden. Die Evangelischen wurden hierdurch genöthigt, an nicht
wenigen Orten, sich neue eigene Friedhöfe zu errichten.
Da brach der Österreich-italienische Krieg aus; Oesterreich verlor
im Kampfe mit Napoleon die Lombardei. Die Folge dieses Schlages
war eine Aenderung in der inneren Politik. Den 15. August 1859
erliess der Kaiser ein Manifest an seine Völker, in welchem er
ihnen Verbesserungen in der Verwaltung und Gesetzgebung zusagte.
Am 21. Aug. 1859 entliess er den Minister Bach. Am 5. März 1860
wurde durch ein kais. Patent eine neue konstitutionelle Aera ein-
geleitet.
Bereits am 1. September 1859 war der neue Staatsminister
beauftragt worden, die geeigneten Einleitungen zu treffen, damit
auch in dem Eorchenregimente der den Konsistorien in Wien unter-
stehenden Evangelischen A. und H. C. jene Verbesserungen ein-
geführt werden, welche anerkannten Bedürfiiissen entsprecheiL Die
Konsistorien wurden angewiesen, die Berathungen der Versammlung
vom Jahr 1849 in Erinnerung zu ziehen, in wie weit unter Auf-
rechthaltung der Konsistorialverfiarssung den Evangelischen in der
aufsteigenden Gliederung der kirchenregimentlichen Organe eine
Betheiligung einzuräumen wäre und welche Veränderungen in der
Einrichtung imd Zusammensetzung der Konsistorien wünschenswerth
wären und hierüber dem Minister Bericht zu erstatten. Den Vor-
sitz in den Konsistorien solle von nun an nur ein Mann führen^
welcher einem der ev. Bekenntnisse angehört. Zum. ersten ev. Prä-
r:_
Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigung. 165
ienten wurde der ans Siebenbürgen gebürtige, in Yer&ssnngs-
ehen und deren Geschichte wohl versirte Ministerialrath Jos. An-
•eas Zimmermann ernannt. Die Konsistorien schritten unter
m Vorsitz des neuen Präsidenten sofort an die Arbeit und legten
. Jahr 1860 dem Ministerium einen Entwurf einer Kirchen-Yer-
tsnng für beide ev. Kirchen vor. Derselbe darf das Zeugniss
fli(dier Erwägung und möglichster Wahrung der kirchlichen Au-
lomie xmd entschiedenen Eintretens für die Interessen der Kirche
- sich in Anspruch nehmen. Auch die durch die Verordnung des
nisters vom Jahr 1850 ihrer kirchlichen Unterordnung enthobene
M>L Fakultät soUte mit der Kirche wieder in organische Verbin-
ng gebracht, der Oberaufsicht des Oberkirchenraths, welchen
unen die Konsistorien in der neuen Verfassung erhalten sollten,
iterstellt und eine Lehrkanzel an derselben nur nach Abgabe eines
xtachtens resp. eigenen Vorschlages des Oberkirchenrathes besetzt
arden, ein gewiss völlig begründetes Verlangen, wenn die Fakultät
ndir^ade der Theologie für den Dienst in dieser Kirche vorbe-
iten soIL
Es war die Absicht des Ministers Thun, allen Evangelischen
. und H. C, auch denen der Länder der ungarischen Krone eine
a Wesentlichen gleichgeartete Verfassung zu geben: für Ungarn
urde dieselbe bereits im Jahr 1859 publizirt, stiess jedoch, vor
Uem bei der ungarisch-reformirten Kirche, die sich durch diese
ctroyirte Ver^sung in ihren Eechten beeinträchtigt sah, auf solchen
Widerstand, dass dieselbe schliesslich wieder zurückgezogen wurde,
de Evangelischen der deutsch-slavischen Länder erblickten in dem
[ais. Patent vom 8. April 1861 und der zugleich publicirten provi-
orischen Kirchen-Verfassung vom 9. April 1861, wiewohl dieselbe
on den Beschlüssen des Jahres 1849, auch von dem Konsistorial-
atwurfe vom Jahr 1860 in Manchem und Wesentlichem abwich,
och einen Akt Kaiserlicher Huld und Treue, der die Herzen der
ivangelischen mit grosser Freude erfüllte und zu Dank gegen Gott
nd den Kaiser stimmte. Durch diese Akte wurde die »den Evan-
ehschen beider Bekenntnisse bereits vordem zuerkannte und zu-
esicherte principielle Gleichheit vor dem Gesetze auch hinsichtlich
er Beziehungen ihrer Kirche zum Staate in unzweifelhafter Weise
ewährleistet« und der Grundsatz der Gleichberechtigung aller aner-
uinten Konfessionen nach sämmÜichen Eichtungen des bürgerlichen
id politischen Lebens bei den protestantischen Unterthanen — zur
latsÄchlichen vollen Geltung gebracht. Die früheren Beschränk-
igen der Toleranzzeit wurden durch dieses Patent aufgehoben und
166 Oesterreich-üngariL
die Evangelischen för berechtigt erklärt, ihre kirchlichen Angelegen-
heiten selbststftndig zu ordnen, zu verwalten und zu leiten, üntear
Belassung der Konsistorien, die nun den Namen Oberkirchenraäi
A. u. H. C. erhielten, war ihnen eine presbyterial-synodale EmriGh- .
tnng ihrer Eirchenver£Etösung verliehen: die Wahl der Senioren und L
der Superintendenten wurde ihnen wie die der PfEurer freigegeben. I:
Sie dürfen Schulen nach eigenem Ermessen an allen Orten auf ge-
setzlich zulässige Weisse errichten. Alle Leistungen for katholische
Oeistliche und katholischen Kultus werden aufgehoben. Bei Bege-
lung und Handhabung ihrer kirchlichen Angelegenheiten sind obne
Ausnahme lediglich und ausschliesslich die Grundsätze ihrer eigenen
Kirche massgebend. Die von der Generalsjnode beschlossenen
Kirchengesetze bedürfen zu ihrer Gültigkeit der landesfurstlidien
Bestätigung. Die Verschiedenheit der Glaubensbekenntnisse kann
keinen Unterschied in dem Grenusse der bürgerlichen und politischen
Eechte begründen u. s. w. Bald darauf gewährte der £[aiser durch
EntSchliessung vom 14. April 1861 die durch das Patent zugesagte
jährlichen Beiträge zur Bestreitung der kirchlichen Bedürfoisse der
Evangelischen beider Bekenntnisse und zwar 24830 fl. für die Kirche
A. C. und 16880 fl. für die Kirche H. C. zusammen 41 660 i
Nach Deckung der für die Superintendenten und Senioren bestimmtai
Besoldungen resp. Fimktionszulage, soll der Best zur Unterstützung
armer Kirchen- und Schulgemeinen verwendet werden *).
Die Gemeinen organisirten sich nun nach der neuen Ordnmig,
wählten ihre Senioren und Superintendenten, hielten ihre erst^
Seniorats- und Superintendential-Yersammlungen und sendeten ihie
Vertreter in die ersten Generalsynoden, die im Jahr 1864 nach
Wien berufen wurden imd beide, die reformirte wie die lutherische,
vornehmlich über eine definitive Kirchenordnung zu berathen und
zu beschliessen hatten, jedoch auch interkonfessionelle und staats-
rechtliche Fragen, ebenso Schul- und Unterrichtsangelegenheiten zum
Gegenstande ihrer Verhandlungen machten. Jede der Synoden wurde
gesondert, je in der Kirche ihres Bekenntnisses am 22. Mai 1864
eröfEnet, jedoch vereinigten sie sich am 28. Mai zu gemeinschaflr
Hchen Sitzungen in der reformirten Kirche. Die mit Verordnung
*) Durch Kaiserl. Entschliessung vom Jahr 1867 wurde diese jähr-
liche ünterstützungssumme in Berücksichtigung der gesteigerten Bedürf-
nisse für Kirche und Schule auf 50 000 fl. , im Jahr 1877 auf 75 000 fl.,
1887 auf 80000 fl. erhöht, von denen 48 000 fl. auf die Kirche A. C,
32 000 fl. auf die Kirche H. C. entfallen.
Zweites KapiteL Die Zeit der Qleichberechtigang. 167
"^ Btaatsministers Yom 9. Apiil 1861 verlaatbarte Eirchen-Yer-
hBBS wnrde nun «vidirt und nach mehrwöchentiicher Berathni«
% neue YerEBSswug mit dem omonistischeii § 15 festgestellt, welche
4ti Mmisteriom vorgelegt, die KaiserL Sanktion am 6. Jan. 1866
9iieLt — einige Bestimmungen abgerechnet, welche mit den staat-
Sefaen. Bechten nicht für vereinbar erachtet worden und an deren
Stelle der WortLaat der provisorischen Eirchenordnnng wieder sub-
atoirt wnrde.
Die Wunsche der Synoden betreffis der interkonfessionellen An-
degenheiten und staatsrechtlichen Beziehungen der ev. Eorche A. C.
id H. C. wurden dem Minister in besonderer Denkschrift vorgelegt.
} ynirde in dieser darauf hingewiesen, wie in vielen Punkten noch
ne Gesetzgebung in voller Erafb besteht, welche mit dem durch
IS EaiserL Patent vom Jahr 1861 sanktionirten Princip der Gleich-
nrechtigung in schroffem Widerspruch steht, so bezüglich der ge-
ischten Ehen, der religiösen Erziehung der Eonder aus solchen,
38 Uebertritts von einer Eonfession zu der andern (hier besonders
Irin, dass die politische Gesetzgebung diesem üebertritte nicht
ie entsprechenden gleichen Folgen zuerkennt, wie dem zur katho-
sehen Kirche) u. s. w. Auch die Nothwendigkeit der Einverleibung
9r evang.-theoL Fakultät in die Wiener Universität wurde berührt
id der Bildungsgang und die Prüfung der evang. Theologen von
euem geregelt, im Uebrigen aber von der Wahrung eines kirch-
3hen Einflusses auf die Fakultät, die jetzt nur dem Ministerium
ir E. und ü. untersteht, abgesehen. Schliesslich wurde das Er-
rdemiss der Eevision der alten politischen Schulverfassung betont
id auch bezüglich der Herstellung nothwendiger Kirchenbücher
sschlüsse ge&sst.
Anlangend die Einrichtung des Oberkirchenrathes wurde von
ar Synode H. 0. besonders dem Wunsche Ausdruck gegeben, dass
a der böhmischen Sprache kundiger Geistlicher H. C. aus der
»hmischen oder mährischen Superintendenz in den Oberldrchenrath
anfen werde, »der mit den Umständen und Bedürfiiissen der beiden
Indeskirchen aus eigener Anschauung vertraut wäre« und bei
•hmischen Eingaben dem Oberkirchenrathe seine Kräfbe zur Ver-
jüng stellen könnte. Zu Beginn der Synoden hat eine besondere
»putation dem Kaiser den Dank beider Kirchen für die Verleihung
s Patents vom 8. April 1861 ausgesprochen. Nach Schluss der
noden trugen noch die beiden Vorsitzenden derselben dem Kaiser
$ Bitte um allerh. Genehmigung der synodalen Beschlüsse vor.
ide Male wurde die Deputation von dem Kaiser in huldvollster
168 OesteTreioh-üxigani.
Weise empfangen. Der nach Schluss der Synoden onpi
Deputation erwiderte der Kaiser aof die Ansprache des SuperinteC-]
denten Haase beilAnfig Folgendes: »Ich habe den Gang der
Synoden mit lebhaftem Interesse verfolgt und frene mich, dass diÄ
Synoden ihre schwierige nnd umfassende Arbeit in veihftltnissmässif
so kurzer Zeit und mit so grosser Ausdauer verrichtet haben. Ina^
besondere haben die loyalen Oesinnungen mir wohlgefiEdlen, welche
in den Versammlungen der Generalsynoden sich kundgegeben habea.
Es wird mir eine G«nugthuung sein, die kirchliche Verfiassungsfrage ^
definitiv geordnet und die sonstigen noch schwebenden Angel^ieih
heiten einer günstigen Lösung zugeführt zu sehen, c
Die Desiderien der Synoden bezüglich der interkonfessioneUoi
Beziehungen fimden zumeist ihre Erledigung in dem G^etz Y<m ^
25. Mai 1868, durch welches auch die Reverse zu katholischer
Eondererziehung in gemischten Ehen für wirkungslos erklärt worden
und die gegentheiligen Bestimmungen des Konkordats au^ehobea
wurden. Ein überwiegender Einfluss römisch-katholischer Dogmen
ist aber auch durch dieses Gesetz noch nicht völlig behoben worden»
da z. B. dem Art. 5 desselben, welcher sagt, dass durch die Beli-
gionsverftnderung alle genossenschaftlichen Bechte der verlassenen
Kirche oder Beligionsgenossenschaft an den Ausgetretenen, ebenso
wie die Ansprüche dieses an jene verloren gehen, bis jetzt bezüglidi
evangelisch gewordener, früher römisch-katholischer Geistlicher und ^
bezüglich gemischter Ehen, wo der eine Theil bei der Eheschliessong
römisch-katholisch war, die Tragweite nicht zuerkannt wird, die
jedermann nach dem einfachen Wortlaut des Gesetzes erwarten
sollte. Für diese beiden Fälle stehen somit noch die bezüglichen §§.
des allgem. bürgerlichen Gesetzbuches für Oesterreich in Geltung
und harren dieselben noch einer Lösung im Sinne der Gleichberech-
tigimg, wie solche in Ungarn bereits rechtskräftig besteht *), Neuer-
dings ist diese in die Feme gerückt, da einem SynodaJgesuch wegen
legislativer Aenderung der Ehegesetzgebung keine Folge gegeben
wurde. (Erlass des Ministeriums f. E. u. U. vom 20. Nov. 1886).
An Stelle der alten politischen Schulverfassung traten neue
Schulgesetze, das vom 25. Mai 1868 und vom 14. Mai 1869, dnrck
welche alle von der Ortsgemeine, vom Lande und vom Staate ganz
oder zum Theil gegründeten oder erhaltenen Schulen für öffentliclie,
*) So dass z. B. in Oesterreich zur ev. Kirche A. C. oder H. C. tbe^
getretene römisch-katholische Priester in Oesterreich nicht heirathen
dttrfen; sie gehen daher nach Ungarn und heirathen dort.
Zweites Kapitel. Die Zeit der Gleichberechtigimg. 169
Ar Jngend ohne Unterschied der Eonfession zugängliche Schnlen
«Uflrt, bezüglich des Unterrichts, des Lehrzieles, der Lehrer neu
iigerichtet, und der staatlichen Inspektion untergeordnet wurden.
iSe in anderer Weise gegründeten und erhaltenen Volksschulen
ttd Privatschulen, in welche Kategorie nun auch die ev. Schulen
gBstellt wurden. Alle bisher katholische Schulen wurden öffentliche,
a deren Erhaltong, resp. zur Gründung neuer jetzt die Glieder
der neuen Sdiulgemeine ohne Unterschied der Konfession beitragen
müssen. Viele ev. Schulen gingen ein, da die Evangelischen bei
dem weiteren Festhalten der eigenen, die doppelte Last zu tragen
hatten, oder wurden in öffentliche Schulen verwandelt. Auch das
einzige ev. Gynmasium in Teschen wurde vereint mit dem dortigen
kathoL ein öffentliches. Die ev. Kirche A. C. wie H. C. empfindet
den Verlust so vieler ihrer Schulen sehr schmerzlich. Wenn auch
anerkannt werden muss, dass durch die neue Unterrichtsordnung
die Schule im Allgemeinen sehr gehoben wurde, und der grosse
Fortschritt, den Oesterreich in seinem Schulwesen in der neuesten
Zeit gemacht hat, gern und dankend zugestanden wird, so kann doch
wiederum nicht geleugnet werden, dass zumal die Volksschule, wo
die Majorität der Kinder römisch ist — und dies sind mit geringen
Ausnahmen &st alle Schulen, — ganz begreiflicher Weise römisches
Wesen bekundet und die Evangelischen sich in ihr fremd, in ihrer
religiösen Ueberzeugung beengt fühlen; dazu kommt, dass der Kon-
fessionalität der Majorität der Schüler, die wie gesagt fast in allen
Schulen römisch-katholisch ist, durch das Gesetz vom 2. Mai 1883,
durch welches das Gesetz vom 14. Mai 1869 in Einigem abgeändert
und ergänzt wird, ein noch weiterer Einfluss damit zugestanden
wird, dass »als verantwortliche Schulleiter nur solche Lehrpersonen
bestellt werden können, welche auch die Befähigung zum Beligions-
unterrichte jenes Glaubensbekenntnisses nachweisen, welchem die
Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule angehört.« Weil nun
in den weitaus meisten Schulen die Majorität der Schüler römisch-
katholisch ist, muss also der Schullehrer römischer Katholik sein.
Das was die Evangelischen wünschen, kann ihnen nur die ev. Schule
bieten und die Generalsynoden beider ev. Kirchen haben sich be-
reits mehrfach in diesem Sinne ausgesprochen und die Festhaltung
ihrer eigenen konfess. Schulen für nothwendig erklärt. Es handelt"
sich aber hiebei vor Allem darum, dass dies den Evangelischen er-
möglicht werde, sie also dort, wo sie eigene Schulen besitzen und
unterhalten, von der Beitragsleistung für die öffentlichen Schulen,
die sie gar nicht benützen, losgesprochen werden oder für ihre Bei-
170 Oesterreich-Ungam.
träge einen Ersatz erhalten. Für ersteres ist besonders die ref.
Greneralsynode vom Jahr 1883 eingetreten. Die Beschlüsse der
Synoden sind dem Kaiser und dem Ministerium vorgelegt worden,
und fänden ihre Erledigung durch den Ministerialerlass vom 20.
November 1886, aber leider in abweislichem Sinne, da die Befrei-
ung der evang. Glaubensgenossen von Öffentlichen Schullasten ohne
principielle Aenderung des gesammten Yolksschulsystems weder -
ganz noch theilweise zulässig, beziehungsweise durchführbar sei.
Die ev.-theologische Fakultät in Wien besteht noch in ihrer
Sonderung von der Universität, deren Fakultäten, der Ansicht von
dem Charakter der Wiener Universität als einer kathol. Stifknng
sich zuneigend, sich gegen ihre Einverleibung erklärten. Das (be-
such der Synoden um räumliche Einbeziehung der Fakultät in die
Wiener Universität wurde ebenfalls mit dem oben bezogenen Mini-
sterialerlass abgewiesen.
Bei der Beorganisirung des Oberkirchenraths fand der Wunsch
der ref. G^neralsynode Berücksichtigung und wurde der ref. Kon-
senior und Pfeurer H. v. Tardy aus Böhmen im Jahr 1867 zum
geistlichen Bath ernannt.
Auf die ersten Synoden vom Jahr 1864 sind bereits 8 Synoden
des einen und des andern evangelischen Bekenntnisses gefolgt, im
Jahr 1871, 1877 und 1883. Im Jahre 1871 kam es nicht mehr zu
gemeinschaftlichen Sitzungen. Die Erstarkung des konfessionellen
Bewusstseins führte besonders in der reformirten Kirche zurUeber-
Zeugung, dass eine Sonderung beider Eorchen auch in der YerfEissung
dem Gedeihen der ref. Eorche am Erspriesslichsten sei In der
Erinnerung an die Selbstständigkeit der alten böhmischen Kirche,
an deren eigene Geschichte und Sprache, entschied sich die ref.
Synode nach Beschluss der Majorität ihrer böhmischen Mitglieder*)
sogar für eine völlig selbstständige Organisirung einer böhmisch-
mährischen ref. Kirche. Dieser Beschluss erlangte nicht die staat-
liche Genehmigung und wurde auch von der ref. Synode des Jahres
1877 fallen gelassen, allerdings nur unter der Voraussetzung, die
eigene Organisirung ihrer Kirche nicht auf die böhmische nnd
mährische Superintendenz zu beschränken, sondern alle Beformirten
Oesterreichs in derselben zu vereinigen. •
*) Die ref. Kirche Oesterreichs besteht zumeist aus Böhmen (ca.
110 000 Seelen), während sie nur etwa 10 000 deutsche und 800 magya-
rische Beformirte zählt. Auf der Synode haben somit die böhmischen
Reformirten aus Böhmen und Mähren die grosse Majorität.
Zweites EapiteL Die Zeit der Gleichberechtigang. 171
Die lath. Synode des Jahres 1871 beschränkte sich anlangend
die Yer^ssnng auf eine Revision derselben in geringerem Masse.
In Folge dieser in YerfEtösnngsfragen von einander so diver-
girenden Beschlüsse beider Synoden, wnrde durch Kaiserliche Ent-
schliessnng vom 18. Februar 1877 der Oberkirchenrath beanftxagt,
einen Bevisionsentwnrf für beide Kirchen auszuarbeiten und den
Synoden zur Berathung und Beschlussfassung vorzulegen. Dieser
im Wesentlichen mit der bisherigen YerfELSsung übereinstimmende
Entwurf ist bereits im Sommer des Jahres 1887 den Presbyterien
zugestellt worden und wird in den beiden Synoden des Jahres 1889
zur schliesslichen Verhandlung gelangen.
Die ref G^eneralsynode des Jahres 1877 vollbrachte ein wich-
tiges Werk in der Berathung und Feststellung einer böhmisch-ref.
Agende, welche ausser einem gut ref. Direktorium fiir die einzelnen
geistlichen Handlungen, nach dem Muster der alten ref. Pf^er
Agende, auch die erforderlichen Formulare dieser alten bewährten
Agende, nebst einigen in der alten böhmischen Kirche üblichen be-
stimmte, und hiedurch einem tie%efiihlten , bereits auf der ersten
Synode des Jahres 1864 zum Ausdruck gebrachten Bedürfiiiss ent-
sprach. Die Agende erhielt im Jubeljahre 1881 die Genehmigung
und wird nun in den meisten aemeinen benützt. Sie ist keine
Zwangsagende, will aber zeigen, was echt reformirt ist und in den
Gemeinen angestrebt werden soll. Ein Verdienst um das Zustande-
kommen dieser Agende erwarb sich Prof. Dr. Bö hl als MitgHed
der Synode und der Synodalausschuss unter seinem tüchtigen
Obmann, dem mährischen Superintendenten Ben es, welche gemeinsam
mit dem Oberkirchenrathe Tardy das Material der Agende ordneten
und sichteten und dem Direktorium einfügten. Ihre linguistische
Vollkommenheit verdankt sie zumeist dem ausgezeichneten Kenner
böhmischer Klassicität, dem böhmischen Superintendenten Vesely.
Die lutherische Synode des Jahres 1877 versuchte es noch ein-
mal, die reformirte Synode zu gemeinschafblichen Sitzungen für
Verfassungs- und Schul&agen zu bewegen. Doch refüsirte die ref.
Synode mit der Motivirung, dass ihre Ansichten, zumal in der Ver-
fassungssache , von denen der luth. Synode abweichen und sie be-
strebt sei, sich eine eigene selbstständige, nach rein ref Grundsätzen
eingerichtete Verfassung zu geben. Nach den hierüber von der ref
Synode abgegebenen weiteren Erklärungen strebt dieselbe die kon-
sequente Durchführung einer presbyterial-synodalen Kirchenordnung
an, in welcher der Oberkirchenrath, wie er jetzt besteht, allerdings
kdnen Platz findet, sondern durch einen von der Synode auf eine
172 OeBterreich-üngam.
bestimmte Anzahl von Jahren gewählten Sjnodalrath mit einem
Oeneralsuperintendenten an der Spitze ersetzt werden soU, ia welchem
Sinne sich bereits die in Wien im Jahre 1849 versammelten Super- j
intendenten und deren Vertrauensmänner beider Konfessionen ge>
äussert hatten. [
Auf diesem Standpunkt verharrte auch die letzte ref. Greneral^ f
Synode des Jahres 1883, der auch bereits eine hienach vollständig
ausgearbeitete und von der böhmisch-reformirten Superintendential-
versammlung angenommene Eorchen-Yerfassung vorlag, deren Be-
rathung sie jedoch bis zur nächsten Synode verschob.
Ein denkwürdiger und ergreifender Akt, der sich auf dieser
Synode vom Jahr 1888 vollzog, war die Feststellung der Symbol-
schriften der hierländischen ref. Kirche. Das Toleranzpatent spricht
von »augsb. und helvet. Beligionsverwandten«, die Konsistorial- und
Superintendential- Instruktionen sprechen von »augsb. und helvet
Konfessionc, auch von »symbolischen Büchern« der einen und der
anderen Kirche, das Kaiserliche Patent vom Jahre 1861 von »Be-
kenntnissschriften« und die bestehende Yer^Etösung vom Jahr 1866,
sowie die vorgeschriebenen Pfarrerreverse verpflichten den Seelsorger,
»die Lehre der hl. Schrift in üebereinstimmung mit dem kirchlichen
Bekenntniss« zu verkünden. Nirgends findet sich jedoch eine be-
stimmte MrchenregimenÜiche Aussage darüber, welche Symbol-
schriften zu verstehen seien. Die Kirche A. C. ist darüber im Un-
gewissen, ob ihre »Augustana Confessio« die variata oder iuvariata
seL Die ref Kirche hegt zwar keinen Zweifel, dass unter »Helvetica
Confessio« nur die U. helv. Konfession zu verstehen sei, findet dies
aber in keinem Akte ausdrücklich ausgesagt und was bedeutet
der Plural: »Bekenntnissschriften«, welches sind die übrigen, sind
es die alten kirchlichen Katechismen? Die Praxis hat freilich alle
diese Fragen und grösstentheüs schon längst beantwortet. Ein
Kaiserliches Dekret vom 22. Juni 1782 gestattete den Druck von
Eeligionsbüchem für die Gemeinen, den »kleinen und grossen«
(lutherischen) und den »Heidelberger Katechismus«, die auch bald
gedruckt wurden, zumal der Heidelberger böhmisch in mehreren
Ausgaben. Die H. helv. Konfession gab sofort einer der aus Ungarn
gekommenen Prediger in Böhmen als die Konfession der helv. Be-
ligionsverwandten heraus. Die augsb. Konfession, und zwar die
invariata, wurde für die böhmischen Lutheraner von dem Pfarrer in
Kreuzberg, dem jetzigen böhmischen Superintendenten A. C. in Prag,
Theoph. Molnar, im Jahr 1857 herausgegeben. Eine bestimmte
gesetzliche Feststellung der Symbolschnften eiuer jeden Kirche aber
Drittes KapiteL Die Zostände in den Gemeinen. 178
Ute. Der Forderung der EarchenverfassTing, dass der Prediger
e Lehre der hL Schrift in Uebereinstimmmig mit dem kirchlichen
Bkenntniss verkünde, ermangelte es daher der Yoranssetzung, der
Üämng über die Bekenntnissschrift. Die ref. Synode glaubte
r ihre Kirche in die Sache endlich Klarheit bringen zn müssen
id erklärte in ihrer 7. Sitzung vom 30. Okt. 1883 in feierlicher
eise, einstimmig und durch Erhebung von den Sitzen , dass sie
A Bek^uitniss der hierländischen ref. Kirche in der 11. helv. Kon-
ssion vom Jahr 1566 und dem Heidelberger Katechismus vom
ihr 1563 vollständig zum Ausdruck gebracht findet. Das dieser-
ilb angesetzte Schriftstück wurde von allen Synodalen eigenhändig
iterschrieben und beim Oberkirchenrath deponirt. Das Ministerium
it diesen Beschluss zur Kenntniss genommen, um seine staatliche
mktion wird es sich jedoch bei Erledigung der oben besprochenen
ei&ssungsrevision handeln.
Drittes KapiteL
Die Zustände in den Gemeinen.
Mit den neuen Freiheiten und Gerechtsamen erstarkte auch
ie innere Thätigkeit der Kirchen. Es war ein Msches Leben,
elches in ihnen zu pulsiren begann. Neue Kirchen und Schul-
emeinen entstanden. Besonders die Zahl der letzteren mehrte
eh in erfreulicher Weise. Man war überzeugt, wie wichtig es sei,
3r Jugend sofort ev. Schulunterricht zu Theil werden zu lassen,
m aber för dieselben auch die geeignetsten Lehrer zu gewinnen,
nrde sofort auch die Gründung ev. Schullehrerseminare
schlössen und eines för die deutschen Gemeinen von der ev. Ge-
eine A. C. in Bielitz in Schlesien, ein anderes für die böhmischen
emeinen in Caslau in Böhmen von der ref. böhmischen und mSh-
sehen Superintendenz errichtet. Leider sind viele der ev. Schulen,
ie schon oben erwähnt, nach dem Inslebentreten der neuen Schul-
3setze, durch welche die Evangelischen zur Erhaltung der öffent-
3hen Schulen verpflichtet werden, eingegangen und der Bestand
Ancher noch bestehenden ist dieserhalb bedroht. Auch der Be-
and der beiden ev. Schullehrerseminare ist hiedurch gefllhrdet,
Lsbesondere der des ref. Caslauer Seminars, das überdies von An-
Hg an finanziell weniger günstig situirt ist. Zur Erhaltung dieser
nstalten tragen, ausser dem Staatsunterstützungspauschale, der
174 Oefiterreich-Üngam.
GtLstay-Adolf-Yerein, die protestantischen HüjGsvereine der Schweix
und sonstige (Gönner nach Möglichkeit bei Auch ans Schottüani
kommen jfthrlich einige Gaben. In Genf hat sich unter Anregasg
Theod. Necker 's ein besonderes Eomite znr Hüfeleistnng for re£
Schnlen gebildet. Ohne alle diese Unterstätznngen wären die Schot
anstalten zmn Theil gar nicht zn erhalten gewesen.
Die Schnlen der Landgemeinen sind dorchaus Elementarschnlen,
in den grösseren Städten, Wien, Prag, Brunn, sind ev. Bürger-
schalen, nnd zwar gesondert f&r Knaben nnd Mädchen. Bürger-
schnlen mit 8 Klassen besitzen noch die Gemeinen H. C. in Gias,
Bielitz nnd Biala. Der Pfarrer Snbert errichtete in Krabsic in
Böhmen eine höhere Mädchenerzieh nngsanstalt, die sich eines
gaten Enfes erfreut. Nach dem Tode ihres Gründers im Jahre 1885
übernahm zunächst während eines Jahres der Superintendenten-
Stellvertreter Pfarrer Kaspar die Leitung derselben, nach demselben
Pfarrer G. Soltesz von Sobehrad.
Ein eigenes ev. Gymnasium besteht in der westlichen Beichs-
hälfte nicht mehr, da das bisherige zu Teschen in ein öffentliches
umgewandelt worden ist. Jedoch ist an demselben ein eigener
Beligionslehrer (jetzt Augsb. Konf.) angestellt und wird das bis-
herige Alumne um, in welchem ev. Schüler gegen einen massigen
Preis Wohnung und Verköstigung erhalten, von der Teschener Ge-
meine weiter unterhalten. Ein ähnliches luth. Alunmeum ist in
neuester Zeit von dem Senior v. Lany in Königingrätz in Böhmen
errichtet worden. Eines für beide ev. Konfessionen besteht in Wall.
Meseritsch in Mähren. Ein reformirtes in Prag ist erst im Ent-
stehen begriffen.
Für die Heranbildung der Prediger beider Eorchen ist die im
Jahre 1821 gegründete k. k. ev. theologische Fakultät be-
stimmt ; an ihr wirken sechs Professoren, von denen je einer speziell
luth. und ref. Dogmatik und Symbolik vorzutragen hat, Dr. Frank
und Dr. Bohl; Dr. L o e s c h e trägt Kirchengeschichte vor, Dr.
V. Vogel hat die Exegese des Neuen, Dr. Lotz die des Alten
Testaments. Dr. Seberiny pflegt die praktischen Fächer der Theo-
logie, wobei er auch den sprachlichen Bedür&issen in Einigem Rech-
nung zu tragen sucht. In den von Professor Dr. v. Vogel mit
Eifer und grossem Geschick geleiteten Sonntags schulen finden
die Studenten eine gute Gelegenheit, sich in der Katechese zu üben.
Segensreich ist der Einfluss des Professors Dr. Bohl auf seine ref
Zuhörer, die er nicht nur in die ref Dogmatik einfährt, sondern
auch mit Liebe zu dem Bekenntniss der Väter erföUt und zu reger
m
Drittes KapiteL Die ZuBtände in den Gemeinen. 175
[leäiätigiiiig desselben anleitet. Wenn der mährisch -ref. Saper-
lyondent SancL ▼. Nagy in den vierziger Jahren noch vor der Be-
[afimg Szeremley's Grand hatte, sich bitter za beschweren, dass
[iancher yon der Wiener theoL Fakaltät kommende Kandidat H. C.
iHh zum BatLonalismos hinneige, ja mit ihm prahle, so ist dies jetzt
aders geworden. Aach mit den bereits in Aemtem Angestellten
Mit Dr. Bohl noch in regem, brieflichen und zum Theil aach per-
jAifichen Yerkefar. Die Wiener theol. Fakaltät besachten in dem
Wintersemester 1885/86 52 Theologen. Bis zam Jahre 1878 hatten
ibh die Stadirenden der Theologie nar einer theologischen
Prftfang vor dem Saperintendenten ihres Landes za anterziehen.
Seitdem sind von ihnen zwei Prüfongen za bestehen, die pro can-
didatora vor der theoL Prüfangskommission in Wien, and die zweite
pro ministerio nach Ablaaf eines halben Jahres vor ihrem Saper-
intendenten. Die böhmisch-reformirte Saperintendential-VersamTnlnng
hat in Anbetracht der eigenen speziellen Bedürfiusse der böhmischen
Gemeinen die Gründang eines Predigers eminars beschlossen.
Doch hat der Beschlass bis jetzt noch keine greifbare Gestalt ge-
wonnen, wiewohl die Nothwendigkeit eines solchen Seminars offen
m Tage liegt and über karz oder lang ein solches wird errichtet
werden müssen.
Die grosse Zerstreaang der Evangelischen in den Österreich!-
fldien Ländern führte aach in der neaeren Zeit zur Berafdng von
Beis ep redig er n in beiden Kirchen. Darch ihre Thätigkeit er-
starkte die Diaspora and entstanden neae Pfarrgemeinen, so zwei
in der Brünner latherischen Diaspora and eine in der Diaspora der
böhmisch-ref. Saperintendenz. Ln Allgemeinen hat die Zahl der
Gemeinen des böhmischen westlichen Seniorates A. C. am meisten
zugenommen and zwar in Folge von Ansiedelangen deutscher In-
dnstriellen, die Anlass za Gremeinegründangen gaben.
Aach in Tirol wurden alle früheren Bindemisse, die den Evan-
gelischen sich hier mehr denn anderswo entgegenstellten, glücklich
überwanden, and bestehen daselbst jetzt eine reformirte Gemeine
in Bregenz (Vorarlberg) und zwei luth. Gemeinen in Lmsbrack
Und Meran.
Bd manchen dieser Gemeinegröndimgen half in hervorragender
Weise der Gastav-Adolf-Verein, wie er wiederum mehrere
schwache Gemeinen durch Zuwendung beträchtlicherer Ga.ben aus
ihrer Nothlage befreite, anderen, so auch den beiden Lehrersemi-
narien, insbesondere dem Bielitzer, durch jährliche Unterstützangen
seine Hilfe angedeihen lässt. Seine bedeutende unterstützende Thätig-
176 Oetteireioh-Üngani.
keit konnte dieser Verein erst mit den nenen Eirchengesetzen ent-
falten. Früher von Oesterreichs Grenzen fem gehalten, so daai
selbst Kollekten för ihn in den (Gemeinen nicht yeranstaltet werden
dnrfben, wurden die Hindemisse durch das Patent Yom 8. April
1861 auch für ihn behoben, und den Evangelischen die Bildung
von Vereinen zu kirchlichen Zwecken und der Anschlnss an gleich-
artige Vereine des Auslandes gestattet. Die Orts- und Zweigvereine
stehen unter einem österreichischen Hauptverein, welcher in WyB&
seinen Sitz hat.
Das Jubiläum der Wiedererweckung der er. Kirchen Oester-
reichs, welches 1881 gefeiert wurde, bestimmte den Verein, der
einst nach einem Nothschrei einer böhmischen Gremeine (Fleissen)
gegründet worden war, den beiden Kirchen zur Unterstützung ihrer
in den Ruhestand getretenen Seelsorger und Lehrer, sowie der
PfEurers- und Lehrerswittwen und -Waisen eine Jubiläumsgabe
zu widmen, welche dermalen bereits die Höhe von ca. 200 000 MbA |
erreicht hat. Ursprünglich sollte diese Gkbbe nach der Absicht des
Gebers in die gemeinsame Verwaltung beider ev. Kirchen über-
gehen; da jedoch die reform. G^neralsynode , welche die Theilong
der Grabe zu einem Theil für ev. Kirche A. B. und zu einem Tbeil
für die ev. Kirche H. B., je unter der Verwaltung der betreffenden
Kirche, oder aber die Vergrösserung der schon bestehenden Super-
intendentialfonde durch die Jubiläumsgabe, lieber gesehen hätte, im
Jahre 1877 ihre Mitwirkung zur Aufstellung eines Statutes ver-
weigerte, beschloss der Gustav -Adolf- Verein im Jahre 1881 die
Gründung einer selbstständigen Pensionsanstalt der ev. Kirche A
und H. B. in Oesterreich, deren Statuten am 11. August 1886 die
staatliche Genehmigung erhielten. Der Sitz der Verwaltung der
Anstalt ist in Wien. Berechtigt zum Beitritt sind: als ordentlicbe
Mitglieder alle Pferrer, Vicare, Lehrer und Lehrerinnen A. und
H. B., als unterstützende Mitglieder alle Kirchen- und Schulgemeinen
A. und n. B. Die unterstützende Mitgliedschaft der Gemeine ist
für die ordentliche Mitgliedschafb des Betreffenden Erfordemiss, es
sei denn, dass dieser sich verpflichtet, die der Gemeine obliegenden
Zahlungen selbst zu leisten.
Schon vordem, ja meist noch zur Zeit der Toleranz waren be-
reits in den einzelnen Superintendenzen , ja auch in einzelnen Ge-
meinen Prediger- und Lehrerwittwenfonds errichtet worden,
aus welchen den Wittwen und Waisen schon seit längerer Zeit,
meistens freilich noch unzureichende jährliche Unterstützungen zu-
gewendet werden. Diese Fonds, vornehmlich die älteren Prediger-
;
u
Drittel KapiteL Die Ziut&nde in den Oemeinen. I77
Ponds, wurden auch von auswärts nnterstützt. So sammelte
Professor de Wette mit Erfolg für den mährischen ref
ittwenfbnd. Der Onstav-Adolf-Verein Hess diesen Fonds
besonders durch die Frauenvereine Unterstützung zu-
Eine Verschmelzung dieser Fonds mit obigem Jubiläums-
steht jedoch kaum zu. erwarten.
in Böhmen ist ausserdem im Jahre 1874 ein Unterstützungs-
[mein, die »Evangelische Gesellschaft für christliche Wohl-
tätigkeit«, durch die Anregung des ref Pfarrers Kaspar ins
leben getreten, welcher zur Wohlthätigkeit ermuntern und zui*
Kehrang christlicher Erkenntniss durch Verbreitung christlicher
Sdbiiften und durch Unterstützung einzelner Personen und Anstalten,
iisbesondere auch der Mission unter den Heiden, dienen will. Dieser
C8£ Verein veranstaltet jährlich mehrere Öffentliche Versammlungen
in verschiedenen Orten Böhmens, die gern besucht werden und zur
Kräftigung und Mehrung ev. Erkenntniss auch ihrerseits beitragen.
Ellsbesondere unterstützt er auch das Werk der sich besonders in
Böhmen und Mähren ausbreitenden Sonntagsschulen und die Waisen-
anstalt des Pbrrers Martinek in Teleci.
Auch andere Vereine zur Unterstützimg der christlichen Ge-
memethätigkeit haben sich gebildet. In Wien bestehen in beiden
Kjrchfsn Frauenvereine zur Unterstützung Armer und £[ranker.
Ein Waisenverein bietet verwaisten evangelischen Kindern in
einem schönen geräumigen Hause mit Gbrten ein Asyl bis zu ihrem
li. Jahre. In Oberösterreich besteht ein von Pfarrer Schwarz
in Qallneukirchen gegründeter Verein für innere Mission,
welcher christliche Schriften verbreitet, insbesondere das Krankenasyl
in GaUneukirchen und das Waisen- und Bettungshaus in Weikers-
doff unterhält. In dem Krankenhause wirken Diakonissen, die,
nachdem auch in Wien ein Diakonissenverein auf Anregung der
Professoren Dr. v. Vogel und des Pfarrers Dr. v. Zimmermann
ins Leben getreten ist, ihre Thätigkeit auch auf die ev. Kranken
in der Besidenz ausgedehnt haben, und immer mehr gewürdigt
i^erden. In Goisem und Feldkirchen entstanden ebenfalls Er-
ziehungsanstalten für arme und verwaiste Kinder. Auch in Ustron
in Schlesien besteht schon seit mehreren Jahren eine solche Anstalt.
Ein ev. Lehrerverein ist in Oberösterreich gegründet worden,
ein zweiter in Böhmen mit einer deutschen und einer böhmischen
Sektion.
Zur Hebung des geistlichen Lebens hat auch der Verkehr
Zahn, KirobexigeMhichte. 2. Aufl. 12
178 Oesierreioh-Uiigani.
mit glftubigen Mftnnern des Auslandes und den presby-
terianischen Kirchen Schottlands bedeutend beigetragoL
Basel öffiiete böhmischen Stndirenden der Theologie stu^rst seb
theol. Alum^^eum, und nahm sich besonders P&rrer Legrand der
jungen Theologen aus den österreichischen Lftndem vftterlich ai.
Durch Professor Dr. Bohl kamen mehrere reformiite Prediger mi
Dr. Kohlbrügge und seiner (Gemeine in Elberfeld in Veibindiuig
welche zu ernster Erwägung des göttlichen Wortes , zu Uanran
Yerstftndniss und zur Bethätignng desselben viel beitrug. Mehren
Kandidaten verbrachten einige Zeit als Vikare bei diesem gott-
begnadeten Lehrer und wirken mit Segen nun als Seelsorger. Dnrdi
Professor Dune an in Edinburgh wurden Mitglieder der presbyto.
Kirchen Schottlands bewogen, Stipendien f&r böhmische und unga-
rische Kandidaten zur Fortsetzung ihrer Studien in Schottland n
errichten. Eine ganze Anzahl böhmischer Kandidaten leinte in
dieser Weise das rege, geistige Leben der dortigen ref. Gemdnen
kennen und verwerthen sie nun ihre Er&hrungen erfolgreich in der
heimathlichen Kirche. Das Panpresbytenan-Concil stiftete f&r die
ref. Kirche Oesterreichs 100 000 Mark , die jedoch noch nicht Tollr
ständig gesammelt sind.
Zur Mehrung evangelischen Lebens trägt auch die seit 1849
sich rege entfaltende, einheimische literarische Thätigkeit bd.
Sie beschränkt sich allerdings zumeist auf die Herausgabe von Zeife-
schnften und gottesdienstlichen und geschichtlichen Büchern. Die
erste ev. Zeitschrift erschien bereits 1849 in böhmischer Sprache
(Ceskobratrsky Hlasatel) in Prag. Hierauf folgte eine ganze
Reihe Zeitschriften in deutscher und böhmischer Sprache. Gegen-
wärtig erscheinen.in deutscher Sprache: »Das Yereinsblatt für innere
Mission« (in Attersee), »der Österreichische Protestant« (in KLagen-
fiirt), die »ev. Kirchenzeitung« (in Bielitz). Zur Pflege der Geschichte
der evang. Kirche in Oesterreich wurde im Jahre 1879 in Wien
die »Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus
in Oesterreich« gegründet, welche werthvoUe Urkunden in jähr-
lich 4 Heften veröffentlicht, ein verdienstliches unternehmen, das
volle Würdigung xmd Unterstützung verdient. Die Berichte übör
die Generalsynoden, sowie die Berichte des Oberkirchenrathes an
dieselben geben einen Einblick in die Thätigkeit der Synoden und
der obersten Eorchenbehörde. Ausserdem erscheint eine amtliche
»Sammlung allgemeiner kirchlicher Verordnungen des Oberkirchen
rathes A. und H. C.« , jährlich in zwei Heften, in einer deutschen
und böhmischen Ausgabe, die aus den in ihr veröffentlichten Zu-
Drittes EapiteL Die Zustände in den Gemeinen. 179
rtandsberichten der Superintendenten das geistliche Leben der Gre-
Umesi erkennen Iftsst. In böhmischer Sprache erscheinen: die
»filasy ze Siona« (in Pardnbitz) bereits im 27. Jahrgange, das
Itteste Organ der ref. Kirche; die »Evangelicke lis^y« (in Prag),
das Organ der »ev. Oesellschaft in Böhmen«, die »Jednota«; der
: »Pritel ditek« (in Prag), eine illnstrirte Zeitschrift für Kinder; die
»Nedehii skola« (in Prag), den Lehrern und Freunden der Sonntags-
gdralen gewidmete Blätter; der »Evangel. cirkeynik« (in Humpolec),
das Organ der böhmisch-lntherischen Kirche. Eine historische Zeit-
aehxifb »Casopis historicky« begann der geschichtskondige Pfarrer
Dobias in Bukovka herauszugeben; doch erschienen nur 5 Hefte.
I Bne wichtige Gründung ist der von Pfarrer Kaspar ins Leben
gerufene böhmische »Gomenius -Verein«, welcher, von einheimi-
schen und ausländischen Freunden Verdientermassen unterstützt,
kleinere und grössere ev. Schriften herausgibt und solche bereits in
rielen tausend Exemplaren verbreitet hat. Zu seinen werthvollsten
Pablikationen gehört eine Ausgabe des Neuen Testaments mit Er-
klärungen, ein Abdruck des sechsten Theiles der berühmten böhmi-
schen Brüderbibel nach der Ausgabe vom Jahre 1601.
Von einzelnen Personen wurden Katechismen, Gebet- xmd Gre-
sangbücher, Postillen, historische Monographieen herausgegeben.
Dr. Tardy veranstaltete böhmische Ausgaben des Heidelberger
Katechismus, der zweiten helv. Konfession, eines Gesangbuches
(die Psaknen und geistliche Lieder enthaltend) mit beigedruckten
Melodieen, in dieser Art wieder die erste Ausgabe seit dem von
Comenius für die böhmische Emigration in Amsterdam gedruckten
EancionaL Pfarrer Sebesta gab die Psalmen in neuer Eeimung
heraus. Eine Postille von Predigten Dr. Kohlbrügge' s in
böhmischer Sprache erschien bereits in zweiter Auflage und wird
sehr geschätzt. Eine Postille des Gregor v. Zarnowec in polnischer
[ Sprache gab 1864 der Pfarrer Dr. Theod. Haase in Teschen her-
aus, ebenso eine von Mikulaj Bej im Jahre 1883. In deutscher
Sprache erschienen zwei Ausgaben des Heidelberger Katechismus
von Dr. Franz und Dr. Witz. Von letzteren wurden Predigten,
eine Einleitung zu den Büchern der hl. Schrift, die helv. Konfession,
eine Geschichte der christlichen Kirche für Schulen und Familien
u. a. m. herausgegeben. Ein deutsches »Ev. Predigtbuch« erschien
im Jubiläumsjahre 1881 in Wien. Oerwenka's umfangreiche und
mit Liebe zur Sache geschriebene »Geschichte der ev. Kirche in
Böhmen« erschien 1867 und 1870. Dr. Trautenberger verfasste
eine umfiemgreiche Geschichte der ev. Kirchengemeine in Brunn
1 g Oesterreich-Ungam.
im Jahre 1866, eine »Kurzgefasste Geschichte der ev. Kirche in
Oesterreich« , 1881 , in welcher er aber von seinem nationalen und
nnionistischen Standpunkte die reformirte Kirche unfreundlich und
ungerecht behandelt; sonst veröffentlichte er noch verschiedene in-
teressante historische Aufsätze in der Zeitschrift »Halte was du
hast« und in den Jahrbüchern der Gesellschaft für Geschichte des
Protestantismus in Oesterreich. Tardy gab 1864 eine Geschichte
der Gründung der ref. Gemeinden in Böhmen und Mähren zur Zeit
der Ertheilung des Toleranzpatents heraus. Eine ziemliche Anzahl
von geschichtlichen Monographieen erschien zum Jubiläumsjahre 1881.
Der P&rrer Kaspar gab die Monographieen aller ref. Gemeinen
Böhmens und Mährens mit Illustrationen als Gedenkbuch im Jahre
1882 heraus. Der Oberkirchenrath veröffentlichte 1881 die von
Dr. Frank verfasste urkundliche Geschichte des Toleranzpatents
vom Jahre 1781. Eine Kritik der böhmischen Bibelausgaben »Rozbor«
schrieb Pfarrer Karafiat. In Schlesien besteht auch ein polnischer
Verein zur Herausgabe ev. Bücher, »Towarzystwo ewangelickie
oswiaty ludowej«, welcher in neuester Zeit Dr. Marthin Luthers
Postille in einer neuen polnischen üebersetzung herausgegeben.
Ein Gesangbuch für Schulen gab Pfarrer Schur und Her trieb
heraus, in deutscher Sprache, mit Melodieen.
PfEurer Kaspar in Böhmen gab für Sonntags schulen ein Lieder-
buch mit Melodieen heraus, »Pisne cestou zivota«, bereits in mehreren
Auflagen, das grossen Anklang und viel Verbreitung gefunden
(Psalmen und Lieder). PfEurrer Lic. Pindor in Teschen hat eine
Kirchengeschichte in polnischer Sprache herausgegeben. Pfarrer
Michejda gibt seit 1885 eine poln. Kirchenzeitung heraus. Xaver
Glajcar in Drahomysl redigirt einen poln. ev. Kalender.
Der Comenius -Verein in Böhmen gibt schon mehrere Jahre
einen von Pfarrer Kaspar redigirten ev. Kalender »Orloj« heraus.
Als ev. geistliche Liederdichter zeichnen sich unter den Böhmen
besonders aus: Sen. Janata, Lehrer Bastecky, Pfarrer Pelisek;
dieser letztere hat unter anderem auch Geroks »Palmblätter« in
so vortrefflicher Weise übersetzt, dass der Leser diese üebersetzung
für ein wohlgelungenes Original halten möchte. Einer seiner er-
greifendsten Gesänge ist: »die Toleranzapostel«, worin er den Ex-
odus der Ungar. Toleranzprediger im Jahre 1783 aus Sarospatak nach
Böhmen besingt. Mit böhmischen Bibeln versorgt reichlich die
Londoner Bibelgesellschafb , die in Oesterreich bis zu Beginn des
Jahres 1887 durch den thätigen Edw. Miliar d vertreten wurde,
das evangeh Volk. Li dieaena. SbüIqx^ et^Q^nscL ^ine schöne Aus-
^
Drittes KapiteL Die Zustände in den Gemeinen. Igl
gäbe des letzten kirchlich-autorisirten Textes der böhmischen Brüder-
bibel vom Jahre 1613. Die Colportage der heiligen Schrift geschieht
in Oesterreich durch Sammeln von Abonnenten, denen die bestellten
Exemplare dann von dem Depot zugemittelt werden. In Ungarn
verkaufen die dazu behördlich ermächtigten Colporteure die Bibeln
sofort aus eigener Hand. Im Jahre 1885 sind in Oesterreich-Üngam
auf diese Weise — die verschenkten Exemplare eingerechnet —
200188 Bibeln und Theile derselben abgesetzt worden.
Wiewohl der Unglaube und der moderne Materialismus auch
manche Evangelische ergriffen hat, und die diesen Richtungen hul-
digenden oder zuneigenden politischen, sogenannten liberalen Zeit-
schriften hierin leider auch viel verschuldet haben und noch ver-
schulden, hält dqph das evangelische Volk in Oesterreich im Grossen
nnd Ganzen fest an dem Bekenntniss.
Schliesslich möge noch bemerkt werden, dass in neuerer Zeit
aach andere BeligionsgeseUschaften in Oesterreich Anhänger gefunden
haben, wenn auch zum grössten Theil nur in kath. Bevölkerung;
80 die Hermhuter Brüderunität , welcher im Jahr 1880 auch die
staatliche Anerkennung zu Theil wurde; sie hat einige kleine Ge-
meinen in Böhmen tmd in Böhmisch Kothwasser ein eigenes Waisen-
haus. Baptisten, Methodisten, Irvingianer u. a. haben ebenfalls
einige Anhänger, müssen sich aber auf private Hausgottesdienste
beschränken. Im Osten Böhmens entstand eine »freie böhmische
Kirche« nach dem Vorgange ähnlicher Gemeinen Schlesiens, der auch
ein ref. Prediger sich anschloss. Congregationalistische Gemeinen
in Prag u. a. 0. entstanden durch die missionirende Thätigkeit
amerikanischer Prediger, die die böhm. Sprache erlernten tmd auch
ihr eigenes Organ »Bethanien« besitzen, welches in Tabor erscheint.
Zwei dieser Missionare sind wieder nach Amenka zurückgekehrt
and fnngiren nun dort als bÖhm. Prediger in Cleveland und Chi-
Jago unter der viele Tausende zählenden böhmischen Bevölkerung
iieser Städte. Bekannt ist es, dass auch die altkatholische Beweg-
mg in Oesterreich zur Sammlung einiger altkatholischen Gemeinen
geführt hat.
Die ev. Kirche helv. Konfession zählt in Oesterreich 4
^uperintendenzen: die Wiener mit 5 Gemeinen und 4 Schulen und
5787 Seelen; die böhmische mit 4 Senioraten, 50 Gemeinen, 42
Schulen und 69 702 Seelen; die mährische mit 2 Senioraten, 24
Tcmeinen, 4 Schulen und 39538 Seelen; das galizische Seniorat
nit 4 Gemeinen, 14 Schulen und 5 014 Seelen. Insgesammt: 88 Ge-
neinen, 64 Scbnlen und 121 041 Seelen», noi\. öiet^TL <ia». WVi^'^^
182 Oesterreich-Ungam.
böhm. Nationalität sind. Die evang. Kirche augsburgischer
Eonfession zählt 6 Superintendenzen; die Wiener mit 5 Senio-
raten, 31 Oemeinen, 16 Schulen und 62677 Seelen; die oberöster-
reichische mit 2 Senioraten, 19 Gremeinen, 16 Schulen und 17683
Seelen; die böhmische mit 2 Senioraten, 81 Gemeinen, 22 Schulen |
und 82295 Seelen; die Ascher mit 3 Gemeinen und 28528 Seelen;
die mähr.-schlesische mit 8 Senioraten, 86 Gemeinen, 84 Schulen
und 105 756 Seelen; die Lemberger mit 8 Senioraten, 23 Ge-
meinen, 84 Schulen und 48 383 Seelen. Insgesammt: 148 Gemeinen,
172 Schulen und 290272 Seelen. Die Gesammtzahl der Evange-
lischen A. und H. C. in Oesterreich beträgt denmach 411813
Seelen.
Nach der zu Eecht bestehenden Verfassung vom 6. Jan. 1866
sind die kirchenregimentlichen Organe in der Kirche A. 0. wie
H. C. 1. för die Pfarrgemeine: der resp. die Pfarrer, das Pres-
byterium, die Gemeinevertretung; 2 für das Seniorat: der Senior,
der Senioratsausschuss, die Senioratsversammlung; 8. für die Super-
intendenz: der Superintendent, der Superintendentialausschuss, cüe
Superintendentialyersammlung; 4. für die G^sammtheit der Superin-
tendenzen: der kk. ev. Oberkirchenrath, der Synodalausschuss, die
Generalsynode. Diese ist regelmässig jedes sechste Jahr von dem
kk. Ministerium für C. und U. im Wege des Oberkirchenrathes ein-
zuberufen. Alle diese Organe gehen aus der freien Wahl der Pfarr-
gemeinen, resp. der Presbyterien, Seniorats- und Superintendential-
versammlungen und der Generalsynode hervor. Eine Ausnahme
macht der Oberkirchenrath , dessen Präsident und Käthe von dem
Kaiser ernannt werden. Der Präsident, der für beide BathskoUegien
gemeinsam ist, soll immer dem weltlichen Stande angehören. Von
den Bäthen ist in jedem Bathscollegium immer einer geistlichen,
der andere weltlichen Standes. Ausserdem hat jedes Kollegium
noch ein ausserordentliches Mitglied. Gemeinschaftliche Angelegen-
heiten werden in der Vereinigung beider Kollegien verhandelt und
erledigt, im Uebrigen fimgirt jedes Rathskollegium nach der Kon-
fession gesondert.
B. Ungarn.
Literatur: Ballagi, Protest. Kirchen- und Schulblatt, seit 1858. A.
Koväcs, Kirchenrecht, 1879. L. Bl&sy, Kirchengesetz, 1844.
KolozsY&ry, Kirchenrecht des Siebenbürger ev. ref. Kirchen-
distriktes, 1877. Linberger, Geschichte des Evangeliums in
Entes Kap. Gang der Entwickliuig bei beicL Konfess. etc. Ig3
Ungarn, 1880. Balogh, Geschichte der ongar. -protestantischen
Eirohe von der Reformation bis zur Gegenwart, 1872. Allgem.
Kirchenblatt von Schott, 1888, Nr. 81—34. Sam. Töth, Bef.
Synodalberichte Tom Jahre 1881, und Sohematismas , 1887. Ref.
Synodalgesetze, 1882.
Erstes Kapitel.
Gang der Entwicklung bei beiden Konfessionen und
wissenschaftliche ThätigkeiL
Die ungarische, evangelische Kirche verdient den Namen einer
Lrtyrerkirche. Seit ihrem Bestehen war sie ein Aergemiss Roms.
e Jesuiten schürten den Hass in solcher Weise , dass die Aosrot-
Dg des Evangeliums schon am Landtage zu Rakos (8. Sept. 1525)
setzlich aasgesprochen wurde: Lutherani libere capiantur et com-
rantur. Trotzdem schlug der von Gott gepflanzte Baum Wurzeln,
genw&rtig sind über 8 Millionen Evangelische im Lande. Männer
3 StÖckel, Siklösi, Eopacsi, welcher die Schule von Säros-
bak einrichtete, Batizi, Martin S4nta, Edlmäncsai, welcher
Debreczin und Siebenbürgen der feurige Vorkämpfer der helve-
chen Konfession wurde — waren die ersten Vorgänger der ev.
hre. Jenseits der Theiss verbreiteten das Evangelium Peter
dlius durch Wort und Schrift in magyarischer Sprache, femer
£ad4n in Debreczin, Melanchthons Schüler und der gelehrte Ver-
ndiger des Calvinismus in Ungarn, weiter Stephan Szegedi
SS, der Apostel der calvinischen Lehre. Seit 1526 predigten das
itere Wort Modoni, Jakobai, Eolarik, Sztärai, Bornemisza,
mehmlich aber Johann Erdosi (Sylvester), der üebersetzer und
)rausgeber des N. T. im Ungarischen (1541). Gleichzeitig mit
r Beformation in Ungarn erfolgte die Eirchenverbesserung in
)benbürgen, wo als Lehrer zu nennen sind: Gl atz und Wagner.
9 Reformatoren der siebenbürgischen Magyaren waren Gyulai,
iorai, Vizaknadi und besonders Heltai Üebersetzer der ganzen
iligen Schrift. Die eigentlichen Führer in Ungarn und Sieben-
rgen waren Matth. D^vay Birö und Joh. Honter. Vomehm-
li wurde die Sache gefördert durch mächtige Eeichsherm und
treffliche Edelleute. Unter diesen hervorragend Alexius, Thurzö,
rönyi, Nädasdy, Peter Petrovics, Drdgfi, Török. In der
eiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war der grösste Theil der
tmerherren und Obergespanne in den Ländern der ung. Stephans-
>ne evangelisch, 1552 gehörten nur noch drei Familien des höheren
184 Ungarn.
Adels der kath. Kirche an. Den Gnindherren folgte die misera con
tribuens plebs. Man zählte etwa 2000 ev. Gremeinen. Da trat die
mächtige Gregenreformation auf. um den bedrängen Evangelischen
zu helfen ; erhob sich Bocskai Stefan, später Fürst in Sieben-
bürgen. Die B[rone Ungarns wurde ihm durch den Ofener türkischen
Pascha angeboten. Im Frieden von Wien 1606 wurde den Evan-
gelischen Beligionsfreiheit zugesichert. Aber weder dieser Sieg noch
die Friedensschlüsse von Nikolsburg und B4koczi brachten den Evan-
gelischen völlige Ruhe, vielmehr wüthete das Blutgericht zu Eperjes
von 1671 — 81 und das Judicium delegatum Posoniense. Das Toleran^
edikt unter Joseph 11. führte dann nachher weiter zur gesetzlichen
Anerkennung der Evangelischen durch Leopold U. in dem Gesetz
von 1790 — 91. Der bekannte 26. Artikel bildet die Grundlage der
Rechte der Evangelischen. Diese lex religionaria soll eine perpetao
duratura lex sein. Graf Teleki sprach am letzten Tage des Reichs-
tages (13. März 1791) dem Yaterlande und Könige für dieses Gesetz
seinen innigen Dank aus. Der römische Klerus protestirte gegen
dasselbe durch den Erzbischof zu Gran, Josef B att y an yL Eine
Ergänzung des Gesetzes im Jahre 1844 geschah dahin, dass alle, die
bis zum 18. Lebensjahre in der ev. Religion erzogen seien, die
Mädchen auch ohne dieses Alter nach ihrer Yerheirathung , nicht
beunruhigt werden sollten. Die vor einem ev. Pferrer geschlossenen
Mischehen sind gesetzlich anerkannt. Der üebertritt wird also ge-
regelt, dass man in Gegenwart von 2 Zeugen seine Absicht vor dem
Pfarrer, dessen Glaubensgemeinschaft man verlassen will, erklären
muss und diesen Wunsch nach 4 Wochen noch einmal ausspricht
Nach Vorweisung eines Zeugnisses — sei es seitens des Pferrers
oder, wenn dieser es nicht geben will, von 2 Zeugen ausgestellt —
wird man in die gewählte Kirchengemeinschafb angenommen.
In dem Gesetze vom Jahre 1868, Ges. Art. LUX., wurden diese Be-
stimmungen dahin erweitert, dass die Meldungszeit auf 14 Tage ver-
mindert wsirde. Die proles e mixtis matrimonüs sollten nach ihrem
Geschlecht der Religion des Vaters oder der Mutter folgen. Alle da-
gegen lautende Reverse wurden ausser Krafb gesetzt. Die Benutz-
ung der Friedhöfe ward aUen Konfessionen freigegeben. Eine ge-
rechte Vertheilung der G^meuielasten fiEind statt. Man durfbe neue
Gemeinen gründen. Ein Gesetz vom Jahre 1848 bezweckte völlige
Gleichheit aller Konfessionen, trat aber nicht in Rechtskraft. Das
Gesetz vom Jahre 1791 behauptete sich durch alle Stürme des Landes.
Der unglückliche Ausgang des Freiheitskampfes 1849 bedrohte die
Verfassung und die ev. Kirclie TJugaanas, Haynau beseitigte die
Erstes Kap. Gang der Entwicklung bei beid. Eonfess/etc. 185
•
^angelischen Rechte, indem er die Abhaltohg yjm Konventen ein-
tüte, die Oberkuratoren und Kuratoren&mter abschaffte und eine
intheilung der evang. Kirche nach militärischem Muster yomahm.
ach Graf Leo Thun legte dem Schulwesen Zwang auf und be-
abte mehrere ev. Gymnasien des Rechtes der Oeffentlichkeit. Am
September 1859 erschien ein Kaiserliches Patent, welches die
lere Organisation der ev. Eorchen und Schulen betraf. Es brachte
irliche Gehaltszulagen und Unterstützungen der Gemeinen und
hnlen. Aber man begehrte mit Recht die alte Autonomie. Das
.tent fand man unannehmbar. Man berief sich in vielen Bittge-
ßhen auf die gesetzlich zugesicherten Rechte. Die Regierung
ßhte mit Gewaltmassregeln die Versammlungen der Evangelischen
Lzuschüchtem. Doch der höchste Adel und die Geistlichkeit blieben
lt. Am 15. Mai 1860 wurde das Patent ausser Krafb gesetzt. Der
r 1848 genossene Rechtsstand musste wieder anerkannt werden.
Was die wissenschaftliche Thätigkeit der ev. Kirche
dgarns anbelangt, so hat sich diese namentlich in diesem Jahr-
ndert auf dem Gebiete der Kirchengeschichte und praktischen
leologie bewährt. Eine ganze Schaar eifriger Arbeiter trat in die
issstapfen eines Sinai, Bod, Ember und Ribini, als Anfänger
r ungarischen Greschichtsschreibung, doch ohne gewünschte Be-
itzung und Bearbeitung der werthvoUen Quellensammlung der
iheren Zeit. Die in unserem Jahrhundert erschienenen Werke sind
meist ungarisch geschrieben. — Wir erwähnen hier nur die bedeuten-
ren Namen, als: JesaieBudai, Superintendent jenseits derTheiss
1841). Sein Werk »Magyarorszag histöridja« (Bd. 11) dient auch
ch heute zu einem Leitfaden; Fr. Töth (f 1844), Superintendent
iseits der Donau schrieb eine ganze Reihe von kirchengeschichtlichen
ichem; G. Bauhof er (f 1864), ev. Pastor, »Geschichte der evang.
rche in Ungarn«; Joh. Borbis, eifriger Lutheraner, schrieb unhold
id einseitig über die Reformirten in Ungarn; Dr. Heiszier, wei-
ttd Professor der Theologie in S. Patak, gegenwärtig ref. Pastor
Dombr4d, lieferte eine ganze Menge Werke auf dem Gebiete der
cegese, Kirchengeschichte und Dogmatik; J. P41fy, Prof. theol.
Oedenburg; besonders aber nimmt Emerich R6v^sz, Dr. theol.
id ref. Pastor zuDebreczin (f 18. Febr. 1881), eine hervorragende
eile unter den prot. Schriftstellern Ungarns ein. Seine historischen
lellen-Forschungen und hinterlassenen Manuscripte, sowie seine
lermüdete Thätigkeit auf dem Gebiete der Kirchen^erfassung lassen
a als den gründlichsten Kenner der historischen Vergangenheit
s ungarischen Protestantismus erscheinen. Einz^bü^ gl&%c.l^c.bd^ck<^
I
186 Ungarn.
Beiträge und Nachrichten sind erschienen von Berzeviczy: »Goordi-
nation der Kirche und religiösen Angelegenheiten der Evangelischen
des Theiss-Distr. 1870«. Dann die »Nachrichten über den jetzigen
Zustand der Evangelischen in Ungarn« 1822. Joh. Szombati
wirkte als ref. Professor in S. Patak; Fr. Szil4gyi (f 1876), weiland
Professor in Elausenburg, welcher durch seine schroffe Kritik über
B^v^sz »Kalvins Leben« zwischen den ref. theologischen Akademien
zu Debreczin und Budapest einen dogmatischen Streit veranlaflste,
der durch zwei Decennien hindurch viel Unheil brachte. Joseph
Salomon, weiland ref. Professor theoL in Klausenburg (f 1871),
schrieb »De statu Eccl. ev. ref. in Transylvania 1840« und ist der
Erste, der die Vorlesung über prot. Kirchenrecht eingeführt hat.
Dr. Joh. Szeber^nyi, Superintendent A. C. (f 1856), hat ausser
der Schrift »Contra Lutherolatriam« ein »Corpus maxime memora-
bilium Synodorum« (Pest 1848) veröffentlicht. Er war ein Gegner
der durch den Grafen Zay im Jahre 1841 beantragten »Union».
Weiter sind zu erwähnen: Homyanszky: »Beiträge zur Geschichte
evangelischer Gemeinen in Ungarn«; Andreas Fabö (f 1874), ev.
Pfarrer in Agard, als fleissiger Sanunler und sehr bedeutsamer
Forscher durch seine Monumenta bekannt. Seine »Lebensbeschrei-
bung des St. Beythe« (ung. geschr.) ruht auf eigenen Quellenforsch-
ungen. K. Bäcz: »Die Opfer des Pressburger Blutgerichtes im
Jahre 1674« ; ColomanH. Kis s: Monographieen; A. £[iss: Herausgabe
der Beschlüsse der im szatm4rer Comitat gehaltenen vier ersten proi
Synoden; Jos. Parkas, Professor theol. in Budapest; L. Warga,
Professor in S. Patak, Fr. Balogh, Professor in Debreczin, sowie
Sig. Csüthy, ref. Pferrer und S. Weber, evang.: auch diese haben
mit ihren kirchenhistorischen Werken die Wissenschafb gefördert.
Auf dem Gebiete der systematischen Theologie hat sich Edmnnd
Kovacs, ref. Professor theol., verdient gemacht. Vorwiegend wird
die praktische Theologie bebaut. Hier könnte man eine grosse An-
zahl namhafter Verfasser erwähnen, wir beschränken uns aber auf
die eifrigsten Arbeiter in den letzten Decennien, um so mehr, weil
die bezüglichen Werke vorwiegend in ungarischer Sprache erschienen.
Es sind die bedeutendsten namentlich unter den Beformirten: die
Superintendenten Szoboszlai Pap, Peter Nagy (f 1884), Va-
lentin und Emerich B^vesz, Carl v. Sz4sz, Dominik von
Szasz, G. Pap. Femer Fösös, Dobos (f 1887), Tompa, Török
Pal, Fördös, Aron und Joh. Szilädy, St. Pap, K. Pap,
Czelder, K. Töth, G. Szasz, Fejes, Filö, Borsodi, Mitrovics,
Caiky u. A. Unter den LuÖDLeianöm sind als anerkannte Bedner und
Zweites KapiteL Die evangelisch-refonnirte Kirche. Ig7
irch schriftstellerische Wirksamkeit bekannte Männer zu nennen:
)s. Sz^käcs, Mäday, Szeberenyi, Dr. Teutsch, Geduli, Cz6kas,
arsai, Wilh. Gyory, Tresztyanszky, S4nta, Hörk u. A. Als
»währte Verfasser auf dem Gebiete des Eirchenrechts sind zu
)nnen Fr. und A. KovÄcs, KolozsvÄry, Dözsa, Bläsy, Zsi-
nszky und als Organisator Dr. E. Bev^sz. Die dogmatische
olemik ist nicht beliebt, besonders seit den oben erwähnten Ldden
er drei letzten Decennien. Zufolge der staatsrechtlichen Bezieh-
Qgen des ungarischen Protestantismus zum römischen Eatholicismus
erden die Fragen der Yerßissung und der Schulen mehr betont.
Zweites Kapitel.
Die evangelisch-reformirte Kirche.
Vom Beginne der Eeformation in Ungarn (1518) an haben die
iberisch und calvinisch gesinnten Protestanten, ungeachtet der
)gmatischen Differenzen, als ein Leib — durch einen Geist beseelt
- gegen Rom gekämpft. Allein mit dem Jahre 1558 trat Peter
elius in Debreczin auf, und nachdem er auch bei dem Fürsten
ebenbürgens Einfluss gewonnen, forderte er die gute Sache des
ilvinismus also, dass der Landtag zu Torda in Siebenbürgen (1564)
e Trennung der Lutheraner und Reformirten gesetzlich sanctionirte.
1 gleicher Zeit entstand eine ähnliche Bewegung in Ungarn, na-
entlich durch den Eifer des Melius, der die erste ungarische ref
onfession (conf. agrivaUensis) verfasste und von seinen gleichgesinn-
in Amtsbrüdem unterschrieben dem Könige Ferdinand und seinem
}hne Maximilian unterbreitet hat. Allmählich nahmen die Befor-
irten so stark zu, und das calvinische Bewusstsein schlug in den
Kerzen so feste Wurzeln, dass die unter dem Vorsitz von Melius
Bhaltene Debrecziner Synode (1567) die Selbstständigkeit und Unab-
Engigkeit der ungarischen ref Kirche endgiltig aussprach. Seit
ieser Zeit standen beide Konfessionen getrennt von einander, aber
a Kampfe gegen Rom finden wir sie immer vereint; viribus unitis
ärtheidigt sich der ungarische Protestantismus als eine feste Phalanx
^n die Angriffe der römischen Oberherrschaft bis auf den heutigen
a£. Ln^ Jahre 1841 machte Graf Karl Zay (Greneralinspektor A. 0.)
inen Unionsversuch, aber derselbe ist als ephemere Idee in kurzer
188 üngam.
Zeit ganz vergessen worden. Nnn wünschten die Beformirten in
Ungarn nnd Siebenbürgen eine Vereinigung unter sich herbeizn-
führen: sie hatten nämlich ihre eigene Verfassung und Eirchenord-
nung beibehalten. Diese Annftherung vollzog sich auf dem im Jahre
1873 abgehaltenen Konvent; auch die Siebenbürger ref. Superinten-
denz nahm daran Theil.
Die Beformirten in üngam harrten seit einem 'Jahrhundert
auf die Erfüllung der gehegten Hoffnung, eine Ver&ssungssynode
halten zu können. Zu der Verwirklichung gab den ersten Anstoss
die Superintendenz jenseits der Theiss, welche auf dem in Debreczin
(1877 April) abgehaltenen Konvente bei sftmmtlichen Superinten-
denzen die Abhaltung einer Plenarsynode beantragt hatte. Dieser
Antrag wurde von allen anderen 4 ref. Superintendenzen freudig
angenommen, mit der Bestimmung, dass die abzuhaltende Synode
sich von allen Lehrfestsetzungen fem zu halten habe. Zur Berath-
ung der erforderlichen Vorarbeiten wurde am 15. — 17. Nov. 1877
eine Generalversammlung in Budapest unter Vorsitz des Preiherm
Nikolaus Vay als ältesten Distriktualkurators abgehalten und ein
Ausschuss — bestehend aus 18 Mitgliedern — zur Verfessung der
Vorarbeiten, sowie zur AntragsteUung aller Angelegenheiten ent-
sendet. Dieser Ausschuss, in 2 Untercomit^s getheilt, hatte seinen
Entwurf der Kirchenverfassung am 19. — 26. Mai und am 7. — 9.
November 1878 in Debreczin beendigt, während den Entwurf der
Organisation des Schul- und Unterrichtswesens der damit betraute
Molnär verfertigte. Die also verfassten Entwürfe und alle Vorar-
beiten wurden in dem Generalkonvente 1879 (Sept.) in Debreczin
und 1880 (Sept.) in Budapest, derjenige aber, über Organisation
des Schul- und Unterrichtswesen, am 8. — 14. März 1881 berathen;
und dann beide Entwürfe der Kirchenverfassung und Organisation
des Schulwesens, als ein der Synode vorzulegender Antrag fertig
gemacht. Nach eifrigsten und ernsten Vorbereitungen wurde die
Synode am 31. Oktober 1881 zu Debreczin (314 Jahre nach der
ersten Verfassungssynode daselbst) unter Vorsitz des verdienstvollen
Freiherm Vay eröfihet, nachdem der König laut allerhöchstem Er-
lasse die Abhaltung derselben am 15. Febr. 1881 gestattet hatte,
ohne jedoch von seinem laut §. 4 des 26. Gesetzes-Artikels vom
Jahre 1790/91 ihm zukommenden Bechte: einen Königl. Kommissär
entsenden zu können, bei dieser Gelegenheit Gebrauch zu machen.
Die Gesanmitheit der Beformirten in Ungarn und Siebenbürgen
war hier durch 114 Abgeordnete, durch die einzelnen Gemeinen im
Wege aUgemeiaer Abstimmung gevf^^iWi, ^«tfec^^Ti. Der erste FaU,
Zweites Kapitel. Die eyangelisch-reformirte Kirche. 189
dass anch Siebenbürgen sich freiwillig nnd freudig anschloss. Die
Berathungen wurden unter dem Doppelpräsidium des Freiherm Vay
und des ref. Bischofs Peter Nagy aus Siebenbürgen gepflogen. Die
theoL und juridischen Akademien, Gymnasien und Pädagogien waren
durch je 2 Mitglieder aus jedem Distrikte vertreten. Die Gegen-
stände der Synodalberathungen waren folgende: 1) Festsetzung der
Organisation der Eorchenverfassung von den Presbyterien an, durch
die Seniorat-, Distriktual-, Generalkonvents-Behörden hin bis zur
Synode als allerhöchster gesetzgebender Kirchenbehörde: hierher ge-
hören die Bestimmungen über Pflichten und Bechte aller kirchlichen
Amts- und Würdenträger; 2) die Festsetzung der kirchlichen Ge-
richtsbarkeit und gerichtlichen Handlungen; 3) die Ordnung des Schul-,
Erziehungs- und ünterrichtswesens von der niedersten Stufe bis zur
höchsten; 4) es sollten Bestimmungen getroffen werden, dass die
Verfessung das wahre Wohl der Gemeinen fördere; 5) Berathung
Ton Anträgen und Vorlagen.
Die Synode hielt 29 Sitzungen und die geschaffenen Kirchen-
und Schulgesetze wurden am 24. Nov. 1881 dem Könige zur Sank-
üoiiirung vorgelegt Es war durch die Union der ung. ref.
Kirche mit den Reformirten in Siebenbürgen etwas Neues
geschaffen. Die Siebenbürgische ref. Kirche behielt dabei ihre
Bechtsbasis. Sie hat auch unabhängige Ehegerichte. Ein anderes
, Charakteristikum der Kirchenverfassung ist, dass der Generalkon-
■• vent als organisirte Kirchenbehörde in die Verfassung einge-
schaltet wurde. Alle 10 Jahre soUte die Synode abgehalten werden.
Der Wirkungskreis aller kirchlichen Amts- und Würdenträger
war prSzisirt worden, die Wahl der Pastoren geregelt, eine ünter-
^tzungs- Landeskasse gegründet und die kirchlichen Abgaben
geordnet.
Der 2. Haupttheil enthielt die Gesetze bezüglich Regelung des
Erziehungs- und ünterrichtswesens; der 4. Haupttheil umfasste die
Organisation der kirchlichen Gerichtsbarkeit.
Die nur in ihren Hauptzügen bekannt gemachten Kirchengesetze
worden mit gänzlicher Beseitigung des 2. Haupttheiles
iiach unbedeutenden Berichtigungen am 11. Oktober 1882 königlich
^anktdomrt. Der 2. Haupttheil wurde nicht bestätigt, weil die
Sdmlen als »ganz und gar dem Leibe der Kirche angehörig« auf-
lebsst waren. Derselbe sollte abgesondert seine Legitimation noch
^ erwarten haben. Diese ist bis jetzt noch nicht geschehen , aber
^ Segen der Zusammengehörigkeit und den Einfluss der ins Leben
J K^iietenen neuen Verfessung kann . man bereits ^^t-Lt ^atockJÖßiQ«^,
190 Ungarn.
Als Siegel der Generalsynode nahm man eine brennende Fackel mit
7 Sternen und das Wort Matth. 5, 15. an. Der Beformirten alter
Titel: helvetische Konfession ward in: ev.-reformirt geftndert £me
Eigenthümlichkeit der ungarischen ref. Yer&ssnng ist das neba
dem P&rrer stehende Amt der weltlichen Enratoren als IfitprSs-
denten der Presbyterien, Seniorate und Kirchendistrikte. Der K(m*
vent, der über den Superintendenzen sich bildet, besteht aas 5
Bischöfen (statt der früheren Superintendenten), 5 Oberkoratoreii,
28 Konventual-Abgeordneten, das Präsidium führt der amtsftlteste
Bischof und ein Distriktual-Oberkurator.
Der Konvent ist eine über den Superintendenz^i stehende '
Kirchen-Behörde, welche in solchen Angelegenheiten entscheidet,
welche die Superintendenzen angehen. Präses des Konvents sind:
der amtsälteste Bischof und der amtsälteste Distriktual-Oberkarator.
Bischöfe sind 5, Oberkuratoren 5. Die Mitglieder der Synode
werden durch die Presb3rterien der Kirchengemeinen gewählt, je nacli
Yerhältniss der Seelenzahl der einzelnen Kirchendistrikte, in festge-
setzter Anzahl aus dem geistlichen und weltlichen Elemente. Ausser-
dem wählen die Lehrkörper je 2 Vertreter aus jedem Kirchendistrikte.
Berufene Mitglieder der Synode sind sämmtliche Bischöfe und'Di-
striktual-Oberkuratoren. Der Präses und sein Stellvertreter werden
aus der Mitte der Bischöfe und Oberkuratoren gewählt. Die ZaM
der Vertretung ist auf 114 festgesetzt.
Symbolische Bücher besitzt die ref. Kirche Ungarns zwei:
die Helv. Konf. U., welche im Jahre 1567 zu Debreczin, sodann
1626 in Komjdti, 1642 zu Pest und 1646 durch die Synode zn
Szatmam6meti angenommen und hiermit allgemein anerkanntes sym-
bolisches Buch wurde. Der Heidelberger Katechismus wurde
gleichfalls in Debreczin 1567 und zu Szatm4memeti (1646) malge-
nommen und dessen Auslegung in der Gemeine angeordnet (Art. H)
Der Heidelberger wurde im 18. Jahrhundert durch den röm. fi[leni3
hart verfolgt und konnte nur mit Abänderung der Fragen 30, 57,
80 herausgegeben werden. So erschien er bis zu neuesten Zeiten,
als Pastor Erdos denselben in uralter Form und getreuer üeber-
Setzung nebst historischer Einleitung veröffentlichte 1885. Er wurde
jenseits der Theiss in allen Gymnasien als Beligionshandbuch ein-
geführt. Es werden auch beinahe in allen Distrikten an Sonntagen
Nachmittagspredigten über den Heidelberger gehalten, und bei Kan-
didaten-Prüfungen muss je ein angegebener Abschnittt ausgelegt
werden. Gleichfalls wird die Helv. Konf. H. in grosser Ehre ^
halten und auf allen ref. theol. Akademieen behandelt.
Zweites EapiteL Die erangeliBch-reformirte Kirche. 191
Bas Eirchenge sangbuch besteht aus den Psahnen Davids
d Liedern. Der Psahngesang wird von jeher mit wahrer Vorliebe
pflegt Leider entbehren die Ref. deutscher Zunge denselben seit
Decennien. Unter Einwirkung des Rationalismus Hessen sie sich
wegen, das heilige Erbe der ungarischen ref. Brüder mit modernen
edem umzutauschen. Eine Verbesserung steht bevor.
Eine einheitliche Agende fehlt. Die Synode 1881 hat die
[>&8sung einer solchen dem Gteneralkonvente zugewiesen, und die
)rarbeiten sind geschehen. • Die vielen Lokalagenden schliessen
}h an die Pftlzer Agende an.
Die heilige Schrift ist noch immer in der uralten ungarischen
dbersetzung des Käsp4r E4roli (ref. Pfarrer in Gtöncz, f 1592)
tm Jahre 1590 im allgemeinen G^braudi. Dieselbe hat eine Viel-
ehe Revision erfahren, bis sie ihre gegenwärtige Gestaltung ge-
^nnen. Ln 16 .Jahrhundert waren die namhaftesten Bibelübersetzer :
rdosi, Heltai, Melius, F^legyhäzi, besonders aber Eäroli
fr Erste, welcher die ganze Bibel sammt den Apokryphen über-
agen hat. Ihm folgten im 17. Jahrhundert Szene zi Molndr
., Nie. Eis, Eäldi; im 18. Jahrhundert: Eomäromi Csipkes
id Besnye'i; im 19. Jahrhundert: Ballagi, ehemaliger Professor
eol. in Budapest und Sam. Eamori, Professor theol. in Pressburg,
i neuerer Zeit (1878) erfolgte eine Revision der alten Uebersetzung
)s N. T. , welche aber keine ofißcielle Annahme fand. Auf diesem
ebiete hat sich Prof. Menyhdrt und in neuerer Zeit Prof
addcsi verdient gemacht. Der vielfeichen Mangelhaftigkeit der
igarischen Bibelübersetzung gründlich abzuhelfen, unternahm die
ritish and Foreign Bible Society im Jahre 1886 eine gründliche
ebersetzung des A. T. unter Vorsitz des unermüdlich thätigen
f. Bischofs Carl von Szäsz wurde eine ausgewählte Zahl von
Eudmiftnnem mit der Revision betraut.
Die fünf ref. theologischen Akademieen in Budapest,
ebreczin, S. Patak, Päpa und N. Enyed haben 4 Jahrgänge;
le Zuhörer sind verpflichtet, auch den philosophischen Cours zu voll-
iden, sogar auch ein pädagogisches Examen abzulegen. Es ist
ber eme nachtheilige Einführung jenseits der Theisz, dass die Ean-
Ldaten auch die Schullehrerdiplome zu erwerben genöthigt sind.
iTich für spedell ref. höhere Mädchenschulen wird grosse Sorg-
et verwendet. Die literarische Thätigkeit ist eine rege zu
lennen. Mehr als 15 Eirchenzeitungen, Monatsschriften, Studien-
lefte und Volksblätter erscheinen. Es gibt auch eine konfessionelle
■ef. und lutherLscbd Kirchenzeitung. Im Dezem\>er \%Ä^ ^w\ä^% ^<st
192 Ungam.
Grundstein zu einer protestantischen literarischen Gesell
Schaft gelegt; an der Spitze steht Bischof von Szasz. Zweck
derselben ist Pflege der prot. theologischen Wissenschaft und Lite-
ratur, Herausgabe kirchenhistorischer Werke und Monographieen
nebst einem eigenen wissenschaftlichen Organ.
Mit der Verbreitung von Missionsschriften und Traktaten be-
fasst sich die schottische Missionsgesellschafb ; aber die ref. Kirche
beschränkt ihr das Wirkungsfeld mehr und mehr, indem in einzehien
Senioraten, zur Weckung des ref. Bewnsstseins , eigene Missions-
schriften verfasst und verbreitet werden. Ebenso arbeitet man auch
gegen die durch die Bibel- und Traktat-Kolporteure eingeschmug-
gelten Baptisten- und Nazarener-Sektirerei, welche besonders der
ref. Kirche viele Unruhe und Störung bringt.
Die ref Kirche steht in Beziehung zu der allgemeinen pres-
byterianischen Allianz. Coloman Tisza, der jetzige Minister-
präsident und Oberkurator der jenseits der Donau liegenden Super-
intendenz, hat es in einem Gesetze von 1885 (G«s.-Art. VIL) durch-
gesetzt, dass in dem Oberhause auch 3 amtsälteste Bischöfe nnd
3 Oberkuratoren der ref Kirche und 3 Superintendenten und 3 Ober-
inspektoren der luth. Kirche, sowie ein Bischof oder Oberkurator
der Unitarier lebenslängliche Mitglieder sind.
Die Eeformirten in Ungarn beweisen eine grosse Opferwilligkeit
für das Schulwesen, indem sie ihre Bildungsanstalten von
der untersten Stufe bis zu den Hochschulen aus eigenen Mittek,
ohne jede auswärtige oder Staatsunterstützung erhalten.
Im Kirchendistrikte an der Donau erhält die ref. Kirche
neun höhere Schulen, und zwar eine Theologische Akademie
mit 4 Jahrgängen in Budapest, gegründet 1855. Die Oberauf-
sicht und das Begiment wird geübt durch eine Kommission, be-
stehend aus dem Bischof, Oberkurator, Senioren, Seniorats-Knia-
toren, dem Direktor und zwei Professoren der Akademie. 6 ordentL
und 3 Hilfsprofessoren unterrichten 44 Zuhörer. Jahreseinnahme
24 768 fl., Auslagen 18 664 fl. BibHothek mit 24000 Bänden
Convict, Stipendien. Daselbst ist ein stark besuchtes Obergymna-
sium, gegr. 1859. Schülerzahl 381. Stipendienfond 22 000 fl. Ein
Lehrerseminar ist in Nagykörös, gegr. 1839, mit 4 Jahrgängen
61 Hörer, Convict, Stipendien. Daselbst ein ObergymnasiaiH)
gegründet in der Mitte des 16. Jahrhunderts, mit 210 Schülero,
13 Professoren und 3 Catecheten. In Kecskemöt ist eine Rechts-
akademie, gegründet 1831, und ein Obergymnasium vom Ende des
Zweites Kapitel Die evangeliBch-refonnirte Kirche. 193
16. Jahrhunderts. InHalas ist ein Obergymnasium, gegründet
1667. Schülerzahl über 200. Conyict. Stipendien -Kapital über
40 000 fi. Bibliothek berühmt. Es bestehen noch Gymnasien in
Gyönk und K. Szi Ifiklös.
Jenseits der Donau steht die alte ahna mater in P4pa,
gegründet durch Enyingi Török 152B. Zuhörer der Theologie 81,
im Gymnasium 304, im Lehrerseminar 47. Convict, vortheilhafte
Si;q)endien. In Csurgö seit 1792 ein Obergymnasium mit 186
&hülem; Convict und schöne Bibliothek.
Im Kirchendistrikte jenseits der Theiss florirt die alt-
l)erühmte Hochschule in S4rospatak, wo für Theologie und Bechts-
iikademie 14 Lehrkräfte, im Gymnasium 13 Professoren vortragen.
Gründungajahr 1581. Sehr reiche Bibliothek. Jahreseinnahme
73 401 fL , Ausgaben 72 705 fl. Stipendienkapital beläuft sich auf
48772 fl. Stammvermögen der Professoren- Wittwen- und Waisen-
aastalt 46 000 fl. Schüleranzahl 600. Seit dem Jahre 1554 ist
aach ein Obergymnasium in Miskolcz sehr besucht; mit 400 Schülern,
Oonvict, Stipendien etc. In beiden Anstalten wird die Oberaufsicht
durch eine Kommission gefuhrt, welche der Distrikt wählt. Das
Obergymnasium in Eimaszombat ist gemeinschaftlich mit den Luthe-
ranern und erhält auch Staatsunterstützung.
Einen schönen Euf erwarb die älteste Hochschule zu
Debreczin, gegründet im Jahre 1580 — 40. Für die Theologie 8,
an der Bechtsakademie 11 Professoren, im Gymnasium 17 Lehr-
kräfte, im Lehrerseminar 4 Professoren und 4 Lehrer. Jahresbedarf
gegen 120 000 fl. Das Stammvermögen beträgt über eine Million
Gulden. Schüler der Theologie 84, Juristen 104, Gymnasisten 725,
im Lehrerseminar 110.
Die Bechtsakademie in M. Sziget, sowie das dortige Ober-'
gymnasium, gegr. 1540, werden mit der grössten Aufopferung der
Eonfession erhalten. Schüler 260. In diesem Distrikte erhält noch
-die re£ Kirche 1 Ober- und 8 Untergymnasien je mit 6 Klassen
und gegen 1200 Schülern. Manche waren einst schwergeprüft, wie
^ in Szatmdr, gegr. Mitte des 16. Jahrhunderts, und M. Tur,
aus derselben Zeit. Die Oberaufsicht jenseits der Theiss wird durch
«inen Aufsichtsrath geübt, welchen der Distriktual-Convent wählt.
Auf den Beformirten Siebenbürgens lastet die Erhaltung von
1 Hochschule, 5 Obergymnasien und 1 Untergymnasium. Die Hoch-
schule zu Nagy-enyed (Bethlen - Hochschule genannt) wurde ge-
gründet durch den berühmten Fürsten Gabr. Bethlen 1622—1629
Zahn, KirotaengeBchiolite. 2. AufL 13
194 UngHTD.
in Weissenburg (Gynlafeh^rydr). Apafi versetzte dieselbe nach Nagy-
enyed 1662 — 1664. Ihr Bestand wurde gesichert durch fürstlielie
Dotationen und Fonds, so dass sie die reichste konfessionelle An-
stalt in Ungarn ist. Ausser dem Kapital, 264 505 fl., besitzt die-
selbe in unbeweglicher liegenschafb 11 142 Oatastral-Joch Feld. Es
wirken 18 Professoren und 4 Fachlehrer. Obergynmasien bestehen
in £[lausenburg (gegr. 1556), Marosy4s4rhelj (Anfang des 18. Jahr-
hunderts), in Sz4szy4ro8 (seit Mitte des 17. Jahrb.), Sz^eljudvar-
hely und Zilah (Anfang des 16. Jahrh.), überall mit beträchtlichen
Benefizien ausgestattet.
Ihre Aufmerksamkeit richtete die ref. Mission besonders auf die
Diaspora-Gfemeinen in Bumftnien, welche in Folge langjähriger Aus*
Wanderungen sich vermehrt haben. Emerich Sükei, ein eifriger
siebenbürgischer Pastor, war der Erste, der im Jahre 1815 nadi
Bumänien zog, um die zerstreuten Beformirten zu sammeln. Er
wirkte sehr segensreich bis 1847 und ist der (Srüivler der jetzt
blühenden ref. (Gemeine in Bukarest geworden. Von seinen Nach-
folgern sind zu erwähnen Franz Eoös und Mose Birö, auch
Ozelder.
Einen grossen Au&chwung nahm die Mission seit der Synode
1881. Die ref Eorche stellte sich zur ersten Aufgabe die Versor-
gung der in allen Ländern der Stefanskrone, sowie in den benach-
barten südlichen und östlichen Staaten zerstreut wohnenden ref
Glaubensgenossen. Mit grosser Opferwilligkeit wurden und werden
überall Missionsposten ins Leben gerufen von Moldau und Bumftnien
bis an die Grenzen Slavoniens und Kroatiens, von den nördlichen
£[arpathen bis an das adriatische Meer. Zur Unterstützung der
Mission verwendete die Domesticalkasse in den letzten 8 Jahren
über 20000 fl.; dieselbe theilte unter den bedürftigen Oemeinen
und Pfarrern 161 165 fl. aus (im Ganzen also 181 245 fi.). Das
nutzbringend angelegte Kapital der genannten Kasse belauft sich
gegenwärtig über 100 000 fi. Die Sonntagsheiligung wird betrieben.
Die Superintendenz jenseits der Theiss schuf 1864 den ref Unter-
stützungsverein, der jährlich 2800 fl. vertheilt. Die ref Kirche er-
hält eine Staatsunterstützung von 65 000 fl.
Drittes Kapitel. Die evang. Kirche Augsburg. KonfesBion. 195
Drittes Kapitel.
Die evangelische Kirclie Augsburger Konfession.
Die evangelisclie Kirche A. 0. hatte ihre konstitationelle Or-
«anisirong auf der Süleiner Sjnode (1610), auf der Szepesv^raljer
1614) und durch das Schintaner Konsistorium (1822) erhalten. Es
«standen 6 Kirchendistrikte mit 6 Superintendenten. Durch eine
lesolution K!arl m. wurde sie in 4 Superintendenzen getheilt.
«Teben den Superintendent trat ein Inspektor. 1744 wurde der erste
leneralkonvent gehalten. An seiner Spitze steht ein weltlicher
leneraünspektor. Seit 1860 ein Doppelpräsidium: der amtsälteste
laperintendent neben dem G^eneralinspektor. Die erste und letzte
jandessynode in Pest 1791 regelte die Zusammensetzung und Be-
Dgnisse des G^eneralkonvents. Unter dem G^neralkonyent, dem
ber noch jede feste gesetzliche Grundlage und Organisation fehlt,
beut sich die ev. Kirche in Eorchengemeinen, Seniorate und Distrik-
nal-Konvente. Die Deputirten der Senioratkonyente werden durch
ie (>emeineglieder nur auf die Dauer des Konventes gewählt. Der
[eneralkonvent, der alljährlich abzuhalten ist, setzt sich aus den
^istriktnal- und Senioratspräsidien , den Gymnasial-Direkteren und
eistlichen und weltlichen Mitgliedern zusammen. Der General-
ispektor ist lebenslänglich gewählt. Bei dem G^neralkonvente von
848 erschienen auch einmal die Vertreter der lutherischen Eorche
debeirbürgens. Ueber die Ordination der Pastoren bestehen in
ädern Distrikt eigene Statuten. Die ungarische ev. Eorche besteht
ns 4 Distrikten, 37 Senioraten, 612 Eorchengemeinen und etwa
. Million Seelen. £ine theologische Akademie, zwei theologische
JATse, eine Bechtsakademie , 11 Obergymnasien und 5 Lehrer-
nrSparandien sind die Bildungsstätten; Ungarn, Deutsche, Slovaken
und Wenden die Nationalitäten.
Das kirchliche Leben hat bei den Lutheranern in Ungarn seine
bisherige Apathie abgelegt. Der evang. Hüfsverein (Gustav-Adolf-
Verein) arbeitet schon viele Jahre sehr segensreich; er ist ein von
christlicher Liebe beseelter eifriger Mitarbeiter des deutschen Gustav-
Adolf-Yereins. Die Gesammtkirche hat einen kapitalisirten Ver-
i&i^gensstand von 158 025 fl. Zur Jubelfeier des deutschen Gustav-
Adolf-Yereins wurden in den ev. Gemeinen der 4 Distrikte 5000 Mk.
gesammelt. Ausser dem Hilfsvereine gibt es das Leopoldianum, zu
welchem jedes Seniorat 10 ü, und jede Gemeine ^0 l^evjaÄX \s«v-
I
196 Ungarn. 1"
tragen muss. Dasselbe will für die Zukunft durch ansehnliche :
E[apitalien sorgen. Mehrere Frauen- und Jugendvereine sind thätig :
zur Unterstützung bedrängter Glaubensgenossen ohne Bücksicht der
Nationalität. Das protestantische Landeswaisenhaus in Budapest^
welches seine Aufgabe trefflich erfüllt, besitzt ein Vermögen voa::
130 425 fl. Das ev. Waisenhaus in Bosenau, welches vor 4 Jahren,
um einer G^fiahr von Seiten des dortigen Jesuiten-EoUegiums yof-':
zubeugen, errichtet ward, hat mit materiellen Schwierigkeiten za
kämpfen.
Die ev. Kirche Ungarns beweist eine grosse Opferfreudigkeil
für die innere Mission. In neuerer Zeit werden in rein kathoL
Gegenden neue luth. Gemeinen gegründet, für deren religidse B&> 1
dürfiüsse nach Möglichkeit gesorgt wird. Alle vier Distrikte habea
ihr^ höheren Lehranstalten und sämmtliche Gemeinen ihre Volks-
schulen. Es gibt 11 konfessionell lutherische Obergymnasien: ist
Oedenburg (seit 1557), Pressburg (1606), Schemnitz (seit 1528), wo
im Alumneum al^ährlich um einen geringen Betrag 174 Zöglinge
verpflegt werden; Budapest (seit 1855), Eperjes (seit 1584), wo inai
Alumneum alljährlich beinahe 200 Zöglinge beköstigt werden; K6z8*
m4rk (seit 1575), Iglau (1785), Bosenau (1525), welches seit 1881
Yom Staate unterstützt wird ; Bimaszombat, wo ein vereinigtes proi
Gymnasium seit 1853 besteht; Szarvas, wo es auch eine Lehrer-
präparandie gibt. Progymnasien sind 7. Zur Förderung des Luther-
thums wurde vor Kurzem die Luthergesellschaft gegründet; sie
zählt gegenwärtig 175 Mitglieder. Hier fehlt es auch an einer ein-
heitlichen Agende, nicht weniger als sieben Agenden und eben so
viele Gesangbücher sind in den deutsch-luth. Gemeinen Ungarns im
Gebrauch.
Die Gesammtkirche der Lutheraner sieht einer neuen Organi-
sation entgegen, indem der Generalkonvent (1886) ein Comite e^
nannte, welchem der Auf krag ertheilt wurde, die Synodalvorarbeitea
zu verfertigen.
Die Siebenbürger ev. Kirche bildet eine Superintendenz mit
dem Sitze Hermanstadt. Es gibt 10 Dechantstühle , 270 Kirchen-
gemeinen und 170 000 Mitglieder. Mit Ausnahme von 11 ungari-
schen Gemeinen, welche seit 1886 ein eigenes Seniorat bilden nnd
dem Theisser K.-Distrikte zugetheilt sind — sind die Uebrigen
Sachsen mit deutscher Muttersprache. Die Kirche hat das Selbst- ^
verwaltungsrecht und seit 1870 eine Presbyterialverfeflsung. Sie ■
hat mit der ungar. luth. Kirche keine Verbindung. Neben der
Landesversammlung steht ein Oberkonsistorium, aus der Dechanei
Driiiee KapheL Die enaag. Kirche Augsb. Eonfession. 197
w&hlt und vom König bestätigt. Auch unabhängige Ehegerichte
i die Kirche.
Die unitarische Kirche zfthlt 55 787 Mitglieder, mit einem
Isehof^ 8 Senioren, 106 P&rrem und 266 Schulen, namentlich in
fibenbürgen. Nationalitftt: Ungarn. 1848 und 1868 erhielt sie
eiche Bechte mit den andern Kirchen. Presbyteriale Verfassung
ifc einem Bischofl Ein theologisches Seminar und unabhängiges
begericht in Klaosenburg. Von England und Amerika unterstützt,
ine Kirchenzeitnng : Ker. Magveto. Die Nazarener namentlich
i der ref. Kirche entwickelten sich seit 1849 und werden nicht
nter die gesetzlichen Religionen gerechnet. Ein Gremisch von Bap-
sten, Darbysten und Mennoniten. Etwa 3 — 4000.
Statistisches.
Aus dem neuesten »Schematismus für die ref. Kirche in Ungarn«
leilen wir Folgendes mit: In den fünf Kirchendistrikten refor-
lirten Bekenntnisses, nämlich an der Donau, jenseits der
onau, diesseits und jenseits der Theiss und in Siebenbürgen gibt
I 1980 Muttergemeinen, 98 Oemeinschafbs - Gemeinen (welche in
emeinschaft je ein Pfarramt erhalten), und 8261 Filialgemeinen
reiche einer Muttergemeine zugetheilt, eigene Schule und Lehrer
iben), mit der Seelenzahl von 2 024 699 unter der geistlichen Ver-
rgong von 1909 ordentlichen Pfarrern und 374 Hüfspredigem,
welchen noch 127 Leviten zu rechnen sind. Lu Jahre 1885
id geboren 87 601 Kinder und starben 68 196. Copulirt wurden
981 Paare. Ue1[>ertraten zur ref. Konf. 1166; es traten aus 518.
e Anzahl der Elementar-Schullehrer der ref. Kirche beträgt 2248,
d der Kantoren 42, die der E[antorlehrer 283, hiezu kommen 540
ihrer, welche auch die Organisten- und Kantorsstelle versehen
»nnen. Schulpflichtige Kinder im Alter von 6 — 12 Jahren gab es
12 898, von 13—15 Jahren 78 839. Es besuchten die Schule vom
—12. Jahr 194 816, und vom 13.— 15. Jahr 46 855. Zum hl.
bendmahl wurden zugelassen 28 837.
Seelenzahl der Lutheraner in Ungarn: 936 384, welche
12 Mutter- und 553 Filialgemeinen büden unter 643 Pfarrern und
S Gehilfen. Die siebenbürgischen Sachsen bilden 260 Mutter-
Bmeinen unter 254 Pfarrern und 194 Predigern. Seelenzahl 197 782.
iin Kirchendistrikt in 10 Seniorate eingetheüt. Die Unitarier
lit 65 787 Seelen büden 106 Mutter- und 254 Filialgemeinen unter
09 Pfarrern. Ein Distrikt in 8 Sprengel getheilt.
k
1. Die Schweiz.
leratnr: A. 60 st» Mämoires pouvant servir k Thistoire du räveil
religieux des l^lises protest. de la Suisse et de la France, 1854.
Finsler, Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz,
1873. Derselbe, Geschichte der taeologisch^kirchlichen Entwick-
lung in der deutsch-reformirten Schweiz seit den dreissiger Jahren,
1881. Züricher Taschenbuch auf das Jahr 1886: Rückblicke von
Joh. Hirzel. Erinnerungen aus dem Leben und Wirken des
Antistes Füsslin, von Finsler, 1860. Biggenbach, der heut.
Ration, in d. deutsch. Schweiz, 1861. C. H. Zeller, von T hier seht
1876* C. F. Spittler im Rahmen seiner Zeit, 1876. 1. Bd. C. F.
Spittler, Yon Kober, 1886. Schönholzer, Die religiöse Reform-
bewegung in der ref. Schweiz, 1886. B. Riggenbach, Taschen-
buch der Schweiz, ref. Geistlichkeit, 1883. von der Goltz, die
ref. Kirche Genfs im 19. Jahrhundert, 1862. Gart, Histoire du
mouyement religieux et eccl^siastique dans le canton de Vaud,
1879—81. Archinard, Histoire de IVglise du canton de Vaud,
1881. Die Berichte auf den Allianzversammluugen , von Güder
und Oettli. Eirchenblatt für die ref. Schweiz, von Hagenbach,
seit 1845. Die unten erwähnten Blätter, das Basler Missions-
magazin; von Zeitungen: die AUg. Schweizer Zeitung u. s. w.
Erstes Kapitel.
Allgemeine Lage.
Die Schweiz, ein Europa im Kleinen, ist wie in dem mannig-
igen Wechsel der Landschaft;, so auch in dem kirchlichen Bilde
e vielgestaltige: germanische und romanische Elemente verbinden
i trennen sich, vier Sprachen ertönen, die Reformation war in
rieh eine andere wie in Genf, neben den Staatskirchen mit den
schiedensten Formen der Verfassung, jetzt fast überall mit ge-
wehten Synoden, bestehen freie Kirchen, konservative und radikale
ihtongen bekämpfen sich in der offensten Weise und dann haben
ider die einzelnen Kantone ihr besonderes Gepräge. Basel, ein
ideglied zvdschen Deutschland und der Schweiz, hat mehr das
202 Die Schweiz.
Gepräge eines allgemeinen Pietismus mit den Oedanken der ey.
Allianz : es ist durch seine Missionsanstalt und durch seine Frömmig-
keit berühmt, die oft die grösste Liberalität zeigt, wie die Gabe
eines Merian von 3 Millionen zum Bau einer Kirche. Das am lieb-
lichen See ruhende Zürich liebt das verstandesmässige, nüchterne
Christenthum mit heftigen prinzipiellen Kämpfen, während Bern
langsam und hartnäckig sich bewegt. In seine Berge eingekeilt,
liegt still Neuenburg da, aber voll Begsamkeit und Selbstthätigkeit
ist Grenf und das Waadtland. Die übrigen Kantone schliessen sich
mehr an die genannten an: so Schaffhausen an Basel und St. GaUen
und Glarus an Zürich.
Der Rationalismus hatte sich auch in der Schweiz festgesetzt
und schon 1725 war in der Kirche Calvins die Verpflichtung auf
die helvetische Konfession aufgehoben worden. Aber es hatte sich
in den wohlthätigen Einflüssen von Lavater und Hess noch manch
guter biblischer Elang über die Grenzscheide des Jahrhunderts ge-
rettet. Am An&ng desselben zog die Erweckung ein, mit lebhafter
Kraft freilich nur in der französischen Schweiz, schwächer im Norden,
und wurde auch durch die romanhaften Reisezüge der frommen und
koketten Frau von Krüdener*) gepflegt, besser durch die heil-
same Wirksamkeit des wackeren Schotten Haidane in Genf, dann
des Kreises, der sich um den originellen, etwas rauhen Antistes
Spleiss in Schaffhausen sanmielte '*^) , die begabte Krämerfrau
Anna Schlatter in St. Gallen '*'**), und um die von den Schwaben
Spittler und Gottlieb Blumhardt gepflegte Christenthums-
gesellschaft in Basel, die sich allmählich zur Bibel-, Traktat- und
Missionsgesellschaft erweiterte und auch den Inspektor Zell er, dessen
Frau lebte was er lehrte, in Schloss Beuggen mit seinen wohlthätigen
Anstalten in ihren Kreis zog. Der Pietismus erhob sich mit Wärme und
Freudigkeit, auch mit unermüdlicher Opferwilligkeit, aber ohne Lust
ein bestimmtes Bekenntniss aufeustellen, zufrieden mit der Bibel. Nach
dieser wollte man selbst Tieferes, als die Väter gehabt. Der Ratio-
nalismus ragte indessen in den Stunden der Andacht von dem Asirauer
Zschokket) bis in die Mitte des Jahrhunderts hinein. In das
♦) Ueber sie haben Eynard, Ziethe, Jacob und Bruno Bauer,
Erummacher geschrieben. Hurt er, Frau v. Krüdener in d. Schweiz.
1817. Auch in dem Lebensbild von J. G. Müller (1885) ist von ihr die Bede.
**) Sein Leben von Stockar, 1858.
♦*♦) Die miritterliche Karikatur, die Ritschi von meiner lieben
Grossmutter gezeichnet, hat neuerdings Miescher beseitigt.
t) Ueher ihn Emil Zachokke, \%1^.
Erstes EapiteL Allgemeine Lage. 203
ahr 1823 fallen die schwärmerischen Gfräuelscenen in Wildenspuch
Q Kanton Zürich. Margaretha Peter erschlägt ihre Schwester und
£st sich selbst kreuzigen, um viele Seelen zu erlösen. Mit allzu-
:osser Liebhaberei hat man diese wahnsinnigen Ausbruche öfter
^gestellt'*'). Man nahm es von Seiten der Pietisten vielfach leicht:
an sollte die Macht des eigentlichen Zeitgeistes erfahren. Mit den
)litischen Wirren, die die Jesuiten aus Aargau vertrieben und den
raderkampf hervorriefen, erhob sich die Anmassung des BadikaUs-
os, wie ihn die besonnene Schweiz in der Zucht guter väterlicher
tte, musterhafter Eeellität und Treue noch nicht gesehen hatte.
ie Eorche, als die letzte Schranke, die sich dem subjektiven Be-
)ben des Einzelnen entgegenstellte, musste zu Boden getreten
3rden. Sie wurde die Zielscheibe endlosen Hohnes. Auch die
ihule trat gegen sie auf und entfernte die Wahrheit der Schrift.
a der Stelle der Kirchen lebten die Wirthshäuser auf mit dem
3lzen Wahne des Unglaubens in den Köpfen der Männer; die
jhweiz besitzt jetzt 1 Wirthshaus auf je 150 Einwohner. Der
>nntag diente der Politik und dem Bausche zahlloser sich über-
etender Feste. Die Trunksucht hatte hier ihre Brutstätte und fing
L, ganze Landschaften durch den Branntwein zu veröden. 88 Mill.
iter Schnaps werden jährlich in der Schweiz konsumirt. Zwischen
(45 und 1850 erreichte die gottlose Flut die Höhe: so schien es,
>er sie wuchs weiter, getragen durch die unten geschilderte theo-
gische Entwicklung. Während jeder that, was er wollte, rühmten
le ihre herrlichen Berge und deren himmelanstrebende Freiheit,
an sah aber nur die Mehrung des bettelnden Pauperismus. Wohl
ahnten die göttlichen Gerichte : zehn Jahre gab es Misswachs. Es
Igte nur Ermüdung und Abspannung. Zu neuem tollem Treiben
urde man durch das Aufblühen der Naturwissenschaft aufgereizt,
ie moderne Weltanschauung trat als Fata Morgana in Sicht und
itzückte Viele. Der kirchliche Auflösungsprozess schritt voran,
er Vollgenuss und die Willkür des Individuums hatte die Zügel
^griffen. Was ist Wahrheit? — wurde das allgemeine Bekenntniss,
ad selbst die Frauenwelt schämte sich nicht, dasselbe anzunehmen,
ie Reformer wollten wohl Christenthum und Wissenschaft ver-
5hnen, aber sie gewannen auch mit ihren frechen Lügen die ver-
)genen Gebildeten nicht. Die Negation überbot die stolzen Geister,
ngezählte Kinder wachsen gegenwärtig ohne eine Ahnung von der
iblischen Geschichte auf, und die radikalen Lehrer wollen etwas
*) Darüber Meyer, 1824, und Scherr, 1874.
204 I^ie Schweiz.
Grosses sein in den Redensarten des Unglaubens. »Unsere Vaterlands-
liebe«, sagt Qottfr. Keller, »ist yiel£Eu;h nur Selbstbewundemng«.
Nieder mit dem Respekt I — ist die Losung — und er ist jetzt
wirklich todt. Dabei die Zerrissenheit der pietistischen Richtungen,
die auf Niemand Eindruck machen können. Es fehlt nicht an Be-
mühungen, den völligen Bruch der Yolkskirche zu hindern. In
Bern hat die vom Volke frei gewählte Sjnode eine brauchbare Ge-
meine- und Predigerordnung und eine Liturgie ausgearbeitet. Die
vermittelnden Parteien suchen ängstlich die Yolkskirche zu halten,
in der auch allein die Reformer gedeihen können, die in freien Oe-
meinen unfruchtbar sind. Man hat gegen die religionslose Schnle
4 freie Lehrerseminare in Schiers, Zürich, Bern und Peseux errichtet;
in Bern ein Lehrerinnenseminar und ein freies Gymnasium. Die
Freisinnigkeit hat in wahrer Wuth gegen die freien Schulen geeifert,
doch lehnte die Erdrosselung derselben durch einen eidgenössischen
»Schulvogt« das Volk am 26. November 1882 mit grossartiger
Majorität ab. Christliche Lehrervereine bildeten in der Noth einen
evangelischen Schulverein. Die Sonntagsschulen suchten hie und da
zu helfen. Die evangelischen Vereine entsenden ihre Wanderprediger
und befördern die Bildung von konservativen Minoritätsgemeinen.
Parallel-Gottesdienste , -Kinderlehren und -Unterweisungen tauchen
auf. Li all diesen Gräuel der Verwüstung greift dann in der letzten
Zeit das tolle, wilde Hallelujah der Heilsarmee hinein, die manchen
harten Schweizer Nacken an die Bussbank nöthigt und die christ-
liche Wahrheit nur noch mehr der Verachtung anheimgibt. Ein
Schweizer schildert mit traurigem G^müth die Gegenwart in dieser
Weise: »Die Mehrzahl unseres Volkes, besonders die niedrigen
Schichten, sind dem Einflüsse des Evangeliums entrückt, die Predigt
hat für Tausende aUe Zugkraft verloren, die Bibel ist von der
Zeitung und dem Roman verdrängt, die Ehen mannigfach gelockert,
das Wirthshaus — das Versammlungshaus aller Lebendigen und in
den christlichen Kreisen fehlt in schmerzlich föhlbarer Weise der
rechte Eroberungsgeist, die Gaben der Erweckung und Belebung in
den Herrschaftsgebieten des geistlichen Todes.« Aus einem durdi
seine köstlichen Spitzen weltgekannten Kanton, mit Erinnerungen an
mittelalterliche Klostergrösse , hört man folgende Schilderung der
Gegenwart: »Neulich hat man hier einen Reformer gewählt, der am
Züricher See nicht mehr möglich war. Es gibt hier auch positive
Pfarrer, aber wir Positive machen den Liberalen keinen Eindruck,
denn sie sagen mit Recht, dass wir in Barchliche, Baptisten (wieder
5 Abtbeilungen), Mennoniten, "Datb^a^ÄXi, Irnn^aten und womöglich
Erstes EapiteL Allgemeine Lage. 205
nocli andere Schattiraiigen getheilt seien. Das Traurigste in
serem Kanton ist der Jugendnnterricht , dem man die Bibel ge-
mmen hat. In der schrecklichsten Unwissenheit wächst das junge
>lk heran. Wohl muss es mit dem 13. Jahre zu der »Quartier-
ire« des Pfarrers gehen, aber was kann dieser in einem Jahr und
der kaum ein halbes Jahr dauernden Zeit des Eonfirmanden-
Lterrichtes erreichen? Die Konfirmation selbst besteht in der Be-
twortung weniger Fragen — und nach derselben ist man froh,
Lbst das schwächste kirchliche Joch abzuwerfen. In einiger Zeit
ben wir hier ein völliges Heidenthum. Wollte man es so machen,
e in anderen ref. Gemeinen, und den Heidelberger auswendig
men lassen, so würde man das als Tyrannei verschreien. Man
im sagen, dass auch bei uns das Beformerthum in seiner Leere
Bhr erkannt wird — aber wird dasselbe ganz beseitigt, so werden
anche feinere Gemüther ganz allen religiösen Fragen entfremdet
3rden. Es ist alles in Auflösung. Die geschichtliche ref. Kirche
; zerstört.«
Der liberale Bezirksschulrath Wagner sagt von der modernen
hule der Schweiz: »Die Schule befördert die Charakterlosigkeit.
1 dem die Welt bestechenden Schwindel, an der Oberflächlichkeit,
it der über die heiligsten Interessen weggelacht wird, an der Ge-
Lsssucht, dem Leichtsinn, der die Massen beherrscht, an dem
Emgel an Pietät und Bechtsgefuhl ist die Schule schuldig. Ein
^schlecht ohne geistige Energie, ohne sittliche Zucht geht aus ihr
rvor.« Dies das Ende der schweizerischen Virtuosität im Schul-
jsen.
Man hat neuerdings von Erweckungsversammlungen gehört —
er der Schweizer ist doch zu kalt, um seine Hände an dem ge-
ichten und bald erloschenen Feuer amerikanischer und englischer
ethode zu wärmen. Man glaube nicht, dass bei dieser trüben
hilderung etwa die Zustände in Nord- und Mitteldeutschland um
äles günstiger wären : ich glaube vielmehr, es wird in der Schweiz
•eh eine grössere Zahl ernster und thatkräftiger Evangelischer
iben, als in jenen deutschen Gegenden. Die Masse des Volkes
►er entbehrt die geheimen Einflüsse der Bibel in den Volksschulen,
iren wir uns noch erfreuen.
206 Die Schweiz.
Zweites Kapitel.
Die theologisch-kirchliche Entwiclclung in der deirtsch-
reformirten Schweiz.
Man bekannte sich in der deutschen Schweiz feist noch bis in
die 30er Jahre zu einer religiösen Anschauung, in der Offenbarung
und Vernunft gleichwerthig waren. Die Autorität der symbolischen
Bücher war gebrochen: man erschrak, wenn Jemand sagte, er habe
die Confessio Helvetica gelesen. Ein Bluntschli fand zu seiner Ver-
wunderung die unbekannte Bechtfertigungslehre in der Beformations-
geschichte von Bänke. In den Lesezirkeln herrschte BOhr. Em
Schiller galt Hunderten mehr als die Bibel. Alles Mystische und
Schwärmerische war verpönt. Die Baseler Traktätchen erregten den
Zorn. Die Synoden ohne viel Leben brachten wenigstens die an-
genehmen Synodalessen. Die Bildung der Theologen war eine vor-
wiegend klassisch-philologische. Die »Berliner«, die Schüler Schleier-
machers und Neanders, brachten dann das befremdliche Losungswort:
»Das positive Christenthum«. Bei den Geistlichen erwachte jetzt
ein etwas lebendigeres Bewusstsein von dem eigenthümlichen Wesen
der Eorche. 1834 wurde die Evangelische Eirchenzeitung von Schinz
gegründet und hatte einiges Ansehen bei den treuen Vertretern der
streng evangelischen Richtung.
Die Gründung der Hochschulen in Zürich und Bern förderte
die theologische neue Bewegung. 1836 wurde die Neue Eirchenr
Zeitung für die ref. Schweiz in Zürich ins Leben gerufen. Die Be-
rufung von S trau SS an die Hochschule in Zürich rief den ünmnth
der Volksbewegung am 6. September 1839 hervor. Man hatte das
Gefühl, dass der letzte Halt gegen die zunehmende Gottlosigkeit,
die Eorche nun auch stürzen sollte. Es gab keine Menschen mehr,
sondern nur noch Straussen und Anti-Straussen. Es ist doch mancher
Rationalist damals ein Orthodoxer geworden. Strauss blieb in
Schwaben'*'). Auch die Eorchenzeitung war gegen ihn ao^etreten.
1844 erschien die Schrift von Pfarrer Biedermann: Die freie
Theologie, oder Philosophie und Christenthum in Streit und Frieden.
Ein Versuch, die freie Theologie, die in den Wegen Hegels ging,
*) Ueber diesen Handel haben Lücke, 1839, Boden, 1840, nnd
Geizer, 1843, geschrieben. Auch Kulliemin, Oeschichte der schwek
Eidgenossenschaft, deutsch von teW^t , ^. ^\%— VIQ,
Zweites Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwickluog etc. 207
kirchlicli berechtigt darzustellen. Weder Symbol noch Bibel
d Normen, denn letztere hat theoretische Vorstellungen und sitt-
le Verhältnisse, die dem Wechsel unterworfen sind. Auf der
idigergesellschaft in Zürich 1845 erklärte Fries, dass man über
; apostolische Symbolum hinaus sei Die Spekulativen gründeten
Organ: Die Kirche der Gegenwart, 1845. Im Gregensatze zu
erschien gleichzeitig: Die Zukunft der Kirche, von Ebrard,
>fessor in Zürich. Man stritt sich, ob der absolute Geist das
gemeine schöpferische Wesen des Menschen sei, oder Persönlich-
t im Sinne der Schrift. Das Kirchenblatt für die ref. Schweiz,
L Professor Hagenbach, wollte zwischen beiden Streitblättem
Sprechsaal der Vermittlung sein. Hier führte Alexander
hweizer den Beweis, dass bei den Anschauungen von Bieder-
kun alle spezifisch-religiösen Gefühle unsinnig seien, weil sich
;h ihm in der Eeligion nur das individuelle Ich auf sein allge-
ines Wesen beziehen solle. Nach Rechts wandte sich auch ein-
1 das Kirchenblatt gegen den allzu streitbaren Dr. de Valenti,
* eine kleine Evangelisten- Anstalt mit wohlthätigen orthodoxen
mühungen in der Nähe von Bern errichtet hatte, und dem schon
mal De Wette, der »hochverrätherische Flüchtling«, heftig seine
rachtung ausgesprochen hatte'*'). Die Berufung von Zell er nach
m wurde mit Streitschriften und Petitionen begleitet. Auch die
Stellung von Biedermann als Professor der Theologie in Zürich
;ang. Die Macht der Spekulativen wuchs: sie drohten mit ihrem:
r — wir. Nach und nach wurde der laute Streit unter den
uleuten stiller, bis 1853 Dekan Locher von Wytikon den Be-
ionsunterricht von Biedermann angriff. Es traten nun die »Zeit-
tnmen aus der ref. Kirche der Schweiz« auf den Kamp^latz. Ihr
dakteur wurde der Schwabe Pferrer Heinrich Lang in Wartau:
i Mann von Mscher Sprache und schneidiger ünermüdlichkeit,
r, wenn es einmal galt, auch kräftig fluchen konnte und in reicher
niftstellerischer Thätigkeit Grosses in herausfordernder Keckheit
leistet hat. Es sollte die Klufb zwischen dem weltlichen Bewusst-
in und dem religiös-kirchlichen Leben ausgefüllt werden. Die
idenschaften glühten im Parteistreit. Mit matten Konzessionen
britt das Kirchenblatt dahin. Biggenbach, Professor in Basel,
r frühere Sekundant von seinem Schwager Biedermann, war
zwischen zur Rechten übergegangen und vertheidigte gegen diesen
n Wunderbegriff. Einen energischen und reichbegabten Verthei-
*) Sein Leben in der Zeitschr. »Der treue Eckaxt«, \S7S« 4
208 I^e Schweiz.
4iger empfing die konservative Sache durch das Auftreten des Prol
Held in Zürich, den eine Ev. Gesellschaft*) mit positiven Interessen
berufen hatte. In geistvoller Weise äusserte sich der später so mi-
glücküche Mann in den »Selbstzeugnissen Jesu« und den »modernen
Evangelisten«. Letztere eine meisterhafte Zeichnung schweizerischer
Zustände. Tholuck Hess, durch Held bewogen, an Heinrich
• Hirzel, »chef actif du parti liberal«, in den Zeitstimmen eine Ant-
wort erscheinen. Der Glaube sei mehr als eine »gläubige Routine«.
Hirzel benützte die angebotene Hand, um Tholuck für liberale
Agitation auszunützen. Als die Evangelische Gesellschaft in Zürich
1860 Gebets Versammlungen hielt, um die englisch -amerikanische
Erweckung in ihrem gemachten Scheinleben auch in der Schweiz
einzuführen, warf ihr Hirzel entgegen: Mit Euriositätensucht sei
dem religiösen Leben wenig gedient. Ein neues Ereigniss war es, Ir
sIb die Ev. Allianz in G^nf zusammentrat und Biggenbach über
Hlen Eationalismus in der Schweiz berichtete. Biedermann griff
wieder den Wunderbegriff an und Hess aufs Neue die Idee und
Torstellung erscheinen. In Basel siegten um diese Zeit die kon-
servativen Elemente, die sich aber durch das Gebahren des ge-
schmacklosen Missionar Hebich schadeten. Apologetische Vorträge
Tertheidigten den christlichen Glauben. In Bern war an die Stelle
2eller*s Immer gekommen , gegen den der positive Herr
von Wattenwyl des Portes das Recht der Dissidenten in Schütz
nahm. Die kirchliche Stellung behauptete in dem Hader der FakultSt
-der Pfarrer Baggesen. Heinrich Hirzel eilte nun zur Hufe
und die beiden Langhans begannen die bemerisch derbe Offensive.
Der Leitfaden für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten
von Eduard Langhans, Lehrer am Lehrerseminar in München-
buchsee, im Sinne der Tübinger und der Immanenz geschrieben,
rief nicht nur eine kleine Literatur hervor, in der auch die PÜEurer
König und Güder**) sich äusserten, sondern auch die ErMärong
•der Eantonss3aiode von 1866, dass die Autorität der hl. Schrift för
Schule und Kirche zur Geltung zu bringen sei. Fr. Langhans
und Pfarrer Albert Bitzius, eine gedrungene, derbe Gestalt, gaben
nun die »Reformblätter aus der bemerischen Kirche« heraus. Keine
Dogmatik und keine Schrift mehr: so lautete die Losung. 1868
♦) Hofmeister, Gesch. der ev. Gesellschaft, 1882.
♦♦) Sein Leben von seinem Sohne , 1886. Ein bemer Pfarrer wird
tiD8 auch in Franz Lauter bürg geschildert (ErinneruDgen von Lad-
^ig, 187a).
Zweites EapiteL Die theologisch-kirohL Entwicklung etc. 209
ng das Eirchenblatt ein, um durch den bestimmteren »Eirchen-
enndc von Güder, Heer und Biggenbach, später auch von
relli redigirt, ersetzt zu werden. In Zürich brachte 1866 Pfarrer
ö gel in in üster das Evangelium und die Tellsage in Harmonie
id bewirkte eine Erklärung von 78 Geistlichen gegen sich, der
ne Motion des Pforrer Wolfe nsberger in Zollikon in der Synode
)rangegangen war: das vorhandene Aergemiss abzustellen. Nach
irsönlichen Angriffen von Schweizer gegen den Antragsteller
itte die Synode die Motion abgelehnt und erkannte damit die
rchliche Berechtigung der Eeformer an. Diese erzwangen nach
)issem Kampfe eine neue Liturgie mit Eestgebeten ohne die An-
ifbng Christi. Der Buin der ref. Kirche vollzog sich mehr und
ehr. In der Hemer gemeinsamen Liturgie wurde neben dem
»ostolischen noch ein anderes Glaubensbekenntniss aufgestellt. In
u Gallen gewannen in der seit 1862 freigewählten . Synode die
öformer die Mehrheit und gründeten das »religiöse Volksblattc.
Le Liturgie von 1874 war hier ein Meisterstück »unglückseliger
pveispurigkeitc. An St. Laurenzen in St. Grallen wirkte der »un-
»rgessliche Beformer« Karl Eduard Mayer (f 1884)*).
Pas Konkordat für gemeinsame Prüfling der Kandidaten, das
iletzü* auch von Basel Stadt angenommen wurde und das keine
erpflichtung auf ein Bekenntniss hat, öf&iete auch Basel den Be-
)nntmsslosen. Die Ermässigungen der Verpflichtung auf ein Be-
snntmss hatten immer schrittweise zugenommen. Bei dem allge-
.einen Zustand ist es werthlos, dem näher nachzugehen. Im Jahre
371 vereinigten sich die Beformer zum »Schweizerischen Verein
IT freies Christenthum« : als Blatt dient die »Beform« ; die Evange-
schen gründeten den »Ev. kirchlichen Verein« mit dem Organ »der
irchenfreund«, einem vortrefflich redigirten Blatte; die Vermittier
3hufen die »Schweizerisch-kirchliche Gesellschaft«, sie sehen in den
3ligidsen Bewegungen der Gegenwart keine blosse menschliche
STillkür; ihr Blatt ist das »Volksblatt für die ref. Schweiz«. Wirk-
eh beachtenswerthe und nützliche Blätter in der Schweiz sind:
der christliche Volksbote« in Basel, das »Appenzeller Sonntags-
latt«, das »Evang. Wochenblatt« in Zürich, das Organ der sehr
lätigen Ev. Gesellschaft, »die Schweizer Zeitung« in Basel. Der
ifrige Dr. Marriot in Basel hat in dem »Wahrer Protestant« eifrig
egen Bom gestritten. Es fehlt dem Lande nicht an literarischer
*) Zum Gedächtniss desselben, St. Gallen, 1884.
Zahn, XirchengeBcbichte. 2. Aufl. ^^
)
210 Die Sohweis.
Begsamkeit auch für die Kirche. In der französischen Schweiz sind
beachtenswerth: Senudne religieuse de Genöve, seit 1852, Bevne de
Theologie et de Philosophie in Lausanne, Eeuille religieuse du caa*
ton de Yaud und viele andere. 1879 bestanden in der ev. Sdiweiz
21 deutsche und 13 französische religiöse Zeitschriften. 1880 zählte
man 1 667 109 Protestanten und 1 160 782 Katholiken.
Theilt man die Theologen der deutsch-reformirten Schweiz in
konservative, vermittelnde und reformerische, so sind auf der ersten >
Linie Biggenbach der Vater und der treffliche von Orelli (leider |
ohne Tapferkeit in der Frage über Jes. 40 ff.) in Basel MSnner 1
von Namen : der erstere mit n. t. , der andelre mit a. t. Arbeiteii i
beschäftigt ; aller Ehren werth ist auch der ausgezeichnete Historik«* l
Pfarrer Stähelin, dessen Leben Calvin*s eine Perle kdrchhcher
Literatur ist; Lobst ein 's tägliche Weckstimmen sind in alle Welt
gegangen; in Bern taucht neuerdings der begabte Adolf Schlatter
auf; der P&rrer Heer am Zürichersee (f 1886) hat mit Becht den
Doktortitel bekommen. Yon den Vermittlungstheologen ist Immer
in Bern mit einer Hermeneutik und Theologie des N. T. hervor-
getreten, dann Hagenbach in Basel mit seiner geschmackvoUm
und glatten Kirchengeschichte und der viel gebrauchten EneyMo-
p¨ über sein Leben haben Stähelin und Eppler, 1875, be- .
richtet; auch der wohlunterrichtete Güder, seit 1878 Honorar
Professor in Bern, wäre hierher zu stellen. Wenn die Positiven
ihre Stellung gegen die Beform in einem »Entweder — Od^c aus-
sprechen, so haben die klugen Vermittlungstheologen alsbald m
»Weder — Noch«. Unter den Beformem sind Alexander
Schweizer, Professor in Zürich, und Alois Emanuel Bieder-
mann, sein Kollege, glänzende Namen. — Schweizer j ein vor-
züglicher Kenner reformirter Dogmengeschichte, wie seine uneBt-
behrlichen »Centraldogmen« (1854 — 1856) beweisen, hat in oesaßt
christlichen Glaubenslehre nach protestantischen Grundsätzen (2. Aufl.
1877), an Schleiermacher sich anschliessend, den Glauben der
gegenwärtigen evangelischen Christenheit dargestellt: ein moralisciier
Determinismus, der von Schrift und Kirchenlehre wenig behält. Ea
gibt keine von Gott geschiedene Weltordnung. Nur innerhalb der-
selben wirkt Gott, doch ist die Naturordnung so eingerichtetj dasa
sie ein einzelnes seltsames Wunder vielleicht ein einziges Mal durcb-
schlüpfen lassen kann. Die traditionelle dogmatische Chzistologie
ist bei der Person Christi über eine magische, sittlich unerklärbare
Auffassung nicht hinausgekommen. Er muss ethisch-historisch ver-
standen werden. Yon semex PT^emt^i^ , wunderbaren Mensch*
Zweites EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 211
werdimg, Auferstehung und hinrnnli sehen Begiment kann man nicht
leeht reden. Schweizer hat manchen Streit mit Ebrard ge-
bäht und ihm gegenüber geschichtlich die Centrallehre der ref.
Kirche behauptet. Alles in ruhiger, kühler Darstellung: man hat
mit seinen theologischen Resultaten, mit seinem Leben und mit
seiner Ho&ung abgeschlossen: die Auferstehung Christi ist ja nur
eine Vision der Apostel. Also nach I. Gorinth. 15 ein ganz entleerter
Gflaube: ein deterministisch-pantheistisches Heidenthum. Bieder-
mann hat in seiner christlichen Dogmatik, die neuerdings in zweiter
Auflage erschienen ist, das absolute Erkennen nach der Weise von
Segel so zu gewinnen gesucht, dass die Form der Vorstellung,
alles blos Sinnliche , in unserem Erkennen beseitigt und ^las Gött-
liche in seiner rein geistigen Wesenhaftigkeit erfasst werde. Indem
Bwischen dem christlichen Prinzip und seiner historischen Erschei-
aung streng geschieden wird, wobei in letzterer alles Mythologische,
i. h. alles theure Gut des Glaubens weggeschafft wird, kommt man
EU einem Gottesbegriff, der philosophisch feststeht. Gott ist weder
Doit der Welt zu vermischen, noch greift er nur von aussen in die-
selbe ein. »Biedermannes Dogmatik ist eine wissenschaftliche
Leistung, die im grossen Stil alles, was bisher von dieser philo-
Bophischen Schule angeregt und besprochen worden war, in ein or-
ganisches Ganze zusanmienfässt.c Dieses Suchen nach geisterhaften,
fleischlosen Ideen, diese Täuschung des kranken menschlichen Ge-
faims, das, wenn es seine Logik befriedigt hat, meint irgend etwas
gewonnen zu haben, trat auch in der äusseren Erscheinung Bieder-
mannes auf dem Katheder hervor: man sah eine schlichte, dürre
Erscheinung. Leere Abstraktionen haben wir hier, die eben so gut
alles wie nichts sein können : ein todtenhafter Glanz auf den Euinen
einer einst blühenden Kirche. Die Liebhaberei für das reine Denken
hat neuerdings auch unter den Beformem abgenommen, die ein
wenig einzusehen anfangen, dass sie, nachdem sie die Bibel frivol
als Menschenwerk zerrissen, sie jetzt nicht dem gleichgültigen
Volke wieder als Postulat der heutigen Bildung anpreisen können.
Biedermann hat uns in angenehmer Weise aus dem Leben seines
Vaters und auch seine eigenen Jugenderinnerungen mitgetheilt.
Sein Gedächtniss hat Kradolfer mit Biographie, Vorträgen und
Aufsätzen 1885 gefeiert; neuerdings auch Pfleiderer in den
preussischen Jahrbüchern. Bei seinem Sterben (1885) hat man ihm
Worte der Schrift in den Mund gelegt, denen er femestand.
Schweizer hat nachher durch einen Vortrag im Züricher Bath-
iaus die Ehre Biedermanns gerettet. Heinrieli L^^ü^, ^«t ^sssrä^
212 I^ie Schweiz.
Spötter, starb plötzlich, kerngesund an Leib nnd Seele, als Pfarrer
an St. Peter in Zürich 1876. Er war 50 Jahre alt *). Bezeichnend
für den Geist seines Lebens und seiner Schriften ist ein Wort, das
er zu Basel sprach: Was kann ich dafür, wenn Jesus geschwärmt
hat? Auch Hirzel und Fries, die beiden anderen einflussreichen
Führer der Reformer, waren fiüh durch den Tod dahingerafiPt worden.
Schweizer und Biedermann sind von Volkmar mit wahn-
witziger Kritik begleitet worden: alle drei eine der wichtigsten Ur-
sachen der gänzlichen Verödung der Züricher Kirche. VergebHch,
nachdem sie die Lawine auf den Bergen losgelassen hatten, klagten
sie in der »Zukunft der Kirche« über die Verwüstungen des Thaies.
Als man Schweizer *s, »des Altmeisters der liberalen Theologie«,
fiin&igjähriges Jubiläum beging, konnte der berühmte Gelehrte die
vielen Ehrenschreiben kaum in der Hand halten. Niemand aber |^
klagte über das grosse Grab, das er mitgegraben hatte. In der
Gegenwart hat jede Meinung ihr Recht. Das Volk mit seinem
schmachvollen Recht der Emeuerungswahl und Abberufung der
Pfarrer hat dabei kein ünterscheidungsvermögen und kami den
weinerlichen Reformer für einen Pietisten erklären. Die Getreuen
bleiben in dem grossen Trümmerhaufen, so lange sie noch die Frei-
heit des Wortes haben. Wenn die grosse Kirche nur noch ein
Steingeröll ist, dann kann neben ihm hie und da ein Alpenveüchen
blühen. Darum kehrt man gern in dem wiesengrünen Heinrichsbad
bei Pfarrer W eng ern ein, oder lässt sich von der Thätigkeit des edlen
Baptisten Stephan Schlatter in St. GuUen erzählen, oder liest mit
wahrer Erbauung das Leben von Pfarrer Ludwig in Davos, von
seinem Sohne 1885 beschrieben, und das von Joh. Heinr. Schiess,
Pfarrer in Grabs, von Schläpfer dargestellt, 1886. Als eine wunder-
liche Erscheinung vereinigt immer noch mit stets abnehmender
Betheiligung die »Schweizerische Predigergesellschaft € (seit 1888
bestehend und das Land mit einzelnen Sektionen umfiEissend) die ver-
schiedensten Elemente: man geniesst die Gastfreundschaft der Kan-
tone, stellt Glauben und Unglauben neben einander und begeistert
sich mit fadem Patriotismus und erlogenen Friedensphrasen. Kehren
aber die Reisenden aus den schönen Bergen heimwärts, so bringen
ihre Mittheilungen aus gehörten Predigten die ref. Kirche in allen
•) Ueber ihn Biedermann, 1876. (Zur Geschichte der Universität:
V. Wyss, Die Hochschule Zürich in den Jahren 1833—1883.) Ueber um
auch sein Vetter Wilhelm Lang in: Von und aus Schwaben. 4. Heft.
1887.
ZweiteB EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklang etc. 213
Landen in Yerraf. Auf dem sumpfigen Boden einer verfallenen
Kirche gedeiht immer allerlei Schlinggewächs. In Männedorf gründete
Jungfer Trudel eine Heilstätte für Kranke durch die Zaubereien
des Gebetes. Man trug Lahme und Krüppel in ihre Versammlungen.
Aus der einfiebchen und würdigen apostolischen Handauflegung war
die häufig medizinartig wiederholte magnetische Handberührung ge-
worden. Als ihr auf ihr Fragen ein Besuch erklärte , dass Jesus
allerdings nicht im hohenpriesterlichen Gebet für die Welt gebeten
habe, meinte sie: da habe sie mehr Liebe als er. Es war die
fleischliche Wärme einer mystischen, weltumfassenden Liebe, wie sie
häufig in der Geschichte der Kirche auftxitt. Jetzt führt der Schwabe
Zell er die Sache weiter*). Je mehr eine Kirche sinkt, um so
mehr beginnt die Frömmigkeit der Winkel. — In der neuesten Zeit
mehrten sich nur die grossen Aergemisse. Die Thurgauische Kirchen-
synode, die 1874 den kirchlichen Gebrauch des Apostolikums ver-
boten hatte und damit einen treuen Mann aus dem Kanton drängte,
lehnte 1882 den Antrag ab, ihre Sitzungen mit Gebet zu eröföien:
der Geist des Gebetes war ja auch längst geschwunden. In Aargau
Hess 1885 der Pastoralverein beim gemeinsamen Mittagessen auch
das übliche Tischgebet durch eine Veränderung der Statuten fallen.
In Basel hatten die wohlthätigen Bemühungen von Spittler und
seinen Freunden immer weitere Anstalten, namentlich das grosse
Missionshaus und die Chrischona geschaffen; die »Basler Samm-
lungen«, die Monatsblätter aus Beuggen, das Morgenland von Preis-
werk, das Basler Missionsmagazin etc. wurden überall gelesen; ein
Eathsherr Adolf Christ**), ein Carl Sarrasin (f 1886) waren
hervorragend thätig; ein Glanz strahlender Frömmigkeit lag auf der
Stadt, aber dennoch gewannen die Reformer mehr und mehr Boden.
Man berief zwei freisinnige Professoren und führte eine vollständige
Freigebung der Liturgie nach wüstem Streit herbei : man hatte eine
sichere, vornehme Stadt überfallen und in bittere Noth, die auch
die Abendmahlsgemeinschafb aufsagte, geworfen und bald entstand
hei der Synode die Frage, ob ein üngetaufter vor oder anstatt der
Konfirmation nachträglich getauft werden müsse oder nicht? Nur
der Stichentscheid des Präsidenten rettete den Taufbefehl Christi.
Die radikale Regierung liess nun Ersatzwahlen vornehmen und in
*) Aus dem Leben und Heimgang der Jungfrau Dorothea Trudel
Ton Männedorf, 1855. Zwölf Hausandachten von ihr, von Samuel
2eller 1863 herausgegeben.
**) Ueber ihn Eppler, 1887.
214 1^6 Schweiz.
der anders gearteten Synode setzte es die Befonnpartei durch, dass
der Kirchenrath zu veranlassen wäre, den Antrag zu erwägen, dass
die Taufe nicht mehr als Vorbedingong zur Konfirmation gesetzlich
gelten dürfe. Die Behörde üand einen jammervollen Yermittlnngs-
vorschlag. Wo kein Bekenntniss ist, da sind auch keine Sakramente
mehr haltbar und der letzte Grand der Kirche stürzt. In Zmieh
hat in der Geistlichkeitssynode Professor Biedermann, indem er
die Fracht seiner Aussaat sah, das Recht der Taufe vertheidigt,
während nachher die politische Behörde dasselbe bestritt, aber andi
den ganzen ihr vorgelegten Entwurf zu Falle brachte. So hat denn
die Kirche Zwingli's die Taufe noch behalten. In Bern war gegen
die Reformer die Taufe als nothwendige Voraussetzung der Zu-
lassung zum Abendmahl von der Synode behauptet worden, aber
das Placet der Regierung wollte nur von einer moralischen Autoiittt
der Taufe etwas wissen. 1885 sah ich das noch verhüllte Denkmal
Zwingli's in Zürich vor der bücherreichen Wasserkirche: nur roh
und unförmig blickten die Züge des Reformators hindurch. Maa
hätte ihn in dem groben Sacktuch lassen sollen, statt ihn mü
Motetten und einem Seenachtfest zu enthüllen: es kommt ja nur
Zorn von seinen Lippen, wenn auch der Unglaube sein Jubilämn
mit Schriften feiert. Das alberne Schwert in der Hand ZwingFs
soll wohl sagen, dass er auch nur ein liberaler Raufbold gewesen
ist. »Mit leisem Humor«, wie er selbst sagt, »hat uns der Yer-
mittlungstheologe Finsler beschrieben, wie allmählig aus der
Sohöpfong der Reformation eine Behausung aller unreinen Geister
geworden ist. Neuerdings hat man auch Heinrich Lang, »dem
kleinen Mann mit dem gewaltigen Haupt und der edlen Denker-
stim«, auf seinem Grabe ein Denkmal gesetzt. Die Phrase der
Redner pflanzte neben demselben das freie wie fromme Christenthmn
auf. Der Ruin der Züricher Kirche ist schon Denkmal genug for
ihn. 1885 wurden im Kanton Zürich 1404 Kinder nicht getauft.
Drittes Kapitel.
Die theologisch-kirchliche Entwicidung in der französisch-
reformirten Schweiz.
Unser Jahrhundert ist ein Jahrhundert des grossen AbMles Ton
Gott und seinem Worte: das \>e>Ne\st namentlich auch die Stadt,
Drittes Kapitel. Die theologiich-kirchl. Entwicklung etc. 215
die einmal am sicheren Freiheits -Winkel des herrlichen Sees im
Süden der Schweiz als eine Burg der Wahrheit thronte, die ganze
Welt mit ihren gewaltigen Gedanken beherrschend. Der sterbende
Oalvin ermahnte die Bäthe der Stadt, in Furcht und Zittern ihren
Weg zu gehen: nur bis ans Ende des siebzehnten Jahrhunderts
Vüd auch in die Anflüige des achtzehnten hinein hat sein Feuer-
geist nachgewirkt. Man hält die Zeit eines Josua, in der in Israel
das Gesetz Moses waltete, für eine geschichtliche Fälschung; das
alte Genf hat doch als eine geschichtliche Wirklichkeit dagestanden.
Welches aber ist die Gegenwart? Ultramontanismus und Badikalis-
mns reichen sich in der Stadt des grossen Theologen die Hand;
neben der Nationalkirche bestehen die römische Eörche, eine eng-
lische, eine griechische Kapelle, eine deutsch-lutherische, eine deutsch-
reformirte Gemeine, eine ansehnliche freie Kirche, die Gemeine von
Cäsar Malan, Darbjsten, Hermhuter, Methodisten, Baptisten, vor-
übergehend Irvingianer, endlich Mormonen und Geisterklopfer —
dann politisch Nihilisten, Socialisten: ein Nest des Auswurfes und
d^ Brandstifter aller Länder. Dabei die Spöttereien eines Karl
Vogt; in der Zuchtlosigkeit der Prostitution ist Genf ein klein
Paaris, mit vortheilhafler Verehrung eines reichen verlaufenen Her-
zogs und mit einer grollenden Aristokratie, die sich auf ihre schönen
Sitze zurückgezogen hat und den Wissenschaften lebt. Ein raisonni-
rendes, vielseitiges, flüssiges Geschlecht, ebenso zerfahren, wie das
heilige Alterthum streng, nüchtern, hart und einförmig war: im
kldnsten Punkte eine ungeheure Kraft des Heiles vereinend, während
jetzt nur zerstörende Raketen aus dem Pulverfass aller Welt auf-
steigen. Als sich am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die
Kirche Genfs von der Strenge der alten kirchlichen Formen losriss
und sich den Einflüssen der Apostel des Unglaubens hingab, war
es namentlich auch das giftige Gespei des »hämischen Affen, der in
einen eisernen Käfig gehört«, des dämonischen Voltaire, der sich
in die Nachbarschaft Genfs mit seinen Frivolitäten festsetzte. Er
erlebte es noch, dass 1766 ein Theater in Genf eröf&iet wurde. Die
Busszucht des Konsistoriums war eine Lächerlichkeit geworden.
Genf wird liberal und gleichgültig. Die alten väterlichen Lehren
erscheinen als Thorheiten. Am Anfang dieses Jahrhunderts kommt
zuerst Frau von Krüdener mit neuen Gedanken nach Genf und
"vnrd durch den Kandidaten Empeytaz unterstützt, der 1816 eine
Schrift gegen die Verächter der Gottheit veröffentlichte. Wichtiger
xind heilsamer ist die Wirksamkeit des schottischen Calvinisten
Bobert Haidane. Er hielt erstaunt den unwissenden Studenten
216 1^0 Schweiz.
biblische LektioneiL Er war damals 50 Jahre alt und erschien als
ein würdiger, steiffeierlicher Engländer mit Puder und Zopf. Ein
Gegner der Verbindung von Staat und Kirche, suchte er die Ord-
nung und die Predigt der ersten apostolischen Gemeinen. Mit Be-
redsamkeit ohne Polemik und Agitation vertrat er seine Sache.
Talentvolle Studenten schlössen sich ihm an. Die »Y^n^rable com-
pagnie des pasteursc, in Rationalismus versunken, meinte nun etwas
gegen ihn thun zu müssen. Denn das Evangelium wurde wieder
in Genf gepredigt. Es mehrten sich die Stimmen der Zeugen.
Gaussen, Merle d^Aubigne, Malan, Fr^d. Monod, Felix
Neff und Andere gehörten zu den Freunden des Schotten. Als
C6sar Mal an, aus einer B^fdgies-Familie , die biblischen Grand-
lehren auf die Kanzel brachte, machte man ihm den Vorwurf, dass
er Narrheiten verkünde. Mal an hatte eine Bekehrung erlebt, wie
sie Öfber damals vorkam: beim Lesen der Schrift leuchteten ihm
wunderbar die Buchstaben derselben: er wurde ohne Zweifel mid
Kämpfe zu Jesu geführt, wie eine Mutter ihr Kind durch einen
Kuss weckt. Am 3. Mai 1817 erschien das Beglement der Com-
pagnie, nach welchem alle Kandidaten und Prediger die Grand-
wahrheiten der Schrift nicht zu verkünden sich verpflichten sollten.
Sie bahnte dadurch selbst die Separation an. Ein boshafter Witz
nannte die Gläubigen Momiers (Graukler) *). Mal an, auch seiner
Stelle als Gymnasialprofessor entsetzt, sammelt eine eigene Gemeine
und sieht sich 1830 gezwungen, ganz aus der bestehenden Kirche
auszuscheiden, obwohl ihn dabei ein Drittel seiner G^meineglieder
verlässt. Er ist nachher ein unermüdlicher Eeisender in aller Welt,
um das Evangelium zu verbreiten. Ob Jemand ein Kind Grottes
und Auserwählter ist — ist ihm die entscheidende Frage. Er streitet
gegen die Eationalisten und gegen Born und lässt unter vielen
Traktaten wahre Meisterwerke erscheinen. Er hat mehr als 1000
Lieder gedichtet, unter ihnen 300 Zionslieder und liebliche Kinder-
lieder. Ein fruchtbares, unerschöpfliches Talent. Seine selbst-
ständige Gemeine schloss er an die freie schottische Kirche an und
wurde Doktor der Theologie von Glasgow. Er stirbt am 12. Mai
1864**). im Jahre 1830 war auch die »evangelische Gesellschaft«
*) A. Best, Defense des FidMes de V6gl de Gdn., 1825. Hisioire
v^ritable des Momiers, 1824 und 1825.
**) The Late Rev. Dr. G^sar Malan of Geneva. London 1864.
Histoire v^table des Momiers de G^neve, 1874. Ostertag, Bibel-
bJätter im Ev. Missions-Magazin, 1B77,
Drittes Kapitel. Die theologisch-kirohl. Entwicklung etc. 217
innerhalb der Nationalkirche entstanden. Zu ihrer Bekämpfung schuf
die Compagnie die Zeitschrift: Der Protestant von Genf. Die ev-
Gresellschafb sah sich bald genöthigt, eine theologische Schule zu
bilden, an der Hävernick für das A. T., Steiger für das N. T.^
Merle d'Aubign^ für Eirchengeschichte, Gallaud für praktische
Theologie und später Gaussen fiir Dogmatik angestellt waren.
Man wollte die Grundlagen des Glaubens retten. Drei der genannteu
Lehrer werden ihrer kirchlichen Thätigkeiten enthoben. Aber das
Werk geht vorwärts. Ein Oratoire wird erbaut, wo Predigt und
monatüche Abendmahlsfeier geschieht. Man schritt sofort zur völligem
Trennung von der staatlichen Kirche und sprach sich 1849 in 17
Artikeln der neuen Verfassung dahin aus, dass man bekenne, was-
von jeher ref. Glaube war. Anfang und Ende des Heils, Wieder-
geburt, Glaube, Heiligung sind freies Geschenk der göttlichen Barm-
herzigkeit. Ein persönliches Bekenntniss des Einzelnen vor zwei
Aeltesten eröffiiet die Gemeinschaft der Kirche. Die Eorche wurde
in 12 Einzelgemeinen mit presbyterialer Verfessung getheilt. Ihre
Unterhaltung geschieht durch freiwillige Gaben. Die praktische
Thätigkeit der ev. Gesellschaft trat besonders in der Bibelverbreitung
und in der Evangelisation in Frankreich hervor. In letzterem hatte
sie bedeutende Erfolge und viele Katholiken gingen zur ref. Kirche
über. Unter den theologischen Lehrern glänzt Louis Gaussen,.
der von 1836 — 63 in Genf thätig war, durch die beredte Schrift:
Le canon de Saintes Ecritures sous le double point de vue de la
science et de la foi, 1860. Da ist wahre Pietät vor dem Heiligen.
Wer schätzt nicht in aller Welt den feinsinnigen , anziehenden.
Historiker des Protestantismus, der die Personen der Reformations-
zeit so genau kennen wollte, als wenn er mit ihnen gelebt hätte:
Merle d'Aubigne. Erst in 'Hamburg, dann in Brüssel und zuletzt
seit 1831 an der Schule der ev. Gesellschaft thätig, hat er durch
seine Geschichte der Reformation (2. Aufl. 1861 — 62), durch seine
Geschichte der Reformation in Europa zur Zeit Calvins (1862 — 70):
hier schon etwas romanhaft Unzähligen Freude und Liebe für die
glorreiche Vergangenheit eingeflösst. Ein Schriftsteller von wahrem
Kutzen, viel von Fremden in Genf besucht, die dann sein edel ge-
formtes Gesicht, die dunklen Augenbrauen unter der hohen Stirn,
die nach hinten fallenden weissen Haare, den ganzen feierlich wür-
digen Mann beobachten konnten. Ein Besuch in der Jugendzeit
auf der Wartburg hatte ihm die Neigung für die Reformatoreu
mitgegeben. So ist durch ihn von Genf der Glanz der Alten noch
einmal in aUe Welt ausgegangen.
218 ^ie Schweiz.
1884 hat sich die freie Kirche wieder in die unabhängigen Kreise
der Pelisserie und die freie evangelische Kirche von Genf gespalten.
Alle Ausgleichungsversuche scheiterten. Auch die Freikirchen bilden
kein Mittel gegen die Zersetzungen des Unglaubens. Der Pietis-
mus befruchtete auch die Nationalkirche und brachte eine Zeitlang
seine Eichtung auch gegen die radikale Eegierung zu einem ge-
wissen Einfluss. Aber der kritische Wind von Deutschland her
kräftigte und belebte die Negation und jetzt sind alle Lehrer der
Akademie liberaler Gedanken Diener. Unter den positiven Schrift-
steilem ist der Publizist Jules Ernst Naville zu nennen. Er ver-
lor in Folge der Genfer Eevolution von 1846 seine Stelle. Sein
La vie 6temelle ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Von seiner
Stelle als Direktor am Gymnasium wurde auch der Schriftsteller
Louis Felix Bungener entfernt. Er ist mit Merle d'Aubignä
der am meisten gelesene französische, protestantische Autor. In
seinen Eomanen zur Verherrlichung der Noth und Standhafligkeit
der Hugenotten, in seinen vielen polemischen Schriften gegen Born
hat er ein entzücktes Publikum in aller Welt gefdnden: in seiner
Gabe der Erzählung von grossartigem Reiz. Der Pferrer Bordier
wirkte wohlthätig durch die Gründung vieler Vereine. Der Bankier
Alexandre Lombard wollte die Sonntagsruhe zurückerobern.
Aber sonst liegt matt nur noch ein äusserer Glanz evangelischer
Wahrheit auf der religionslosen Stadt, die in Evangelisationssälen
imd -kränzchen herbeigelockt werden soll. Es erschien nur als ein
kindisches Schauspiel, als das Volk mit ^/g Mehrheit den G^setzes-
entwurf in Bezug auf die Freigebung der Kirche an ihre eigene
Erhaltung und Organisation verwarf. Die Anhänglichkeit an die
alte Genfer Staatskirche war zur Farce geworden, die darum aach
ein Reformer auf der Kanzel Calvins als Rettung des Vaterlandes
preisen musste. Der Kanonendonner und der Jubel der Tausende
erklang dabei wie Hohnlachen. Als ich vor einiger Zeit G«nf be-
suchte, feierte man an einem Sonntag einen grossen musikcdischen
Festtag, zu dem auch die Franzosen mit rauschenden Elängen h^-
einzogen. Abends war wundervoll der herrliche Quai beleuchtet:
das Bild einer tiefen Nacht, die sich über die unglückliche Stadt
hereingelagert hat. Als ich ein Mitglied der Compagnie des pasteurs
nach dem Grabe Calvins frug, kannte er die Stelle nicht. Ein
anderer wusste davon und wir gingen nach dem Kirchhof Piain
Palais, um auf einem kleinen, einfachen, vierkantigen Sandstein die
Buchstaben : J. C. zu lesen. Der Name ist in Gtexd nicht mehr ge-
Bchtet, und als man 1885 das dxeVbxm^di^Ttvmdßi^ Jubiläum
Drittes Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 219
der Reformation feierte, wehte wohl das Banner der Stadt auf
Sankt-Peter, aber man hätte besser eine Tranerflagge aushängen
sollen. Wenn irgendwo, so heisst es hier: Ikabod. Ist auch der
Bischof Mermillod 1873 von der Eegierung vertrieben worden,
so rühmt sich doch die mächtig anwachsende, die Beformirten über-
flügelnde römische Gemeine : 51 557 Seelen noch einmal in Sankt-
Peter die Messe zu hören.
Die freie Kirche des WaadÜandes *) bildete sich, nachdem 1839
die helvetische Eonfession abgeschafiPb und 1845 Massregeln gegen
die reHgiösen Privatversammlungen ergriffen waren. Auch der Ver-
lesung einer Proklamation des Staatsrathes, welche die neue demo-
kratische Yerfiässung empfahl, auf der Kanzel (1845) widersetzte
man sich und so traten 147 Geistliche aus, während 99 in der
Nationalkirche blieben. 1847 gab sich die freie Kirche eine Ver-
fassung. Man bekannte die völlige Genügsamkeit der hl. Schrift.
Die Formen der Verwaltung sind die presbyterialen. 1879 zählte
die Kirche 4000 erwachsene Mitglieder und 46 Pastoren. Die An-
sprüche an die freiwilligen Gkiben sind bedeutend. Die Gesammt-
kasse hatte 1885 160 000 Pres, aufzubringen. Ausser der theolo-
gischen Fakultät in Lausanne sind noch 3 Schulen zu erhalten. Man
zählt 40 Gemeinen mit 4000 Seelen. Ein eigenes Gesangbuch mit
Psalmen ist vorhanden. Die Freikirche hat auch in Transvaal 2
Stationen mit 2 Missionaren. Einnahme 29 000 Mark. Die National-
kirche im Waadtland bekennt die christliche Beligion gemäss den
Grundsätzen der ev. ref. Gemeinschaft. Der Staat gewährleistet der
Ejrche jegliche mit der Verfassung verträgliche Freiheit. Die Ge-
meineversammlung setzt sich aus allen denen zusanunen, die bürger-
liche Rechte haben. Sie hat das Vorschlagsrecht der Pastoren, die
vor dem Präfekten verpflichtet werden. Eglise libre und Eglise
nationale stehen jetzt friedlich neben einander. Neuerdings hat
letztere einen Sturm des Staates abgeschlagen, der die Pfarreien
yermindem wollte.
Wir müssen uns jetzt etwas näher mit dem angesehensten Theo-
logen und Schriftsteller des franz. Protestantismus beschäftigen, einem
Manne, der in seiner ganzen Eigenthümlichkeit für unser Jahrhundert
bemerkenswerth ist. Es ist Alexandre Rudolf Vinet. Er ist am
17. Juni 1797 in Ouchy bei Lausanne geboren. Frühe schon zeigte
*) A. Schweizer, Die kirchl. Zerwürfnisse im Kanton Waadt, 1846.
Gelpke, Die kirchl. Beweg, im Kanton Waadt. Zeitschr. f. bist. Th.,
1850. Baup, Pr^cis des &its, 1846.
220 ^^ Schweiz.
er Grabe für Poesie und schriftstellerische Leistangenu Er besuchte
das Gymnasium und die Akademie von Lausanne. Unter den Stu-
denten bildete er eine Gesellschaft zum Studium der BibeL Er wird
noch jung Lehrer der französischen Sprache in Basel und offenbart
bald ein glänzendes Talent für literarische Kunde und feine Beob-
achtung. Darin gewinnt er mehr und mehr — neben der Theologie
immer auch der geistvolle literarische Kenner — einen bedeutenden
Namen» Anfangs noch in Vielem skeptisch, ist er doch schon 1818
zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Beligion keiner Beweis-
gründe bedürfe, »denn Gott hat sie in mein Herz wie in ein ehr-
würdiges Asyl gelegt, wo er sie gegen mich selbst vertheidigen
will.« Doch liebte er damals noch die Stunden der Andacht yon
Zschokke. Die Erweckung, wie sie ihm in den Aeussemngen
Mal an 8 entgegentritt, erscheint ihm noch als ein Gemisch yon
Demuth und Hochmuth. Aber er wird von ihr selbst 1823 ergriffen.
Der Druck, den die Regierung gegen die Momiers anwendet, belebt
in ihm die Frage nach der Gewissensfreiheit. Li einer Flugschrift:
Du respect des opinions 1824 verlangt er freie Aeusserung der
Ansichten. Ein Werk über die Freiheit der Kulte erhält einen
Pariser Preis. Er scheidet hier streng zwischen bürgerlicher und reK-
giöser Gesellschaft und fordert deren völlige Trennung. Er hat
seitdem seinen Ruf als Denker und Schriftsteller begründet. Als
im Jahre 1829 aufs neue die Verfolgungen im Waadtlande ausbrachen,
hat Vinet, ohne besonderes Interesse für die Dissidenten, für die
Religionsfreiheit geschrieben und ist für ein Jahr als G^istHcher
suspendirt worden. Sein Essai sur la conscience et sur la liberte
religieuse 1829 ist eine seiner scharfsinnigsten Schriften. Daneben
gehen seine Arbeiten für französische Literatur weiter und seine
Chrestomathie ist ein Meisterwerk. 1831 hilft er mit bei der Grün-
dung der protestantischen Zeitschrift: Le Semeur. Neben seinem
Schulamt hat er auch in Basel gepredigt mit dem mächtigen Beiz
einer wunderbar anziehenden Persönlichkeit. »Vom Rationalismns
will ich weder in schwacher noch in starker Dosis etwas mehr
wissen.« Da er viele Berufungen nach auswärts bekommt, giebt
ihm Basel das Bürgerrecht und errichtet für ihn einen besonderen
Lehrstuhl für sein Fach. Doch schon 1837 wird er Professor der
praktischen Theologie in Lausanue. Basel entlässt ihn mit dem
Range eines Doktors der Theologie. Im Waadtland war inzwischen
die religiöse Bewegung mit gesegneten Erfolgen weiter geschritten:
Vinet suchte denselben mit allen Mitteln zu dienen. Als der
Staatsrath die Geistlichkeit für eine neue Kirchenverfassimg um Roth
Drittes Kapitel. Die theologisch-kirchl. Entwicklang etc. 221
frag, wünscht Vinet, dass man die Laien herbeiziehe und spricht
sich für die Beibehaltung der helvetischen Eonfession aus. Aber
die Majorität des Volkes eifert gegen das Bekenntniss. Das Kirchen-
gesetz wird 1889 mit seiner Fesselung der Kirche an den Staat
angenommen: Vinet tritt nun aus der waadtländischen Geistlich-
keit aus. Nicht ohne Kampf, denn er liebte die ihm ehrwürdige
Nationalkirche. Auch blieb er Lehrer an der Akademie, wo er eine
grosse Macht über die Studenten hatte und für das kleine Land
mit begabten Kollegen Glanz verbreitete. Die Verbindung mit dem
Staate ist ihm immer mehr eine Häresie, die Trennung ein Dogma.
Grrosse Unruhe brachte die Eevolution von 1845. Die Volksrache
erhob sich gegen die Erweckung: es kam zu vielen Rohheiten.
Vinet litt unsäglich und legte seine Professur 1845 nieder. Wir
haben schon erwähnt, dass sich in dieser Zeit eine freie Kirche
bildete. Vinet stand der Bewegung anfangs mit gemischten Ge-
fühlen gegenüber, nachher nannte er die Stellung der ausgetretenen
Pfarrer eine ruhmwürdige und nothwendige. Der Staat als der
kollektive natürliche Mensch kann der christlichen Predigt nur feind-
lich sein. Vinet hat in der Schrift: Du Socialisme consid^r^ dans
son principe 1846 alle seine Lehren zusammengefasst. Li der Be-
kenntnissfrage der freien Kirche hat er sich für ein Symbol aus-
gesprochen, das nur diejenigen Wahrheiten enthalte, vermöge deren
man Christ ist. Die Synode der freien Kirche folgte ihm nur mit
starken Modifikationen. Vinet hat in der letzten Zeit seines Lebens
sich mit privater Thätigkeit für Studenten und Lehrerinnen beschäf-
tigt. Immer leidend schrieb und diktirte er noch auf seinem La^er.
Vor dem Herannahen seines Todes hat er auf die Nachricht, dass
man für ihn bete, geäussert: »Man kann kaum für ein unwür-
digeres Geschöpf beten.« Er entschlief am 4. Mai 1847. Auf dem
schönen Kirchhof von Ciarens ist seine Ruhestätte. Zwei Kinder
hatte er vorher verloren. Eine edle, feine Natur von reichen, glän-
zenden Gkiben, vielseitig und unerschöpflich, von herrlichem Wohl-
laut der Sprache: ganz ästhetisch bis in die zierliche Handschrift.
Der Wohlthäter Vieler, sich nie genugthuend, aber nach seinem
Vorbilde Pascal immer im inneren Kampf nicht ohne asketisch
traurigen Zug. Vinet ist nicht allein wegen seines grossen schrift-
stellerischen Einflusses, sondern auch darum wichtig, dass sich in
ihm am deutlichsten und edelsten die Theologie der Erweckung zeigt.
Er ist der Theologe der Individualität und der subjektiven Aneig-
nung des Heiles. Gegenüber der streng calvanischen Dogmatik hat
er immer diesen Standpunkt vertreten. Er geht zunächst von Kant
222 Di« Schweiz.
aas, dessen Erkenntnisstheorie er theilt. Da der Mensch nnr die
Beziehungen der Dinge anf sich erkennt, so ist es Hochmuth, das
Unbedingte und Absolute erkennen zu wollen.
»Es gibt Menschen, die die Logik brutal macht; es sind dies
keine Gemüther mehr, sondern dialektische Maschinen. — Damit
ersterben die inneren Instinkte, man ist nicht mehr Mensch, mm
ist ganz Denker. Gott definirt sich nicht im Evangelium, ohne
weitläufigen Eingang schreibt er vor und ordnet an. Das wahre
Christenthum ist praktisch und alles eilt an ihm der Handlung zilc
— Grösser war der Einfluss von Pascal auf Vinet. Von ihm hat
er es empfangen, wenn er in dem Herzen den Boden sieht, auf dem
die religiöse Wahrheit erkannt wird. »Der Verstand erkennt mir
Abstraktionen und Formen, das Gemüth (äme) sieht Wesen und
Substanzen. € Mit Pascal betont er den Willen im Glauben. Dieser
ist vorwiegend Gehorsam, Unterwerfung. Und zwar des einzelnen
besonderen Menschen, der als solcher für Gott bestimmt ist. und
hier beginnt seine Individualitätslehre. Individualität ist Menschsein,
ist Leben. Das Evangelium richtet sich an die Individuen. Man
muss Mensch sein, um Christ zu werden. Darum ist ihm auch die
Freiheit des Einzelnen so wichtig, aber so dass sie zum Gehorsam
fuhrt. Das in seinem Herzen von der Wahrheit des Evangeliums
überführte und in demselben ohne äussere Hinderung frei lebende
Individuum ist der xmaufhörliche Gegenstand seiner Betrachtung:
und dies ganz nach dem Erlebniss der Erweckung, die eben neu
überraschende und beseligende Empfindungen in das Gemüth legte.
Den grossen Mangel der Erweckung, die inneren Erfalirungen fest
an die Thatsachen des Heiles in Wort und Sakrament bezeugt zu
binden und in diesen mehr als in sich die unwandelbaren Bürg-
schafken des Heiles zu finden, hat Vinet nicht überwunden, obwohl
er die Thatsachen überall stehen lässt und an der allgemeinen
evangelischen Dogmatik nicht zweifelt. Aber er liebt es, in den
subjektiven Betrachtungen zu schwelgen und geht dann oft in seinen
Gedanken von der Verwandtschaft der Seele mit dem Evangelium
zu weit. Es sollen zwar nur flüchtige Erinnerungen, zerrissene
Anklänge sein, aber er verlässt die Nüchternheit der Schrift, die
allein in einer völligen Wiedergeburt des gotthassenden Herzens den
Boden für den Samen des Wortes zeigt. Sehr viel Wahres und
Schönes sagt er in seiner Apologetik über Evidenz und G^wissh^t
imd wie letztere allein für vorbereitete Gemüther in den Fragen
des Glaubens zu geben sei — aber überall merkt man die Abschwäch-
ung der historischen Bedeutung denc uii^mvs^&^^lL^^hjeRi H«üsthatsachen
Drittes EapiteL Die theologisch-kirchl. Entwicklung etc. 228
m Tmfehlbaren Wort verkündet. Mit Recht sagt darum Scherer
vou ihm: »er ist durch die ehrerbietige Gleichgiltigkeit, die er in
Hmsicht der rein spekulativen Dogmen und der rein wunderbaren
Fheüe des Cbristenthums beobachtete, unbewusst zum Urheber einer
ieyolution im Schoosse des Protestantismus geworden.« Er hätte
ewiss alle negativen Folgerungen aus seinen Sätzen abgewiesen,
}er das war das Yerhängniss des Pietismus, dass er das Bedür&iss
)8 Menschen und die persönlichen Erfahrungen zur Hauptsache
achte. Darum verstand man auch so wenig die Rechtfertigung,
id Yinet sagt im hellen Gegensatz gegen Calvin: der Herr sah
L Schacher den Keim der Heiligkeit in seinem Glauben an. Die
eiligung begründet die Eechtfertigung. Aus der Gewissheit de&
öiles wird weiter das Bewusstsein des Heiles : völlig imevangelisch.
[so auch in Yinet die Erscheinung des ganzen Jahrhunderts: die
3seligung des Gemüthes lässt die Erweckten nicht zur vollen Noth-
dndigkeit des Wortes und der Sakramente zurückkehren, welche
>ch fEb: alle innere Yerarmung, die gerade der empfoidungslose
Laube durchmachen muss, unentbehrlich sind. »Dein Wort soll
ir gewisser sein« : so bekennt die Eeformation. Ein solcher Pietis-
OS, den schliesslich auch Tholuck allein noch in seiner »Passion
im Herrn« besass, konnte leicht der Selbsttäuschung imd der Kritik
im Opfer fallen. Ueber Yinet vergl. den reichhaltigen Aufsatz
m Schmid in der Bealencjklopädie imd Edmond Scherer:
lexandre Yinet, notice sur sa vie et ses Berits, 1853; Eambert,
. Y., histoire de sa vie et ses oeuvres, 3. Aufl., 1876. Astie,.
sprit d'A.Y., 1861. Neuerdings haben der Holländer Gramer und
)r Franzose Chavannes (1883) über Yinet als Apologeten ge-
ihrieben.
Als das Kirchengesetz von 1873 in Neuenburg jeden politisch
iimmberechtigten ohne irgend welches reügiöse Bekenntniss für
II Glied der Kirche erklärte imd auch für das geistliche Amt jede
)nfessionelle Yerpflichtung beseitigte, bildete sich die Eglise ind6-
mdante de TEtat, die sich an die grösseren Heilsthatsachen, wie
e das sogenannte apostolische Glaubensbekenntniss zusammenfasst,
ilten wollte. Es waren etwa 30 Pfarrer, die die Nationalkirche
^rüessen, auch sämmtliche Professoren der Akademie thaten dies.
Le Yerfassung wurde eine synodale. Man gründete eine theologi-
he Fakultät. Freiwillige sehr reiche Gaben erhalten die Kirche.
L la Chaux de fonds wurden 231 000 Frcs. für den Bau einer
irche gespendet. Die Kirche zählt gegenwärtig 3363 männliche
itglieder und 5000 Frauen. Ihr Budget beziffert sich auf 114 000
224 I>ie Niederlande.
Frcs. In Neuenburg ist neben Fr. von Bougemont Professor F.
Godet zu nennen, der theologische Gründlichkeit mit Wanne und
Schönheit der Darstellung verbindet und seinen vielen Arbeiten über
das N. T. einen praktischen Werth zu geben versteht: eine wobl-
thuende Erscheinung in dem schweizerischen Unglauben.
2. Die Niederlande.
Xiteratnr: A. J. van der Aa, Biographisch Woordenboek der Nedei*
landen (15 Thle. in 4to), 1852—1877. G. J. Vos, Geschiedeni»
der Vaderlandsche Eerk (bis 1842), 1882. Derselbe, Groen van
Prinsterer en zj^n t\jd, 1886. D. F. D. Fabius, Voorheen en thans,
1886. G. Sepp, Froeve eener Fragmatische geschiedenis der
Theol. in Nederland (van 1787—1858), 1869. W. Heineken, de
Staat en het Kerkbestuur der Nederlandsch-Hervomiden sederfe
het herstel onzer onafhankel^jkheid, 1868. L. Wagenaar, het
B^veil en de Afscheiding, 1880. M. W. L. van Alphen, Nienw
Kerkelijk Handboek (seit 1878 jährlich). Köhler, die Niederi.
Kirche, 1856. K. Sudhoff, in der I.Ausgabe von Herzogs Real-
encyclopädie. J. Gloel, Hollands kirchliches Leben, 1885. Von
den jetzt bestehenden Zeitschriften namentlich: von reformirter
Seite: de Heraut (von A. Kuyper), de Hoop (von F. lion
Cachet), de Bazuin (von A. Brummelkamp) ; von ironischer Seite
Stemmen voor Waarheid en Vrede (von A. W. Bronsveld)
Wageningsch Weekblad (von S. Buitendijk); von evange
lischer Seite: Kerkelijke Cour an t (Organ der Synode), Evan
gelisch Zondagsblad; von modemer Seite: de Hervorming
(von F. H. Hugenholtz).
Erstes Kapitel.
Die neue Verfassung.
Die Geschichte der reformirten Kirche in den Niederlanden in
-diesem Jahrhundert ist eine Geschichte des Streites. Er hat sich
um die Organisation, das Bekenntniss, und um die Ver-
v\raltung der kirchlichen Güter bewegt.
Mit der batavischen Eepublik (1795) kam auch das Prinzip
der Trennung von Kirche und Staat. Der Vorzug einer herrschen-
<len und Öffentlichen Kirche vor einer geduldeten hörte auf. Man
empfand es bald auf finanziellem Gebiet. Die theilweise Besoldung
•der Prädikanten der Öffentlichen Kirche durch die Obrigkeit nahm
•ein Ende. Sie war bis dahin geleistet YfordeiL von dem Ertrage
Erstes Kapitel. Die neue Verfassung. 225
von Gütern, welche schon vor der Reformation zum Unterhalt der
Geistlichkeit bestimmt waren xmd welche die Obrigkeit unter ilure
Terwultung genommen hatte. Die geistlichen Güter wurden 1798
iiir nationale erklärt. Man ging aber noch weiter. Auch an die
Ürchhchen Güter der Einzelgemeine, namentlich Eirchen, wurde
die Hand gelegt. Die Majorität der Gemeine solle sie besitzen.
Doch trat nach sieben Jahren hier wieder eine Aenderung ein,
bdem namentlich die Einzelgemeine in ihr altes Recht zurück-
kehrte. Sie verwaltete ihre kirchlichen Güter selbst. War auf
inanziellem Gebiet eine Wandlung vor sich gegangen, so war doch
lie Organisation der Kirche geblieben. Man besass noch die Eir-
5henordnung von Dordrecht und dass das Placet der Regierung bei
ier Berufung der Prädikanten und der Beschlüsse der Synoden
ivegfiel, war mehr ein Gewinn als ein Verlust. Bis 1816 vereinigen
dch die Classen, d. h. Versammlungen von benachbarten Kirchen.
L805 war noch eine Commission aus den Provincialsynoden oder
Versammlungen von benachbarten Classen zusammengetreten, um
3iiien Band von »Evangelischen Gesängen« zusammenzustellen, ob-
pvohl die Kirchenordnung nur den Gesang des Psalmen und
einiger anderen mit Namen bezeichneten Gesänge erlaubte. König
Ludwig änderte nichts an der Verfassung der Kirche , ebensowenig
vermochten dies die Pläne Napoleons. Aber es geschah unter
König Wilhelm I. Nach der Dordrechter Kirchenordnung regiert
der Herr selbst seine Kirche durch die von ihm geschaffenen
Ordnungen, wie sie sich in Presbyterien , Classen, Provinzial-
synoden und Nationalsynode gestalten. Alle Kraft ihrer Beschlüsse
beruht in der Uebereinstimmung mit der hl. Schrift; auch war
keine Stufe der Organisation »höher« als die andere. Sowohl
Independentismus als Hierarchie waren abgeschnitten. Hier voUzog
sich nun durch König Wilhelm eine eigenmächtige Neuerung. Die
Kirche wurde nicht gehört. Im Geheimen empfuig eine berathende
Kommission von elf Prädikanten von einem schon unter Ludwig
thätig gewesenen J. D. Jansen einen Entwurf: »Allgemeines Regle-
ment für die Verwaltung der ref. Kirche im Königreich der Nieder-
lande« zur Beurtheilung. Mit einigen Aenderungen wurde dasselbe
am 7. Januar 1816 vom Könige gutgeheissen und der Kirche auf-
gelegt. König Wilhelm dachte wohl an das Vorbild der bischöf-
lichen und konsistorialen Kirchen, die er in der Zeit seiner Ver-
treibung kennen gelernt hatte. Obwohl bei der Regierung die kirch-
liche Oberhoheit lag, so gab es doch eine sogenannte »Synode« und
unter ihr Provincial-Kirchenverwaltungen und claÄa\ca\%Mö^«taäwst^sö..
Zahn, KIrcbengeschicbte, 2. Aufl. ^^
226 I>ie Niederlande.
Im ersten Jahre ernannte der König alle Mitglieder dieser Behörden. ,
1828 setzte man noch eine Synodal-Eommission ein. Das Moderamei^
der Synode, drei andere Prädikanten, drei Aelteste und ein Prc^
fessor bildeten sie. Die Unabhängigkeit der Kirche war fast gaz^^g-
vernichtet. Man hat der Organisation von 1816 den Namen einer
»Staatscreatur« gegeben, aber man nahm sie anf^üiglich rahig hiz?
und diese Unterwerfung galt später als Bechtsgrund. Man liebte
ja den Oranier, der nach der Noth, die man unter Napoleon aus-
gestanden, wieder für eine geordnete Bezahlung der Prädikanten
sorgte. Auch waren die äusseren Namen der alten Verfassung ge-
blieben. Einige Stimmen erhoben sich doch: sie kamen aus den
Classen von Amsterdam, Woerden und Leiden. Die Classis von
Amsterdam beklagte, dass nicht die kirchlichen Versammlungen
gefragt seien, dass die Macht der Synode zu gross sei, die von
Wenigen besessen in eine päpstHche oder bischöfliche Herrschaft
auslaufen könnte. Auch wäre zu besorgen, dass Bekenntniss und
Liturgie geändert würden.
Es war nicht gerade eine bescheidene Antwort, die die Classis
bekam: Artikel IX. des Allg. Begl. hebe die Pflicht der Handhabung
der Lehre für alle kirchlichen Ordnungen hervor ; übrigens bestände
die Classis in ihrer alten Form bald gar nicht mehr; wolle sie
klagen, so möge sie dies jetzt noch thun bei der von ihr bestrittenen
Synode 1 Diese eröflhete Ds. Krieger am t5. Jimi 1816. Ln Jahre
1819 ging der König noch einen Schritt weiter und unterwarf sich
auch die Verwaltung der irdischen Güter der Kirche. Provindale
Kollegien der Aufsicht wurden hierfür eingeführt. Einige Gremeinen,
u. a. Amsterdam, bewahrten sich indessen die Freiheit der Selbst-
verwaltung ihrer kirchlichen Güter.
Wenn auch noch viel Kenntniss der alten Kirchenlehre und
Liebe für reformirte Wahrheit zu finden war, so war dieselbe docli
bei der Mehrzahl der Prädikanten und der Professoren an den drei
Universitäten und den sechs Athenäen verloren. Ein rationalistische
Supranaturalismus herrschte. J. H. v. d. Palm, und E. A. Borger,
Professoren in Leiden, waren seine Hauptvertreter. In der Schrift
von Hoving in Groningen: Christenthum und Beformation ver-
glichen mit dem protestantischen Kirchenstaat in den Niederlanden
(1815) heisst es: Weg mit der Dreieinigkeit; die Liturgien werden
allerelendeste Formulare genannt. Doch trat der eigentliche Batio-
nalismus zögernd auf. Als aber Nicolaas Bchotsman in Leiden
als eine alte treue Schildwache 1819 eine Ehrensäule für die Dord-
rechter Synode aufrichtete, ntoi^^ et ität S^ott überschüttet.
Zweites Kapitel. Die Erweckung. 227
Zweites Kapitel.
Die Erweckung.
Von der Schweiz aus berührte sie die Niederlande. Es fehlte
' der calvinistische Charakter und so blieb sie einem Theile des
»Ikes fremd. Sie war und blieb eine Sache des Grefühls ohne
gmatisches Interesse. Die ünio mystica mit Christus beseelte sie.
Q ihretwillen sah man über grosse Irrthümer hinweg. Die Er-
ickung bewegte sich namentlich in den aristokratischen Kreisen,
r Bürger- und Bauernstand wurde nur mittelbar von ihr erfiEtsst.
)ben ihr machte sich der Einfluss der Schule von Bilderdijk gel-
id. Wilh. Bilderdijk (1756 — 1831) trat gegen den unverbesser-
hen Optimismus seiner Zeitgenossen auf. Der grosse Dichter wurde
1 Vorläufer der Erweckung. In Leiden, wohin er nach einem
rten Leben 1817 gezogen war, lehrte er vor einer Anzahl von
Qgen Leuten im antiUbertinischen imd antiarminianischen Greiste
9 niederländische Geschichte. Aus diesem aristokratischen Stu-
ntenkreise sind die Männer hervorgegangen, die nachher gegen
.s revolutionäre Prinzip in Staat und Kirche eiferten: Isaak da
)sta, Capadose , die Grafen Willem und Dirk van Hogendorp, van
ir Kemp, van Wassenaer Catwyck, Groen van Prinsterer und Elout van
»eterwoude. Capadose war Arzt, die üebrigen Juristen. Die erste
•ucht der Schule von Bilderdijk erschien in der Schrift: Beschwerden
Igen den Geist dieses Jahrhunderts (1823). Ihr YerfiEtsser war Isaak
1 Costa, wie Capadose ein getaufter Jude, ein feuriger begeisterter
Lchter, ein gewaltiger Geist, Doktor der Bechte und der Philologie.
: stellte gegen das gerühmte Heute das tief verachtete Alte. Noch
ehr als Schotsman ward nun der Jüngling da Costa geschmäht.
les reizte seinen Lehrer und er vertheidigte den Schüler in der
Beleuchtung der Beschwerden« mit seinem mächtigen Schwert,
dt 1828 sammelte da Costa die Erweckten um sich. Der Dichter
iirde Evangelist. Biblische Betrachtungen, religiöse Cirkel dienen
jr Erweckung. Die Hof&iung für die Wiederherstellung von Israel
»gleitet die Arbeit des stürmischen Mannes (f 20. April 1860).
Eks Ausland sendet Merle d*Aubign6 und Malan zur Hilfe.
r. W. Krummacher wird in seinen Schriften bekannt. Als
3rderer der Erweckung sind noch zu nennen: Secr^tan, Pierre
hevalier, Bähler, der englisch bischöfliche Thelwall,
)r Taufgesinnte ter Borg, der niederländisch-refonma::^ li^^'^»^-
228 I>i« Niederiande.
man in Rheede mit eigenthümlichen Vorstellnngen von der Heilig-
ung. Später schlössen sich yiele re£. Prftdikanten der Bewegung
an, aber man mnss sagen, mehr trotz ihres Amtes als wegen des-
selben. Die »üebungen« von C^adose fanden mehr Bei£Edl als
die Bedienung des Wortes durch das Amt. Es war ein Mann, der
ausserhalb der Erweckung stand, welcher die Erneuerung der Kirche
ins Auge fasste. Dirk Molenaar, Prfidikant im Haag, veröffent-
lichte seine »Adresse an alle re£. Glaubensgenossen,« (1827). Man
sei Yon den reformirten Prinzipen in der Kirche abgewichen. Er
wiess auf das Ordinationsformular der Synode von 1816 hin, welches
die Prftdikanten nur auf die Lehre, die übereinstimmend mit Gottes
heiligem Wort in den angenommenen Formularen von Einigkeit
(Conf. Belgica, Heidelberger Katechismus und Canones) bezeugt werde,
verpflichte. Das »übereinstimmend« (ob quia oder quatenus?) sei die
Lösung von dem Band der Formulare: eine Unehrlichkeit gegenüber
der Gemeine. Neun Auflagen erscheinen 1827 von der Schrift. Die
Gegner suchten sich mit dem alten Spott zu helfen. Der König, be-
sorgt für seine Staatscreatur, gab dem YerfiEtsser sein Miss&Ilen zu
verstehen imd dieser wollte nun auch nicht mehr die Buhe in der
Kirche stören. Inzwischen war der ref. Geist mehr und mehr erwacht.
In Axel in Zeeland trennte sich Vygeboom 1823 von seinem Kirchen-
rath, weil dieser von dem alten Bekenntniss abgewichen war. Die
Freimde des Mannes nannten sich die »hergestellte Kirche in Christus«,
nahmen die drei Formulare und die Dordrechter Kirchenordnung an,
verurtheilten das Gesangbuch als remonstrantisch und machten den
»oefenaar« Vygeboom zu ihrem Prftdikanten. Er durchzog pre-
digend das Land und ertrug den Hass der Welt und die Verfolg-
ung der Obrigkeit (f 1838). Es war wenigstens ein Versuch, gegen
die neue Organisation und für das alte Bekenntniss einzutreten.
Dem Geiste der Kirchenemeuerung stand fem die Gemeine der
»Vollkommenen«, durch den Schuhmacher Stoffel Mulder und seinen
Freund VaUc 1834 in Polsbroek in der Provinz Utrecht gestiftet
Man pflegte Gütergemeinschaft und weil man Schwefelhölzer fabri-
zirte, hatte man den »Schwefelholz-Glauben.«
Hier müssen wir jetzt wieder H. Fr. Kohlbrügge hervor-
heben, der am 15. August 1803 zu Amsterdam geboren, mit Bilder-
dijk und da Costa befreundet, 1827 Proponent bei der hergestellten
Latherisohen Kirche in Amsterdam wurde. Aiser seinen Kollegen
wegen Irrlehre bei dem Konsistorium verklagte und die Anklage nicht
widerrufen wollte, wurde er am 17. Mai 1827 abgesetzt Er zieht
tuusb Utrecht und macht mit oinox I>\s;ä«xt&tiQn über Psalm 45 den
Drittes £[apitel. Die Separation. 229
Doktor der Theologie. Verbindung mit Laatsman und Studium
der alten Dogmatiker führen ihn zum ref. Bekenntniss. Er will
fflch der ref. Kirche anschliessen, doch fürchtete man den talentvollen
Calvinisten und wusste seinen Wunsch zu hintertreiben. Der Se-
paration kann er sich nicht zum Führer hergeben und so hat er
bis zum Jahre 1847 ohne Amt stille gesessen auf die Verheissimg
wartend, dass er der Prediger Gottes bleiben werde. Als er in
Elberfeld wirkte, blieb er in heisser Liebe seinem Vaterlande ver-
bunden und hat jetzt dort eine Anzahl von Schülern im geistlichen
Amte. Von diesen hat ihn Theodor Locher vortrefflich in der
Schrift gerechtfertigt: Noch Perfektionisme, noch Antinomianisme
(1881) und Heinrich Lütge hat seine Schriften herausgegeben.
Sein Briefv^echsel mit einem angesehenen Zeitgenossen über die Lehre
von der Heiligung ist auch erschienen. Seine Predigten werden
überall gelesen. Er hat Berufungen nach den Niederlanden be-
kommen imd ist selbst in Amsterdam auf einer Kanzel aufgetreten:
es war der Wunsch seines Lebens gewesen. Die Thätigkeit der
Männer der Erweckung auf den »Versammlungen der christlichen
Freunde« wollen wir unten erzählen, erst haben wir aber die Sepa-
ration ins Auge zu fassen.
Drittes Kapitel.
Die Separation.
In Ulrum in der Provinz Groningen wirkte seit 1829 der junge
Prädikant Hendrik de Cock. Er studierte die Schrifben der Er-
weckung und Calvins Institutio und erneuert in sich den Glauben,
der noch in seiner Gemeine vorhanden war. Grosse Schaaren kamen
nun zu seinen Predigten; auch aus Friesland. Als er aber auch
die Kinder dieser »buitenloopers« taufte, wurde ihm dies durch
das Classical Bestuur verboten. (1833). De Cock liess sich dadurch
nicht stören. Er gibt ein Schriftchen heraus: Der Schafsstall von
Christus durch zwei Wölfe angegriffen. Das Classical Bestuur for-
dert ihn zum Widerruf auf. Er verweigert denselben und wird nun
(Dezember 1833) von seinem Amte suspendirt. Das Provincial-
Kerkbestuur von Groningen bestätigt auf die Appellation von
de Cock das Urtheil, indem es ihnri auch. a\yf x^%\ S^iat^ ^<sö.^^Gsi^
230 I>ie Niederlande.
entzieht. De Cock unterwirft sich und enthält sich allen Kirchen-
dienstes. Inzwischen hatte er eine anerkennende Vorrede zu dem
Buche eines Eaufinanns geschrieben, in dem die evangelischen Ge-
sänge 192 Sirenische MinneUeder genannt waren. Dies bewirkte
seine Absetzung (Mai 1834). Eine Gewaltthat der Hierarchie ^ die
gegen den Unglauben nichts that. De Cock berief sich nun auf
die allgemeine Synode. Diese gewährte eine Bedenkzeit von sechs
Monaten: er solle sich dann den Eeglementen unterwerfen. Dabei
glaubte doch die Synode auf den Antrieb der »juste milieu«, nament-
lich auch des Professors J. Clarisse, eine Mahnung an die Prädi-
kanten richten zu müssen, keinen Anstoss in Bezug auf ihre Becht-
gläubigkeit zu geben. De Cock wurde in seiner Sache durch H.
P. Schölte in Doeveren unterstützt und man schritt am 13. Oki
1834 in der Gemeine zu Ulrum zur Separation von der »Mschen
Kirche«. So alle reformirte Kirchen im Lande zu nennen, hatte
man doch kein Becht. Militärischer Schutz machte es einem
synodalen Prädikanten möglich, die Kanzel von de Cock zu betreten,
de Cock aber wurde am 20. Januar 1835 abgesetzt. Der genannte
Schölte war in Amsterdam unter den Einfiuss der Erweckung ge-
kommen. Kohlbrügge und der wallonische Prediger Chevalier bringen
ihn in Beziehung zu da Costa, in Leiden lernt er Bilderdijk kennen.
In Doeveren schilt er dann seine Amtsgenossen Lügenpropheten.
Er besucht de Cock in Ulrum und unterstützt ihn in seinem Amte,
wobei er mit dem synodalen Prediger in Konflikt kommt. Auf
einem Bauemwagen mit de Cock und seiner Frau stehend predigt
er weiter und feuert zur Separation an. Er wird darauf in seiner
Gemeine suspendirt und auch hier wird November 1834 eine Acte
der Separation unterzeichnet. Schölte wird wie sein Freund ab-
gesetzt. 1835 werden von demselben Schicksal A. Brummelkamp,
C. F. Geselle Meerburg, S. v. Velzen und J. v. Ehee getroffen.
Auch A. C. V. B aalte musste dies erlei(}en. Einige Jahre später
entzogen sich auch der kirchlichen Organisation H. J. Budding und
L. G. C. Ledeboer. Ersterer, ein mystischer Geist, war durch
seinen Widerstand wider die Gesänge aus der Kirche getrieben und
rief dadurch die Separation vieler Kirchen in Zeeland hervor, die
aber später mehr »Buddingiaansche« waren als reformirte. Lede-
boer in Benthuisen hat die Gesänge und die Beglementen in seinem
Charten begraben und in einem Hause gepredigt Dann durchzieht
er das Land und bewegt viele zum Bruch mit den »Besturen«.
Er stellt Amtsträger an und wird von der Begierung als das Haupt
verbotener Verbindungen bestraft (^\ \%^^^.
Drittes EapiteL Die Separation. 231
Gegen die Separatisten erhob sich mehr und mehr eine heftige
Yerfolgung. Nicht nur ihrer Kirchengüter beraubte man sie, sondern
suchte sie mit oft auch grausamen Strafen heim. Erst am 5. Juli
1836 gestand die Regierung Freiheit des Gottesdienstes zu, doch
nur unter Verzicht auf alle kirchlichen Güter, als wären nicht sie
selbst, sondern ihre Gegner die echten Söhne der reformirten Väter.
Manche haben sich wie Ledeboer getröstet: Die Kirche ist die unsrige
imd Gott soll sie ims zu seiner Zeit wiedergeben. Der Preis, den
die Begierung stellte, war den Separatisten zu hoch und die Ver-
folgung verdoppelte sich. Endlich beugte sich Schölte und 1839
bildete sich die »christelyke afgescheidene Gemeente« in Utrecht.
Viele folgten seinem Vorbilde, andere blieben als »ref. Gemeinen
xinter dem £[reuz« besonders bestehen. Erst König Wilhelm 11.
(1840) brachte mehr Erleichterung. Die Gemeinen unter dem Kreuz
Tereinigten sich auf der Synode von Middelburg 1869 mit den
christlich Abgeschiedenen unter dem Namen: »Christlich-reformirte
Kirche.« Man stellte auch 1869 ein Statut der Kirchenverfassung
auf, das der Dordrechter Kirchenordnung keineswegs ganz entsprach.
Die christliche reformirte Kirchengenossenschaft zählt
jetzt 387 Gemeinen mit 386 Prädikanten. Ihre theologische Schule
ist in Kampen. Noch leben und lehren an ihr der schon alte
Brummelkamp und v. Velzen. Neben ihnen wirken fünf andere
Lehrer, von denen der gelehrte H. Bavink zu nennen ist.
Später haben sich noch Schölte und de Oock getrennt: Ersterer
zog nach Amerika (1847, f 1869); van R aalte folgte ihm. 1854
entsteht die theologische Schule in Rampen. Die Abgeschiedenen
haben fiir das ref. Bekenntniss segensvoll gewirkt imd selbst in
Afrika (Ds. Postma) eine Station errichtet. Ihre Mission, die einzige
kirchliche in den Niederlanden, hat unter dem Missionsdirektor J.
H. Donner in Leiden China und Japan als Arbeitsfeld erwählt. —
Eohlbrügge hat sich in seinem Briefwechsel sehr scharf gegen
diese Separation ausgesprochen. Auch die übrigen Brüder der Er-
weckung waren nicht ganz günstig gestimmt, obwohl sie Groen van
Prinsterer rechtlich vertheidigte. Sie zogen es vor, in der Kirche
gegen die unreformirten Prinzipen zu streiten. Tauchte doch jetzt
eine neue liberale Bichtung auf.
232 ^io Niederlande.
Viertes Kapitel.
Die Groninger Schule. Verein der christlichen Freunde.
J. H. Schölten. D. Chanteple de la Saussaye. Moderne
Theologie. Bestuur und Beheer.
In Utrecht lehrte als Professor der Philosophie P. W. v. Heus de
(1804 — 49), von dem Auslande Präceptor Hollandiae genannt Er
hat grossen Einfluss auf die Theologen gehabt. Das Alterthum war
ihm die Vorbereitung auf das Christenthum als Religion der Humani-
tät. Der deutschen speculativen Philosophie abgeneigt, suchte er
Prinzipe, die nicht mit der Gottesdienstlehre stritten. Allgememe
Ideen fand er in derselben, wie er auch so das Alterthum behan-
delte. Wie in Utrecht, so gewann er auch in Groningen Schüler.
Hier unternahm man es, eine neue Theologie aufzubauen. TL A.
Ciarisse legte das N. T. im Sinne von Heusde aus, ohne zur alten.
Theologie zurückzugehen. Bald entwickelte sich diese »niederlän-
dische evangelische« Richtung zu Ergebnissen, die mit dem chrisir
liehen Bekenntniss aller Zeiten in Widerspruch standen. Mehr
pädagogisch als soteriologisch war überall die Betrachtung. Drei
junge Professoren dieser Schule gaben sieben Handbücher über die
Hauptfächer der Theologie heraus. P. Hofstede de Groot wurde
seit 1829 der Führer. 1839 entstand das Organ in der Zeitschrift:
Wahrheit und Liebe. Gegen die ewige Gnadenwahl trat hier die
Humanität auf. Hofstede de Groot eröf&iete den Kampf gegen
seinen Freund de Oock und erklärte seine Abweichung von der
alten Kirchenlehre. Ueber das quia und quatenus der Verpflichtung
auf die Symbole haderte man. 1835 empfing die Synode, wie schon
im Jahre vorher geschehen war, Adressen, die auf die Handhabung
der Lehrzucht drangen; auch der gelehrte Kantianer Le Roy,
der Uebersetzer der Reformationsgeschichte von Merle d'Aubigne,
betheiligte sich daran. Der alte Professor J. Heringa in Utrecht
nahm sich auf der Synode der Adressaten an und betonte das quia
in dem Sinne, dass die Symbole der Hauptsache nach mit Gottes
Wort übereinstimmten. Die Synode beliebte indessen gar keine
nähere Erklärung für das Ordinationsformular zu bestimmen; quia
oder quatenus — ein Jeder kann es halten wie er will. 1841 er-
schien bei der Synode eine Monster-Adresse von 8790 Gemeine-
glieäem durch Br. B. Moorrees in Wykei überreicht. Die ref. Kirche
Viertes Kapitel. Die Groninger Schule. 283
sei, so klagte man, eine liberale Kirche ohne Glaubensbekenntniss..
Die Handhabung der Formulare von Einigkeit, . die Wiedereinführung^
des Ordinationsformulares und die Erneuerung der kirchlichen Regle-
mente nach der Dordrechter Kirchenordnung sei nöthig. Die Synode
wiess auch diesen Angriff zurück und sprach von dem »Wegen,
und der Hauptsache« der Lehrverpflichtung. Darauf kam im fol-
genden Jahre Green vanPrinsterer mit sechs vornehmen- Herren,
aus Haag und verlangte, dass das Wesen und die Hauptsache der
ref. Lehre, wie sie dem Geiste derer entspräche, welche sie aufgestellt,,
gehandhabt werde. Die sieben Haag'schen Herren erklärten die Lehre
der Groninger als im Streite mit der ref. Lehre. Und weil König^
Wilhelm H. der Synode Freiheit gegeben hatte, ihre Organisation
unabhängig vom Staate zu verändern, hofften die Herren vom Haag^
auch auf eine Revision der Reglemente. Der Eindruck dieser
Adresse war gross. Von Groningen kamen Gegenschriften. Die Synode
beharrte bei ihrer früheren Erklärung. Die sieben Herren wenden,
sich mm (1843) an die ref. Gemeine in den Niederlanden. Die
Gemeinen sollten gegen die Feinde der Kirchenlehre auf dem Wege
der kirchlichen Besturen zum Angriff übergehen. Die Synode selbst
hatte auf diesen Weg hingewiesen. Bald brach aber unter den
Freunden der Bekenntnisse eine Verschiedenheit hervor. Da Costa^
wollte wohl die Groninger bestreiten, aber erwartete kein Heil von
der Handhabung der Formulare. Freiheit für Alle war sein Wunsch.
War Green für den juristischen Weg, so da Costa für den »medi-
cinischen« Weg, später ist das auch durch die Ironischen gewollt.
Nach Green war die Kirche jetzt ein wissenschaftliches Disputier-
Collegium geworden und die Handhabung der Lehre zur Verkündi-
gung des Unglaubens bis in ein Nonplusultra von antichristlicher
Entwicklung.
Uebrigens blieben die Männer der Erweckung in alter Liebe und
kamen so auf den Versammlungen der christlichen Freunde von
1845 — 54 in Amsterdam zusammen. Ihr Organ war: Die Vereini-
gung: Christliche Stimmen unter der Redaktion von 0. G. Held-
ring. Auch griff man das praktische Leben an und Heldring (1804
bis 76) gründete das Asyl Steenbeek bei Zetten für gefallene Frauen.
Der Leiter der Vereinigung war Green, der vortreffliche Historiker
(Archives und Handbuch der niederländischen Geschichte), der ge-
wandte Stilist. Er war namentlich durch seinen Freund W. de
Clercq zur Erweckung gekommen. Plato hatte ihn gebildet aber
anders als Heus de. Seit 1827 Referendar in dem Kabinet des Königs
gab er nach sechs Jahren die Stellung auf, und a^T^ßk ^^\sä La-^as^
234 I>i« Niederiande.
dahin ans: G^en die Reyolation das Eyangelium. In der Yereinig-
nng war W o r m s e r ein Mann Ton klarem Kopf und warmem
Herzen. Obwohl er znr Separation gehörte, sann er doch auf 6e-
meinfichaft aller Glfinbigen. Er war einer der Yftter eines Seminars
für Bildung ref. Lehrer. Als später der getaufte Jade C. Schwartz
als Sendbote der freien schottischen Kirche nach Amsterdam kam
(1850), trat das Seminar als reformirtes unter die AuMcht der
schottischen Eirche. Die Zöglinge desselben fEuiden indessen keine
Aufnahme in der Kirche. Schwartz (f 1870) gründete den Herant
Von den Freimden der Vereinigung sind noch J. de Lief de, Gründer
einer freien Gemeine in Amsterdam und der »Vereinigong zum
Heil des Volkes» , die Prediger und Dichter N. Beets und J. P.
Hasebroek mit Einfluss auf die höheren Kreise zu er?7&hnen. In
Utrecht hatten sich einige Studenten mehr der Kirchenlehre genähert,
unter ihnen J. J. Toorenenbergen, der treffliche Historiker.
Nach dem Erscheinen des Lebens Jesu von Strauss traten J. J. von
Oosterzee und J. J. Doedes als Apologeten auf. Ersterer ein
Mann von warmem Herzen und hellem Geiste wollte das »reformirt«
nur als Beinamen tragen. Er ist auch in Deutschland gelesen
worden*). Der andere, ein Mann von grossem Schar&inn, ist ein
weit mehr kritischer Geist und hat sich besonders für niedere Text-
kritik verdienstlich gemacht, von Osterzee war von 1862 — 1882,
und Doedes ist seit 1859 Professor der Theologie in Utrecht. Seit
1845 erschien in diesem Sinne die Zeitschrift: Jahrbücher für wissen-
schaftliche Theologie, seit 1858 durch die »Neuen Jahrbücher« fort-
gesetzt. Als der Empirist C. W. Opzoomerin Utrecht sich 1846
mit einer Eede: Die Philosophie als den Menschen mit sich selbst
versöhnend, akademisch einführte und mit seinem grossen Talent
das Christenthum entchristüchte, bildete sich ein Studentenkreis mit
der Parole: Gedenk het Woord (Psalm 119, 49). Auf Utrecht beruhte
jetzt mehr die Hoffnung der Freunde der Vereinigung als auf an-
deren Universitäten, namentlich als J. H. Schölten (1811 — 1885) in
Leiden als Lehrer auftrat. Dieser ein ausgezeichneter Kenner der
ref. Dogmatik, doch dabei ein deterministischer Philosoph. Seine
»Lehre der ref. Kirche« (1848) erregte gerechtes Aufsehen. In der
Vorrede bewiess er Groen und da Costa, dass sie selbst nicht
reformirt seien. In seiner Schrift über die Taufformel verneint er,
*) War auch Mitarbeiter an Lange's Bibelwerk. Ein Abriss seines
Lebens als Einleitung zu s. N. T. Theologie, 1885. Auch sind Lebens-
erianervLDgen von ihm vorhanden.
Yiertes KnöteL Ihe Oiowb«^ Schule. :2S5
dass Guistns die Taufe eingesetEt. doch sei dieselbe ab Eini^ittii^
fomiiilar aller Guistoi festznhalten. £r hat scharfsiimi^ tTnteiN
sachangen über d^i iräiexi Willen angestellt^). Die poUtiscben
Stürme von 1848 veranlassten auch die Synode, eine Aendenmg vx>n
Artikel IX zu Tersnchen, nach welcher nur noch von Handhabung
und Enq>fehlnng des evangelischen Glaubensbekenntnisses die Rede
sein sollte. Groen rief dagegen eine Versammlung auf den 18»
August 1848 nach Amsterdam, zu der 300 Lehrer und iilemeine>
glieder kamen. Es blieb nun das Reglement in Artikel IX (später
XI) unverändert Eine Bitte an die Regierung, doch nichts in der
Sache ohne die Gemeinen zu thun, erhielt die Antwort, dass allein
die Synode hierin zu beschliessen hätte. Diese liess sich das gesagt
sein und hat von 1849 — 52 ganz souverän gehandelt. Die am 23.
März 1852 errichtete Organisation zeigt keine Rückkehr zu den
Prindpen von 1568 — 1618. Es war nur eine neue Bindung an die
»Staatscreatur« von 1816, die als »Staatserbe« erschien. Es bildeten
sich jetzt mehrere konfessionelle Vereinigungen (Freunde der Wahr-
heit). Dies alles hinderte die Synode nicht, Vertreter der Groninger
Theologie gegen die Gemeinen in Schutz zu nehmen, und sie Urnen
als Lehrer aufzudringen. Inzwischen forderte ein gemeinsamer
Feind zur Einigkeit auf. Es war Rom. Dies war unter dem Ein-
fluss des liberalen Ministers Thorbecke und durch das päpstliche
Breve vom 4. März 1853 dahin geschritten, die Niederlande als
eine kirchliche Provinz mit 5 Bisthümem wieder herzustellen. Utrecht
wurde ein Erzbisthum **). Vergeblich protestirte dagegen die » April-
bewegnng« der »grossen Protestantischen Partei«. Man gründete
die niederländische Gustav-Adolf-Vereinigung und die Evangelische
Gresellschaft. Aber der negative Protestantismus ist Ohnmacht gegen
Rom. Dabei zeigte sich auch bei den Männern der Erweckung, welche
seit 1853 verschiedene Wege einschlugen, eine Spaltung« War iohon
zwischen Ghroen und da Costa wegen der Heilmittel — juristisch oder
medicinisch — ein Gegensatz, so kam nun auch eine neue theologische
Richtung auf^ die »ethische«, welche die konfessionelle bestritt. D.
Ghantepie de la Saussaje war ihr Führer. Er ist ein Schüler
von y. Oordt, einem Anhänger von v. Heusde, der ISS^ mit
einer nenen Theologie nach Leiden gekommen war. Aber der hehrer
*) Yer]^ seine Abtchiedsrede bei der Ifiederlegimg »eine» akadem,
Amtes, 1881.
*^ Nippold, Die ifousch-katfa, Kirche im Kteigreicfa der Nied^-
lande, 1877.
236 ^ie Niederlande.
genügt ihm nicht: er wendet sich zu Schleiermacher und kommt
durch ihn unter die Anziehungskraft des Pantheismus. Er wird
durch die Erweckung beeinflusst und setzt seine Studien als Prädi-
kant an der wallonischen Gemeine in Leeuwarden fort, beeinflusst die
neuere Philosophie und die deutsche Yermittlungstheologie : »Nicht
die Lehre, sondern die Person Christi.« Das sittliche Bewusstsein des
Menschen ist die Grundlage der Erkennbarkeit der übematürHchen
Offenbarung in Christo. De la Saussaye hat die »ethische Theologie«
als die Verkündigung der durch die Heidenwelt und Israel aufstei-
gende Religion der Vollkommenheit mit dem Sitz in dem sittlicheii
Leben der Menschen vorgetragen. Der Einfluss der christlichen Re-
ligion liegt nicht in Schrift und Bekenntniss, sondern in der sitt-
lichen Wirkung. Doch wird diese erst in zukünftigen Aeonen eine
Yollkommene sein. Diese ethische Immanenz ist eine Frucht des
Pantheismus. Als Prädikant in Rotterdam wird de la Saussaye
1868 Doktor der Theologie von Bonn. Er stirbt als Professor in
Groningen 1874.
Das Organ dieser Richtung war die Zeitschrift: Ernst und Friede
(seit 1853). Gegen sie »der Niederländer« von Groen. Eine neue
Wendung zum Elend nahm die kirchliche Bewegung, als die moderne
Theologie und die von Tübingen aufkam. Zwei wallonische Pre-
diger, reich begabt, A. Pierson und Busken Huet, Schüler von
Schölten und Opzoomer, haben sie popularisirt. Ersterer in seiiier
»Richtung und Leben«, der andere in seinen »Briefen über die
Bibel«. Furchtbare Verwüstungen richtete sie an. Zusammen mit
Renan's Leben Jesu warf sie ihre Frivolität ins Volk, nicht ohne
die Gefolgschaft von alten und jungen Prädikanten. Pierson und
Busken Huet verliessen die Kirche. Der gegen die Modernen gleich-
falls ohnmächtigen Synode wurde endlich 1867 ein Gewinn ab-
gerungen, indem von jetzt an den Gemeinen ein Wahlrecht (das
bis dahin allein der Eirchenrath gehabt hatte) zugestanden ward.
In grossen Gemeinen wählten »Bevollmächtigte« mit dem Kirchen-
rathe zusammen Prädikanten, Aelteste und Diakonen. Die Wahlen
fielen auffallender Weise im orthodoxen Sinne aus. Auch in die
höheren Besturen drangen Orthodoxe, aber bei alledem blieb die
Lehrfreiheit bestehen. Mehr noch wurde der Synode geschadet
durch die Freigebung der Verwaltung der kirchlichen Güter (Beheer)
an die Einzelgemeinen (1866). Diese bekamen gegenüber der grossen
Kirche eine Selbstständigkeit. Sehr unbequem für die Synode,
welche durch Unterstützung eines sich selbst anbietenden »Allge-
meinen Collegiums von Aufsicht« Einfluss auf die Verwaltung der
Fünftes Kapitel Abraham Kuyper. 287
Güter zu gewinnen hoffbe. Leider stellten sich viele Gremeinen frei-
'willig unter dies Collegimn, welches in seiner provinziellen Zusam-
mensetzung aus 7 Mitgliedern besteht: Abgeordnete der Eirchvog-
teien (1870). Die Amsterdamer Gemeine, auch von der Synode
ersucht, sich unter dies Collegium zu stellen, beschloss mit 4000
gegen 600 Stimmen die freie Verwaltung. Eine vom Kirchenrathe
ernannte Kommission verwaltete die Güter. Um diese freie Ver-
waltung gegen jed^n Eingriff der Synode festzustellen, bewirkte
(1876) der Prädikant v. Ronkel, in das Reglement, der kirchlichen
Kommission Art. 40 aufzunehmen: Wann ein Glied der Kommission
oder ein Stimmberechtigter oder Beamter, unverhofft unter kirchliche
Oensur welcher Art auch komme, so beschliesst die Kommission,
welche Folgen diese Censur für ihn hat in Beziehung auf die Rechte,
welche ihm Kraft einer Bestimmung dieses Reglements zukommen.
Ehe dieser Beschluss gefasst, bleibt alles in alter Ordnung.
G^gen das Classical Bestuur beharrte der Kirchenrath darin, dass
Regierung (Bestuur) und Verwaltimg (Beheer) getrennt blieben.
Zugleich setzte man fest: Die Befdgniss des Kirchenrathes kann
niemals auf eine stellvertretende Behörde übergehen. Bis 1885
tastete man diese freie Verwaltung auch nicht an. Der reformirte
Geist war immer stärker geworden und dies namentlich durch
den Einfluss eines Mannes, dessen Bild noch in der Gimst und
Missgunst der Parteien schwankt, der aber mit grosser Genialität
die reformirte Lehre vertritt.
Fünftes Kapitel.
Abraham Kuyper.
Er ist 1837 in Maassluis geboren imd studirte in Leiden unter
Schölten. Modem gesinnt, kam er als Prädikant nach Beest, einem
Dörfchen in Gelderland. Schon 1856 schreibt er über eine Preis-
frage, die Johannes a Lasco betraf, dessen Werke er 1866 heraus-
geben sollte. Seiue Doktordissertation handelte über einen Vergleich
zwischen den Meinungen von Calvin und Joh. a Lasco über die
Kirche. Die innerliche Veränderung, die besonders durch den cal-
vinischen Ernst der Bauersleute sich in ihm vollzog, hat er selbst
in der Confidentie an Herrn van der Linden beschrieben (1873).
238 I>ie Niederlande
Als Prftdikant in Utrecht lernt er die Ethischen kennen nnd die
üeberzengung reift in ihm, dass allein in der Bückkehr zur alten
Kirchenlehre das Heil liege. Nach dem Tode von Groen (1876),
dem er seit 1869 zur Seite gestanden, wurde er mit seinem grossen
Talent der Organisation , der journalistischen Schreibknnst, der un-
übertroffenen Ejraft der Polemik und ausgezeichneter Kenntnisse der
Leiter der reformirten Partei. In Amsterdam seit 1870 suchte er
einen modus vivendi ftir die verschiedenen Gruppen zu schaffen; in
dem seit 1871 redigirten »Standaardc vertrat er die anti-revolutionSren
Prinzipe auf politischem Grebiete. 1874 tritt er als Glied des Par-
lamentes auf und zieht sich eine schwere Krankheit zu, die ihn
eine Zeit lang arbeitsunfähig macht. Die Mehrheit des Kjrchenrathes
in Amsterdam ist inzwischen reformirt gesinnt geworden. Seit
1878 ist Kuyper Aeltester dieser Gemeine und wirkt als Bedaktenr
des Standaard und Heraut, letzterer das bedeutendste refor-
mirt e Blatt auf dem Continent. Aus seinen Bemühungen gegen
das unglückliche Schulgesetz vom 17. August 1878 geht die ünie
mit ihrer Protest-Kollekte hervor, welche nun schon 9 Jahre
für die freie christliche Schule jedesmal 100 000 fl. aufbrachte.
Kuyper fasst seine Stellung so auf: Es muss die Souveränität
von Gottes Majestät auf jedem Gebiete zu ihrem voUen Becht
kommen. Damit hängen die beiden Principe zusammen: Die hL
Schrift beherrsche Glauben und Wandel; die Gnade werde auf die
Wurzel der ewigen Erwählung gegründet. Er hat einmal berechnet,
wie das ref. Leben in den Niederlanden sich stellt. Von 1300 bis
1400 Gemeinen gibt es 500 — 600, wo alle Spur desselben ausgewischt,
selbst die Unie hat es nur zu 625 Orten gebracht; in 700 — 800 ist
noch wenig oder viel übrig geblieben. Die Stimmung der Liberalen
kennzeichnet er so : »An die Stelle der antipapistischen Härte ist eine
anticalvinische Härte getreten; hunderte von Liberalen sagen: müsste
ich wieder gläubig werden, würde ich römisch; jeder spricht ehren-
voll von den Eömischen.« *)
Die wichtigste That von Kuyper ist die Gründung der freien
Universität. Nach dem neuen Gesetz vom 28. April 1876 werden
die theologischen Professuren an den drei Hochschulen und dem
zur Universität erhobenen Athenäum in Amsterdam Glieder einer
Fakultät der Gottesdienstwissenschaft. Dogmatik und praktische
Fächer verschwinden von den staatlichen Universitäten. Die Synode
*) Die Komischen in Amsterdam besitzen für kaum die Hälfte der
Oemeineglieder der ref. Gemeine ^Q 1L\xO[i^tl ^olsi^ ^ ^eistL Pfleger.
Fünftes Kapitel Abraham Euyper. 239
bestellte hiefiir besondere Lehrer von der Groninger, der ethischen
und der modernen Bichtong. Enyper und seine Frennde sagten
sich jetzt los von den ganz von modemer Lebensanschanung
durchzogenen Eeichsuniversitäten. Am 20. Oktober 1880 wurde
die fi^ie Universität anf ref. Grundlage gestiftet mit den Vertretern
der Theologie: Kuyper, F. L. Eutgers, Ph. J. Hoedemaker>
der Eechtswissenschaffc P. D. Fabius, später auch A. F. de Sa-
Yorn in- Lohmann und der literarischen Wissenschaften F. W.
J. Dilloo aus Soldin, J. Woltjer und A. H. de Hartog, Eegent
des Hospitiums. Die Zahl der Studenten ist bis 80 gewachsen,,
von welchen etwa 67 Theologen sind. Zu den Gegnern Kuypera
in dieser Sache gesellte sich auch Bronsveld mit seiner Zeitschrift:
Wahrheit und Friede, und Buytendijk in Ysselstein, der Redakteur
des Wageningsch Weekblad. Auch J. H. Gunning in Amsterdam,
der in hohen Kreisen gefeierte Professor und Schüler de la Saus-
saye's, verweigerte ihm den Brudemamen. Die Synode nahm die
Zöglinge der freien Universität nicht in den Eirchendienst auf^
obwohl es 325 Yacaturen im Lande gibt und obwohl man in Leiden
nur den modernen Abraham Kuenen hat mit seiner Kritik des.
A. T., und nicht ohne Namen im Auslande, und neben ihim noch
vier andere moderne Theologen, in Utrecht J. J. Doedes, schon
oben genannt, und neben ihm drei Ethische, in Groningen einen
Modernen und drei Ethische. Die von der Synode angestellten sechs.
Lehrer scheiden sich in Groninger, ethische und moderne. Die
städtische Universität in Amsterdam hat für die Taufgesinnten die
modernen S. Hoekstra und J. G. de Hoop Scheffer, der nützliche
Beiträge zur Kirchengeschichte geliefert, für die Lutheraner den
modernen A. D. Loman, der dem Apostel Paulus alle Briefe ab-
gesprochen hat, und D. E. J. Völter, einen Schwaben, der daa
G^heimniss der Apocalypse entdeckt zuhaben meint; zu der linken
Seite der Ethischen gehört der jüngere P. D. Chantepie de la
Saussaye, J. J. van Toorenenbergen ist konfessionell refor-
mirt. Die Synode hat diesen den modernen J. Knapp ert und den
bereits genannten J. H. Gunning beigegeben. In Utrecht studiren.
129, in Groningen 19, in Leiden 30, in Amsterdam 44 Theologen
(1886).
240 ^^ Niederlande.
Sechstes EapiteL
Die klagende Kirche.
Die Zulassung zum hl. Abendmahl pflegt in den Niederlanden
mit dem 18. Jahre zu geschehen. Es geht ihr eine Priifang des
Olaubens voran. 1880 hatte die Synode beschlossen, dass Be-
schwerden gegen die Glaubensüberzeugnng keinen Grund abgeben
könnten, die »Aannemelingen« abzuweisen. Jeder konnte nun znin
Abendmahl gehen. Was nütze es, ob Aelteste bei der Prnfang
gegenwärtig waren? Dabei gab es noch den Ausweg, dass man in
•einer anderen Gemeine zur Annahme zugelassen werden konnte,
wenn man nur ein Zeugniss von seinem Eirchenrath über sittliches
Benehmen beibrachte. Einmal zugelassen, musste man auch in
das Mitgliederbuch eingetragen werden. Moderne Prädikanten
machten hiervon Gebrauch und sandten ihre Schüler in ein be-
nachbartes Dorf. Die Synode ging auch in Bezug auf das Ordi-
nationsformular ihren verhängnissvoUen Weg weiter und beschränkte
1888, ohne den Namen Christi zu nennen, die Verpflichtung auf:
das Interesse des Gottesreiches zu fördern. Da brach ein Sturm
los. Selbst die Groninger zürnten. Am 11. April kamen Deputirte
in Amsterdam zur Berathung zusammen. Man beschloss fest zu
halten an Gottes Wort und am reformirten Bekenntnisse, und den
»höheren Behördenc nicht zuzulassen, die Kirche ganz zu verderben.
Zwei Jahre darauf kam es zu einem Konflikt in Amsterdam. Die
Schüler von drei modernen Prädikanten erbaten Sittenzeugnisse. Der
Kirchenrath wollte zum Dienst des Unglaubens dieselben nicht aus-
stellen. Das Provinzial-Kerk-Bestuur von N. Holland befahl, dass im
Lauf von 6 Wochen dies durchaus geschehen müsse. Der Kirchenrath
legte nun bei der Synodal-Kommission Kassation des ürtheils ein: er
wäre verpflichtet, alle die vom Tische des Herrn abzuhalten, die Ver-
ächter Christi seien. In der Voraussicht, abgesetzt zu werden, beschloss
der Kirchenrath, um die kirchliche Kommission der Güterverwaltung
möglichst sicher zu stellen, in das Eeglement derselben Art. 41 zuzu-
fügen, der die Kommission verpflichtete, den ursprünglichen Kirchen-
rath, der die Gemeine bei Gottes Wort zu halten suchte, als den
einzig gesetzlichen anzuerkennen. Nicht das Eigenthum der Gre-
meine, nur die Verwaltung sollte gleichsam mit Beschlag belegt
werden. Als die Synodal-Kommission die Kassation zurückwies und
2)18 zum 8. Januar die AuaateiWxxxig öiet TiWügcdÄ-eÄ forderte, beschloss
Fünftes EapiteL Die klagende Kirche. 241
der Kirchenrath am 3. Dezember, dies nicht zu thun. Inzwischen
war das Classical Bestunr von den Modernen angegangen worden
nnd dieses, mn den Streit aus der Welt zu schaffen, suspendirte
am 4. Januar 1886 die 80 Glieder des Kirchenrathes , welche für
Art. 41 gestimmt hatten. Der Pfarrer G. J. Vos, ein Mitglied
des Kirchenrathes, machte den Scriba bei dieser Suspension. Weil
nun der Kirchenrath unvollzählig war, meinte das Classical Bestuur
an seiner Stelle auftreten zu können und hob Art. 41 auf. Eine
gesetzlose Gewaltthat. Bei der Küsterei der Neuen Kirche in
Amsterdam ist ein YersammlungssaaL Die kirchliche Kommission
hatte darüber das Yerwaltungsrecht. In ihr sassen sechs der Sus-
pendirten. Ihre Suspension hob kraft des Art. 40 des Eeglements
ihre Eigenschaft als Kirchmeister nicht auf, da keine Behörde sich
in die Rechte der Kirchengüter- Verwaltung setzen durfte. Es waren
auch noch 1 7 Kirchenmeister da, welche gar nicht suspendirt waren.
Als nun die nicht suspendirten Prädikanten, die mit dem Präsidium
des Kirchenrathes betraut waren, jedermann, auch die kirchliche
Kommission selbst, verhindern wollten, von dem erwähnten Ver-
sammlungssaal Gebrauch zu machen und auf Antrag des Classical
Bestuur die Thüre des Saales mit Schloss und eisernen Platten
versichern Hessen, da haben die beiden Präsidenten, der Kirchmeister
Butgers und Kuyper, gemeinsam mit ihren Kollegen die beiden
Wächter an der Thüre weggeschickt und den Saal in Besitz ge-
nommen. Die gesetzlichen Verwalter stellten nun selbst Wächter
vor die N. Kirche, welche aber, so wie auch die andern Kirchen,
den Freunden des Classicalen Bestuurs zur Verfügung gestellt
blieben.
Um die fünf suspendirten Prediger sammelten sich ihre Freunde
in passenden Lokalen, um Bibelstunden beizuwohnen. Gross war
die Aufiregung im Lande. Die Bibelstunden erschienen mit dem
Namen: Aus der Tiefe. Der Bruch mit der synodalen Hierarchie
ergriff immer weitere Kreise. Das Heidedörfchen Kootwyk in Gelder-
land wünschte nach ISjähriger Vakanz einen Schüler der freien
Universität zum Prädikanten. Die kirchlichen Besturen wollten mit
dem jungen Manne kein Examen halten und die Folge war, dass
das Dorf mit der Synode brach. Andere Gemeinen folgten, obwohl
zu Leiderdorp Polizei und Militär der Hierarchie halfen. Ohne die
Suspendirten zu hören, ging die Sache derselben an das Provincial-
Eerk-Bestuur, von diesem an die Synodus contracta, die sie an
das Provincial-Bestuur zurücksandte. Die Suspendirten hatten in-
Zahn, Eirohengetchiohte. 2. Aufl. ^^
242 I^e Niederlande.
zwischen die Presse für sich in Ansprach genommen, auch ihre
Gegner hatten sich geäussert. Ganz Niederland sprach bald in
Hans imd Strasse von dem Ereigniss. Fast alle juristischen Stimmen
erklärten sich fiir das Recht der Suspendirten. Anders dachte das
Provincial-Kerk-Bestuur: es entsetzte die 75 ihres Amtes (Juli 1877).
Diese legten Beruf bei der Synodus contracta ein, welche sie zm*
Abhör aufforderte. In Aller Namen erschien nun Kuyper, mn
deutlich zu erklären: sie hätten schon vor dem Classical Bestuur ge-
hört werden müssen. Es kam aber zu keiner ordentlichen Besprech-
ung, da der Vorsitzende alles verdarb. Die Synode bestätigte die
ersten ürtheile. Nun hatte noch die Synodus plena zu entscheiden.
Noch einmal erschien eine Memorie von Rechten von den Suspen-
dirten und von Kuyper das »letzte Wort«, worin er noch einmal
fiir einen modus vivendi eintrat und selbst Art. 41 wegnehmen
wollte. Doch »die Reformirten mussten heraus« und am 1. Dezember
1886 bestätigte die Synode alle Vorurtheile. Ein Entsetzen ging
durch das Land. Der ehrwürdige Elout von Soeterwoude pro-
testirte feierlich und verliess die Kirche seiner Väter. Die ab-
gesetzten Prediger heissen: P. van Son, H. W. v. Loon, B.
V. Schelven, N. A. de Gaay Fortman und D. J. Karssen.
Offenbare Verleugner Christi waren allezeit von der Synode ge-
schützt gewesen. An ihrer Spitze steht Dr. Koch, der einmal in
den Reglementen keine Verpflichtung zum Gebet fand.
In einer Encyklika erklärte die Synode, die Volkskirche retten
zu müssen. Die Antwort auf das Urtheil der Synode war eine stets
wachsende Bewegung, um sich von der Organisation von 1816/52
los zu machen. Die Entscheidung über die kirchlichen Güter er-
wartet man von dem weltlichen Richter. Eine Separation will man
nicht; man will die alte Kirche bleiben; sei es auch, dass dieselbe
£äst rechtlos, und daher klagend (doleerend) auftreten muss. Die
Kirche von Rotterdam brach bald darauf mit der Synode unter der
Leitung von F. Lion Cache t. Vom 11. — 14. Januar 1887 tagte ein
stark besuchter Kongress zu Amsterdam. Bereits mehr als 150
Kirchen haben sich dem Amsterdamer Vorbild angeschlossen. Vom
28. Juni bis 1. Juli trat der Synodal-Convent zu Rotterdam zu-
sammen. Man sucht seitdem die Gemeinschaft mit allen Reformirten,
die von dem Joch der Synode losgekommen sind.
Es sind namentlich die »kleinen Leute von Prinz Wilhelm«,
welche an dieser tiefgehenden Bewegung sich betheiHgen. Man
zählte in Amsterdam 175,000 eingeschriebene Seelen, von denen
17,500 noch die Kirche besuebten, 5000 das Abendmahl; als der
Siebentes Kapitel. Die kirchlichen Gemeinschaften etc. 243
Konflikt ausbrach, gingen von den 17,500 — 10,000 zu den Lokalen
der Abgesetzten.
Die Beurtheilung der klagenden Kirche ist eine sehr verschie-
dene; es fehlt nicht an Reformirten, die sich von ihr zurückziehen
und es für ihre Pflicht ansehen, bei der bestehenden Organisation
zu bleiben.
Siebentes Kapitel.
Die kirchlichen Gemeinschaften ausserhalb der
reformirten Kirche.
Die Bemonstrantische Brüderschaft zählt 25 Gemeinen
mit 24 Prädikanten. Sie sind unter den Einfluss des modernen
Unglaubens gekommen und gewähren eine Zufluchtsstätte flir moderne
Lehrer der ref. Kirche. Die Wahl zwischen Taufe der Kinder oder
der Bejahrten ist freigestellt. Friedrichsstadt an der Eider gehört
zu der Brüderschaft. Eine allgemeine jährliche Versammlung pflegt
die Verwaltung. An ihrem Seminar in Leiden lehrt C. P. Tiele.
Die Evangelisch- lutherische Kirchengemeinschaft
zählt 49 Gemeinen mit 9 Filialgemeinen und 61 Prädikanten. T^^in
allgemeines Beglement von 1818, das 1855 und 59 und wiederum
1879 umgestaltet wurde, ist die Norm der Eegierung. Eine Synode
mit Synodal-Kommission steht an der Spitze. Eine ethische Minorität
kämpft gegen die moderne Majorität. Vater Lentz suchte durch
die lutherische Genossenschaft das alte Lutherthum zu erneuern,
aber vergebens. Man besitzt reiche väterliche Stiftungen; mit der
Eheinischen Missionsgesellschaft sind Verbindungen angeknüpft. Der
Prediger Nieuwenhuis im Haag legte sein Amt nieder, lun nicht
auf der Kanzel abzubrechen, was das Wesen der Kirche ausmacht
und zog als Sozialist durch das Land mit dem Euf: Becht für
Alle.
Die hergestellte ev. luth. Kirchengemeinschaft zählt
8 Gremeinen mit 11 Prädikanten. Sie ist aus einer Loslösung von
der Muttergemeine 1791 entstanden, weil dort die 'Handhabung der
symbolischen Lehre nicht mehr möglich war. Die Verfassung ist
mehr demokratisch. 1835 und 1857 emeuext^ mfiji ^^^^^. "^^c^^^
\
244 I^i® Niederlande.
des Pastors J. P. G. Westhoff erhalten auch Berufungen in die* alte
Kirche.
Bei den Taufgesinnten oder Mennoniten sind alle Ge-
meinen (122 mit 124 Prädikanten) unabhängig unter einem Kirchen-
rathe. Die Prädikanten sind von keiner Lelurerpflichtong gebunden.
Die Formen des Kultus sind mannigfaltig. Societäten sorgen für
die Bedür&isse. Der moderne Unglauben herrscht. Einer der men-
nonitischen Prediger gründete (1784) die Maatschappy tot Nut van't
Algemeen. Jetzt 1 8 000 Mitglieder und 340 Abtheilungen.
Die Herrenhuter haben in Zeist imd Haarlem Gremeinen.
Im Haag seit 1857 und in Eotterdam seit 1861 zwei deutsche
Gemeinen. 17 wallonische Gemeinen mit 26 PfEirrstellen. Die
Anglikanische Kirche zählt 5 Gemeinen. Im Haag eine irvingianische
Gemeine mit 5 Filialen. Ueber die Jansenisten- Kirche yergl. das
Buch von Nippold: Die alt-katholische Kirche des Erzbisthums
Utrecht, 1872.
Innere und äussere Mission
In Doetinchem lebt van Dijk, der durch seine Studenten-
convicte in Utrecht, Groningen imd Amsterdam dem Predigermangel
und durch christliche Schulen der religionslosen Volksschule ent-
gegenarbeiten will. Für ein christliches Gymnasium hat Ds. van
Lingen in Zetten gesorgt. Für die Sonntagsschulen hat sich be-
sonders auch T. M. Loomann seit bald 50 Jahren bemüht. Die
Strassenpredigt betrieb Herr Esser (f 1886) im Haag. Die Liebes-
thätigkeit unter den Verwahrlosten imd Gefallenen hat vor allen
der Wiehern der Niederlande, 0. G Heldring, gepflegt*). Sein
Nachfolger H. Pierson vermehrte die Anstalten in Zetten. Van't
Lindenhout in Neerbosch hat ein Waisenhaus gestiftet, worin
jetzt schon über 700 sonst verwahrloste Waisen christlich erzogen
werden. Die Vereine für Heidenmission arbeiten in den niederlän-
dischen Kolonien. Etwa 42 Missionare und 30 eingeborene Prediger.
1813 sandte man in J. Kamp den ersten Missionar nach Amboina.
Er wurde der Apostel der Molukken. Ein gesegneter Missionar
war später Joh. Friedr. Biedel in der Minahassa auf Celebed **).
In 10 Sprachen gibt die Bibelgesellschaft die Bibel aus. Seit 1863
werden jährlich mehrere christlich nationale Missionsfeste gehalten.
*) Sein Leben und seine Arbeit, von ihm selbst erzählt, 1882.
**) Ueber ihn siehe die Lebensbilder aus d. Heidenm. v. Warneck.
Die Niederlande. 245
So traurig zerrissen auch die Niederlande sind, wie sehr auch
le Macht Eoms auf dem Boden der Märtyrer wächst, so sind sie
och das einzige Land auf dem europäischen Festlande, dessen Yolk
eben der bei Vielen noch herrschenden Hochachtung der Schriffc,
onigkeit des Grebetes, Opferwilligkeit und heiligem Eifer noch nicht
anz die kraftvolle Sprache der reformatorischen Wahrheit in ihrer
chneidigen Bestimmtheit verloren hat, wie sie Gott allein die Ehre
ibt und dem Menschen die Schande, wie sie jede Mitthätigkeit des
lenschen, auch die feinste, abweist, während sonst überall nur noch
B besten Falle die immer matter werdenden Laute eines evange-
Lschen Pietismus gehört werden, der die gewaltigen Gregensätze von
rott und Mensch in unbestimmter Frömmigkeit und leerem Gefühl
B.t verkümmern lassen.
Kamen -Verzeichmss.
Aa, van der 224.
Adamek 157.
Adler 84.
Ahnfeit, Laurin Emilia
146.
Albertini 13. 111.
Alexander I. 150.
Alexander II. 152.
Alexius 183.
Alhama 118.
Alphen, van 224.
Altenstein 12. 20. 38.
Amjraut 68.
Anet, 137.
AntonelU 76. 77.
Appuhn, 7.
Archinard 201.
Armaud-Delille 128.
Armengaud , Madame
136.
Arndt 84. 91.
Arnim, Adolf von 105.
Arnim, Harry von 75.
Ashton 157.
Asti^ 130. 223.
Auberlen 12.
Bacli 164.
Bachmann 36. 39.
Baggesen 208.
Bähler 227.
Bahr 91.
Ballagi 182. 191.
Balle 138. 139.
Balogh 183. 186.
Balslev 141.
Baltzer 24.
Bang 147.
Bartels 71.
Barth 91. 116.
Bärthold 141.
BassermaDn 88.
Bastecky 180.
Batizi 183.
Battyänyi 184.
Bauer, Bruno 51. 202.
Bauer, Jakob 202.
Bauhofer 185,
ßaumgarten 20. 46.
Baup 219.
ßaur, Ferd. Chr. 3. 5.
17. 40. 50. 51. 59. 60.
62. 63. 129.
Baur, Generalsup. 7. 84.
89. 95. 110.
Bavink 236. 243.
Baxmann 12.
Beck, Däne 142.
Beck, Joh. Tob. 62. 63.
64. 146.
Beckh 106.
Beetz 234.
Bender 12. 87.
Benes 171.
Bengel 86.
Bersier 123. 127.128.131.
134.
Berzeviczy 186.
Besnyei 191.
Besser 45. 117.
Bethlem 193.
Bethmann- Hollweg, v.
26. 28.
Beyschlag 30. 84. 35. 36.
38.
Bickell 105.
Biedermann 206. 207.
210. 211. 212. 214.
218
Bilderdijk 227. 230.
Bjömson 149.
Birö, Matth. Dävay 183.
Birö, Mose 194.
Bismarck 26. 41. 76. 77.
81.
Bitzius 208.
Blädel 142.
Blä^y 182. 187.
Blazek 161.
Bleek 34.
Blumhardt,Chri8toph62.
116.
Blumhardt, Chr. G. 118.
Blumhardt, Doris 62.
Blumhardt,Gottlieb 202.
BluntschU 55. 56.
Bock 150.
Bod 185.
Bodelschwingh, v. 100.
128. 131.
Boden 206.
Bohl 159. 171. 174. 175.
178.
Böhmer 117.
Bois 133.
BonifdA 123.
Bonnet 127.
Borbis 185.
Bordier, Henri 127.
Bordier 218.
ter Borg 227.
Borger 226.
Bormann 108.
Bomemisza 183.
Borsodi 186.
!rt 64.
A. 201. 216.
John 128. 129.
des 19. 141.
sveld 239.
1, Graf T. 78.
imelkamp, A. 231.
ing 230.
nger 68.
■ener 218.
b. 149.
tiel 7.
en, Huet S
et 242.
n 44. 54. 68. 69.
130. 210. 215. 218.
, Wilhelmine 10,
dose 117.227.228
'le HO.
isco 117.
wi, Paul Carl 148,
il 116.
yck T. Wassenaer
7.
enka 179.
tepie de la SauB-
7e. Vater a. Sohn
alier 227. 230.
it 213.
italler 116.
itian VII. 138.
rtlieb 69. 112. 116.
Kamen- VerzeichDise.
Claua 62. 116.
Clauaen 139. 141. 142.
aercq, de 233.
ClCter in.
Cock, de 229.230. 231.
Colani 130.
Coligny 28. 134.
Colleabasch 69.
Comba 118.
Comenius 179.
Coquerel , Athanue,
Vater nod Sohn 127.
129 130
Costa,' da 227. 230. 231.
233. 234. 235. 236.
Gramer 223.
Cremer 34.
Cunitz 130.
CuQO 69.
Csiky 186.
CBipkda 191.
Cauthy 186.
Cz^kus 187.
Czelder 186. 194.
Dahl 149.
Dalton 69. 100. 114. 118.
149. 150. 156.
Dante 11.
Darby 110.
Dauh 11.
Decappet 136.
Delbrück 19.
Delitzsch 44. 116.
Dliombres 127
Diemer 128.
Dieatelmann 93.
lliesterweg 107.
Dietrich 108.
Diez, von 32.
Dijk, van 244.
Diiloc
Dilthej 12.
Disselhoff 98.
Diion 38.
Dobiaa 179.
Doblhoff 162.
DoboB 186.
Doedes 234. 239.
Dohna, Grafen zn
13. 18.
Donner 231.
Döring 100.
Domer 3. 30. 140.
D8rpfeld 108.
Dore 106.
Dözaa 187.
Diiga 183.
DräBeke 88.
Dreger 9.
Dreist 84.
Dreahach 109,
Dnncan 178.
DQrr 132.
Ebel 33.
Eberhard 13.
Ebrard 44. 68. 207, 211.
Eckelmami 92.
Bhrenfenchter 34.
Eichhorn 22, 23. 38. 103.
Eiler 33.
Eiaenschmid 117.
Elisabeth roaBaden 84.
Eüsa.bethTOnBajem 23,
Ember 185.
Empaytaz 118. 215.
Encontre 123.
Engel 4.
Engelhardt 151.
Eogelatoft 138.
Eppler 210. 213.
Erasmus 68.
Erdöa 190.
Erdöai 188. 191.
Eacher 109.
Esm 53.
Eaaer 244,
Eneu 41.
Eugenie, Saiaerin 75.
Ewald 52.
Ejlert 20.
Eynard 202,
Fabarins 127.
Fabius 224. 239.
Fabö 186.
Fabri 19. 29. 114.
Falk, Minister 28. 76.
84. 104. 107.
Fallot 132.
Ffitber 53.
Illrden 147.
Parkas 186.
F^es 186.
Fddner 22.
FälegfhÄzi 191.
Fäice, de 123.
Ferdinand, Kaiser 160.
248
Namen-Verzeichxiiss.
Feuerbach 51.
Fichte 11. 107.
Filö 186.
Findeisen 131.
Finscher 19.
Finaler 201. 214.
Fischer 91.
Fjellstedt 146.
Fliedner, Theodor 97.
FHedner, Fritz 98. 117.
Fontane 127.
Fördös 186.
Franchi 79.
Francke 107.
Frank, G.W. 7. 157. 174.
180.
Frank, Fr. H. R. 43.
Franz, Kaiser 159. 160.
Franz Joseph 162.
Franz 179.
Frfere-Orban 137.
Fricke 99.
Friedrich Franz II. 87.
Friedrich Wilhehn III.
5. 19. 20. 46.
Friedrich Wilhelm IV.
22. 23. 24. 26. 30. 42.
48. 68. 74. 116.
FriedrichWilhelm,Kron-
prinz 98.
Fries 95. 207. 212.
Frimodt 142.
Frommel 88. 95. 117.
Frotinghäm 146.
Fryxell 146.
Funke 88.
Füsslin 201.
Oaay-Fortman, de 242.
Gage 84.
Gaumberti 81.
Gallaud 207.
Garcik 158.
Gass 3. 12.
Gaussen 130. 216. 217.
Geduli 187.
Gedicke 14.
Geibel, Vater u. Sohn,
9. 64. 92.
Gelpke 219.
Geizer 123. 206.
Gemmingen, von 117.
Gerlach 4. 32. 39. 41.
Gerok 64. 88. 92. 99.
180.
Geselle 230, 231.
Gesenina 82. 38.
Gesa 113.
Geyser 69.
Gieseler 123.
Gildemeister 69.
GiUet 69.
Glajcar 180.
Glatz 160. 183.
Glaubrecht 95.
Gleiss 144.
Gloäl, J. 224.
Gobat 116.
Göbel 40. 69.
Godet 224.
Goethe 11. 109.
Goldhom 98.
Goltz, von der 30. 201.
Göschel 11. 24. 27. 47.
Gossner 8. 114. 115. 117.
156.
Gotthelf 95.
Götting 57.
Graf b^,
Grandpierre 127.
Grau 45.
Graul 114.
Groen van Prinsterer
227.229.231.232.233.
234. 235. 236. 238.
Grossmann 98.
Grundemann 112. 116.
Grundtvig 138. 139. 140.
141. 142. 143. 148.
Granow 16. 18.
Güder 201.208.209.210.
Guerike 3, 24. 40. 46.
Guizot 123. 131. 133.
Gundert 112. 116.
Gunning, J. H. jr. 239.
Gustav Adolf 98.
Gustav lU. 144.
Guth 93.
Gützlaff 112.
Györy 187.
Gyulai 183.
Haag, Gebrüder 127.
Haas 117.
Haase 168. 179.
Hagen 138.
Ha^enbach 51. 69. 201.
207. 210.
Hahn 76.
Hahn, G. 117.
Haidane 202. 215.
Hamann 36.
jHambeigei %.
iHanaen \^%.
Hansen, JGrgen 148.
Hansen, Priester 148.
Hardenberg 16.
Hare 25.
Harem 148.
Harless 43. 150.
Harms, Elans 20. 139.
Harms, Ludw. 44. 115.
Harms, Theod. 115.
Hamack, Vater u. Sohn
4. 61. 151.
Harnisch 61.
Härter 127.
Hartmann, E. v. 86. 89.
Hartog, de 239.
Hase, Karl y. 3. 31. 57.
58. 59. 76.
Hasebroek 284.
Hang 59.
Hange 144. 145. 147.
148.
Hausrath 49.
Häu88er-Schweizer,Meta
91.
H&vemick 40. 217.
Haym 10. 12.
Haynau 184.
Hebich 208.
Heck 98.
Hedberg 156.
Heer 59. 209. 210.
Hegel 5. 10. 11. 12. 27.
47. 48. 84. 94. 206.
211.
Heineken 224.
Heiszier 185.
Held 90.
Held, Prof. 208.
Heldring 115. 288. 284.
244
HeHerich 117.
Helfert 157.
Hellwald, v. 4.
Heltai 183. 191.
Helveg 138.
Hengstenberg [8. 5. 10.
28. 81. 32. 36. 87. 88.
39. 40. 44. 48. 52. 63.
89
Heuhöfer 117.
Henke 3. 51.
Henkel v. Donnersmark,
Gräfin 117.
Henne am Bhyn 4.
Henning 84.
vHensel, Louise 91.
\^«^^^ ^'X . ^%, \Qt, 106.
Namen-VerzeichnisB.
249
Herbart 107.
HerbBt 41.
Hering 19.
Heringa 232.
Hermens 30.
Herold, M. 95.
Herrmann 30. 104. 105.
106.
Hers 202.
Hersieb, Svend Borch-
mann 147.
Herz, Henriette 14.
Hertrich 180.
Herzog 3. 4. 69. 123.
149.
Hesekiel, Ludovica 23.
Auguste von Hessen-
Homburg 84.
Heubner, Heinr. Leonh.
34.
Heusde, y. 232. 233. 235.
Heydt, Daniel v. d. 27.
65. 76. 99.
Heydt, Karl v. d. 65. 67.
Heydt, Wilbelmine v. d.
64.
Hilgenfeld 50. 52.
Hinschius 74. 79. 106.
Hirzel, Heinr. 201. 208.
212.
Hoedemaker 239.
Hoekstra 239.
Hofacker, Ludw. 62. 88.
Hofmann 208.
HöfHng 41.
Hofmann, J. Chr. E.y. 3.
43. 70.
HofFmann, Christoph 62.
111.
Hof&nann, Gottl. Wilh.
62.
Hoffmann, L. Fr. Wilh.
28. 30. 82. 113.
Hofstede de Groot 232.
Hogendorp, Graf Dirk
van 227.
Hogendorp, Graf Willem
van 227.
Hohenlohe, Fürst 75.
Holst 152.
Holsten 50. 56.
Holtzmann 3. 50.
Honegger 4.
Honter 183.
Hoogstraten 39.
Hörk 187.
Hom 95.
Horning, Friedr. Theod.
127.
Honung, Wilh. 128.
Homyänsky 186.
Hosemann 128.
Hoving 226.
Huber 100.
Hupfeld 51. 88. 105.
Humbert, König 118.
Hundeshage]l<3. 69.
Hurst 109.
Hurter 202.
Huschke 21. 22.
Jackson 4.
Jacobäi 183.
Jacobi 7. 12. 31.
Jacobson 106.
Jahn 92.
Jalabert 133.
Janata 157. 180.
Jänicke 9. 112. 114.
Jansen 225.
Janssen 18.
Jeep 36.
Jeremias 53.
Immer 208. 210.
Ingemann 141.
Johann, Erzherzog 111.
Johannes a Lasoo 238.
Johson 148.
Jonas 17.
Jörg 3.
Josenhans 113.
Joseph n. 158. 159. 160.
184.
Joseph V. Altenburg 84.
Irving 110.
Isambert 134.
Ittmann 245.
Julian 48.
Jung'Stilling 8.
Jiingst 109.
Jürgensen 155.
Kaftan 20. 138. 143.
Kahnis 3. 12. 23. 35. 37.
44.
Kalb 4.
Käldi 191.
! Kaikar 143.
Kälmäncsai 183.
Kamori 191.
Kamp 244 245.
Kanitz, Graf von 33.
Kanne 8.
Kant 5. 10. 13. 14. 39.
221.
KapfF, V. 62. 82.
Earafiat 180.
Karl III. 195.
Käroli 191.
Karsai 187.
Karssen 242.
Kaspar 174. 177. 179.
180.
ten Kate 229.
Keü 40. 151.
Keim 50. 52.
Kellner 22.
Kemp, van der 227.
Kennedy, Anet 137.
KeUer 204. 206.
Ketteier 76.
Kierkegaard 140. 141.
Kiessling 8.
Kinzler 113.
Kis 191.
Kiss, H. 186.
Kiss, Stephan Szegedi
183. 186.
Klapp 57.
Kleist-Retzow, v. 41. 77.
KUefoth 3. 46. 146.
Klönne 98.
Knapp, Albert 62. 71. 91.
Knapp, Jos. 64. 92.
Knappert 239.
Knös 144.
Elnudsen 142.
Kober 113. 201.
Koch 34. 139. 242.
Koffmane 3.
Kögel 88.
Köhler 224.
Kohlbrügge 65. 66. 67.
68. 71. 88. 178. 179.
228. 229. 230. 231.
232
Kolar^ 183.
Kolbe 108.
Kolde 109.
Kolozsvä,^ 182. 187.
König 208.
Koös 194.
KopäiCsi 183.
Kopp 9. 79.
Köstlin, Jul. 35.
KösÜin 50.
Köthe 8.
Kottwitz, Baron v. 7. 8.
9. 32. 84.
Namai-TeneichiiiM.
Korao., Pr. 187.
Maria Tbereöa 158.
KoTic«, Edmund 186.
108. 117.
M&rklin 12.
EDSCk 92. HS.
Ledeboer 230. 231.
Matriot 209.
Kiuk, GwUt 84. 88.
Ledochowski 76.
MarteuBenlSa 139.140.
KDapp, Gotthold »2.
Krabbe 32.
Lejrrand ITS,
143.
Leimbacb 45.
Martiuek 177.
Endolf^ 211.
Lemme 157.
^hl^..nbaeh. T. 84.
Klafft 9. 64. 88.
Lenti 243.
Matamoroe 117.
Krafft, Karl 69.
Leo XIL 74.
Hatthea 4.
Krämer 84.
Leo Xm 79.
Maarenbrecher 7.
Krapf 116.
Leo, flemnch 10. 41.
Maver \2a. 132. 209.
Kran« 3. 56.
48. 84. 89. 146.
Meerbmrg 231.
Kran« 72.
Leopold a 159. 184.
Heier 8.
KrieKer226.
Kradener, Frau von 202.
U KOJ232.
Ueinhold 45.
Licht 84.
MeliOH 183. 187. 191.
215.
Lichtenbe^er 127.
Henkeu 6».
Knimmaccber. E.W. 69.
Lietde. de 234.
MenTh&rt 191.
Krummach er , Fr. Ad.
Linberger 182.
Herenskj 113.
Merian 202.
64.
Lindau 92.
Krummacher, Fr. W. 40.
Lindberg 140.
Uerle d'Aubign« 9. 64.
130. 216. ^8. 227.
65. 70. 83. 88. 202.
Linden, van der 237.
227.
238.
Hermillod 21».
Lindl 8. 117.
Herz 84.
22 64. 88.
LipiuBki, T. 156.
KObel 64.
Lippert 4.
n^Vss.
Kuen-iD 239.
Lipsiiu 4.
HeuMlS.
Kllgelgen 8.
LiSeo 57.
Kuhn 128. 133.
Lobstein 210.
Mettetal 'l32.
Kulliemin 206.
Locher 207.
Meyer, t. 8.
KOmmerle 96.
Locher, Theodor 229.
Heyer 3. 203.
Knn 158.
Loeeche 174.
Meyer, H. i. W. 45.
Kurfi 8. 40. 151.
LoTson 135.
Lflbe 41. 43.
Mevtr, Waldemar 58.
Suamany, Karl 157.
Micbejda 180.
Kayper 36. 2ä0. 237.
Lomauo, Ä. D. 239.
Micheläen 13n, 142.
238. 239. 241. 242.
Lombard 218.
Uiexcber 7. 202.
Loomann, F M. 244.
Kej Hiknlaj 179.
UUlard 180.
lAatanann 228.
Loon, V. 242.
Ladenbetg, t. 103.
Lotz 174.
MiUer 109.
Lammera 148.
Lucian 13.
MitrOYiCB 186.
Lampe 99.
Locke 34. 51. 88. 206.
Hodoni 188.
Lüdemaun 20.
MOhlet 50.
62.
Ludwig 208. 212.
Hoinu 233.
Laodttad 148.
Ludwig XIV. 75.
Molenaar, Dirk 228.
Lang, Heinr. 207. 211.
Lndwig, König 225.
Möller 64.
214.
Lülge 229.
Lal£ardt 4. 44. 90.
Moliiär,The.opb.l58.173.
Lang, Wilh. 212.
Moliiär, SEencd 191,
Lauge 34. 91.
Luther 16. 19. 64. 68.
Monod, Adolph 124. 125.
180.
126. 127. 128.
LOtke 138.
Monod, Fr^d6rikl28.2I6.
Langhaus, Fi. 208.
Uonod, G. Ä. 124.
Lany, v. 174.
Mac All 134.
Monod, Jean 125. ■
Miday 187.
Monrad 141.
156.
Halan 216. 220. 227.
Montaigne 13.
Laub 140.
Moorrees 232.
Lauterbni^ 208.
Hallet 64. 70. 88.
Moser 3.
Lanier S6, 202.
Maochot K7.
Mücke 3. 19.
Imreleje, de 137.
MarbcVnekft VI.
WaMwn, '..'».
Namen- V erzeiehniss.
Hühlhatuer 89.
Hnlder, Stoffel 228.
Hüller, Julius 3. 19. 23.
81. 33. 85. 59. 75.
Hauet, J. 6. 202.
Hflnchmeiet 44.
Uünkel 44. 92.
Hntalt 15G.
Mnret 72.
■Ojtattx 189. 141.
ir&daedj 183.
N&gel 19.
Hagj 158.
Nag7, Peter 186. 189.
Hagy, Skhs. t. 162. 175.
Napoleon 75.
Nathuaiua, y., Vater n.
Sohn 41. 54. 89.
Naville 218.
Neander 31. 32. 38. 127.
Nebe 88.
Necker 174.
Neff 216.
Nicolas 123.
Niebuhr 74.
Nielsen 138.
Hienieyer IW.
Nieritz 35.
Nietachmaim 84. 95.
Nienwenliuia 243.
Nink 90. 95.
Nippold 3. 58. 73. 82.
235. 244.
Nissen 138.
Nitzsch 3. 19. 23. 29.
80. 35. 39.
Noltin^k 149.
Novalis 15.
Ödland 188.
Oehlenschlflger 139.
Dehler, 0., Tater und
Sohn 53. 62. 64. 118.
Oettioger 151.
OetÜi 201.
Oldenberg 97.
Olshausen 33.
Oncken 110.
Oordt, T. 235. 236.
Oosterzee, t. 234. 235.
237.
Opzoomer 234.
OreUi, t. 209. 210.
Orleans, Helene v. 86.
Orlich 96.
Pwnj 137.
P^ 185.
Palm, V. d. 226.
Palmer 62. 108.
Falmi« 64.
Pap 186.
Pap, K. 186.
Pap, St. 186.
Pap, Szoboezlai 186.
Parker 146.
Paikhurat 116.
Pascal 221. 222.
Paachkoff 156.
Paachond 129. 130. 131.
PassaTant 8.
Patay 159.
Paolli 140.
Paulsen 150.
F6eaat 130.
Feliaek 180.
Perönji 183.
Perthes 84.
Pestalozzi 107.
Peter, Margaretlia 203.
Petersen 16. 138. 141.
Petri 44.
PetroTica 183.
Pezel 67.
Pfaff 44.
Pfannaülimid 87. j
Pfender 123. |
Pfeiffer 36. i
Pfleiderer 56. 211.
Philipp U. 118.
Philipp! 46. 151.
Piereon, A. 236. 287.
Pierson, H. 244.
Pighios 68.
Pindor 180.
PiuB IX. 74. 77.
Plath 116.
Plato 234.
PUtt 109. 111.
Polenz, V. 67.
Poninaky 111.
Pomhazfey 157.
Postma 23!.
Pratorins 113.
Pratt de 136.
Preiawerk 218.
Pressel 128.
Pressensä, de, Tat«r und
Sohn 127. 128. \S\.
Prüse 137.
Procimow 114.
PrChle 24.
Pry 143,
Pfipjer 4.
Puttkamer 156.
Bad&aci 191.
Radstock 15Ö.
Bambert 223.
Bänke 7.
R&nfce, Leopold t. 23.
63. 74. 84.
Bappard, T. 84.
Rauh 32.
Raumer 38.
Raumer, ¥. 28. 107.
Baumer, Earl v. 84.
Rebm.
1 116.
Becke-Vollmerstein.T.d.
84. 88.
Recolin 136.
Redenbacber 95.
Beichard 124.
Reiff 113.
Reinmuth 89.
Renan 48. 85. 130. 135.
Renmont, t. 23. 26.
Benss 53. 130. 144.
EeTeillauLl,Eugeniel94.
Eö»(!sz, Emerich 185.
186. 187.
R^TäSE, Talentin 186.
RöviUe 127. 146.
Rhee, T 230. 231.
Rheinwald 8.
Ribini 185.
Richter 56.
Richter, E. 105.
Richter, L. 117.
Richter, Paetot 109.
Richter , Reohtalehrer
103. 105.
RicMhofen, TOn 117.
Riedel 112. 244. 245.
Biehm 51. 69.
BiGnäcker 88.
Kiggenbach, Vater nnd
Sohn 63. 201. 207. 209.
210.
Biquet 64.
Bitschi 5. 12. 43. 59. 60.
252
Namen-VerzeichiuBs.
Bitter 84.
RoBs 22. 58.
Roi, de le 116.
Boller 8.
Bömheld 88.
Ronkel, v. 237.
Rönne 142.
Bönsch 88.
Boflseuw St. Hilaire 134.
Bothe 55. 56. 57. 59.
Bongemont, von 224.
Bousseau 107.
Bückert 92.
Bndelbach 3. 40. 140.
Bndloff 55.
Bnet 117.
Buhle 8.
Bümelin 87. 106.
BuBsel 77.
Butgers 239. 241. 241.
Bnzicka 157.
Bjd^n 144.
Sack 13.
Salier 8. 114. 117.
Salomon 186.
Sander 83.
84nta 183. 187.
Sarrasin 213.
Sartorins 151.
Savomin - Lohmann, de
239. 242.
Scayenins 144.
Sohachowskoy 153.
Schaden^ y. 43.
Schäfer 96.
Schaff 4. 32.
Scharling 138. 144.
Scheele, G. y. 147.
Scheffer, J. G. de Hoop
239. 240.
Scheibel 21. 70.
Schelling 11.
Schelven, B. y. 242.
Schenkel 4. 12. 19. 48.
51. 55. 56. 58. 84.
Schärer 130. 223.
Scherr 4. 180. 203.
Schickler, y. 127.
Schiess 212.
Schinz 206.
Schimding, y. 112.
Schlagint weit 109.
Schläpfer 212.
Schlatter, Adolf 210.
Scblatter, Anna 8. 202.
Schlatter, Stephan 212.
Schlegel 14. 15.
Schleiermacher 5. 10. 12.
13. 14. 15. 16. 17. 18.
20. 21. 30. 38. 43. 48.
50. 51. 59. 63. 88. 101.
107. 140. 210. 236.
Schlottmann 35.
Schmid 40. 106. 223.
Schneider 84. 109.
Schöberlein 91. 95.
Schölte 230. 231.
Schölten 232. 234. 235.
237. 238.
Schönberg 33.
Schönher 8.
Schönholzer 201.
Schopenhauer 86.
Schorlemer-Alst, y. 82.
Schom 106.
Schott 3. 38. 72. 113. 183.
Schotzmann 226.
Schröder 57. 90. 91.
Schubert 8. 15. 84. 86.
95.
Schulte 76.
Schulze 31. 46.
Schürer 4.
Schütze 108.
Schwab 92.
Schwartz 234.
Schwarz 33, 55. 57. 107.
177.
Schwarzkoff 92.
Schweinfurth 113.
Schwegler 50.
Schweizer 69. 88. 207.
209. 210. 211. 212.
219.
Seberiny 174.
Sebesta 179.
Secretan 227.
Sedhiitzky 117.
Seeberg 149.
Segond 134.
Seinecke 124.
Sepp 224.
Siemens 86.
Sieveking 97.
Sigismund 46.
Siklösi 183.
Sinai 185.
Sincero y. Angelico 119.
Sincerus 83.
Skrefsrud 143.
Smith, Pearsall 110.
SoeteTwoxxde, EVoMt "^an
I 227.
Sohm 72.
Soltesz 158. 174.
Sommeryille 110.
Späth 56.
Spinoza 14. 15.
Spitta, K. Joh. Phü. 9L
92.
Spitta der Sohn 53.
Spittler 113. 201. 202.
213.
Spleiss 202.
Spurgeon 110.
Spjri, Johanna 95.
Stähelin 51. 210.
Stahl 23. 25. 26. 103.
131.
Steßin, Bocskai 184.
Steffens 16. 21. 138. 139.
Steiger 217.
Stein, yon 16. 84.
Stein, Armin 95.
Stein, Harald 142.
Steinmeyer 34.
Stenersen 147.
Stephan 8.
Stern 108.
Stewart 119.
Stiehl 107.
Stier 33. 35. 91. 92.
Stip 91.
Stöber 95.
Stockar 202.
Stöckel 183.
Stöcker 88. 90. 100.
Stockfleth 148.
Stockmann 71.
Strauss, Dayid 5. 10. 12.
33. 35. 47. 48. 49. 50.
51. 62. 85. 129. 206.
Strauss, Fr. 9. 64.
Strauss, Otto 23.
Ströbel 46.
Ströhlin 130.
Stryc, Gporg 161.
Stubenrauch 13.
Sturm 92
Stursberg 157.
Subert 157. 174.
Sudhof 68. 117. 224.
Sükei 194.
Sydow 40. 57.
Sydow, Marie 57.
Sealatnay 157. 158. 161.
Szäsz, Carl y. 186. 191.
192.
xSzäiSz, Dominik y. 186.
'■ Szebergnji 186.
Si^iäcs 187.
Szeremler 1B9. 175,
Szilädj 186.
Szilädi 186.
Sziliii^j'i 18Ü,
Szombati 186.
SzUrai 183.
Tftrdy, H. t. 157. 158.
170. 171. 179. 180.
Taalmann 4.
Taylor 109.
Tegn^r, Eaaiaa 144. 146.
Teleki, Graf 184.
Teller 151.
Teutach 187
Thelemaim 69.
Thelwall 227
Theremin 88.
Thiers läS.
Thierech 110. 201.
Thikätter SS.
Thilo 60.
Tholuck 26. 82. 33. 34.
46. 59. 127. 208. 223.
ThomasiuB 38. 42. 46,
lliorbecke 235, 236.
Thöth 185.
Thrämer, Tlieod.v.l08.
Thnn, Graf Leo 163. 165.
185.
Thnrzö 183.
Tiele 243.
Tüchendorf 45.
TiBu 192.
Tizian 14.
Todt 82.
Tompa 186.
Toorenenbergen , van
234. 239. 240.
Torduis W7
Törtk 183 186.
Torqaemada 39.
Tdth, Sftin. laa.
Töth, K. 186.
Trautenberger 157. 179.
Treitachke 4. ä9. 46.
Treschow 148.
Treaityänszfcj 187.
Tradol, Dorothea 213.
Tsohockert 82.
Namea-Veizeiobni«».
Ulff 147.
ühlich 24.
übUiom 44. 82.
Talenti, de 207.
1 Valette 128. 132.
VaUe 228.
', Tan't Lindenhont 244.
245.
V»tke 47. 49. 53.
VsT 188. 189.
VeUen, t. 230. 231.
243.
Vetny 128.
Veeely 171.
VignK 127.
Vilmar 45. 67.
YilmarB 45. 67.
Vincent 125,
Vinet 124. 127. 130. 219.
220. 221. 222. 233.
Virchow 77.
Viecher 48. 49.
Viza.knai 183,
Vogel 174. 177.
VOgeliD 209.
Vogt 215.
ToTbediog 45.
Volk 228.
Volkmar 52 212.
Voltüre 49. 215.
Völter, D. E. J. 239.
240.
Völter, Inun. 116.
VClter, Ludw. 108.
VoB 224. 241.
Vygeboom 228.
Waekemagel 91,
Wagenaar 224.
Wagner 27. 18S. 205.
Wafdenstrflm 146.
Wallis 146.
Walter 152.
Walther 7, 46.
Walthor, Mich. 93.
Waneemann 19.22.46.
70. 84. 113.
Warifa, L. 136.
Warneck 82. 112. 114.
116. 244. 245.
Wattenwyl des Fortee,
TOn 208.
Weber 87.
Weber, S. 18i
Webalj 3.
253
Wegh 157. 161. 162.
Wegaoheider 82. 38.
Weis8 146.
Weiss, Bernhard 45. 52.
Weitbrecht 90.
Weizsäcker 62. 64.
Wellhanaen 52. 63. 130.
Wengera 212.
Werner 91.
Werner, Gnstav 98.
Westerling 144.
WcäthDff244.
Westphal - Castelnau
126.
Wette, de 51. 207.
Wette, Frau de 177.
Weiel 148.
WeyermüUer 92.
Wiehern 96. 97.
Wichelhans, J. 66.
Wi^aud 51.
Wiermann 76.
Wiese 23. 28.
Wigand 45.
Wilhelm, Kwser 77,
Wilhelm 1, 27.
Wilhelm , Prinz von
Prenssen 84.
Wilbelin, PrinzesBinTon
aen 84.
Wilhelm H. 281. 232.
Wilhelm I., KOnig 225.
Wilhelm, KSnig 28.
Wilkena 88.
Wüdermnth, OttOie 89.
Winer 40.
Windthonit 77.
Wisliceuias 24.
Witte 33. 119.
Wittig 111.
Witz 157. 179.
Woerl 82.
Woltjer 7. 289.
Wolfenaberger 209.
Wormaer 234.
Wolters 34.
Württemberg, Henriette
Ton 84.
Wnratemb erger 149.
Wyas, V. 212.
Zahn, A. 7, 64.
Zahn, Franz 84.
254
Namen-YerzeichniBs.
Zahn, Michael 7. 114.
Zahn, Theodor 43. 45.
Zamowec, Gregor von
179.
Zay, Graf 186. 187.
ZeUer 49. 50 202. 207.
Zeller, G. H. 201.
ZeUer, Psychiater 92.
Zeller in Männedorf 208.
213.
Zezschwitz 108.
Ziethe 9. 202.
Zimmermann, Karl 3.
96. 98. 99. 157.
Zimmermann, Jos. Andr.
165.
Zimmermann, Dr. y. 177.
Zillessen 108.
Zittel 56.
Zöckler 3. 45. 55.
Zola 134.
Zöpffel 3.
Zorn 147.
Zschokke 202. 220.
Zsilinszkj 187.
ZOndel 62.
ZwingH 72.
Seite 81 lies statt Tiara: y,BIflehoftmitie<<.
Bei Siebenbürgen hätte anch der Bischof Dr. th. Gteorg Daniel Teutsch erwähnt
werden müssen mit seiner erfolgreichen literarischen Thätigkeit. Nach Schlnss des
Bnches ist die Literatur für Deutschland noch bereichert worden durch die Lebens-
führungen von Dr. Ebrard, das Leben von H. Thiersch durch Wigand, das Leben der
Oräfbi Beden durch Eleonore Fürstin von Beuss.
Seite 40 lies Kurts und Seite 105 lies das staatliche Joch.
Schriften von Joh. Wiohelhans, weiland Professor der Tb. in Halle: üeber die
Taufe, Elberfeld 1852. Versnob e. ansföhrl. Commentars z. Leidensgescb. , Halle 55.
Predigten, Bonn 59. Briefe, Halle 59. Alcademiscbe Vorlesungen über d. 1. Oap. d.
Hebräerbrief., 1. Petri- n. Jacobnsbr., herausg. v. A. Zahn 75; über d. Ev. Matth. y. A. Z.
n. Becker, 85; über d. Ev. Joh. v. A. Z., 85.
Schriften von A. Zahn: Eleophea Zahn, Halle 60; Frauenbriefe, 3. Aufl., Halle 76;
Mittheil. üb. d. Domprediger, Halle 63; die Zöglinge Calvins, Halle 64; D. gute Recht d. ref.
Sek. in Anhalt, Elberfeld 66; Furcht u. Ho£fn. d. ref. E., Elberf. 67; Predigt üb. 5. Mose
32, 3—7, Elberf. 67; Die ref. Abendmahlsfeier, Elberf. 67; Wanderung d. d. h. Schrift,
Halle 69; Kriegspredigten, palle 70; Friedenspredigt, Halle 71; Mitth. üb. die ref. Ge-
meinen im Osten Preussens, Detmold 71; Der Einfluss d. ref. K. auf Preussens Grösse,
Halle 72; De notione peccati, Halle 72; Gedanken e. Evangel. üb. die Eirchengesetze,
Halle 73; D. Erfahrung e. Wiedergeborenen, Halle 75; Das Gesetz Gottes nach Paulus,
Halle 76; Abschiedsworte, Halle 76; D. Ursachen des Niedergangs d. rel E., Barmen 81;
D. Familie Zahn, Stuttgart 81; D. Grossvater Daniel v. d. Heydt, Stuttgart 81; Aus dem
Leben e. ref. Pastors, Barmen, 2. Aufl. 85; Meine Jugendzeit, von Superintendent Zahn,
herausg. v. A. Z., Hagen 82; Sendschreiben an Hm. Prof. Sohm, Barmen 82; E. Eirchen-
raub, Stuttg. 83 ; Calvins ürtheile über Luther, Ludwigsburg 83 ; Zwingiis Verdienste um
d. bibl. Abendmahlslehre, Stuttgart 84; Federzeichnungen aus der Umgebung von Stutt-
gart, 2. Aufl. 85; Eine Erinnerung an Eohlbrügge, von Pf. J., heraiisgeg. v. A. Z.,
Hagen 84; Die ultramontane Presse in Schwaben, Leipzig 86; Feier zum Gedächtniss
der Aufhebung des Ediktes von Nantes; Stuttgart 85; Das evangel. Schwaben, Hell-
bronn 86; Predigten, Barmen 86; Ein Gang durchs Wupperthal, Heilbronn 87.
Druck der J. B. Metzl ersehen Buchdruckerei in Stuttgart.
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